Wenn alle weggehen, ändert sich nichts

Elf Tage zwischen Chaos und Enthusiasmus Impressionen vom 23. internationalen Festival des lateinamerikanischen Films in Havanna

Ein kubanisches Kino, das mit quantitativ starker Präsenz und mit neuen Gesichtern junger Regisseure überraschte, starke Filme aus Mexiko, Argentinien und Chile, 25 Prozent Zuwachs bei den Zuschauerzahlen gegenüber den Vorjahren - das waren einige der Kennzeichen eines Festivals mit gleichermaßen großem Charme und unglaublichem Chaos.

"Wir bleiben hier, wir bleiben hier!" Der für Kuba eher ungewohnte Schlachtruf schallte aus weit über tausend Kehlen durch das überfüllte Kino Yara an der Touristenmeile Rampa im vergleichsweise gutbürgerlichen Vedado-Viertel der kubanischen Metropole. Vorausgegangen war den trotzig-entschlossenen Sprechchören die von der Bühne herab geschriene Aufforderung eines Kinoangestellten, das Publikum müsse den Saal wieder verlassen - der Stromausfall werde länger dauern. Das Vorspiel zu Szenen solch zivilen Ungehorsams war ein schweißtreibendes zweistündiges Eingeklemmtsein in einer rund zweitausendköpfigen Warteschlange vor dem Kino gewesen - auch für Vertreter der internationalen Presse gab es keine Ausnahme; Pressevorführungen sind beim Festival von Havanna sowieso unbekannt.

Als schließlich die in viel zu geringer Zahl anwesenden Polizisten irgendwann den schüchternen Versuch zu etwas wie einem geordneten Einlass ins Kino starteten, wurden sie von der im Nu zum Knäuel angewachsenen Menschenmenge schlicht zur Seite gedrückt. Dadurch ging am einen Ende des Getümmels eine Vitrine zu Bruch, während am anderen wüste Szenen zwischen schreienden Besuchern und hilflos knüppelnden Ordnungshütern entbrannten. Derweil hatte der mittlere Teil der Masse ungehinderten Zutritt zum Saal, was bei der Mehrzahl der Kinoangestellten wilde Fluchtbewegungen auslöste. Nicht so beim Operateur, der tapfer auf seinem Posten ausharrte und mit einem raschen Beginn der Projektion des Films die Gemüter zu beruhigen versuchte - ein Ansinnen, das durch den Stromausfall kurz darauf wieder zunichte gemacht wurde. Siehe oben.

Einen Vorgeschmack auf so viel Ungemach hatte man bereits vier Tage zuvor im Karl-Marx-Theater anlässlich der Gala zum Festivalauftakt erleben dürfen, als beim Eröffnungsfilm La fiebre del loco (Das Fieber des Verrückten) des Chilenen Andrés Wood nach drei Minuten Projektion der Ton unwiderrufbar ausfiel und die 3.000 geladenen Gäste vorzeitig nach Hause geschickt wurden - mit dem treuherzigen Versprechen, der Film werde in den kommenden Tagen noch mehrmals gezeigt werden.

Zurück zum Geschehen im Kino Yara. Hier geschah das Wunder, die Leute blieben tatsächlich auf ihren Sitzen, irgendwann hatte sich die Polizei draußen wieder bis zu den Eingängen vorkämpfen und den ungehinderten Zustrom von immer mehr Leuten in den überfüllten Kinosaal unterbinden können.

Und plötzlich gingen die Lichter im - zuvor nur durch Notbeleuchtung spärlich erhellten - Saal erst an und dann wieder aus, ein Aufschrei und tosender Applaus begleiteten den nun vom Erfolg gekrönten Versuch, den Film doch noch zu zeigen. Y tu Mamá también (Und deine Mama auch) heißt das Werk, das solche Szenen verursachte; beim Schreibenden stellte diese Visionierung den dritten Anlauf dar, den Film des Mexikaners Carlos Cuarón in Havanna doch noch zu sehen. Y tu Mamá también ist ein nur auf den ersten Blick banales Roadmovie, gespickt mit deftigen Sexszenen und einer Unmenge obszöner Dialoge in vulgärstem Gassenslang. Bei genauerem Hinsehen und -hören entfaltet die Geschichte von den beiden jungen Männern, die mit einer zehn Jahre älteren, verheirateten Frau für ein verlängertes Wochenende an einen einsamen Strand fahren, jedoch noch ganz andere Qualitäten: Y tu Mamá también handelt von den existenziellen Dingen des Lebens wie Liebe, Freundschaft, Sexualität und der Allgegenwart des Todes. Formal erinnert das Werk an frühe Filme der französischen Nouvelle Vague wie etwa Jean-Luc Godards Masculin/Féminin oder François Truffauts Jules et Jim. Darüber hinaus stellt Y tu Mamá también den gelungenen Versuch dar, Themen wie Machismo, politische Repression oder die sich verschärfenden sozialen Gegensätze im größten spanischsprachigen Land auf den Punkt zu bringen, ohne dabei je moralisierend oder bemüht politisch korrekt zu sein.

Der Siegeszug eines neuen mexikanischen Kinos setzte sich dieses Jahr in Havanna auch mit weiteren Filmen fort. Letztes Jahr hatte er mit Amores Perros begonnen - Gael Garcia Bernal, der in jenem Meisterwerk den verträumten Octavio der ersten Episode verkörpert hatte, spielt in Y tu Mamá también einen der beiden Jungen - neben Alfonso Cuaróns Werk gab es etwa den verstörend intensiven Perfume de Violetas (Nadie te oye) (Veilchenparfüm - Niemand hört dich) von Maryse Sistach. Der Film, der mit dem zweiten Preis des Festivals ausgezeichnet wurde, handelt von der Freundschaft zwischen zwei jungen Internatsschülerinnen, die an der Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit ihrer Umwelt zu Grunde geht.

Der große Preis des Festivals ging schließlich an ein Erstlingswerk aus Argentinien, La ciénaga (Der Sumpf) von Lucrecia Martel. La ciénaga lässt sich - ironisch - als "Feel-Bad-Movie" charakterisieren: Die Geschichte zweier Familien, die während ihrer Sommerferien in der argentinischen Provinz in einem Meer von Intrigen und Lügen unterzugehen drohen, verursacht von Beginn an ein derartiges Unbehagen, dass man als Zuschauer ständig zwischen Abneigung und purer Faszination schwankt. Natürlich kann man den Film als Allegorie auf die schwere Krise Argentiniens lesen und sich gleichzeitig darüber wundern, dass gerade jetzt das junge argentinische Filmschaffen eine ungeahnte Blüte erlebt. Der neueste Film eines der großen "Alten" des argentinischen Kinos, Eliseo Subiela, wirkte in diesem Kontext wie ein Echo einer vergangenen Zeit, auch wenn das Werk sich insgesamt als origineller erwies als sein Titel befürchten ließ: El lado oscuro del corazón 2 (Die dunkle Seite des Herzens).

Erstmals gab es in diesem Jahr zusätzlich eine separate Jury für Erstlingswerke, während die Hauptjury alle Werke zu beurteilen hatte. Und es war schließlich Kuba, das in diesem Bereich für Überraschung sorgte. Mit insgesamt fünf neuen Spielfilmen im Wettbewerb verfügte das Filmschaffen der Insel über ein quantitatives Gewicht wie schon seit Jahren nicht mehr. Dabei blieben die Filme zweier Regisseure der älteren Generation, Orlando Rojas und Humberto Solás, Las noches de Constantinopla und Miel para Ochún jedoch merkwürdig blass. Und auch der zweite lange Spielfilm des jungen Enrique Alvarez, Miradas (Blicke), ein subtiles Drama um Emigration und Heimkehr, zelebrierte nur gerade gepflegtes Mittelmaß. Bezeichnenderweise waren es zwei jüngere Regisseure, die ihre Filme nahezu unabhängig vom kubanischen Filminstitut realisiert hatten, die sehr überzeugten und bei Publikum wie Kritik für Begeisterungstürme sorgten. Video de familia heißt eine halblange No-Budget-Produktion (1.500 Dollar Produktionskosten) des jungen Humberto Padron, in welchem ihm, zwischen sanfter Ironie und ätzendem Spott schwankend, mittels eines fingierten Home-Made-Videos eine ungemein präzise Beschreibung der Situation der meisten kubanischen Familien gelingt: Ohne die regelmäßigen Geldüberweisungen Angehöriger im Ausland wäre das Leben in Kuba schlicht unerträglich.

"Wenn alle weggehen, wird sich hier nie etwas ändern." Dieser kühne Satz würde auch zu Padrons Film passen, er fällt jedoch, so ausgesprochen, in einem Film mit dem schlichten Titel Nada (Nichts). Juan Carlos Cremata heißt der Regisseur, mit 40 Jahren gehört er zwar nicht mehr zu den Jungen, und trotzdem ist es sein Debüt im abendfüllenden Spielfilmbereich, und er reüssierte damit im Wettbewerb der Erstlingsfilme. Fast zehn Jahre lang hat Cremata, der 1990 mit dem bizarren Kurzfilm Oscuros rinocerontes enjauladas (Muy a la moda) (Dunkle eingesperrte Nashörner - Sehr modisch) für Aufsehen gesorgt hatte, außerhalb Kubas gelebt, ehe er sich an die Realisierung seines Traumes machte: seinen ersten langen Spielfilm in Kuba zu drehen, mit einigen der bekanntesten Schauspielerinnen des Landes (u.a. Thais Valdés und Daisy Granados), als erklärte Hommage an das kubanische Kino der sechziger Jahre und an Slapstick-Komödien der Stummfilmära. Ohne Übertreibung darf behauptet werden, dass der Film Nada, der sowohl formal wie inhaltlich für das kubanische Kino neue Wege beschreitet, zum Wichtigsten gehört, was die Cinématografie der Insel im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts hervorgebracht hat.

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00:00 21.12.2001

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