Was ist bloß mit China los?

Remake Über den Künstler Ai Weiwei wird viel geschrieben. Der Pressespiegel sagt noch mehr über das Bild, das die Deutschen von China haben. Eine Collage von Vera Tollmann

„Dieser Bericht ist eine Montage. Er versucht ein Bild über die jüngsten Vorgänge in China vorzuführen, das sich aus der Berichterstattung folgender Zeitungen zusammensetzt.“ Mit diesen nüchternen Sätzen leitete der Sozialwissenschaftler Günter Amendt seine Flugschrift China. Der deutschen Presse Märchenland ein, die 1968 im Voltaire-Verlag erschien. Amendt, der auch für den Freitag schrieb und im Frühjahr dieses Jahres bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, war seinerzeit Maoist; sein radikal verdichteter Pressespiegel sollte zeigen, dass China in Deutschland als potentieller „Feind der bestehenden gesellschaft­lichen Verhältnisse“ dargestellt werde.

Heute wird China nicht mehr über Maos Kulturrevolution erzählt, sondern als ökonomische Großmacht be­schrieben, die als Gegenüber im globalen Wettbewerb für Verunsicherung, wenn nicht Bedrohung sorgt. Die Berliner Kuratorin und Autorin Vera Tollmann hat deshalb ein Remake von Amendts Flugschrift angefertigt: eine Montage von Zeitungstexten, die um Verhaftung und Freilassung des Künstlers Ai Weiwei seit diesem Frühjahr entstanden sind.

Wir drucken hier einen Auszug aus Vera Tollmanns Arbeit, die sich zusammensetzt aus Texten folgender Zeitungen: „BamS”, „FAZ”, „Frankfurter Rundschau”, „Der Spiegel”, „SZ”, „Der Tagesspiegel”, „TAZ”, „Die Welt”, „Die Zeit”. (MD)


Ai Weiwei, ein Vorkämpfer für Bürgerrechte in seinem Lande, hatte solche Repressionen befürchtet. Ai Weiwei hat offensichtlich geahnt, dass ihn seine Berühmtheit in dieser Phase der Repressionen nicht dauerhaft schützen wird. Der Künstler hatte vor kurzem angekündigt, er wolle sich ein Atelier in Berlin anschaffen und in Zukunft von beiden Städten aus arbeiten. In den vergangenen Monaten bereitete er den Kauf eines Studios in Berlin vor, in dem er Teile seiner Kunstprojekte verwirklichen wollte. In der vorigen Woche gab er bekannt, dass er sich in Berlin ein neues Studio errichten und ein „zweites Standbein” schaffen wolle, da er in Peking nicht mehr ungestört arbeiten könne. Neben seinem Atelier in Peking will sich Ai Weiwei in den ehemaligen AEG-Hallen an der Spree ein Ausweichquartier schaffen.

Auf dem traditionsreichen AEG-Gelände im Stadtteil Oberschöneweide, wo zu DDR-Zeiten noch 25.000 Werktätige beschäftigt waren und von dem sich die Industrie nach der Wende zurückgezogen hat, will er eine vierschiffige Fabrikhalle erwerben. Der Preis für das Objekt mit einer Gesamtgröße von 4.800 Quadratmetern soll laut Medienberichten mehrere Millionen Euro betragen. Der Schikanen in China überdrüssig, sagte der 53-Jährige kurz vor seiner Inhaftierung: „Ich möchte in der Lage sein, meine tägliche Arbeit an meiner Kunst und meinen Ausstellungen auch von Berlin aus zu machen.“ Die Unterzeichnung des Vertrags über den Kauf der leer stehenden Halle, die direkt an der Spree liegt, war am Rande des Gallery Weekend erwartet worden. Jetzt liegt das Projekt auf Eis.

Fluchtpunkt Berlin: Hoffentlich eröffnet sich für Ai Weiwei bald wieder diese Option. Allerdings wäre diese Lösung, so begrüßenswert sie auch ist, denkbar bizarr. Denn der Regimekritiker ist in der deutschen Hauptstadt an einen Zeitgenossen geraten, den er vermutlich verachten würde, wenn ihm sein Hintergrund bekannt wäre. Beim Verkauf der Fabrikhalle in Oberschöneweide tritt ausgerechnet der Berliner Rechtsanwalt und Immobilienkaufmann Sven Herrmann auf. Im Gegensatz zu Ai Weiwei, dem scharfen Kritiker der Diktatur, stand Herrmann in Erich Honeckers Diktatur an vorderster Linie. Dabei saß das SED-Mitglied nicht nur in sensibler Position im Zentralrat der Staatsjugend FDJ, sondern diente der Stasi zugleich als Agent. In der Spionageabteilung, in der Herrmann geführt wurde, trug er den Decknamen „Fidel“. Wenn Ai nun bestreitet, dass er aufgrund der politischen Situation in China ein Atelier in Deutschland suche, dann ist auch dieses Dementi symbolpolitisch erklärbar – als Versuch, die junge Künstlergeneration in China nicht vollkommen zu entmutigen.

Das Regime ist nervös

Eines der letzten Projekte, an deren Fertigstellung Ai vor seiner Verhaftung arbeitete, war ein Dokumentarfilm über die Rechte Krimineller in Deutschland. Dafür hatte er mit Richtern, Anwälten und Politikern gesprochen und ein deutsches Gefängnis besucht. „Er wollte den Chinesen zeigen, wie ein Rechtsstaat funktioniert“, sagt ein Mitarbeiter. „Stattdessen zeigt China nun der ganzen Welt, dass es in unserem Land keinen Rechtsstaat gibt.“ „Kreativität ist die Kraft, die Vergangenheit abzulehnen, den Status quo zu verändern und neue Potenziale zu suchen“, hat Ai Weiwei einmal geschrieben. Chinas Führung teilt dieses Kunstverständnis offenbar nicht. […]

Unter Umständen hatte die Polizei auch herausgefunden, dass Ai dabei war, eine Liste aller Menschen zu erstellen, die Opfer der Kampagne gegen die sogenannten „Jasmin-Demonstrationen“ geworden waren, jenen vom Volksaufstand in Tunesien inspirierten Protestaufrufen, die im März mehrere Wochenenden lang das Zentrum chinesischer Großstädte zur Hochsicherheitszone machten. Die Führung ist aufgeschreckt, seitdem Unbekannte im Internet Aufrufe zu „Jasmin-Protesten“ nach arabischem Vorbild in China verbreitet hatten. Diese geht seit Monaten massiv gegen Regimekritiker vor, nachdem im Internet anonyme Aufrufe zur „Jasmin-Revolution“ nach arabischem Vorbild in China verbreitet wurden. Dutzende Aktivisten ließen sie ohne Haftbefehl oder Prozesse einfach verschwinden, als es Aufrufe zu „Jasmin-Protesten“ nach arabischem Vorbild gab. Der Umgang mit Ai zeigt, wie nervös das Regime in einer Zeit ist, in der sich mit den Jasmin-Protesten eine den arabischen Demonstrationen ähnliche Bewegung formiert. Seine Mutter sagte kürzlich, ein Beamter habe ihr gegenüber zugegeben, dass Ais „Beteiligung an einem bestimmten Ereignis“ untersucht werde, wahrscheinlich eine Anspielung auf die Aufrufe zu einer Jasmin-Revolution nach tunesischem Vorbild, die im Februar und März Chinas Polizei in Alarmbereitschaft versetzten.

Die Erhebungen in den arabischen Staaten haben die chinesische Regierung äußerst nervös gemacht. „Ai hatte aber nichts mit den Aufrufen zu einer chinesischen Form der Jasminrevolution zu tun“, sagt die Freundin. „Das war ein Thema, um das er sich nicht gekümmert hat.“ Doch eines will der Kameramann klarmachen: Die Festnahme Ai Weiweis mag sich durch die angespannte Lage erklären. Persönlich habe Ai Weiwei aber nichts mit den Aufrufen zu einer chinesischen Jasmin-Revolution zu tun.

Was ist diese rote Linie?

Seit der Jasmin-Bewegung in Nordafrika und dem Nahen Osten ist die Regierung sehr besorgt, dass jemand in China ebenfalls Unruhen schüren könnte. So verfielen sie auf Ai Weiwei: Er ist berühmt, er hat die Fähigkeit, mit einem einzigen Foto oder Bild sehr viel zu sagen, und er nutzt intensiv das Internet. Aber sie haben sich natürlich geirrt, weil sie in ihm einen politischen Akteur sehen. Sie haben nicht verstanden, dass er ein wahrer Künstler und das Politische ein Teil seiner Kunst ist. […]

Einer der unheimlichsten Aspekte der gegenwärtigen Lage in China ist, wie weitgehend Ai Weiwei seit seiner Festsetzung auch aus den Medien des Landes verschwunden ist. Während die chinesische Presse Ai Weiwei jetzt völlig totschweigt, formuliert sie Überschriften, denen zufolge Ministerpräsident Wen Jiabao die Behörden auffordere, „das Recht zu schützen“. Der Text kritisiert die westlichen Proteste gegen die Verhaftung des Künstlers, sie stellten einen „ruchlosen Affront gegen das politische System Chinas und Unkenntnis gegenüber der Rechtssouveränität“ des Landes dar. Am Mittwoch beschimpfte ein Kommentator in der staatlichen Global Times Ai Weiwei als eigenwilligen Spinner, dem auch seine Beliebtheit im Westen nichts helfen werde. Mitte vergangener Woche teilte die Staatszeitung Global Times mit, dass „Ai Weiwei sich bei zahlreichen Gelegenheiten äußerst nah an die rote Linie herangewagt“ habe. Aber was ist diese rote Linie – und was passiert hinter ihr?

Von allen offiziösen Zeitungen hat sich bisher die Global Times, eine Tochter des obersten Parteiblatts Renmin Ribao, die in voneinander verschiedenen chinesisch- und englischsprachigen Ausgaben erscheint, am ausführlichsten zu dem Fall geäußert. An drei aufeinanderfolgenden Tagen veröffentlichte sie Leitartikel, die sich vor allem ausländische Einmischung in das „chinesische System“ verbaten. Artikel, in denen die „Menschenrechte“ durchweg in Anführungszeichen geschrieben werden, weil sie doch nichts als ein reines Kampfmittel des Westens seien, erscheinen in China schon länger.

China testet den Westen

Am Montag veröffentlichte die China Daily nun ein zweiseitiges Pamphlet, in dem den USA vorgeworfen wird, im Jahr 2010 eine Unzahl an Menschenrechtsverstößen begangen zu haben. Zuvor hatte das US-Außenministerium China in seinem Jahresreport für Menschenrechtsverstöße kritisiert. Staatliche Zeitungen, die eben noch durch Interviews und Celebrity-Geschichten von seiner Auslandsprominenz zu profitieren suchten, markieren ihn als „Einzelgänger“, dessen loses „erratisches“ Leben sich immer schon am Rande der Legalität, jedenfalls der Akzeptanzfähigkeit der normalen Bevölkerung bewegt habe. Peking merkt, dass es sich mit der Inhaftierung Ai Weiweis böse vergriffen hat.

Die Verlegenheit darüber spiegelt sich ausgerechnet im patriotischen Partei-Massenblatt Global Times wieder, das der KP-Propaganda als Sprachrohr dient. Am Vortag hatte es Ai Weiwei noch attackiert. Nun windet es sich: Auch wenn die Justiz Ai Weiweis „Provokationen“ und der Einmischung des Auslands Einhalt gebieten müsse: „Chinas Gesellschaft braucht historisch gesehen Personen wie Ai Weiwei. Mancher Druck, den der Westen in der Frage der Menschenrechte auf China ausübt, ist nicht unbedingt nur eine schlechte Sache.“

Peking reagiert auf die Kritik zunehmend verärgert. Vize-Außenministerin Fu Ying schimpfte vergangene Woche, es sei „ herablassend von den Europäern, nach China zu kommen und zu erklären, dass einige Menschen über dem Gesetz stehen“. Das Verfahren entspreche den chinesischen Gesetzen, sagte Fu.

China testet den Westen: Mal sehen, wann wir Ai Weiwei vergessen haben.

China. Der deutschen Presse Märchenland 2, hrsg. von Vera Tollmann, mit einem Nachwort von Christian Y. Schmidt. 40 S., broschiert, 5 , in den Berliner Buchhandlungen König und Pro qm sowie über veratollmann.net. Günter Amendts Flugschrift ist antiquarisch erhältlich.

Am 15. Oktober öffnet die Ausstellung Ai Weiwei in New York Fotografien 19831993, die bis zum 18. März 2012 im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen sein wird

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14:00 13.10.2011

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