Weißer Schnee am Zuckerhut

KOKAIN In Brasiliens Großstädten sind Drogen längst eine Massenware - und ein gutes Geschäft sowieso

Das Zeug betäubt, macht debil und stupide", schreit Star-Rapper Mano Brown von der Bühne in die Tänzermassen, "passt auf, das System hat kein Interesse an Armen, die intelligent sind". Mit Sekten und Padres der katholischen Kirche, die gleiche Botschaften verbreiten, hat der Schwarze nichts am Hut - seine" Racionais MCs" sind die politisch radikalste und kommerziell erfolgreichste Rappertruppe Brasiliens, aus den gefährlichsten, elendsten Favelas der reichsten lateinamerikanischen Metropole, unweit von VW, Mercedes-Benz und Ford. Mano Browns Karriere ähnelt denen US-amerikanischer Rapperkollegen aus New York, Chikago, Detroit, dennoch kein Vergleich. Sao Paulo ist viel, viel härter. Noch vor wenigen Jahren lief er mit dem Revolver in der Hose herum, sieht bis heute, wie bereits Kinder unter zehn Jahren Crack rauchen, Kokain, Heroin, LSD nehmen, von den Älteren ganz zu schweigen. Und kennt die meist im Drogenrausch begangenen Verbrechen aus der Nähe. Kaum ein Tag ohne Zerstückelte, lebendig Verbrannte, die häufigen Chacinas, Blutbäder, auch an der Slumperipherie Rio de Janeiros. Die Zeitungen, TV-Magazine sind voll davon, selbst nackte, verstümmelte Leichen werden in Großaufnahme gezeigt.

Mano Brown kotzt dies alles an. Die Grünenpolitiker Rios, Sao Paulos, Brasilias wollen nichts anderes, als ihre Mittelschichtsklientel bedienen, und plädieren für die Freigabe von Drogen - die Racionais MCs sind absolut dagegen, sehen in Handel und Konsum das Hauptübel der Favelas, landesweit. "Wir rauchen nicht mehr, trinken nicht, Drogen sind sowieso out - das sollen unsere Fans sehen und nachdenken." Mano attackiert nicht nur Drogen, deren Nutzer und Profiteure, sondern vor allem die Eliten, die sozial unsensible Mittelschicht. "Die Schwarzen", philosophiert er, "müssen endlich erkennen, in welch tiefer Dekadenz sie stecken - und die Dinge ändern".

Leistungsdroge für die Mittelklasse

Die weiße Marta Suplicy, 55, entstammt der Geld- und Politikerelite, ist Brasiliens renommierteste Sexualexpertin, Aktivistin der linken Arbeiterpartei PT, gerade sensationell zur Bürgermeisterin Sao Paulos gewählt worden, einer ihrer Söhne, Supla, Gitarrist und Sänger, ist nationales Hard-Rock-Idol. Ob sie auch in der Drogenfrage etwas bewegen kann? Die temperamentvolle, impulsive Therapeutin hat mehrere Hausangestellte, wohnt nobel in Jardim Europa, Stadtgebiet der Mittel-und Oberschicht, wo man monatlich um die fünf Tonnen Kokain konsumiert; das Gramm kostet nicht mal ein Zehntel dessen, was die Dealer in Berlin, Frankfurt oder Hamburg verlangen. Entsprechend heftig wird gesnifft, allen voran die Topleute aus der Wirtschaft. Deutsche Manager, Banker, aber auch Politiker haben häufiger denn je hier zu tun, kennen die Verhältnisse, nennen den 17-Millionen-Beton-Moloch gerne und völlig zu Recht die "größte deutsche Industriestadt". Zuhause sind schließlich nirgendwo über eintausend Niederlassungen der größten Konzerne und Firmen so konzentriert wie hier.

Fast permanent die rötlich-gelbe Abgasglocke, dazu extrem hohe Kriminalität, jede Stunde mehrere Morde, und das ständige Verkehrschaos, tosender Lärm in den Häuserschluchten, deutsche Großstädte sind dagegen friedhofsstill. Deshalb leiden die Executivos noch viel mehr unter Stress und Erfolgsdruck, greifen weit eher als bislang in Deutschland besonders zur "Leistungsdroge" Kokain. "Als ich mein größtes Millionengeschäft machte", sagt der vierzigjährige Paulistaner, "war ich voll davon. Unter dem Vorwand, telefonieren zu müssen, bin ich mehrfach in ein Nebenkabinett gegangen, zog eine neue Prise, verhandelte dann deutlich besser, beeindruckte, gab nicht nach, bis sie unterschrieben. Kokain war einfach gut für meine Karriere."

Sao Paulos Börse zählt inzwischen zu den wichtigsten der Welt. Als man dort mitten im Handel zwei Bieter beim Hantieren mit Kokain beobachtete, sollten sogar in die Toiletten Kameras. Doch dazu kommt es nicht, jeder weiß warum. Gerade im wunderschönen alten City-Gebäude der Bolsa de Mercadorias Futuros greifen die Schnellentscheider über Millionen und Milliarden besonders häufig zum Pò, Pulver, wie jedermann sagt. "Eines Tages stehe ich im Börsianerhaufen, per Handy beauftragt mich ein Käufer, einen Packen Aktien zu ordern. Peinlich, im nächsten Moment hatte ich's vergessen, musste ihn zurückrufen, die Transaktion ging schief. Damals nahm ich vier Gramm pro Tag, trank dazu einen halben Liter Whisky." Der Chef einer Chemiefirma teilt die Geschäftswelt ein in Langweiler, Caretas, und kühne, mutige, risikobereite Partner, kokaingetrieben wie er. "Schließlich gelang mir nicht mehr, mit Leuten zu kooperieren, die nicht genauso Drogen nahmen wie ich."

Die Psychologin Lidia Aratangy, angestellt in einer der inzwischen Dutzenden von privaten, höllisch teuren Entzugskliniken für Konzernmitarbeiter, kennt das gut: "Es gibt Manager, die Drogen nur nehmen, um im Team der Mächtigsten akzeptiert zu sein. Das erscheint kindisch, ist aber typisch für Phasen innerer Unsicherheit." Die Executivos, so ihr Kollege Sergio Ramos, seien oft nichts weiter als die Hippies der Siebziger. "Die lebten ständig mit Drogen, konsumieren sie deshalb heute mit viel größerer Leichtigkeit." Viele geben zu, für Überdosen beruflich teuer bezahlt zu haben. Den Finanzchef findet ein Mitarbeiter unterm Schreibtisch, voll mit Kokain, später versucht der einen Selbstmord, hat eine Herzattacke.

Narco-Jobs für Straßenkids

In einer Bauholding wird sogar empfohlen, sich vor den wichtigen Sitzungen mit Pò zu dopen. "Weil ich mit der Zeit immer mehr reinzog, war ein ganzes Jahr die Erektion weg", erinnert sich der Einkaufschef, "und meine Frau dann auch. Für mich ein Schock, erst da habe ich aufgehört. Meine jetzige Freundin erträgt, dass ich nur noch trinke." In einer Macho-Gesellschaft irritiert gerade Führungskräfte, immer häufiger im Bett zu versagen. Was wirft man typischen Machos alles vor - sie seien gefühlsunfähig, emotionale Krüppel, vom Größenwahn gepackt, selbstverliebt, sehr aggressiv, egozentrisch. Siehe da, all dies, sagen die Psychologen, sind Langzeitwirkungen von Kokain. Zugereisten in lateinamerikanischen Staaten fällt oft gar nicht auf, dass hinter extremen Macho-Manieren das weiße, billige Pulver steckt, und sei es im entsetzlich rücksichtslosen Verkehr mit seinen jährlich über 30.000 Toten.

Carlos Diegues, weltbekannter brasilianischer Filmemacher, nennt die eigenen Eliten, aber auch Anwälte, Ärzte, Therapeuten, Uni-Professoren "unerträglich scheinheilig" - massenhaft Drogen verbrauchen, dann aber sich über zunehmende Gewalt und Kriminalität erregen. Denn der häufige Kontakt zu den Traficantes des organisierten Verbrechens korrumpiert zwangsläufig. Direkt an die besseren Viertel Sao Paulos oder Rios grenzen Hunderte von Slums mit schwerbewaffneten Wachen am Eingang, de facto rechtsfreie Zonen, in denen rivalisierende Kartelle herrschen, die den Drogenverkauf an die High Society organisieren. Man weiß es inzwischen - die meisten Straßenkinder wurden von den Narco-Gangstern rekrutiert und tragen Rauschgift zu den Bestellern in den Nobeldistrikten. Alleine in Sao Paulo arbeiten derzeit nach Polizeiangaben mehr als 50.000 täglich für den "Narcotràfico" - das sind über zehntausend mehr, als dort die deutschen, nordamerikanischen Auto-Multis beschäftigen. Hinzu kommen motorisierte Handy-Dealer, ständig per PKW oder Motorrad in den besseren Vierteln unterwegs, schwerlich zu fassen.

Schnaps für die Ärmsten

Mindestens 150.000 Paulistanos rauchen täglich Crack, sind abhängig, neunzig Prozent der Craqueiros gehören den unteren Schichten an, meist weiß, alleinlebend, arm, mit weniger als acht Schuljahren. Nur die ganz unten konsumieren mangels Masse offenbar kaum irgendeine Droge, bestenfalls Cachaca, Zuckerrohrschnaps, oft billiger als Milch. Alle paar Wochen veröffentlichen die Qualitätsblätter eine Info-Grafik: "Conheca o mapa do tràfico" (Wisse über die Drogenmafia-Geographie Bescheid). Darunter die Land-oder Stadtkarte mit den Verkaufspunkten, Namen der wichtigsten Dealer, Wochenumsätzen, der Bewaffnung. An Feiertagen, auch Weihnachten, wecken die Banditenmilizen gerne ganz Rio morgens mit Salut-Mpi-Salven auf, als Machtdemonstration.

Brasilien hat nicht einmal doppelt so viele Einwohner wie Deutschland, doch pro Tag werden derzeit rund 300 Menschen ermordet, weit über 100.000 im Jahr, viel mehr als in den kleinen Kriegen von heute, rund um den Erdball. Darunter auch Bürgerrechtler, Rapper, Geistliche, die sich vor allem in den Slums von Sao Paulo und Rio dem neofeudalen Normendiktat widersetzen. In der Stadt am Zuckerhut, mit einem Bruttosozialprodukt über dem von ganz Chile, winkt Helio Luz, Ex-Zivilpolizeichef, Politiker in derselben Linkspartei wie Neu-Bürgermeisterin Marta Suplicy, nur ab: "Schon in den Dreißigern konsumierten die Kongresssenatoren reichlich Kokain, heute sind Drogen überall in der Gesellschaft." Kokain wird schon seit den achtziger Jahren in Amazonien produziert, die Kartelle finanzieren Wahlkämpfe, auch den Karneval, engste Mitarbeiter selbst von Gouverneuren holen den Stoff persönlich bei Slum-Dealern ab, manche werden geschnappt.

Rund vier Tonnen Pó verbraucht Rio im Monat. Doch an die großen Traficantes, in der Elite-Avenida Vieira Souto wagt sich keine Polizei heran. Die Trommler der berühmtesten Sambakapellen sniffen nicht selten vor aller Augen eine Linie Pó und legen dann bei der Parade wirklich los wie verrückt. So wie viele auffällig ekstatische Tänzer rauschender Karnevalsbälle. In Rios ärmlicher Nordzone, den Hügelslums mit den besten Sambaschulen, gefällt es manchem lokalen Gangsterboss, einfach mal eine ganze Handvoll Cocaina über die HipHop-Tänzer der Favela-Diskothek auszuwerfen, als wäre es Konfetti. Schließlich verdient er, obwohl nur mittlere Führungsebene, um die vierzigtausend Dollar monatlich, weit mehr als Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso. Gelegentlich trumpft dieser auf, verspricht energische Maßnahmen, doch die Toleranz gegenüber den Kartellen, ihren Milliardengeschäften bleibt weiter phantastisch hoch. "Das Verbrechen", so Cardosos Sicherheitsminister erst Anfang November, "ist besser organisiert als die Polizei". In Berlin oder Hamburg wird keiner seine Drogen beim Straßendealer mit einem Scheck bezahlen, in Brasilien tut man das. Und nur ganz selten sind ungedeckte darunter.

00:00 24.11.2000

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