Was soll der Müll

Dokumentation Reisen, reisen, reisen. Dabei filmen. Ein Trend gibt vor, die Welt zu zeigen – und verkitscht sie doch nur
Was soll der Müll
Die Weltreise ist die Zombieapokalypse des kleinen Mannes, sie schweißt ungemein zusammen: Lena, Uli, Elfenbeinküste („Reiß aus“)

Foto: Presse

Blown away – Music, Miles and Magic“ (Untertitel: 4 Jahre. 75.000 Kilometer. 31 Länder. 130 Songs) ist der neueste in einer aktuell nicht abreißenden Reihe von Reisefilmen, die in den vergangenen Jahren hierzulande ins Kino kamen. Diesmal sind es zwei Männer, die mit Boot und Bus und Kamera die Welt erkundet haben. „Es geht um Freiheit, Freundschaft und darum, wie Musik auf magische Weise alles miteinander verbindet.“

Anderswo, Reiß aus, Weit, Pedal the World, Expedition Happiness, Zwei Familien auf Weltreise – die Liste wächst, es ist ein Trend. Und man könnte sich ja freuen: All die Mutigen, die sich aufmachen, die Fremde zu erkunden. Das Abenteuer wagen. In den Ankündigungen der Filme finden sich meist große Worte von der Suche nach sich, es geht allen um leben lernen, frei sein, sich selbst finden.

Hund Rudi geht’s schlecht

„Und das Ende allen Erkundens wird sein, dass wir ankommen, wo wir aufbrachen. Und diesen Ort zum ersten Mal erkennen.“ Das hat T. S. Eliot mal gesagt. Stimmt ja auch alles: Reisen schafft Erkenntnisse und einen anderen Blick auf den eigenen Alltag, der vorher selbstverständlich erschien. Über den eigenen Tellerrand schauen, „outside the box“ denken, das ist heutzutage sogar unabdingbarer Soft Skill. Weshalb es auch so gut passt, anderen bei der Horizonterweiterung zuzusehen.

Dabei, das fällt als Erstes ins Auge bei den Reiseprojekten: Man braucht schon ein gewisses Polster für diese Art von Unternehmungen, auch da, wo getrampt wird. Dabei erscheint das Trampen (Weit) genau wie das Kein-Trinkwasser-kaufen-und-nur-aus-Brunnen-Trinken (Anderswo) eher als spannungssteigernde Challenge denn als Notwendigkeit. Die meisten der Selbstreisefilmer sind völlig unreflektiert frei nach der alten Lebensweisheit zugange: Wer hat, der hat. Erst haben und dann bei den freundlichen Armen einkehren und ihre fröhliche Gastfreundlichkeit feiern und damit das eigene Urvertrauen in die Welt restaurieren, das die Vereinzelung im schnöden Alltag vorher so fleißig zersetzt hat. Man muss einfach nur vertrauen, sagen Patrick und Gwen, Uli und Lena und auch die Segeljungs Ben und Hannes. Das haben sie gelernt auf ihren Reisen.

Viele der zeitgenössischen Reisefilmer sind vom Minimalismus inspiriert. Die Leute auf dem Land auf Bali seien so minimalistisch, das sei schön, sagen Sandy und Benni (Zwei Familien auf Weltreise). Man hat Sehnsucht nach einem Leben mit weniger Ballast und mit mehr Bedeutungsvollem.

Den Traum der Weltreise verwirklichen, das geht mittlerweile auch, wenn man auf der Reise ein Kind bekommt (Weit) oder die vier schon vorhandenen mitnimmt (Zwei Familien auf Weltreise). Muss also nicht der Egotrip sein, kann auch die Familienweltreise sein. Für die Kinder verwirklicht sich da eine Utopie: Sowohl für „travelbaby“ Liam als auch die vier Kinder in Zwei Familien ... ergibt sich durch die langen Reisen ein traumhaftes Betreuungsverhältnis und andauernde Schulung in Sprachen und Offenheit gegenüber neuen Menschen. Da hilft sozusagen die ganze Welt bei der Kinderbetreuung und beim Großwerden. Die Isolation der Kleinfamilie wird wunderbar aufgebrochen, das ist fast feministisch, auch wenn die Frauen in den Filmen leider hauptsächlich als Mütter gezeigt werden. Bei beiden im Film fällt kein Wort über ihren beruflichen Hintergrund, wogegen der der Männer – Freelancer und Banker – Erwähnung findet. Aber mit schönen Kindern vor schöner Natur, den kleinen Mädchen beim Hühnerfangen und bei Schlammspielen, kann nichts falsch gemacht werden, da ist Bullerbü plötzlich in Australien. Um dieses neu aufkommende Genre der Selbstreisefilmer zu mögen, muss man nämlich vor allem eins: Problemlosigkeit und Idylle genießen können.

Aber oft mutet die zelebrierte Unschuld dieser Reisefilme auch zynisch an. Expedition Happiness ist da unverhohlen. Der durchs Radeln bekannt gewordene Influencer Felix Starck (Pedal the World) fährt jetzt mit Freundin Selima Taibi und Hund Rudi durch Kanada und die USA nach Mexiko. Als das größte Problem der Reise erweist sich das dreiwöchige Warten auf das Einreisevisum in die USA in Vancouver, was von beiden als lästiges Hindernis gesehen wird. Problem zwei ist dann die schlechte Behandlung von Hund Rudi an der Grenze und Problem drei seine enorme Hitzeanfälligkeit, als man südlichere Gefilde erreicht. Es kommen kaum Gespräche mit Reisebegegnungen vor, nur einmal, doch, da wird gezeigt, wie Selima mit einer mexikanischen Frau einen Frisurenvergleich vornimmt, denn sie hat einen lockeren und die Frau einen festen Dutt. Woher der Panzer kommt, der eine Nacht lang neben dem schick ausgebauten Schulbus mit weiß gestrichenem Interieur und wahlweise von Selima ansehnlich zubereiteten Lachsgerichten steht, das wissen die beiden nicht, wird aber auch nicht weiterverfolgt. Ist beängstigend, ja schon, aber es muss weitergehen. Als es für Rudi endgültig zu warm und das viele Rumfahren für das Paar zu stressig wird, wird der Bus an die Follower verlost und die beiden fliegen zurück nach Deutschland.

So eine nette Ausstrahlung!

So wie hier scheint es zum Genre zu gehören, dass Zusammenhänge, wie globale Machtstrukturen, ausgeblendet werden, dass Armut hemmungslos dethematisiert und romantisiert wird und als Projektionsfläche der eigenen Weltoffenheit und Weltgewandtheit herhalten muss. Sie haben so eine nette Ausstrahlung, die Leute in Aserbaidschan (Weit). Die nettesten fanden Felix und Selima in Mexiko (Expedition Happiness). Danach weiterfahren.

Die Protagonisten sind oft Influencer oder wollen es durch ihre Filme werden. Reiß aus beginnt mit einem politischen Musiker aus Mauretanien; die anfängliche Hoffnung, dass den Menschen aus den verschiedenen Ländern wirklich Raum gegeben wird und Fragen gestellt werden, wird dann aber durch Bilder von wilden Tieren und einer vermeintlichen Ursprünglichkeit verdrängt, die der Realität eines sich urbanisierenden Westafrika nicht gerecht wird. In Weit kommt ein iranischer Couchsurfer zu Wort, der nach Deutschland möchte. Später wird erwähnt, dass er es immerhin nach Italien geschafft hat. In den Filmen Expedition Happiness und Reiß aus ist eh jeweils der Hund der heimliche Star, zusammen mit dem Gefährt, also dem weißen Schulbus der Glücksexpedition und dem Jeep, den Uli in Reiß aus ständig angenervt reparieren muss. Dass Ayo, der erste Hund von Uli und Lena, der die Beziehung kittet, dann von einem Krokodil gefressen wird, hat eine Tragikomik, die kaum zu überbieten ist.

Um die Welt soll es in den Filmen scheinbar gehen, aber leider geht es meist nur um Reiselogistik, der Weg ist das Ziel, die Natur ist sehr schön, aber überall liegt Müll. Wie können die Leute nur? Es ist lustig, dass vor allem die Deutschen diese Müll-Empörung empfinden, auch wenn die Emissionen der eigenen Reise gänzlich unerwähnt bleiben.

Die Ausbruchsfantasie, das Leben wirklich leben zu wollen, das scheint den Reisenden gemeinsam. Das Leben ist für sie überall, nur nicht am Wohnort und im eigenen Alltag. Es ist immer woanders, sie müssen losfahren, um es zu finden. Wenn doch nur alle dieses Privileg hätten. Wenn doch nur nicht Klimawandel wäre. Die Filme zeigen: Ständig bei sich selbst und bei seinem Kern anzukommen, ist ein Zwang, der nicht viele sinnvolle Erkenntnisse bereitet. Es sei denn solche: Ich hab doch schon mal unseren Jeep aus dem Dreck gezogen oder stundenlang an einer Grenze gewartet und es ging trotzdem weiter, dann kann ich doch wohl in Deutschland einen Job über Mindestlohn finden?

Der blinde Fleck der Filme bleibt die eigene Herkunft, die ökonomischen Bedingungen, unter denen die Protagonisten auf ihre Reisen gehen können (und anschließend auf Kinotour durch Deutschland). Und der große Unterschied zwischen ihnen und den Leuten, die sie auf ihren Reisen treffen: Sie können am Ende wieder nach Hause. Sich doch wieder den Ballast eines Hauses gönnen und sesshaft werden.

Selfietrips

Blown away – Music, Miles and Magic Micha Schulze D 2019

Anderswo – allein in Afrika Anselm Nathanael Pahnke D 2018

Reiß aus – Zwei Menschen. Zwei Jahre. Ein Traum Lena Wendt, Ulrich Stirnat D 2019

Weit. Die Geschichte von einem Weg um die Welt Patrick Allgaier, Gwendolin Weisser D 2017

Pedal the world Felix Starck D 2015

Expedition Happiness Felix Starck D 2017

Zwei Familien auf Weltreise Sandy & Benni, Sechs Paar Schuhe D 2019

Hannah Schlüter ist Soziologin und hat nach dem Abi einen Freiwilligendienst in Togo absolviert, der wohl der Hauptauslöser für ihr Unbehagen an den neuen Reisefilmen ist

06:00 24.05.2019

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