Weinkönigin war er nie

Porträt Cem Özdemir hat bewegte Jahre bei den Grünen hinter sich und es doch immer geschafft, sich durchzubeißen. Jetzt wird er der erste Bundeslandwirtschaftsminister mit türkischen Eltern – und danach vielleicht Ministerpräsident?
Cem Özdemir folgt Julia Klöckner nach, in ein Ressort, in dem es für die Grünen viel zu holen gibt
Cem Özdemir folgt Julia Klöckner nach, in ein Ressort, in dem es für die Grünen viel zu holen gibt

Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Immer wieder hat Cem Özdemir sich in seinem politischen Leben durchbeißen oder neu erfinden müssen. Deshalb könnte es passieren, dass er zügig auf einem Feld reüssiert, das ihm ferner kaum sein könnte. Jedenfalls wird der neue Bundeslandwirtschaftsminister mit dem Stuttgarter Großstadt-Wahlkreis eine steile Lernkurve hinlegen müssen. Aber er ist gestählt, als Gastarbeiterkind, nach selbst verschuldeten Talfahrten und so mancher Demütigung durch seine grüne Partei.

Ein richtiger Tiefpunkt im Verhältnis zwischen dem „anatolischen Schwaben“, wie er sich als Jungspund gern titulierte, und den eigenen Leuten ist ein Landesparteitag im Herbst 2008 in Schwäbisch Gmünd. Eigentlich wollte der damals 42-Jährige zurück in den Bundestag und zugleich, mit Joschka Fischers Segen, an die Parteispitze. Er hatte bewegte Jahre hinter sich: den Abgang in Unehren 2002 nach privat verflogenen Bonusmeilen, einen Kredit des nicht gut beleumundeten PR-Beraters Moritz Hunzinger und einen fünfjährigen Zwischenstopp im Europaparlament. Nach einer seltsam lustlosen Bewerbungsrede verweigerten die Delegierten dem designierten Parteichef einen aussichtsreichen Listenplatz für die Bundestagswahl 2009.

Aber Özdemir bewies Steherqualitäten: Zusammen mit Claudia Roth wurde er vier Wochen später trotzdem Parteivorsitzender. Danach drückte er den Grünen ein Jahrzehnt lang seinen Stempel auf. Als Realo, der mit der Union gut kann. Und mit einer medialen Dauerpräsenz, die ihm spitzenmäßige Bekanntheits- und Beliebtheitswerte bescherte. Schon 2017 – und erst recht im vergangenen Frühjahr, als die Grünen wegen eines vergänglichen Umfragehochs noch von Annalena Baerbocks Einzug ins Kanzleramt träumten – war er als Außenminister ausgeguckt. Wenn es gilt, Leidenschaft und Profilierungsinteresse zu kombinieren, mit markigen Attacken auf Zeitgenossen wie Putin, Assad, Trump und erst recht Erdoğan, ist der studierte Sozialpädagoge schwerlich zu übertreffen. Doch stattdessen wird er jetzt auf die Bauern losgelassen.

Als erster Deutscher mit türkischen Wurzeln wird er in Nachfolge der „Weinkönigin“ Julia Klöckner Bundeslandwirtschaftsminister. Als einer ohne Abitur, weil seine Lehrer (wie seinerzeit nicht nur in der schwäbischen Kleinstadt Bad Urach üblich) von der Herkunft der Eltern auf ein bescheidenes Potenzial des Knaben schlossen. Wurden Noten verteilt, wettete Cem regelmäßig mit seinem portugiesischen Banknachbarn, ob der eine oder der andere am schlechtesten abschneiden würde – weil niemand sonst in der Klasse dafür infrage kam. Mit 18 erhielt er – auf Antrag – die deutsche Staatsbürgerschaft. Da war er schon seit zwei Jahren Mitglied der Grünen und dort mit seiner raschen Auffassungsgabe aufgefallen. Und mit seinem energischen Kampf um Anerkennung als bundesrepublikanischer Mitbürger. Ich bin Inländer lautete 1999 der Titel seines Buches, in dem er vom Leben zwischen zwei Kulturen erzählte. „Dass er trotz all der Intrigen und Hetzjagden gegen ihn sein Herz für Menschen in Not offen halten konnte, grenzt an ein Wunder“, staunte ein Rezensent.

Im Jahr 2019 will Özdemir, der zeitweise auf der Beliebtheitsskala aller deutschen Politiker auf Platz zwei rangiert, Fraktionschef im Bundestag werden und „neuen Schwung in die Oppositionsarbeit“ bringen. Weniger Wohlmeinende inner- und außerhalb der eigenen Partei legen dem ebenso Wortgewandten wie Strebsamen solche Amibitionen als Überheblichkeit aus. Jedenfalls fällt er durch und bleibt Verkehrsausschuss-Vorsitzender: Ein Feld, das ihm ebenfalls nicht auf den Leib geschneidert war. Mal abgesehen davon, dass in seinem Wahlkreis der milliardenschwere Tiefbahnhof Stuttgart 21 Dauerthema war (und ist). Ein Wahlkreis übrigens mitten in der Welthauptstadt der Premium-Klasse-Autobauer Daimler und Porsche, in dem er mit 40 Prozent aller Zweitstimmen bundesweit grüner Stimmenkönig wurde am 26. September – dem Tag der Bundestagswahl. Trotzdem hat es weder für das Außen- noch das Verkehrsressort gereicht.

Immerhin war schon Özdemirs Vater von Beruf Bauer – ehe er sein Glück in Deutschland suchte. Außerdem ist für viele Grüne, die seit einer Woche den Ampel-Koalitionsvertrag sezieren, das Amt des Landwirtschaftsminister besonders wichtig. Dort gibt es viel zu holen: mehr Transparenz in der Fleischproduktion, Neuausrichtung der Investitionsförderung, Verhinderung von Artensterben und Lebensmittelverschwendung. Zudem erfreut sich Özdemir im eigenen Landesverband großer Anerkennung – und der Unterstützung durch Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Der war 2019 dafür, seinen Weggefährten zum Chef der Bundestagsfraktion zu machen, auch wenn Özdemir in einer Kampfkandidatur gegen Anton Hofreiter unterlag. Ist der Aufstieg zum Landwirtschaftsminister eine Art von später Wiedergutmachung? Kretschmann sieht das so. Ohnehin ist nicht ausgeschlossen, dass es noch höher hinausgeht für den zweifachen Vater und seine aus Argentinien stammende Frau Pia Castro.

Die Spitzen der gebeutelten baden-württembergischen CDU hatten im Frühjahr, um ihre Koalition mit den Grünen zu verlängern, das erstaunliche Versprechen abgegeben, sie würden einen Kretschmann-Nachfolger im Landtag mitwählen, falls der vor dem Ende der Legislaturperiode abtreten sollte. Der 73-jährige Amtsinhaber weist das zwar regelmäßig zurück. Zugleich ist unstrittig, dass der neue grüne Spitzenkandidat es aus dem Amt des Regierungschefs heraus deutlich leichter hätte, das Land für seine Partei zu halten. Nach vier Jahren am Kabinettstisch in Berlin könnte Özdemir also der neue Hausherr in der Stuttgarter Villa Reitzenstein werden. Rechtzeitig vor der Landtagswahl 2026.

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