Wer folgt dem Sonnenkönig?

Flughafenprojekt Cochstedt Parteiübergreifend schweigen die Politiker Sachsen-Anhalts zum größten Subventionsskandal des Landes

Der Countdown läuft: Im August will Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Horst Rehberger entscheiden, ob in Cochstedt ein großes Projekt umgesetzt wird oder nicht. In dem kleinen Ort am Harz ist aus einem der größten Vorhaben zum Bau eines Frachtflughafens in Mitteldeutschland längst eine der größten Pleiten des Landes Sachsen-Anhalt geworden. Soll nun, weil nichts mehr geht, Gras darüber wachsen oder findet die Landesregierung doch noch einen Investor?

Die Sache ist heikel: Fast 45 Millionen Euro Steuergelder hat Sachsen-Anhalt in den zurückliegenden sechs Jahren in den Ausbau des ehemaligen russischen Militärflughafens "investiert". Doch Fracht wird in Cochstedt bis heute nicht verladen. Auch die großen Gewerbeansiedlungen und die versprochenen Arbeitsplätze gibt es nicht. Zwar entstand ein neuer Tower, mit allen technischen Raffinessen, auch die neugebaute Abfertigungshalle bietet besten Flughafenkomfort, und auf der verlängerten Landebahn könnte jeder Jumbo der Welt landen. Dennoch wird Cochstedt nicht genutzt. Nur einige Unternehmer mit ihren Cessnas flogen den Flughafen bisher an, und die Lufthansa übte mit jungen Piloten Starts und Landungen. Finanziell rechnete sich das freilich nicht.

Als sich für die mehrheitlich kommunale Betreibergesellschaft HBG vor über einem Jahr die Insolvenz abzeichnete, zog Sachsen-Anhalts Landesregierung vorsorglich die Notbremse. Cochstedt wurde stillgelegt. Die Bruchlandung schreckt das Magdeburger Wirtschaftsministerium jedoch nicht ab. Sie hält an dem Prestigeobjekt fest. "Wir sind mit fünf Investoren im Gespräch, die Cochstedt vielleicht doch noch zum Fliegen bringen", sagt Horst Rehberger. So richtig hoffnungsfroh klingt der Wirtschaftsminister aber nicht. Der FDP-Mann wird ahnen, dass die großen Flugplatzträume vorbei sind und Cochstedt die eigene Karriere in Gefahr bringt.

Ein Fall für die Leichenabteilung

"Große Gedanken brauchen nicht nur Flügel, sondern auch ein Fahrgestell zum Landen." Mit diesem Zitat des amerikanischen Astronauten Neil Armstrong vollzog Sachsen-Anhalts ehemaliger Ministerpräsident Reinhard Höppner (SPD) im November 1997 den ersten Spatenstich für das ehrgeizige Projekt. Strahlender Hoffnungsträger des Flughafens war damals Jörg Bartholomäus, ein sympathisch und geschäftstüchtig wirkender Bayer. Der 53 Jahre alte Diplomingenieur entwickelte auf Geheiß der damals noch SPD-geführten Magdeburger Landesregierung das Flughafenprojekt. Dass der Mann mit dem Bau des Flughafens völlig überfordert sein würde, ahnte wohl noch niemand. Es hörte sich einfach zu schön an, was Bartholomäus vorhatte. Flugfrachtgesellschaften wollte er nach Cochstedt holen. Drei amerikanische Firmen seien bereit, so Bartholomäus zu jener Zeit, 800 Millionen Mark in die Flugzeugabfertigung zu stecken. 700 Arbeitsplätze sollten entstehen, und binnen kurzer Zeit lagen mehr als 4.000 Bewerbungen vor. Mehrere Hundert Arbeitslose reisten nach Schweden und Großbritannien, um sich auf ihren Einsatz in Cochstedt vorzubereiten. Kosten für den Steuerzahler: etwa drei Millionen Mark. Im Nachhinein erwiesen sich alle Investorenvorhaben als Luftnummern.

Als die Geschäfte nicht so liefen, wie sie sollten, geriet Flughafenentwickler Bartholomäus in Bedrängnis. Um eine Bruchlandung seines Projektes zu verhindern, nahm der quirlige Geschäftsmann Kontakt zu einer Filiale der Deutschen Bank in Halberstadt auf. Dort bekleidete ein guter Freund den Posten des Geschäftsführers. Dem faxte Bartholomäus einen von einem Schweizer Notar beglaubigten Vorvertrag für den Verkauf eines Grundstückes. Dem Bankchef reichte das Papier als Sicherheit. Er genehmigte seinem Freund einen zwei Millionen-Euro-Kredit. Doch damit blieb Jörg Bartholomäus nicht lange liquide. Als die Raten für den Kredit nicht gezahlt wurden, schaltete sich die Zentrale der Deutschen Bank in Berlin ein. Die "Leichenabteilung", wie Banker jene Stelle nennen, in der heikle Kreditgeschäfte bearbeitet werden, fand heraus, dass Bartholomäus kräftig gemauschelt hatte. Der Vorvertrag, die Grundlage für den Kredit, erwies sich als Fälschung. Davon bekam die Magdeburger Staatsanwaltschaft Wind. Gemeinsam mit der Steuerfandung durchsuchte sie Flughafenbüros und Privatwohnungen von Bartholomäus in Augsburg und Gersthofen. Die Ermittler fanden ausreichend Beweismaterial, um den Unternehmer sofort in Untersuchungshaft zu nehmen. Knapp ein Jahr ist das jetzt her.

Aus dem beliebten Geschäftsmann ist in der Zwischenzeit ein gebrochener Mann geworden. Sein Gesicht ist aschfahl, als er in Handschellen in den Gerichtssaal geführt wird. Die vierte Magdeburger Wirtschaftsstrafkammer verhängt gegen den Flughafenentwickler im März eine Haftstrafe von drei Jahren und sechs Monaten wegen "schweren Betruges in Tateinheit mit Urkundenfälschung". Die Richter sehen es als erwiesen an, dass sich Jörg Bartholomäus den Zwei-Millionen-Euro-Kredit von der Deutschen Bank erschlichen hat. Der Geschäftsmann selbst bestreitet den Vorwurf und stellt sich als Bauernopfer dar, das für die Pleite des Flughafens Cochstedt büßen soll. Die Richter glauben ihm zunächst kein Wort. Hellhörig werden sie jedoch, als der Angeklagte freimütig darüber plaudert, mit welchen Tricks Sachsen-Anhalts Landespolitiker das Flughafenprojekt vorangetrieben haben sollen.

Nach der Wende, so erzählt Jörg Bartholomäus, sei er von Wirtschaftsexperten nach Cochstedt gelotst worden, um ein Nutzungskonzept für den maroden Militärflughafen zu erarbeiten. "Als ich den Flughafen mitten in der Pampa sah, den einst die Russen liebten, weil er wegen seiner Nähe zum Brocken für westliche Radarschirme kaum zu orten war, habe ich dankend abgelehnt." Doch Sachsen-Anhalts Politiker sollen nicht locker gelassen haben. "Die wollten mich unbedingt haben, weil ich mir schon einmal bei der Vermarktung eines Airport-Gewerbeparks Lorbeeren verdient hatte." Als schließlich der damalige SPD-Wirtschaftsminister und einstige Treuhandmanager Klaus Schucht dem Umworbenen zusagte, den Flughafen Cochstedt mit 90 Prozent Fördermitteln zu finanzieren, habe er, Bartholomäus, nicht mehr nein sagen können.

Was er dann erzählt, bringt Sachsen-Anhalts Wirtschaftsministerium mächtig in Bedrängnis. Cochstedt, sagt Bartholomäus, sei eigentlich ein Verkehrsflughafen, auf dem Flugzeuge 24 Stunden am Tag starten und landen dürfen - eine Seltenheit in der Bundesrepublik. Doch für einen Verkehrsflughafen hätte Sachsen-Anhalt nie EU-Fördermittel bekommen. Also habe man in Brüssel für einen Gewerbepark mit Landebahn geworben. Und siehe da: die Fördergelder flossen. Der Vorsitzende Richter wirft ein, dass das ja alles plausibel klinge, aber nicht erkläre, warum er, Bartholomäus, die Deutsche Bank hinters Licht geführt habe.

Kontakte auf der Luxusyacht

Ob er den Chef der Deutschen Bank in Halberstadt denn kenne, will der Richter wissen. Wahrheitsgemäß bejaht Bartholomäus die Frage. Und dann hört das Gericht, dass der Banker auf Vermittlung von Bartholomäus einige schöne Tage auf einer Luxusyacht verbringen durfte. Die Luxusyacht, wirft der Staatsanwalt ein, sei nach Lage der Dinge mit Fördermitteln aus dem Flughafenprojekt finanziert worden. Ausschweifende Partys, so erzählt man sich auf den Fluren des Gerichts, habe es gegeben. Angeblich existieren sogar Fotos. Sie sollen Politiker und Wirtschaftsbosse aus Sachsen-Anhalt zeigen, umringt von anmutigen Frauen.

Ein böses Gerücht? Oder steckt doch mehr dahinter? Dass es Fotos gibt, bestätigt indirekt einer der Richter. Er spricht Bartholomäus während des Prozesses darauf an. Über die Bildmotive sagt er zwar nichts, aber er will vom Angeklagten wissen, welchen Zwecken die Yacht diente. "Rein geschäftlichen", sagt Bartholomäus. Mindestens acht Mal waren auch Landespolitiker auf hoher See. Einmal habe der damalige Wirtschaftsminister Schucht das Schiff genutzt, um sich mit einer arabischen Investorengruppe zu treffen. Ob da Martinis hin- und hergeschüttelt oder Geschäfte gemacht wurden - Bartholomäus weiß es nicht. Er weiß nur, dass er einst der Sonnenkönig von Cochstedt war, in dessen Glanz sich viele Landespolitiker sonnten. Seit jedoch sein Glanz verblasst ist, will niemand mehr in Sachsen-Anhalt mit dem Namen Bartholomäus in Verbindung gebracht werden. Von allen Freunden verlassen, sitzt der Geschäftsmann nun seine Strafe ab.

Sein Flughafenprojekt hat den Steuerzahler 45 Millionen Euro gekostet. Doch ist Jörg Bartholomäus dafür allein verantwortlich? "In Cochstedt haben alle Kontrollgremien geschlampt und geschlafen, einschließlich der Fördermittelgeber", sagt Helga Elschner vom deutschen Steuerzahlerbund. "Das ist der größte Subventionsskandal in der Geschichte Sachsen-Anhalts." Elschner fordert seit Monaten eine lückenlose Aufarbeitung der Vorgänge. Doch die Politiker schweigen parteiübergreifend. Nicht einmal der Landesrechnungshof hat sich bisher des Falls angenommen.

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00:00 18.07.2003

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