Wenn es wütet in mir

USA Die tödlichen Milzbrand-Briefe vom Herbst 2001 kamen aus einem Forschungslabor der Army. Verschickt hat sie ein Angestellter

Am 18. September 2001 werden im Postamt der Stadt Trenton (Staat New Jersey) ominöse Briefe eingeworfen, adressiert an zwei Zeitungen und drei Fernsehsender. In Florida stirbt kurz darauf der 63-jährige Robert Stevens, Bildredakteur im Verlagshaus American Media, an Lungenmilzbrand. Weitere Briefe folgen, diesmal gerichtet an die demokratischen Senatoren Tom Daschle und Patrick Leahy, Opfer der Krankheitserreger jedoch sind andere: Zunächst Postmitarbeiter, von denen die Briefe sortiert werden, schließlich Empfänger anderer Sendungen, die offenkundig mit Anthrax-Bakterien* aus kontaminierter Post verseucht wurden.

Die Panik lässt sich zu diesem Zeitpunkt kaum noch aufhalten. Zeitungen und Fernsehstationen berichten unablässig von mit einem mysteriösen Pulver gefüllten Briefen. Kongressbüros werden geräumt, Mitarbeiter vorsorglich geimpft, Postämter in Washington und New York, Florida und New Jersey geschlossen - Millionen von Postkunden wollen ihre Briefe nicht mehr mit bloßen Händen anfassen. Das Antibiotikum Cipro, in den USA vom Pharmakonzern Bayer angeboten, wird überall zur heiß begehrten Ware - in New York City ist am 1. Oktober 2001 keine einzige Gasmaske mehr zu haben.

Am Ende sterben fünf Menschen, nachdem sie Anthrax-Sporen beim Öffnen von Briefen eingeatmet haben, 17 erkranken an Lungenmilzbrand, Tausende werden behandelt. Senator Patrick Leahy lässt wissen, an den Bakterien in der ihm zugedachten Post hätten 100.000 Menschen sterben können.

Die Bush-Regierung kann sich angesichts der Ereignisse in ihrem "Krieg gegen den Terror" bestätigt fühlen und mutmaßt, Saddam Hussein könne Anstifter der Biopiraterie sein. Bald wird in aller Eile der Patriot Act erlassen, der bürgerliche Grundrechte empfindlich einschränkt und das Aufspüren islamischer Extremisten erleichtern soll, doch bleibt die Administration jeden Beweis dafür schuldig, dass die Attentäter aus dieser Richtung kommen.

Eigenheim im schönen Maryland

Zudem führen die Recherchen des FBI bald in eine völlig andere Richtung, in das Armee-Forschungslabor Fort Detrick vor den Toren von Washington nämlich. Zunächst verdächtigen die Ermittler den Wissenschaftler Steve Hatfill, der jede Schuld leugnet und die Behörden verklagt. "Ich habe mit diesen Anthrax-Briefen nichts zu tun, und es ist falsch, wenn das jemand behauptet oder unterstellt", sagt der 49-Jährige. Er habe niemals mit Milzbrand-Erregern gearbeitet, sein Forschungsgebiet sei die Virologie.

Unterstützung erhält das FBI indes von einem anderen Mitarbeiter in Fort Detrick. Der Biochemiker Bruce E. Ivins hilft dabei, die Anthrax-Erreger zu entschlüsseln und nachzuweisen, dass sie aus eben diesem Labor der Army stammen müssen, was den Kreis potenzieller Täter stark eingeschränkt. Die verschickten Anthraxsporen konnten nach den Worten von FBI-Chefermittler Van Harp kaum "in einer Garage oder Badewanne hergestellt" werden. Der Täter müsse irgendwann "berechtigten Zugang zu ausgewählten biologischen Wirkstoffen" besessen haben - wegen des labortechnischen Standards komme nur eine Hightech-Installation der Army in Frage.

Bruce E. Ivins gilt als einer der bedeutendsten Experten für Biowaffen, führt nach außen hin ein vorbildliches Familienleben, besitzt ein Eigenheim in Frederick im schönen Staat Maryland, ist ein pünktlicher Steuerzahler und unauffälliger Mitbürger. Man schätzt den umgänglichen und unterhaltsamen Nachbarn, der in seiner Evangelistenkirche die Orgel spielt und Zeit fürs Rote Kreuz hat.

Nachdem das FBI sieben Jahre unter dem Codenamen Amerithrax ermittelt hat, heißt es 6. August 2008 plötzlich in einer Erklärung, man habe leider den falschen Mann gejagt. Und das bei den umfangreichsten Recherchen aller Zeiten, gab es doch 9.100 Verhöre, die FBI-Kontrolle von über 26.000 E-Mails und 75 Hausdurchsuchungen, dazu Nachforschungen auf sechs Kontinenten.

Man hätte in der Nähe bleiben können, denn im Sommer 2008 wird völlig überraschend der inzwischen 62-jährige Bruce E. Ivins als der gesuchte Serienmörder präsentiert. Der Täter litt laut Selbstdiagnose an einer "paranoiden Persönlichkeitsstörung", als er verseuchte Briefe losschickte. Ivins schrieb seinerzeit in einer E-Mail: "... mir fällt es schon schwer, mein Verhalten im Griff zu behalten. Wenn es wieder wütet in mir, versuche ich, mir weder zu Hause noch im Dienst etwas anmerken zu lassen, damit ich die Pest nicht weiter verbreite."

Hass auf die moderne Welt

Ivins trieb augenscheinlich brennender Hass auf die moderne Welt zum Handeln. Ein militanter Feind der Abtreibung, der fürchtete, sein Einsatz für eine Schutzimpfung gegen den Milzbranderreger könnte sich als sinnlos erweisen, weil der Staat seinen finanziellen Part verweigert, also sah er sein Lebenswerk in Gefahr. Als ihn das FBI bereits eingekreist hat, er mit einer Mordanklage und der Todesstrafe rechnen muss, bedroht er sogar Kollegen und seine Psychotherapeutin. Als man ihm schließlich dicht auf den Fersen ist, schluckt er am 29. Juli 2008 eine Überdosis Schlafmittel. Neben seinen Aufzeichnungen findet sich ein Exemplar von Albert Camus´ Roman Die Pest.

Es liegt kein Geständnis vor, doch werten die Ermittler den Selbstmord als Eingeständnis. Der gute Staatsbürger Bruce Ivins war nach Ansicht des US-Justizministeriums allein verantwortlich für die Serie von Milzbrandanschlägen (der irrtümlich beschuldigte Hatfill erhält 5,8 Millionen Dollar Entschädigung). Zwar gilt der Fall seither als aufgeklärt, nur bleiben beängstigende Fragen: Wie war es möglich, dass in einem der gefährlichsten militärischen Forschungslabore der Welt jahrelang ein Psychopath tätig sein konnte, der offenbar versuchte, sich zu therapieren, indem er anderen Leben und Gesundheit raubte?

Die Analyse der Milzbrandbriefe brachte noch etwas anderes ans Licht: Die US-Regierung hatte heimlich eine neue Form von trockenem Milzbrandpulver herstellen lassen, das sich als biologische Angriffswaffe eignet. Hoch konzentriert, leicht zu verteilen und schon in kleinen Mengen tödlich. Angeblich diente die Forschung allein der Landesverteidigung. Experten halten das für unglaubwürdig, die Biowaffenexpertin Barbara Hatch Rosenberg schätzt ein: "Warum man trockenes, waffentaugliches Milzbrandpulver herstellt, ist ganz klar. Man will prüfen und testen, wie es sich im Krieg einsetzen lässt. Man will wissen, wie es sich über große Gebiete verteilt, und wie tödlich es dann noch ist. Ich glaube nicht, dass diese Tests mit waffentauglichem Milzbrand, irgendeinen Sinn für die Verteidigung haben." Und der Biowaffenexperte Jan van Aken meint: "Wenn ein Terrorist sehr viele Menschen treffen will, braucht er sehr, sehr umfangreiches Wissen. Das kann er nur aus staatlichen Programmen haben."

(*) Der Milzbrandbazillus (Anthrax) wird neben den Pocken und der Lungenpest als Waffe des Bio-Terrorismus angesehen. Die Bazillen sind hochgefährlich, leicht zu beschaffen und wirken - vor allem wenn sie eingeatmet werden - zumeist tödlich. Der Erreger wurde zu Kriegszwecken schon im Mittelalter eingesetzt. Man praktizierte dies, indem man verseuchte Tierkadaver über die Burgmauern warf oder damit Brunnen verseuchte.

00:00 11.12.2008

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