Eva-Maria Schnurr
25.04.2010 | 12:05 12

Wie der Blauflossenthunfisch

Medien Unabhängiger Qualitätsjournalismus ist vom Aussterben bedroht. Ein Leistungsschutzrecht wird daran nichts ändern

Die Presseverleger könnten gewarnt sein. Mit einem Blick auf steinkohleportal.de. Dort verbreitet die Bergbauindustrie noch immer Angst vor der Energieversorgungslücke ohne Steinkohle. Steinkohle, ja, da war mal was. Aber dass diese Form der Energiegewinnung Zukunft hat, glaubt außer ein paar Lobbyisten wohl niemand mehr.

Die Verlage stehen derzeit da, wo die Steinkohleindustrie Mitte der neunziger Jahre war: Die Situation ist ernst, die Zukunft fraglich, doch die Verlage stampfen mit dem Fuß auf und bestehen darauf, dass ohne Presse die Demokratie dem Niedergang geweiht sei. Subventionen – so weit geht man nicht. Ein eigenes Gesetz darf es aber schon sein, ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage. Bis jetzt weiß zwar niemand, wie das genau aussehen soll, doch im Prinzip geht es darum, gewerbliche Nutzer von Medieninhalten zu Abgaben an eine Verwertungsgesellschaft zu zwingen und den Verlagen so neue Einnahmequellen zu erschließen.

Aber ein Leistungsschutzrecht für Verlage geht das Problem so wirksam an wie Homöopathie eine Blinddarmentzündung. Denn die derzeitige Medienkrise ist im Kern eine Legitimationskrise des Journalismus. Es ist Verlagen und Journalisten in den vergangenen Jahren nicht gelungen, deutlich zu machen, was Journalismus leistet, was die Netzöffentlichkeit nicht kann und warum das einen Wert hat. Ein Leistungsschutzrecht würde dieses Problem nicht lösen, sondern höchstens ein paar Jahre überdecken.

„Journalismus ist und bleibt unersetzlich“ schreibt Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der Stern-Chefredaktion in der Serie „Warum noch Journalismus“ auf sueddeutsche.de. Nicht, dass man als Journalistin so etwas nicht gerne hören würde. Aber die Lage ist leider nicht so klar. „Steht doch eh alles im Netz“, ist außerhalb der Verlagsflure keine seltene Antwort. Gemeint sind damit nicht nur die Internet-Angebote der Verlage, sondern mindestens ebenso das Drumherum: Blogs und Netzwerke und kollektive Erzeugnisse wie Wikipedia. Für viele Nutzer, gerade die Jüngeren, verschwimmen im Netz journalistische und sonstige Informationen, was genau Journalismus ausmacht, bleibt unklar.

Brauchen wir Journalismus?

Warum noch Journalismus ist deshalb die falsche Frage. Auch, wenn es wehtut, die richtige muss lauten: Braucht es überhaupt noch Journalismus? Und wenn ja: welchen? Um diese Fragen zu beantworten, muss man mit ein paar Missverständnissen aufräumen.

Erstens: Es gibt einen Unterschied zwischen Verlagen und Journalismus. Verlage gab es lange bevor es professionelle Journalisten gab und lange, bevor an Demokratie im modernen Sinn hierzulande überhaupt jemand dachte. Das Dreieck zwischen Verlagen, Journalismus und demokratischer Gesellschaft entwickelte sich erst im 18. und 19. Jahrhundert. Damals schrieben Verleger ihren Blättern eine politische Aufgabe zu, setzten sie im politischen Meinungskampf ein oder wollten mit ihnen zumindest aufklären – es ging den Verlegern also um mehr, als ums Geldverdienen. Steht der Gewinn im Vordergrund, schwächelt die Haltung und das Zweckbündnis zwischen Verlagen, Demokratie und Journalismus löst sich auf.

Zweitens: Auch die Verbindung von Journalismus und Demokratie ist keine zwangsläufige. Wichtiger als Journalismus ist für die Demokratie eine unbeschränkte und kritische Öffentlichkeit. Die aber ist im Netz aktiver denn je, und durch Aufmerksamkeitskanonen wie Twitter und soziale Netzwerke prächtig mobilisierbar. Das Netz macht die Kommunikation sogar demokratischer, denn nun braucht man keine Sprachrohre mehr, wie früher, als noch nicht jeder veröffentlichen konnte. Dass die Öffentlichkeit im Netz stärker fragmentiert ist, ist eine Parallele zur gesellschaften Entwicklung. Und dass „Journalismus“ schon lange nicht mehr „professioneller Journalismus“ bedeutet, dazu haben viele Tageszeitungsverlage selbst beigetragen: Sie lassen seit Jahren Hobbyautoren wie Rentnerinnen und Lehrer ihre Lokalseiten füllen. Der ständig behauptete Qualitätsunterschied zum Netz – schwer zu belegen.

Nervenstärke, Verlässlichkeit

Viele Funktionen des Journalismus erfüllt das Internet bereits jetzt ziemlich gut, selbst wenn man alle Verlagsangebote wegdenkt: Unterhaltung gibt es mehr als genug, Service, Meinungen und Expertenratschläge ebenfalls, alles personalisierbar, je nach Interessenprofil. Auch das Alleinstellungsmerkmal als Kontrollinstanz hat der Journalismus verloren: Immer mehr Skandale werden von Bloggern und Organisationen wie Wikileaks oder Lobbycontrol aufgedeckt. Und zuletzt: Auch die Bildung einer öffentlichen Meinung klappt per Selbstorganisation der Bürger über das Netz inzwischen zumindest bei einigen Themen ebenso gut, wie die Petition gegen die Netzsperren 2009 zeigte.

Es sieht nicht gut aus, für die Verlage, und leider auch für die professionellen Journalisten nicht, die von ihrer Arbeit doch leben möchten. Doch Jammern und nach einem Leistungsschutzrecht schreien ist kein Ausweg – es geht darum, den lauthals erhobenen Ansprüchen erst einmal wieder selbst gerecht zu werden.

Es gäbe da was: Zwei Funktionen von Journalismus kommen im Netz zu kurz. Internetpublizistik ist vom Prinzip her lustgetrieben: Wer Spaß hat, über ein Thema zu schreiben, tut das, wenn er keine Lust mehr hat, hört er auf. Und wenn gerade andere Dinge wichtiger sind, sind andere Dinge eben wichtiger. Was dem professionellen Journalismus deshalb ein Alleinstellungsmerkmal verschaffen könnte, sind Recherchen, die lästig sind, die lange dauern, die Geld kosten und Nerven – also mehr als nur erste Gedanken. Ein zweites Alleinstellungsmerkmal wäre die absolut verlässliche Unabhängigkeit der Informationen. Denn auch da hat das Netz Schwächen.

Was kostet eine Recherche?

Doch im real existierenden Journalismus ist beides so häufig wie der Blauflossenthunfisch im Pazifik: vom Aussterben bedroht. Verlage sparen an Redakteursstellen, an Reise- und Recherchekosten ebenso wie an Honoraren für freie Journalisten. Zeit, um in Ruhe zu recherchieren, bleibt kaum und auch Unabhängigkeit ist längst dem Pragmatismus gewichen: Reisen werden von Tourismusveranstaltern bezahlt, für Anzeigenkunden gibt‘s Sonderbehandlungen im redaktionellen Teil und freie Journalisten bekommen ob der schlechten Honorare den Tipp, sie mögen doch einfach ein bisschen PR machen. Während sich die Verlage nach außen als Hüter der Demokratie aufspielen und deshalb fordern, mit einem Leistungsschutzrecht Marktmechanismen außer Kraft zu setzen, entziehen sie den Journalisten die Grundlagen dafür, dieser Aufgabe im Alltag gerecht zu werden. Und erklären das mit – dem Markt. Warum aber sollten die Leser bereit sein, für Qualität zu zahlen, wenn die Verlage selbst es nicht mehr sind?

Braucht es überhaupt noch Journalismus? Verleger und Journalisten können das nicht beantworten, denn sie sind befangen. Auch deshalb ist das Leistungsschutzrecht keine Lösung, denn solch eine Pflichtabgabe ignoriert die Perspektive der Rezipienten – und untergräbt die Glaubwürdigkeit des Journalismus noch mehr. Allein darauf zu vertrauen, dass Markmechanismen eine Antwort geben, wird jedoch auch nicht weiterführen, denn sollte der Journalismus tatsächlich eine gesellschaftliche Funktion haben, dann geht es um mehr als um Angebot und Nachfrage.

In der Energiefrage haben sich irgendwann die Bürger zu Wort gemeldet. Sie haben gegen Atomkraftwerke protestiert und fossile Energieträger zu Auslaufmodellen erklärt. Es entstand eine Debatte über die Zukunft der Energieversorgung, öffentlich, mit vielen Stimmen und am Ende auch politischen Entscheidungen. Diese Diskussion müsste es auch um die Zukunft des Journalismus geben. In der Energieversorgung hat die Diskussion das Marktverhalten verändert: Wer etwas auf sein Umweltgewissen hält, kauft jetzt Ökostrom, und das machen immer mehr.

Wer hat die Reise bezahlt?

Doch solche Entscheidungen setzen Transparenz über die Produktionsbedingungen voraus. Nur dann ist der Markt wirklich fair, nur dann lässt sich abwägen, was besser und wichtiger ist. Schließlich brennt das Licht mit Ökostrom genauso hell wie mit solchem aus Kohle. Und auch die Bioeier kauft man nicht allein wegen des Geschmacks, sondern wegen der Hühner. Schritt eins, um den professionellen Journalismus zukunftsfähig zu machen, ist deshalb, ihm seine Glaubwürdigkeit zurückzugeben. Schritt zwei müsste sein, aufzuklären darüber, was Journalismus tatsächlich unterscheidet von all den Informationen, die da draußen sonst zu haben sind – und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was ein solcher Journalimus wert ist.

In den USA gehen Journalismusprojekte inzwischen diesen Weg: Sie legen offen, was eine Recherche kostet. Warum nicht auch Transparenz darüber, wie lange der Journalist recherchiert hat, ob er vor Ort war oder nur telefonieren konnte? Wer die Reise bezahlt hat. Ob ein Profi am Werk war oder ein Hobbyautor. Oder ein Siegel für die faire Behandlung (freier) Journalisten und eines für garantierte Unabhängigkeit – vergeben von einer Stiftung Medientest? Wer öffentliche Relevanz für sich in Anspruch nimmt und selbstbewusst genug ist, das auch belegen zu können, sollte kein Problem haben, solche Fakten offenlegen. Am Ende mag dann der Markt entscheiden. Auch darüber, ob es weiterhin Verlage geben wird, oder ob die Nutzer lieber direkt beim Journalisten ihres Vertrauens kaufen. Die Zukunft jedenfalls ist offen: Energie wird immer gebraucht. Damit das für den Journalismus auch gilt, muss der selbst etwas dafür tun.

Eva-Maria Schnurr ist freie Wissenschaftsjournalistin in Hamburg. Sie ist stellvertretende Vorsitzende von Freischreiber e.V., Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten. Sie hat an diesem Beitrag 16 Stunden gearbeitet und dafür 125 Euro erhalten.

Kommentare (12)

Fritz Teich 25.04.2010 | 15:58


Es ist Verlagen und Journalisten in den vergangenen Jahren nicht gelungen, deutlich zu machen, was Journalismus leistet, was die Netzöffentlichkeit nicht kann und warum das einen Wert hat.
>>

Wuerd mal sagen, man hat Schwaetzern zu viel Raum gegeben, siehe auch Anchormen im TV, das eigene Niveau immer tiefer runtergefahren, so dass nur noch wellness zaehlte und die findet man im Netz zuhauf. Zum Beispiel kontinuierliche Berichterstattung, die es frueher einmal gegeben haben soll, das waere ein Qualitaetsmerkmal, Trennung von Meinung und Kommentar, soweit das ueberhaupt moeglich ist. Man sollte sich bemuehen. In der NZZ sind selbst die Kommentare noch sachlich. Usw. Es sind eigentlich alles Selbstverstaendlichkeiten. Wenn man es sich leisten kann.

Achtermann 25.04.2010 | 17:12

Zwei konkrete Themen greife ich heraus, bei denen der Qualitätsjournalismus über Jahre hinweg versagt hat:

Das eine Thema ist die sog. Banken- oder Wirtschaftskrise. Jahrelang wurde den Politikern nicht auf die Finger geschaut als sie Gesetze verabschiedeten, die erst möglich machten, dass mit Spekulationen gegen die Volkswirtschaften das große Geld verdient werden kann. In welchen Periodika oder elektronischen Medien wurde etwa die Rolle der rot-grünen Regierung zu dieser Zeit ernsthaft analysiert?

Das andere ist der Afghanistan-Krieg. Auch hier wurde jahrelang die Sprachregelung der Regierenden übernommen. Es wurde selten hinterfragt. Es wurden kaum grundsätzliche Fragen aufgeworfen, auch nicht im Hinblick auf die deutsche Kriegsvergangenheit. Trotz einer Mehrheit der Bevölkerung, die gegen diesen Krieg ist, zogen es die Schreiber und Sprecher der Qualitätspresseerzeugnisse vor, der zu diesem Thema vorhandenen parteiübergreifenden Koalition, bestehend aus CDU-CSU-SPD-FDP und Teilen der Grünen, grundsätzlichen Flankenschutz zu gewähren.

Fritz Teich 25.04.2010 | 20:13


Auch hier wurde jahrelang die Sprachregelung der Regierenden übernommen.
>>

Unter dem Gesichtspunkt kann man sich beispielsweise den Spiegel vorknoepfen. Die deutsche Kriegsvergangenheit halte ich dabei allerdings fuer kein sachliches Argument. Gibt es keine besseren? Denn das hiesse, wenn andere die Kriege fuehren, waeren diese ok. Wir leben in einer globalen Welt und die deutschen Kopfschmerzen interessieren niemanden.

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Ehemaliger Nutzer 25.04.2010 | 20:37

Stimmt.
Aber, welche Massenmedien werden konsumiert zur politischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Weiterbildung?

"Maria Gerhards und Walter Klingler haben in der Auswertung der Daten zur Fernsehnutzung 2007, eine durchschnittliche Sehdauer von 208 Minuten und eine Reichweite der Vollprogramme von 72% der Bevölkerung, festgestellt (MP 11/2008:551). Damit ist das Fernsehen nach wie vor, das reichweitenstärkste und wichtigste Medium, was es zu Informationsverbreitung gibt (MP 3/2008:148 und Schwotzer et al ALM 2008:17)."

Die Zeit schrieb in dem Artikel "Unser Gott die Quote" das gerade bei den öffentlich rechtlichen, die einen im Rundfunkstaatsvertrag geregelten Bildungsauftrag haben, die Quote immer stärker forciert wird.

Die ARD und ZDF bringen mitten in der Nacht aufwendig recherchierte Reportagen und Dokumentationen in der Prime Time läuft weichgespültes. Dies orientiert sich ausschließlich an den Quoten. Die Ermittlung dieser ist ziemlich fehlerhaft und angreifbar. Trotzdem wird weitergemacht.
Vor allem die in den Rundfunkräten hockenden Politiker, insbesondere die angeblich Ahnung von Wirtschaft haben, drängen darauf die GEZ Gebührenverteilung Quotenabhängig zu machen. Was gelinde gesprochen debil ist.

An zweiter Stelle kommen Tagesmedien (Printformate), diese müssen sich in der Nachrichtenauswahl an der wirtschaftlichkeit orientieren. Nähe, Verhältnismäßigkeit, Aktualität, Nachrichtenwert, Stellung der Redaktion und des Verlegers und vieles mehr fließen in die Bewertung der DPA, Reuters und Co Ticker ein. Bei all diesem, werden auch noch die Redaktionen verkleinert (markantes Beispiel Berliner Zeitung) und nur noch freie Journalisten beschäftigt.

Die Marktmechanismen sind hier pures Gift.

Und was für eine wirtschaftspolitische Stellung der Axel Springer Verlag bezieht dürfte bekannt sein. Auch die Bertelsmanngesellschaft werkelt fleißig am neoliberalen Wunderglaube mit.
Dieses fließt alles in die Massenmedien ein, warum die Redaktionen und Verlage nicht umdenken und umstrukturieren kann ich nicht beantworten.

Brett 25.04.2010 | 21:29

Kluge Analyse.
Trotzdem werden 2 wichtige Kleinigkeiten übersehen:
a) Die Qualität des Journalismus geriet nicht in die Krise, weil die Leser massiv ins Internet übergelaufen wären, sondern weil die Werbeeinnahmen eingebrochen sind. Der Rückgang der Werbeerlöse ist das wirtschaftliche Hauptproblem.
b) Bei den Tageszeitungen kann man schon seit den 90er Jahren verfolgen - also lang bevor das Internet zum "Tagesmedium" wurde, dass die jungen Leser nicht mehr nachrückten wie früher. "Waren 1993 noch 27,2 Prozent der Leser zwischen 14 und 29, waren es 2000 nur noch 19,1 Prozent." (www.innovations-report.de/html/berichte/kommunikation_medien/bericht-2956.html) Zusammen mit dem demographischen Grundproblem ist das allein schon tödlich. Der Leserschwund geht zeitlich einher mit der politisch geförderten Explosion des TV-Schunds inkl. der Degeneration der Öffentlich-Rechtlichen. Ich würde da einen gewissen Zusammenhang vermuten. ("Wir amüsieren uns zu Tode" - da gibt es viele Analysen zum Thema.) Man sollte sich daher auch nicht über das Nachfrageniveau nach gut recherchierten Informationen im Internet täuschen. Das Gros des Volkes will nichts wissen. Es will gucken: In welches Nasenloch sich Paris Hilton gerade was reinschiebt, ob Bayern München ein Tor geschossen hat, wer Frau Merkel die Frisur macht, wie das Wetter morgen wird, wo es eine Kamera 3% billiger gibt, ob ein "Freund" gerade "lol" sagt und ob wir uns gerade mal alle zusammen über irgendetwas ganz doll aufregen müssen. Der BILD-Anteil wuchert überall, bis in die ZEIT und natürlich ist das Internet auch die Brutstätte und der Verschiebebahnhof Nummer 1 für den ganzen Mumpitz, gegen den alles, was halbwegs seriös daher kommt, einen schweren Stand hat. Die Leser, die z.B. bei der Frankfurter Rundschau nicht mehr nachwachsen, die lesen eben auch im Internet nicht mehr die Frankfurter Rundschau. Die lesen auch nichts Vergleichbares oder googlen sich kritische Infos zusammen. Das ist das Riesenloch, was die Öffentlichkeit bedroht. Und in dieser Situation irgendeine Schaden- oder Fortschrittsfreude über den kommenden Zeitungstod zu schüren, ist zumindest eine sehr unscharfe Sicht auf das, was da gerade tatsächlich passiert. Ich finde absolut richtig gesehen, dass die Zeitungen qualitativ den Zusammenbruch vorwegnehmen, der am Ende wirtschaftlich eintreten könnte. Aber dieser Druck kommt nicht aus dem Internet. Ich glaube, dass immer größere Teile der Bevölkerung auf das Informationsniveau eines Menschen im Mittleren Westen der USA zurückfallen. Und wenn die Zeitungen erst einmal tot sind, wird es eher noch schlimmer als dass irgendetwas besser würde. (Nein, ich bin kein Verleger ^^).

Dierk 25.04.2010 | 21:37

die derzeitige Medienkrise ist im Kern eine Legitimationskrise des Journalismus.



Nö. Journalismus ist überhaupt nicht bedroht, zumindest nicht von den üblichen Verdächtigen, im Gegenteil, viele der in den letzten Jahren "freigesetzten" Journalisten arbeiten nach guten alten Kriterien jetzt eben im Internet. In den USA gibt es bereits eine ganze Reihe journalistischer Outlets, die nur im Netz stattfinden, z.B. Salon.com, Slate, Huffington Post. Auch in Deutschland scheint mir die Bedeutung der Internetveröffentlichung, auch als 'Blog' beschimpft, in letzter Zeit zu wachsen.

Sicherlich haben, wie ja im Artikel beschrieben, Journalisten und vor allem Verlage - als 'Medienhäuser' beleidigen sie sich heute selbst - vergessen, die Aufgabe und Methode des Journalismus zu klären. Wer aber selbst nicht weiß, was er tut, wie und vor allem weshalb, der kann es auch nicht erklären. Das muss jetzt alles nachgeholt werden, weg von purer Wiederveröffentlichung von Agenturmeldungen, weg mit einfachem Abtippen von PR, weg mit dem Glauben, auf Recherche könne verzichtet werden solange man nur 'exklusiv' und 'Erster' ist.

Wenn Journalisten wieder sauber recherchieren, relevante Themen statt Celebrity-Kacke angehen, ordentlich analysieren und einordnen, dann gewinnen sie Vertrauen zurück. Und dann werden Menschen auch gerne für ihre Werke zahlen.

Ein Legitimationsproblem sehe ich nur bei Verlagen, die bisher für die Infrastruktur zuständig waren, über die Journalisten und Autoren ihre Artikel und Ideen verbreiteten. Druck, Vertrieb, sogar Marketing sind heute nicht mehr nötig bzw. sehr viel einfacher [selbst] zu handhaben. Wozu den ganzen Verlags-Overhead, der Kosten in die Höhe treibt und Gelder von der eigentlichen Arbeit abzieht?
B.V. 26.04.2010 | 18:22

Ich stimme Dierk zu, vor allem:
" Wenn Journalisten wieder sauber recherchieren, relevante Themen statt Celebrity-Kacke angehen, ordentlich analysieren und einordnen, dann gewinnen sie Vertrauen zurück. Und dann werden Menschen auch gerne für ihre Werke zahlen. "
Die Frage ist also, werden Journalisten auch gut genug dafür bezahlt das sie das tun (recherchieren, analysieren, einordnen) und sind Verlage gewillt langwierige und gründliche Recherchen auch zu finanzieren.

Honk 26.04.2010 | 22:32

Mehr denn je gilt für den Journalismus der Berliner Republik das Bonmot Peter Scholl- Lathours zur Pressefreiheit: "Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten ihre Meinung zu sagen." Die schreibende Zunft ist zu gekauften PR- Maschinen für wirtschaftsmächtige Interessen verkommen. Der Wirtschaftsjournalismus produziert "Helden in Nadelstreifen", und Märchen aus dem Börsenwunderland inklusive Aufschwungspropaganda nach der "unvorhersehbaren Finanzkrise"... -gegen Marc Beise (SZ) beispielsweise, sind Schalke- Fans objektive Beobachter des Fußballvereins aus Gelsenkirchen. Das einst stolze "Sturmgeschütz der Demokratie" ist von Stefan Aust zur Konfettikanone des Neoliberalismus umgebaut worden, und unterscheidet sich kaum noch vom Rest der Merkel- Fanzines dieser Republik. Der legendäre Leyendecker macht heute in der SZ billigste Polemik gegen DIE LINKE in NRW... -und, und, und. Ohne Internetblogger hätten wir nur noch durchgestylte PR- Schreibe für die Interessen der verschwindend geringen Minderheit von Kapitalmächtigen! Was nutzen gut recherchierte, kritische Artikel, wenn diese aus politischen Opportunitätserwägungen in den Konzernmedien nicht erscheinen?

rolf netzmann 27.04.2010 | 12:53

Dieses Plädoyer für einen Qualitätsjournalismus habe ich gern gelesen. So wie Top Politiker und Wirtschaftsbosse ausführliche Hintergrundberichte erhalten, um ihre Entscheidungen auf eine Vielzahl von Informationen stützen zu können, hat auch der mündige Bürger das Recht auf allumfassende Information. Das Internet in Form von Blogs und Wikipedia , aber auch mit Online-Ausgaben von Printmedien und Fernsehsendern ist als Informationsquelle allgegenwärtig, dank I-Phone auch von unterwegs. Nur bietet es eine schnelle, kurze Information, was wann wo passiert ist. Was aber ist mit umfassenderen Hintergrundinformationen? Hier sehe ich eine Chance für qualitativ hochwertigen Journalismus, der aber mehr Aufwand und Recherche erfordert. Und, er erfordert Fachkenntnisse, über die ein Hobby Blogger eben selten verfügt, weil er im Normalfall Autodidakt ist. Genau diese Hintergrundberichte aber sind für eine, immer noch daran interessierte, Öffentlichkeit wichtig, um zu verstehen, was in der Welt passiert. Ein Beispiel, Finanzhilfe für Griechenland. Die Headlines informieren über Fakten, wie viele Milliarden die Griechen brauchen, warum sie so verschuldet sind, wie sie immer höhere Zinsen für die aufgenommenen Kredite zahlen müssen. Manchen reicht das als Information, vielen nicht. Sie wollen hinter die Kulissen sehen, mehr wissen. Diese Informationen zu recherchieren, mit konkreten Beispielen zu unterfüttern, von mehreren Seiten anhand konkret betroffener Personen zu beleuchten, all das ist Aufgabe von Journalisten. Für mich ein Beispiel für guten Journalismus, der auch unterhaltsam ist, ist der „Spiegel“. Er bietet umfassend recherchierte Beiträge, deren Verfasser aber eben auch die Zeit haben, vor Ort zu sein und Informationen zu sammeln. Die Reporter haben Informanten vor Ort, die ihnen Informationen geben. Der „Spiegel“ war so immer wieder in der Lage, Skandale aufzudecken, investigativen Journalismus zu praktizieren.
Sie schreiben, dass es immer mehr Hobbyjournalisten gibt. Das sehe ich nicht als negativ, sind doch Beiträge dieser Autoren aus deren lokalem und regionalem Umfeld durchaus für eine Stadtzeitung notwendig, weil diese Autoren in ihrem Umfeld berichten. Als Ergänzung zu den Profis leisten sie einen wesentlichen Beitrag für eine lebendige und alle Facetten des Einzugsgebietes der Zeitung abdeckende Ausgabe. Oft sind dies Menschen, die in Initiativen und Vereinen aktiv sind, viele andere Menschen kennen und so viel erfahren. Sind sie dann auch noch in der Lage, flüssig und informativ zu schreiben, so sind sie ein Gewinn für jede Zeitung.
Die Zukunft des guten, informativen und unbedingt auch investigativen Journalismus liegt für mich genau hier, in Ergänzung zur schnellen und via Internet oder Twitter verbreiteten Information. Sie liegt in einer umfassenden Berichterstattung, die über Hintergründe aufklärt und diese in einfachen Worten erklärt. Journalismus hat eine Zukunft, wenn er die neuen Medien annimmt und trotzdem seine Wurzeln nicht vergisst, das Sammeln von Informationen, das Vor Ort sein, die Information der Öffentlichkeit über all das, was in ihrem Umfeld und in der Welt passiert. Sich dazu der neuen technischen Möglichkeiten zu bedienen ist legitim, weiterhin auf traditionelle Werte wie Wahrheitspflicht und gründliche Recherche zu setzen, ebenfalls. Ich jedenfalls möchte nicht nur kurze, harte Fakten hingeworfen bekommen, sondern habe informative Hintergrundberichte dazu schon immer gern gelesen. Ich glaube, bei aller Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen, in denen Journalisten heute arbeiten, auch immer noch daran, dass es Verlage und Journalisten gibt, denen eine umfassende Information der Öffentlichkeit wichtig ist, wird dies doch neben der Legislative, der Exekutive und der Judikative auch als 4. Gewalt bezeichnet. Dass es dazu notwendig ist, entsprechende Bedingungen beizubehalten, die Journalisten vernünftig zu bezahlen, sie gründlich recherchieren zu lassen und ihre Reisekosten zu tragen, versteht sich von selber. Die von Ihnen beschriebene Kommerzialisierung der Berichterstattung, verursacht durch einen zunehmenden Kostendruck, sind dafür nicht förderlich, doch werden Sie weiterhin Begleiterscheinungen einer Branche sein, die sich in einem Umbruch befindet. Dabei sollte das, was guten, ansprechenden Journalismus ausmacht, allerdings nicht völlig vergessen werden.
Dass nach Informationen des Branchenverbandes BITKOM 40% der Internetnutzer bereit wären, für Qualitätsjournalismus im Internet Geld zu bezahlen, zeigt doch, dass es für eine gelungene Kombination aus neuen Medien und anspruchsvollem Journalismus eine sowohl solvente als auch zahlungswillige Leserschaft gibt.