Weiter, weiter, weiter!

Medientagebuch Das Zappen als Kunstform der Vermeidung: Was man sieht, ist, was man nicht sieht

Im Grunde zappt man ja an mehr Sendungen vorbei als man sich ansieht. Fernsehen ist nicht nur ein Hinschauen, sondern immer auch ein Weggucken. Mit jedem Programm, für das man sich entscheidet, fällt ein Urteil gegen dreißig, vierzig andere. Die interessieren einen gerade nicht, aus unterschiedlichen Gründen. Zum Glück muss man Fernsehsendungen, um sie langweilig zu finden, nicht komplett durchstehen. Einer gut trainierten Couchpotatoe reichen weniger als zwanzig Sekunden, um ein Urteil zu fällen und mit dem Finger zu zucken.

Die meisten spontanen Muskelregungen auf der Fernbedienung gründen auf tief wurzelnden Abneigungen. Vermutlich lief was in der Kindheit schief. Bei mir sind es Krimis, die mich reflexhaft weiterzappen lassen. Krimis sind eine Pest. Das ganze Fernsehprogramm ist kontaminiert. Ob Tatort (ARD), Der Alte (ZDF), Numb3rs (Sat.1), Criminal Intent (Vox), Post Mortem (RTL), Law Order (RTL2) oder Cold Case (Kabel 1) - es braucht keine zehn Sekunden und ich lasse sie weit hinter mir zurück. Am schlimmsten ist der Donnerstag. Eine einzige Verschwörung! Wohin man auch zappt, rekonstruieren mittelmäßige Fernsehkommissare einen öden Fall.

Trotzdem habe ich es kürzlich noch einmal versucht, und zwar mit CSI Miami (RTL). Das romantische Pathos von David Caruso, die hyperästhetische Bildsprache und Sujets, die sich am Puls der Zeit befinden - das alles finde ich großartig. So muss modernes Fernsehen aussehen. Bloß der schon von weitem heranpolternde Plot will einen, wie bei allen Krimis, für dumm verkaufen. Kann man denn Krimis schauen, ohne sich im Geringsten für die Dramaturgie der Aufklärung zu interessieren?

Manchmal wünsche ich mir eine Fernbedienung, die sich merkt, was ich nicht mag. Auf einen ganzen Sender würde ich nicht verzichten wollen, nicht einmal auf den Mitteldeutschen Rundfunk. Aber wenn mein Fernseher so täte, als gäbe es beispielsweise keine Castingshows und sie einfach überspringt - ich wäre ganz sicher glücklicher. Castingshows sind einfach zum Verzweifeln. Eine schlimmer als die andere. Bei Deutschland sucht den Superstar (RTL) mögen die ersten Runden mit den talentfreien Volldeppen noch angehen. Später, wenn die Hochleistungsshow der Imitatoren auf Touren kommt, heißt es Abstand halten und schnell umschalten. Wogegen Germany´s Next Topmodel - by Heidi Klum (Pro7) das Kunststück fertig bringt, glatte vierzehn Jahre nach der Hoch-Zeit von Supermodells deren tapsige Apologeten auf den Bildschirm zu verbannen. Eine Sendung von und für Siebenschläfer.

Was auch überhaupt nicht mehr geht, ist Big Brother (RTL9), Staffel 67. Die Container-Show war nach dem ersten Zyklus mit Zlatko und Konsorten definitiv ausgereizt. Damals liefen Feuilletonisten zu Hochtouren auf und fanden in der panoptischen Show erstaunliches Deutungsmaterial. Heute wird nirgends ein Wort mehr darüber verloren. Mich würde nicht wundern, wenn Slavoj Z?iz?ek, der in der Sendung die psychoanalytische Grunderkenntnis verwirklicht sah, dass unsere Identität darauf beruht, Objekt im Traum eines anderen zu sein, widerlegt worden ist - weil eben niemand mehr zuschaut.

Programme wie Big Brother, Wer wird Millionär (RTL), Das Perfekte Dinner (Vox) oder TV Total (Pro7) fördern im Übrigen das ungute Gefühl, selbst in einer Art Fernseh-Container zu wohnen, in einer televisionären Zeitkonserve. Jahraus, jahrein das Immerselbe. Jauch grient ermattet vor sich hin und leiert seinen Kandidaten einen Joker nach dem anderen aus dem Ärmel. In Bielefeld brennt das Essen an. Und über den unsäglichen Stefan Raab sei auch an dieser Stelle hinweggezappt. Selbst bei Harald Schmidt drängt sich allmählich der Eindruck auf, dass er seinen eigenen Container - das Selbstplagiat - so schnell nicht mehr verlassen wird.

Diese Liste ist sicherlich etwas idiosynkratisch. Gewissenhafterweise müsste man noch auf den tragischen Niedergang der öffentlich-rechtlichen Talkshow zu sprechen kommen, bei der zu verweilen faktisch nicht mehr möglich ist. Fernsehen ist immer auch ein Selbstversuch, und Sendungen, an denen man sekundenschnell vorbeizappt, verraten ebenso viel über das eigene Befinden wie solche, die man sich anschaut. Im Grunde hat letzteres jedoch gar nichts mit Zappen zu tun. Fernseh-Zapper wollen kein Programm finden und bis zu Ende gucken. Vielmehr sind sie Flaneure auf dem Boulevard der Fernsehprogramme und wenden sich in ihrer Zerstreutheit nur dem zu, was ihre Aufmerksamkeit für einige Minuten zu erregen vermag. Dann ziehen sie weiter.

Beklagenswerterweise gehören sie einem aussterbenden Typus an. So wie der urbane Flaneur aus dem städtischen Zentrum verschwand, als dieses im Zuge der Mobilisierung von gewaltigen Traversen durchschnitten wurde, wird der Zapper zum Opfer der Digitalisierung. Vierzig Programme zu durchqueren lässt er sich noch gefallen, bei vierhundert muss er kapitulieren. Er wüsste dann nicht mehr, ob er sich noch im Zentrum befindet oder längst am Stadtrand, und wie er an seinen Ausgangspunkt zurückfinden soll.

Das digitale Fernsehen hat sich hier etwas einfallen lassen und stattet den Zapper mit einem elektronischen Programmführer (EPG) aus, der ihn durch die unendliche Welt des Zauberspiegels führt. Vom Prinzip ist dies vergleichbar mit einer Stadtrundfahrt im Doppeldeckerbus: Man bekommt einen groben Überblick, ohne jedoch das Gefühl loszuwerden, am Wesentlichen vorbeigeschleust worden zu sein. Andererseits weisen solche Programmführer personalisierbare Ordnungsfunktionen auf. So ein EPG merkt sich beispielsweise, welche Programme man mag und macht dann entsprechende Ähnlichkeitsvorschläge. Oder er listet die aktuell laufenden Programme nach Genres auf. Auf diese Weise wären Krimis leicht zu eliminieren. Klar, man muss wissen, was man sucht. Doch dazu hatte man ja genügend Zeit, beim Vorbeizappen.


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00:00 16.03.2007

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