Wider den großen Satan

Sanfter Ruf nach Reformen Die UNO legt den "Arab Human Development Report" 2002 vor

Bahrein, das kleine Königreich am Persischen Golf, gehört neben Qatar zu den progressiveren Staaten der arabischen Halbinsel. Am 22. Oktober 2002 waren die knapp 600.000 Untertanen des Scheichs Hamad Bin Isa Al Chalifa aufgefordert, erstmals seit 30 Jahren wieder ein Parlament (Madschlis) zu wählen. Der Thronfolger hatte nicht zuletzt eine Herrschaftsclique für seine Idee gewinnen müssen, für die jedes Antasten aristokratischer Strukturen einem Sakrileg gleichkommt. Für besondere Unruhe unter den religiösen Autoritäten des Landes hatte der Entschluss des Scheichs gesorgt, auch Frauen abstimmen zu lassen.

Ginge es nach der UNO, würden solche Vorgänge das Blut konservativer Kleriker häufiger in Wallung bringen, denn nach dem Arab Human Development Report 2002 muss das Recht auf Selbstbestimmung in den meisten arabischen Ländern weiter als Ausnahme betrachtet werden. Die strikte Kontrolle über eine staatlich alimentierte Bevölkerung ist für die autokratische Elite bequemer als der Aufbau privatwirtschaftlicher Strukturen und die Genese einer bürgerlichen Mittelschicht. Die könnte ja dank finanzieller Unabhängigkeit vom politisch korrekten Glauben abfallen. Doch der Preis für das Demokratiedefizit ist hoch - in der Vergangenheit ließ er sich nur entrichten, weil genügend Öldollars in die Staatskassen flossen.

"Während de jure freiheitliche Grundwerte und die Teilhabe am politischen und wirtschaftlichen Leben in Verfassungen und Kommuniqués proklamiert werden, fehlt vielerorts deren konsequente Umsetzung", kritisiert der UN-Report. Aber nicht nur dadurch beraubt man sich in vielen Ländern am Golf dringend benötigter menschlicher Ressourcen. Auch die Stellung der Frauen lässt vermuten, dass es den Herrschenden nicht darum geht, die geistigen Kapazitäten ihrer Bürger zum Wohle des Staates einzusetzen. Wie allein die niedrige Anzahl weiblicher Parlamentarier belegt, leiden Frauen in arabischen Staaten besonders unter der Ignoranz einer patriarchalischen Gesellschaft. Nach wie vor ist ein höherer Bildungsabschluss für das weibliche Geschlecht nur sehr begrenzt möglich, über die Hälfte der arabischen Frauen kann weder lesen noch schreiben.

Mit dem Schulsystem haben auch junge Männer zu kämpfen. "Trotz erheblicher Anstrengungen von Nicht-Regierungsorganisationen wird das Fach Englisch beispielsweise in Saudi-Arabien nur als Wahlfach unterrichtet", merken die UN-Experten an. Nicht zuletzt konservative Religionslehrer wollten einen zu starken Einfluss aus dem anglo-amerikanischen Raum um jeden Preis verhindern. Überdies wurden die Bildungssysteme sämtlicher Golfstaaten vom Geldregen der achtziger Jahre nur mäßig bedacht. "Statt Schulen zu bauen, wurde russischer Kaviar eingeflogen", heißt es lapidar im Report. Ergebnis: Über 65 Millionen junge Araber sind weder des Lesens noch des Schreibens mächtig, zehn Millionen Kinder besuchen keine Schule.

In diesen Zahlen steckt Sprengstoff. "Eine der großen Herausforderungen arabischer Staaten im 21. Jahrhundert besteht darin, der quantitativen Unterversorgung mit lernfähigen und -willigen Bürgern zu begegnen", mahnt der Report. Will sagen: Die Masse der Golfstaaten ist langfristig nicht nur auf den Aufbau nachhaltiger Wirtschaftsstrukturen angewiesen, sondern auch auf Menschen, die sich darin zurechtfinden. Dazu ist Englisch als Weltsprache mit Sicherheit ebenso erforderlich wie der geübte Umgang mit dem Internet. Ein Instrument, das nicht der "Infiltration des großen Satans" dient, wie fundamentalistische Heilsprediger immer wieder Glauben machen wollen, sondern mit dem auch international Handel betrieben wird. Laut Bericht nutzt derzeit nur wenig mehr als ein Prozent der arabischen Bevölkerung überhaupt einen Computer.

Doch bei allen wohlgemeinten Weckrufen, es sollte der Weltgemeinschaft in Gestalt der Vereinten Nationen nicht darum gehen, dass westliche Normen bedingungslos adaptiert und pauschale Feststellungen wie "Die Globalisierung bringt Reichtum und Wohlstand" kritiklos abgenickt werden. Wünschenswerte Entwicklungen müssen, sollen sie wirklich den Menschen zum Vorteil gereichen, stets im Einklang mit tradierten Wertvorstellungen implementiert werden. Auch der Westen muss lernen. Er muss lernen, dass Schnelllebigkeit und grenzenloses Wachstum nicht die allein selig machenden Motoren einer prosperierenden Gesellschaft sind. Er muss (wieder) lernen, dass die stark ausgeprägten sozialen Strukturen, wie sie sich der arabische Kulturkreis bewahrt hat, notwendig sind für den inneren Zusammenhalt eines Staates. Dort, wo eine kinderreiche Familie für verständnisloses Kopfschütteln sorgt und täglich ältere Menschen in würdelosem Zustand auf den Fluren mancher Altenheime vor sich hin dämmern, ist die Legitimität eines erhobenen Zeigefingers höchst fragwürdig.

Nicht besserwisserisch also, sondern mit Respekt vor dem bereits Erreichten, wollen auch die Vereinten Nationen ihren Lagebericht Arabische Welt verstanden wissen. Schließlich heißt es darin: "Menschen müssen die Chance erhalten, sich frei zu entfalten, nur so ist Entwicklung möglich".

Dem ist zuzustimmen. Die Auswüchse des Konflikts in Palästina verdeutlichen uns jeden Tag aufs Neue: Wenn es Menschen nicht erlaubt ist, geregelter Arbeit nachzugehen, wenn Schulen und Universitäten eingeäschert werden, wenn Korruption dringend benötigte Aufbaugelder verschlingt, können weder eine Nation noch ein positives Nationalgefühl entstehen. Stattdessen entstehen Hass und Missgunst gegen jene, die Kriege für ein legitimes Mittel von Machtentfaltung halten.

00:00 27.12.2002

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