Weil der Charakter zählt

Guten Gewissens Martin Hohmann, der Arbeitskreis Konservativer Christen und die Werte von Neuhof

Ein goldenes Kreuz auf rotem Untergrund, schwarz umrahmt, prangt auf der Homepage des Arbeitskreises Konservativer Christen (AKC), einer Organisation, die der CDU nahe steht, und für die sich seit Jahren Martin Hohmann (55) engagiert, der seit einigen Tagen zu zweifelhafter Berühmtheit gelangte Unionspolitiker. Unter dem Kreuz ist ein Kasten, in dem steht: "Dieser Platz ist für einen Politiker mit Charakter reserviert." Vielleicht will Hohmann dort bald die prominente Stelle ausfüllen. Auf seiner Homepage ist zu lesen: "Weil Charakter zählt." Charakter braucht man in der Tat, um sich mit der AKC gemein zu machen, welchen allerdings, ist eine zweite Frage.

Der Arbeitskreis jedenfalls ist ein Tummelplatz für rechte Verschwörungstheoretiker, Vergangenheitsklitterer und fundamentalistische Christen. Ein Sammelbecken für fragwürdige Anhänger einer Partei, die - wie auch die CSU - rechts neben sich keine Konkurrenz dulden will.

Herbert Gassen (75) leitet den AKC und ist ganz verwundert über die Aufregung, die Hohmanns Rede zum 3. Oktober ausgelöst hat. Der hatte die Juden als "Tätervolk" bezeichnet - Gassen sagt dazu am Telefon gegenüber dem Freitag: "Ja und? Das sind doch Fakten." In seinen eigenen Artikeln beschwert sich Gassen über die Zwangsarbeiterentschädigungen und behauptet, die würden von "amerikanische(n) Mafiagrößen" "wie Schutzgelder" eingefordert. "Was machen die Juden in den USA, wenn der letzte Verfolgte gestorben sein wird? Es wird ihnen schon etwas einfallen, von den Deutschen ein Erbteil einzuklagen", schreibt er auf der AKC-Homepage. In einem gleichfalls dort platzierten Text, für den ein James Blockus zeichnet, werden die Opfer des Holocaust auf 2,5 Millionen herunter gerechnet. "Und er bleibt drauf", sagt der christlich konservative Gassen. Bis zum Redaktionsschluss hat er Wort gehalten.

Schon lange ist innerhalb der CDU bekannt, dass Hohmann am äußersten rechten Rand unterwegs ist und einem Wahlkreis entstammt, der als erzkonservativ gilt. Der verstorbene katholische Bischof Johannes Dyba beeinflusste hier ganze Generationen stramm national gesinnter Politiker - nicht zuletzt Alfred Dregger.

Auch die Bürgermeisterin der 12.000-Seelen-Stadt Neuhof Maria Schultheis bekennt sich zu dieser Tradition. Sie organisierte die Feierlichkeiten zum Tag der Einheit im Bürgerhaus und hörte zu, als Hohmann - von 1984 bis 1998 Bürgermeister des Städtchens - sein Auditorium fragte, ob "die Bundesregierung angesichts der Wirtschaftsentwicklung und des Rückgangs der Steuereinnahmen bereit" sei, "ihre Entschädigungszahlungen nach dem Bundesentschädigungsgesetz (also an - vor allem jüdische - Opfer des Nationalsozialismus) der gesunkenen Leistungsfähigkeit des deutschen Staates anzupassen?" Die 130 Zuhörer, vorzugsweise die Honoratioren der Stadt, applaudierten.

"Herr Hohmann hat nur versucht darzustellen, dass die Deutschen immer nur als Täter gesehen werden", sagt Schultheis gegenüber dem Freitag. Niemand habe sich über die Rede beschwert, und schließlich beziehe sich Hohmann nur auf Andere. "Wir in Neuhof halten unsere Werte aufrecht", beendet sie schließlich das Gespräch.

Ihr Parteifreund und CDU-Gemeindeverbandschef in Neuhof Franz Josef Adam (47) beklatscht die "klaren Positionen", die Hohmann eingenommen hat. Adam arbeitet als Beamter des Bundesgrenzschutzes am Frankfurter Flughafen und vertritt unter anderem "die harte Linie gegen Ausländer", sagt ein Gemeindemitglied, das nicht genannt sein möchte. Der sportliche BGS-Mann könne richtig unangenehm werden.

Seit Jahren schon tummelt sich der Christdemokrat Hohmann im Kreis der AKC und diskutiert mit Gleichgesinnten über deutsche Vergangenheit, christliche Werte und den Kampf gegen Kriminalität, Homo-Ehe und die multikulturelle Gesellschaft. Seine Positionen waren innerhalb der Partei allenthalben bekannt und werden von nicht wenigen geteilt. Als er im November 2000 die Großdemo gegen Rechts "beschissen" nennt und zetert, dass "heute mit den Feinden von gestern zu marschieren uns nicht helfen wird", da klatschen viele Unionsabgeordnete Beifall. Einig in Fragen der Homo-Ehe war Hohmann auch mit dem rechtspolitischen Sprecher von CDU/CSU, Norbert Geis, als dieser auf seiner Homepage Schwule als "pervers" bezeichnete. Der Mann aus Neuhof ging sogar weiter und sagte: "Schwule sind für das größte Problem der Deutschen verantwortlich: für den Bevölkerungsrückgang."

Trotz seiner radikalen Einstellung wählte ihn die CDU/CSU-Fraktion zum Berichterstatter im Innenausschuss für die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter. Bereits damals sei der Rechtsaußen Politikern in der PDS und den Grünen unangenehm aufgefallen, heißt es jetzt. Jedoch in einer Partei, in der schon ein Lummer, Gauweiler, Ruprecht Scholz, Kanther und Dregger etwas werden konnten, fällt ein weiterer Hardliner nicht sonderlich auf. Ein großer Teil des rechten Randes der deutschen Gesellschaft ist nach wie vor tief verwurzelt in den beiden Christenparteien. Hohmann ist auch stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgruppe der Vertriebenen- und Flüchtlingsabgeordneten der CDU/CSU-Fraktion. Nur mit "Zähneknirschen" stimme er einem EU-Beitritt Tschechiens zu, ließ Hohmann in einer Presseerklärung wissen.

Die Parteivorsitzende Angela Merkel entfernte Hohmann nun von seinem Posten im Innenausschuss. Fadenscheinig sei das, sagte der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen Volker Beck bereits vor der Entscheidung. "Dass er nun seine Funktion als Berichterstatter für die NS-Zwangsarbeiter-Entschädigung abgeben muss, genügt nicht. Hohmann ist mit seiner Rhetorik und Haltung als Vertreter im Deutschen Bundestag nicht mehr tragbar. Wenn Frau Merkel es wirklich ernst mit der Distanzierung meint, dann muss die Union Hohmann aus der Fraktion ausschließen." Aber dies kann sich die Unionsführerin nicht leisten. Ein hartes Vorgehen würde einer Kampfansage an zahlreiche rechte Gruppen und nationalkonservative Zirkel innerhalb der Union gleichkommen. Die Stahlhelmfraktion aus Hessen lässt grüßen, die zahlreichen FJS-Gedenkclubs zwischen Hof und Freilassing senden herzliche Glückwünsche.

Hohmann kommt also mit einem blauen Auge davon, und in Neuhof klopfen ihm seine Freunde wieder auf die Schulter. Weil der Charakter zählt.


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00:00 07.11.2003

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