Wie der Blauflossenthunfisch

Medien Unabhängiger Qualitätsjournalismus ist vom Aussterben bedroht. Ein Leistungsschutzrecht wird daran nichts ändern

Die Presseverleger könnten gewarnt sein. Mit einem Blick auf steinkohleportal.de. Dort verbreitet die Bergbauindustrie noch immer Angst vor der Energieversorgungslücke ohne Steinkohle. Steinkohle, ja, da war mal was. Aber dass diese Form der Energiegewinnung Zukunft hat, glaubt außer ein paar Lobbyisten wohl niemand mehr.

Die Verlage stehen derzeit da, wo die Steinkohleindustrie Mitte der neunziger Jahre war: Die Situation ist ernst, die Zukunft fraglich, doch die Verlage stampfen mit dem Fuß auf und bestehen darauf, dass ohne Presse die Demokratie dem Niedergang geweiht sei. Subventionen – so weit geht man nicht. Ein eigenes Gesetz darf es aber schon sein, ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage. Bis jetzt weiß zwar niemand, wie das genau aussehen soll, doch im Prinzip geht es darum, gewerbliche Nutzer von Medieninhalten zu Abgaben an eine Verwertungsgesellschaft zu zwingen und den Verlagen so neue Einnahmequellen zu erschließen.

Aber ein Leistungsschutzrecht für Verlage geht das Problem so wirksam an wie Homöopathie eine Blinddarmentzündung. Denn die derzeitige Medienkrise ist im Kern eine Legitimationskrise des Journalismus. Es ist Verlagen und Journalisten in den vergangenen Jahren nicht gelungen, deutlich zu machen, was Journalismus leistet, was die Netzöffentlichkeit nicht kann und warum das einen Wert hat. Ein Leistungsschutzrecht würde dieses Problem nicht lösen, sondern höchstens ein paar Jahre überdecken.

„Journalismus ist und bleibt unersetzlich“ schreibt Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der Stern-Chefredaktion in der Serie „Warum noch Journalismus“ auf sueddeutsche.de. Nicht, dass man als Journalistin so etwas nicht gerne hören würde. Aber die Lage ist leider nicht so klar. „Steht doch eh alles im Netz“, ist außerhalb der Verlagsflure keine seltene Antwort. Gemeint sind damit nicht nur die Internet-Angebote der Verlage, sondern mindestens ebenso das Drumherum: Blogs und Netzwerke und kollektive Erzeugnisse wie Wikipedia. Für viele Nutzer, gerade die Jüngeren, verschwimmen im Netz journalistische und sonstige Informationen, was genau Journalismus ausmacht, bleibt unklar.

Brauchen wir Journalismus?

Warum noch Journalismus ist deshalb die falsche Frage. Auch, wenn es wehtut, die richtige muss lauten: Braucht es überhaupt noch Journalismus? Und wenn ja: welchen? Um diese Fragen zu beantworten, muss man mit ein paar Missverständnissen aufräumen.

Erstens: Es gibt einen Unterschied zwischen Verlagen und Journalismus. Verlage gab es lange bevor es professionelle Journalisten gab und lange, bevor an Demokratie im modernen Sinn hierzulande überhaupt jemand dachte. Das Dreieck zwischen Verlagen, Journalismus und demokratischer Gesellschaft entwickelte sich erst im 18. und 19. Jahrhundert. Damals schrieben Verleger ihren Blättern eine politische Aufgabe zu, setzten sie im politischen Meinungskampf ein oder wollten mit ihnen zumindest aufklären – es ging den Verlegern also um mehr, als ums Geldverdienen. Steht der Gewinn im Vordergrund, schwächelt die Haltung und das Zweckbündnis zwischen Verlagen, Demokratie und Journalismus löst sich auf.

Zweitens: Auch die Verbindung von Journalismus und Demokratie ist keine zwangsläufige. Wichtiger als Journalismus ist für die Demokratie eine unbeschränkte und kritische Öffentlichkeit. Die aber ist im Netz aktiver denn je, und durch Aufmerksamkeitskanonen wie Twitter und soziale Netzwerke prächtig mobilisierbar. Das Netz macht die Kommunikation sogar demokratischer, denn nun braucht man keine Sprachrohre mehr, wie früher, als noch nicht jeder veröffentlichen konnte. Dass die Öffentlichkeit im Netz stärker fragmentiert ist, ist eine Parallele zur gesellschaften Entwicklung. Und dass „Journalismus“ schon lange nicht mehr „professioneller Journalismus“ bedeutet, dazu haben viele Tageszeitungsverlage selbst beigetragen: Sie lassen seit Jahren Hobbyautoren wie Rentnerinnen und Lehrer ihre Lokalseiten füllen. Der ständig behauptete Qualitätsunterschied zum Netz – schwer zu belegen.

Nervenstärke, Verlässlichkeit

Viele Funktionen des Journalismus erfüllt das Internet bereits jetzt ziemlich gut, selbst wenn man alle Verlagsangebote wegdenkt: Unterhaltung gibt es mehr als genug, Service, Meinungen und Expertenratschläge ebenfalls, alles personalisierbar, je nach Interessenprofil. Auch das Alleinstellungsmerkmal als Kontrollinstanz hat der Journalismus verloren: Immer mehr Skandale werden von Bloggern und Organisationen wie Wikileaks oder Lobbycontrol aufgedeckt. Und zuletzt: Auch die Bildung einer öffentlichen Meinung klappt per Selbstorganisation der Bürger über das Netz inzwischen zumindest bei einigen Themen ebenso gut, wie die Petition gegen die Netzsperren 2009 zeigte.

Es sieht nicht gut aus, für die Verlage, und leider auch für die professionellen Journalisten nicht, die von ihrer Arbeit doch leben möchten. Doch Jammern und nach einem Leistungsschutzrecht schreien ist kein Ausweg – es geht darum, den lauthals erhobenen Ansprüchen erst einmal wieder selbst gerecht zu werden.

Es gäbe da was: Zwei Funktionen von Journalismus kommen im Netz zu kurz. Internetpublizistik ist vom Prinzip her lustgetrieben: Wer Spaß hat, über ein Thema zu schreiben, tut das, wenn er keine Lust mehr hat, hört er auf. Und wenn gerade andere Dinge wichtiger sind, sind andere Dinge eben wichtiger. Was dem professionellen Journalismus deshalb ein Alleinstellungsmerkmal verschaffen könnte, sind Recherchen, die lästig sind, die lange dauern, die Geld kosten und Nerven – also mehr als nur erste Gedanken. Ein zweites Alleinstellungsmerkmal wäre die absolut verlässliche Unabhängigkeit der Informationen. Denn auch da hat das Netz Schwächen.

Was kostet eine Recherche?

Doch im real existierenden Journalismus ist beides so häufig wie der Blauflossenthunfisch im Pazifik: vom Aussterben bedroht. Verlage sparen an Redakteursstellen, an Reise- und Recherchekosten ebenso wie an Honoraren für freie Journalisten. Zeit, um in Ruhe zu recherchieren, bleibt kaum und auch Unabhängigkeit ist längst dem Pragmatismus gewichen: Reisen werden von Tourismusveranstaltern bezahlt, für Anzeigenkunden gibt‘s Sonderbehandlungen im redaktionellen Teil und freie Journalisten bekommen ob der schlechten Honorare den Tipp, sie mögen doch einfach ein bisschen PR machen. Während sich die Verlage nach außen als Hüter der Demokratie aufspielen und deshalb fordern, mit einem Leistungsschutzrecht Marktmechanismen außer Kraft zu setzen, entziehen sie den Journalisten die Grundlagen dafür, dieser Aufgabe im Alltag gerecht zu werden. Und erklären das mit – dem Markt. Warum aber sollten die Leser bereit sein, für Qualität zu zahlen, wenn die Verlage selbst es nicht mehr sind?

Braucht es überhaupt noch Journalismus? Verleger und Journalisten können das nicht beantworten, denn sie sind befangen. Auch deshalb ist das Leistungsschutzrecht keine Lösung, denn solch eine Pflichtabgabe ignoriert die Perspektive der Rezipienten – und untergräbt die Glaubwürdigkeit des Journalismus noch mehr. Allein darauf zu vertrauen, dass Markmechanismen eine Antwort geben, wird jedoch auch nicht weiterführen, denn sollte der Journalismus tatsächlich eine gesellschaftliche Funktion haben, dann geht es um mehr als um Angebot und Nachfrage.

In der Energiefrage haben sich irgendwann die Bürger zu Wort gemeldet. Sie haben gegen Atomkraftwerke protestiert und fossile Energieträger zu Auslaufmodellen erklärt. Es entstand eine Debatte über die Zukunft der Energieversorgung, öffentlich, mit vielen Stimmen und am Ende auch politischen Entscheidungen. Diese Diskussion müsste es auch um die Zukunft des Journalismus geben. In der Energieversorgung hat die Diskussion das Marktverhalten verändert: Wer etwas auf sein Umweltgewissen hält, kauft jetzt Ökostrom, und das machen immer mehr.

Wer hat die Reise bezahlt?

Doch solche Entscheidungen setzen Transparenz über die Produktionsbedingungen voraus. Nur dann ist der Markt wirklich fair, nur dann lässt sich abwägen, was besser und wichtiger ist. Schließlich brennt das Licht mit Ökostrom genauso hell wie mit solchem aus Kohle. Und auch die Bioeier kauft man nicht allein wegen des Geschmacks, sondern wegen der Hühner. Schritt eins, um den professionellen Journalismus zukunftsfähig zu machen, ist deshalb, ihm seine Glaubwürdigkeit zurückzugeben. Schritt zwei müsste sein, aufzuklären darüber, was Journalismus tatsächlich unterscheidet von all den Informationen, die da draußen sonst zu haben sind – und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was ein solcher Journalimus wert ist.

In den USA gehen Journalismusprojekte inzwischen diesen Weg: Sie legen offen, was eine Recherche kostet. Warum nicht auch Transparenz darüber, wie lange der Journalist recherchiert hat, ob er vor Ort war oder nur telefonieren konnte? Wer die Reise bezahlt hat. Ob ein Profi am Werk war oder ein Hobbyautor. Oder ein Siegel für die faire Behandlung (freier) Journalisten und eines für garantierte Unabhängigkeit – vergeben von einer Stiftung Medientest? Wer öffentliche Relevanz für sich in Anspruch nimmt und selbstbewusst genug ist, das auch belegen zu können, sollte kein Problem haben, solche Fakten offenlegen. Am Ende mag dann der Markt entscheiden. Auch darüber, ob es weiterhin Verlage geben wird, oder ob die Nutzer lieber direkt beim Journalisten ihres Vertrauens kaufen. Die Zukunft jedenfalls ist offen: Energie wird immer gebraucht. Damit das für den Journalismus auch gilt, muss der selbst etwas dafür tun.

Eva-Maria Schnurr ist freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Sie ist stellvertretende Vorsitzende von Freischreiber e.V., Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten. Sie hat an diesem Beitrag 16 Stunden gearbeitet und dafür 125 Euro erhalten.

12:05 25.04.2010

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