Wer kennt Willi Remmel?

Spanienkämpfer und Aktivist Von einem der auszog, um für seine Klasse zu kämpfen, verfolgt und ausgezeichnet wurde und schließlich an der DDR starb

Über seine Zeit in Spanien hat Onkel Willi nicht viel erzählt. Jedenfalls nicht von allein und vor allem nicht über sich. Wirklich schade. Irgendwie passt das nicht, denn eigentlich war Onkel Willi der Temperamentvollste der Familie. Offen, direkt und gesellig, ein Charmeur. Eine rheinische Frohnatur. Ein lustiger Vogel, der auch mal einen nippelte, Geige spielte und für sein Leben gern tanzte. In seiner Heimat Köln-Mülheim soll er bekannt gewesen sein wie ein bunter Hund. Damals, vor dem Krieg, in den zwanziger und dreißiger Jahren beteiligte sich Onkel Willi im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) an Aktionen gegen den rheinischen Separatismus, arbeitete als Vertrauensmann in einer Baugewerkschaft, bis er 1929 rausflog, weil er einen Streik gegen den Berliner "Blutmai" organisierte, ab 1930 war er in seiner KPD-Ortsgruppe Agit-Prop-Mann. Ein Prolet von Herkunft und im Handeln, fest überzeugt, dass die Welt besser werden muss für die, die mit ihrer Arbeit - wenn sie eine haben - andere reich machen und selbst arm bleiben. Kreislauf der Gesellschaft, den auch Willi Remmel unterbrechen wollte. Er tut, was er für richtig hält. Klebt Plakate gegen die Nazis, verbreitet verbotene Literatur, hilft Verfolgten. 1935 gerät er in eine Gestapoaktion: Verdacht auf Hochverrat und U-Haft in Köln-Klingelpütz. Er wird misshandelt, muss ins Gefängnislazarett und wird nach acht Monaten mit polizeilichen Auflagen entlassen. In der Silvesternacht 1936 flieht er nach Amsterdam und geht nach Spanien. Zwanzig Jahre später schreibt er in "Notizen zu meinem Leben": "Ich nahm an den Kämpfen bis zum tragischen Ende teil."

66 Jahre ist es her, dass Freiwillige aus 54 Ländern aufbrachen, um in den Internationalen Brigaden die spanische Republik gegen Franco zu verteidigen. Die Mehrheit des spanischen Volkes hatte sich im Februar 1935 in demokratischen Wahlen für die Volksfront entschieden - gegen das Machtkartell aus Monarchie, Klerus, Militär. Ein Jahr später schlägt die Clique zurück mit einem Militärputsch, angeführt von Franco, der das Land für Jahrzehnte in eine faschistische Diktatur zwingen wird. "Über ganz Spanien wolkenloser Himmel", mit diesem Codewort beginnt am 17. Juni 1936 der Putsch gegen die Republik. Der Kampf wird fast drei Jahre dauern und unter den schlecht bewaffneten Republikanern viele Opfer fordern.

Willi Remmel ist einer von über 40.000 voluntarios de la libertad - freiwillige Kämpfer für die Freiheit. Von Jahr zu Jahr werden sie weniger - die Zeit frisst ihre Zeugen. Lebensläufe werden Archivgut. Namen verblassen. Schnell und nahezu spurlos fallen Mensch und Ereignisse in den bodenlosen Graben des Vergessens. Bis einer kommt und nachfragt. Oder viele etwas tun. Wie der Verein Kämpfer und Freunde der spanischen Republik 1936-1938, der im September zu seinem zweiten internationalen Treffen nach Berlin eingeladen hat.

Der große Konferenzsaal ist zu einem Drittel gefüllt. Gäste aus Israel, Spanien, Dänemark, den Niederlanden und den USA haben den Weg nicht gescheut. Zu Beginn ein Moment des Gedenkens. Viele werden nie mehr kommen.

Aus Pinnow und Neuzelle sind Hans und Herbert Remmel, die Neffen von Onkel Willi, angereist. Auf ihrem Platz liegt ein dicker Ordner. Sie gehen reihum, sprechen mit vielen Gästen, verteilen ein Blatt Papier mit der Frage, die sie allen Teilnehmern stellen: Wer kannte Willi Remmel? Darunter eine Liste mit Ortsnamen und genauen Datumsangaben: Marseille, Einschiffung nach Spanien - 27.5.1937; Ausbildung in Madrigueras - 3.6.1937; Sturm auf Quijorna und Einnahme - 8.7.1937; das erste Mal verwundet am 17.7. und ins Hospital in Madrid eingeliefert am 18.7.1937. Wieder genesen, kämpft er an den Fronten von Teruel und Quinto Belchite, ist Anfang März 1938 dabei, als sich die Überlebenden der Brigadisten bei Corbera sammeln, nimmt am 25.7. an der Ebro-Offensive teil, wird am 1. August ein zweites Mal verwundet. Aufenthalt in verschiedenen Hospitälern, bis er wieder einigermaßen hergestellt ist. In Barcelona erlebt er, wie im September ´38 die Internationalen Brigaden demobilisiert werden. Mit Trauer und Jubel verabschieden die Einwohner die Interbrigadisten. Pathos und Tragik dieses Tages bleiben den meisten unvergessen. Dolores Ibarrurie - La Passionaria, die Vorsitzende der KP Spaniens, sagt zu ihnen: Ihr könnt stolz hingehen, Ihr seid in der Geschichte, Ihr seid das heroische Beispiel für die Solidarität und die Universalität.

Amerikaner, Schweden, Neuseeländer, Russen, Franzosen, Italiener kehren in ihre Länder zurück. Genau das möchte Willi Remmel nicht. Sein Einreiseantrag für Neuseeland wird abgelehnt. Auch Frankreich gibt den Interbrigadisten kein Asyl - Mexiko bietet es an. Aber die Schiffe der spanischen Republik liegen in französischen Häfen und die Regierung erteilt nicht nur keine Durchreiseerlaubnis, sondern beschlagnahmt die Schiffe und liefert sie an Franco aus. Willi Remmel überquert am 4. Februar 1939 die Grenze nach Frankreich. Keine guten Aussichten: Den deutschen und österreichischen Kameraden drohen Internierungslager oder Auslieferung an Deutschland. Drei Jahre Kampf, Mut und Angst liegen hinter ihnen - genug für ein ganzes Leben.

Wer kennt Willi Remmel? Seine Neffen suchen auf dem Berliner Treffen Spuren des Lebens von Onkel Willi. Vielleicht war einer der Teilnehmer mit ihm in der Ausbildung, im Kampf, im Lazarett, im Lager? Das Foto zeigt einen jungen Mann in Uniformjacke mit Schulterriemen, dem Käppi mit Kokarde. Ein bisschen lächelt er. So ein Foto ist schon sonderbar. Helmut Huber wird nachdenklich. Er kennt Willi Remmel nicht. Aber das Bild weckt Erinnerungen - an Kameraden, die gefallen sind. Sie waren alle so jung damals und so ernsthaft und leidenschaftlich.

Vielleicht denkt Helmut Huber daran, dass er 1933 als stadtbekannter "Roter" seine Heimat Friedrichshafen verlassen muss, um seine Widerstandsgruppe nicht zu gefährden. Er emigriert nach Frankreich, schlägt sich durch im fremden Land, findet Freunde, hilft Genossen aus Deutschland nach Spanien zu kommen und überquert 1937 selbst heimlich die Pyrenäen. Er ist an der Front von Teruel, kämpft in der 11. Brigade des Thälmann-Bataillons, nimmt - ebenso wie Willi Remmel - an der Ebro-Offensive teil, entgeht nur knapp dem Tod, im Gefecht verliert er seinen spanischen Kameraden Rubio. Wie alle Freiwilligen wird er im September 1938 von der Front abgezogen - auf Wunsch der spanischen Regierung. Für Helmut Huber ist der Kampf hier vorbei. "In Corbera haben wir den Krieg beendet, zusammen mit dem Österreicher Hans Landauer die letzten Toten begraben."

Diese Stadt Corbera wird Helmut Huber im Sommer 2003 besuchen, zum 65. Jahrestag der Schlacht am Ebro. Er sieht das Foto von Willi Remmel lange an. Dann bittet er Moe Fishman, den Veteranen des Lincoln-Bataillons, einen Blick darauf zu werfen. "Kennst du ihn?" "Nein", sagt Fishman. "Ich kenne ihn nicht. Es tut mir leid." Huber versteht die Suche der Remmel-Neffen gut. Hat selber schon so gefragt und auf eine gute Antwort gehofft. "Ich habe mich an diese Fragen gewöhnt": Wer war der, wo kam er her, was wollte er vom Leben? Wissen als Anker der Erinnerung. Antworten, die Vergewisserung sein können. "Wer kennt Willi Remmel?" ist auch die Frage nach der Rolle des Einzelnen in der Geschichte und nach ihrem Sinn für Gegenwart und Zukunft.

Im Jahr 1996, nach dem 60. Jahrestag, war es nur noch eine Handvoll Spanienkämpfer, die sich fragten, wie es weitergehen soll - jetzt in Deutschland. Es gab den Vorschlag, junge Leute zu gewinnen, die interessiert sind, Ideen haben, Engagement - die wissen wollen. So entstand der Verein der Spanienkämpfer und Freunde. "Ich glaube, so ist es gut." Helmut Huber ist erst einmal zufrieden. Die Balance zwischen Tradition und neuen Wegen funktioniert, auch dank der engen Kontakte nach Spanien. Ana Perez Lopez, Vorsitzende der spanischen Vereinigung der Freunde der Internationalen Brigaden, und Jose Luis Gamero, Bürgermeister von Corbera, informieren auf dem Berliner Treffen über ihr großes Projekt, die eigene buchstäblich verschüttete Geschichte sichtbar und erlebbar zu machen. In der 1938 von Francos Truppen völlig zerstörten Gemeinde Corbera de Ebro entsteht das Haus der Völker der Welt - ein Ort der Geschichte des Bürgerkrieges, ein Museum über die Schlacht am Ebro. Dazu ein Jugendcamp, ein weiteres Geschichtsvorhaben ist in Arbeit: Vier Ebro-Kommunen kooperieren mit einem französischen Projekt über damalige Partisanenwege. Terra de fraternidad - Land der Brüderlichkeit - nennen die Initiatoren das Gemeinschaftswerk.

"Die Spanier wissen, was sie sich und ihrer Geschichte schuldig sind." Helmut Huber wünscht sich das natürlich auch für sein Land, aber "gehen Sie mal los und fragen besonders in Westdeutschland nach Spanien! Wenn überhaupt was zur Geschichte kommt, dann über die Legion Condor. Das ist in den Köpfen und das kann man nicht wegwischen. Aber man kann seine Geschichte erzählen."

Oder die von Willi Remmel, der seine nie erzählt hat. Er habe sich gefürchtet, als Held zu gelten, sagen seine Neffen. Für ihn war seine Entscheidung selbstverständlich: Da waren die Faschisten - und hier Onkel Willi. Vielleicht lag es auch daran, dass er nie darüber hinweg kam, so viele seiner Kameraden verloren zu haben. Allein aus Köln sind 28 Genossen gefallen. Oder die Scham darüber, dass manche russische Spanienkämpfer einen anderen Tod gestorben sind. Nicht an der spanischen Front. In ihrer Heimat. Erschossen als "Spione" und "Feinde".

Einmal hat Onkel Willi seine Erlebnisse und Gedanken auf Tonband gesprochen. Und alles wieder gelöscht. Nichts gesagt und nichts erklärt. In einem Schuhkarton fanden seine Neffen später die "Notizen aus meinem Leben", überaus genau datierte Stationen seines Lebens. Elend, Krankheit, Schikanen in Stichworten. Frankreichs Internierungslager und Deutschlands Konzentrationslager als Kalendereintrag. Erlebtes ausschließlich als Faktum.

Im Schuhkarton lagen Einlieferungsscheine ins Gefängnis Köln-Klingelpütz, ins KZ Sachsenhausen bei Berlin, Bestätigung der U-Haft bei der Gestapo, eine weitere, dass "der ehemalige K.Zettler, Herr Willi Remmel, geb. 26.10.1906 in Köln a. Rhein" sich nach seiner Flucht vom Todesmarsch nach Mauthausen in der Gemeinde St. Anton aufgehalten habe. Ebenso sorgfältig aufbewahrt zwei Drucke, Holz- oder Linolschnitte, eines österreichischen Kameraden im französischen Lager Gurs. Auf ein Blatt schrieb Willi Remmel dazu eine Mitteilung: "Dieses Andenken ging auf allen Wegen mit, auch die Gestapo erwischte es nicht. Willi Remmel". Es muss ihm sehr wichtig gewesen sein. Auf einem der Bilder stehen zwei Internierte am Stacheldrahtzaun. Einer sieht sehnsüchtig über das Lager hinweg. Der andere sagt etwas zu ihm. Vielleicht, dass sie es schaffen werden, dass ihr Kampf nicht umsonst ist, dass ihre Träume Wirklichkeit werden, vielleicht.

In den "Notizen" kein Wort davon. Willi Remmel schreibt lakonisch: "Von 1941 bis zu meiner Flucht am 6.4.1945 war ich im KZ Sachsenhausen, Buchenwald und Mauthausen." Bei seiner Flucht in die Berge unterstützen ihn französische Kriegsgefangene. Nach dem 8. Mai findet er Unterkunft bei dem Bauern Franz Hofegger. Onkel Willi wiegt noch 86 Pfund. Er will nach Hause - und kommt im April 1946 in Köln an, kandidiert für die KPD zur Stadtverordnetenwahl, tritt aber zurück, weil er zu seiner Frau nach Leipzig zieht. "Seit Ende August befinde ich mich in unserer DDR" steht in den später geschriebenen "Notizen".

Der Kölner Arbeiter Willi Remmel ist 40 Jahre alt, herzkrank und am Ziel seiner Klasse: Im ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat. Träume, Wünsche, Hoffnungen von der besseren Welt für seinesgleichen - mit ganzer Kraft glaubt Onkel Willi an die Verkündung. Er will es. Und er will es vor allem nicht verlieren. Auch dafür hat er alles durchgestanden. "Einzelheiten möchte ich hier nicht bringen" schreibt er und meint seine Versuche, beruflich Fuß zu fassen. Er wird wie eine Figur herumgeschoben, wo er gebraucht werden wollte. Der Spanienkämpfer mit dem Köllschen Dialekt und Kontakten in den Westen, hat große Mühe eine bescheidene Arbeit zu finden. Er muss Erklärungen zu seinem Lebenslauf schreiben. Es sieht nicht gut aus für jene, die nicht aus Moskau gekommen sind. Es ist die Zeit der stalinistischen Schauprozesse in Osteuropa. Westemigranten und Spanienkämpfer stehen unter Verdacht. Der sowjetische Geheimbefehl Nr. 02 zur "Überprüfung der deutschen Kader" ist zugleich auch die direkte Anweisung der Partei zum Misstrauen gegen die eigenen Genossen. Maßnahmen reichen vom Abschieben auf bedeutungslose Positionen über Partei- und Ämterausschluss bis hin zu Gefängnis und Zuchthaus. Onkel Willi hat "Glück": Keine Karriere, keine Privilegien. Aber immer mehr kritische Fragen, immer stärker bittere Zweifel: Dafür? - Ein ausgeträumter Traum ist schlimmer als ein nie geträumter. Willi Remmel aber lässt es nicht sein. Er sagt seine ungebetene Meinung auf Parteiversammlungen, wo sich kaum noch etwas ändert, er schluckt das Kontaktverbot zu einem Kameraden vom Lincoln-Bataillon, mit dem er in der Schlacht am Ebro tagelang im Schützengraben lag, kommt, trotz Heimweh, irgendwie damit zurecht, dass nach dem Mauerbau 1961 seine Heimat Köln ebenso unerreichbar für ihn ist wie Spanien - und würde sich doch für die DDR totschießen lassen. Er lebt mit diesem Widerspruch. Aber was soll er noch erzählen?

Irgendwann in den sechziger Jahren wird Onkel Willi ausgezeichnet - er bekommt für seine Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg die "Hans-Beimler-Medaille". Nach den Kränkungen nun auch eine Ehrung. 1970 stirbt er mit 64 Jahren. Seine Frau sagt: An der DDR.

00:00 18.10.2002
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