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Sexualwissenschaft Die Erforschung des geschlechtlichen Lebens spielte einst eine wichtige Rolle für die Demokratisierung der Gesellschaft. Heute kämpfen die Institute ums Überleben

Wir wissen über Sexualität Bescheid. Wir wollen es auch wissen – bloß nicht zu genau. Die nackten Menschen im Aufklärungsbuch Make Love sieht man sich deshalb gerne an: Sie sind sauber, unverdorben – und ehrlich. Echte Liebespaare. Dass deren Auswahl und Darstellung offenkundig einer ästhetisierten Vorstellung vom Sex folgte, stört nicht. Statt auf- wird eben verklärt.

Wir wissen auch über die Abgründe der Sexualität Bescheid, wollen es wissen – bloß nicht zu genau. Denn Pädophile sind Kinderschänder. Wer eine Sexualstraftat begangen hat, tut es wieder und gehört „weggeschlossen und zwar für immer“. Seit Monaten regiert im Dorf Inseln in Sachsen-Anhalt blanke Angst: vor zwei aus der Sicherungsverwahrung entlassenen Sexualstraftätern. Wer befürwortet, die Männer in die Gemeinde aufzunehmen, muss selbst mit Drohungen rechnen.

Verklärung und Verbrechen – das sind die Pole, an denen Sexualität heute öffentlich wahrgenommen und verhandelt wird. Dazwischen, auf der breiten Diskursebene der Realität, herrscht Einöde und spiegelt sich der Bedeutungsverlust einer Wissenschaft, die einst die Gesellschaft veränderte. Ein Stück weit muss sich die Sexualforschung diese Lage selbst zuzuschreiben, weil sie ihre Wurzeln aus den Augen verloren hat. 1907 begründete der Berliner Dermatologe Iwan Bloch die Disziplin an der Naht zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Viele, die nach ihm kamen, fassten den Begriff ähnlich weit. Magnus Hirschfeld, Begründer des weltweit ersten (und damals privaten) Instituts für Sexualwissenschaft 1919 in Berlin setzte sich früh gegen eine Kriminalisierung von Homosexuellen ein. Volkmar Sigusch habilitierte 1973 als erster in der Sexualwissenschaft – zum „Geschlechterleben der Jugendlichen und Erwachsenen, der Bürgerlichen und Proletarier“. Wissenschaftler wie Sigusch waren dem Volk nah, hatten eine aufklärerische Rolle und politisches Gewicht, zumal sie auch so manche gesellschaftliche Norm hinterfragten.

Weit vom Menschen entfernt

Diesem umfassenden Selbstverständnis verdankte die Sexualwissenschaft Anfang des 20. Jahrhunderts und in den sechziger und siebziger Jahren ihre Glanzzeiten. Heute begrenzt sie sich als Sexualmedizin meist auf „krankhafte Sexualität“ – laut Uwe Hartmann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sexualmedizin und Sexualtherapie, auch eine Folge der AIDS-Epidemie. „Seither betrachtet man Sexualität vornehmlich als Problem.“ Sexuelle Aufklärung habe man den Pädagogen überantwortet, Fragen der Reproduktion den Reproduktionsmedizinern. Mit dem Geschlechterleben befassen sich nun vorwiegend Soziologen und Psychologen. Die Sexualwissenschaft habe sich dagegen weit von den Menschen entfernt. „Aus dem Alltagsleben wissen wir fast gar nichts über Sexualität“, gesteht Hartmann.

Ohne dieses grundlegende Verständnis wächst die Diskrepanz zwischen akademischer Erkenntnis und volkstümlichen Klischees. Man kann verlässlich Freunde verwirren, wenn man erläutert, dass Kindesmissbrauch in den meisten Fällen nicht von Pädophilen verübt wird und dass viele Pädophile in ihrem ganzen Leben kein Kind anfassen. Die Realität erfordert Differenzierung. Doch der Widerwille scheint dafür schon zu groß. „Aktuell erleben wir eine neue sexuelle Panik“, stellte Peer Briken, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie in Hamburg, jüngst im Deutschen Ärzteblatt fest. Die Disziplin habe sich auf Empirie zurückgezogen und entfalte keine sozialreformerische Kraft mehr.

Über Sexualität zu spekulieren, wird auch deshalb immer leichter, weil zu forschen immer schwieriger wird. Wer hartnäckig an der Forschung festhält, findet sich bald in der Isolation wieder und wird außen kaum mehr gehört. Und auch nicht mehr gefördert: Als der Leiter des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft, Volkmar Sigusch, 2006 pensioniert wurde, blieb sein Posten unbesetzt. Öffentliche Proteste verhallten. 2011 wurde die sexualmedizinische Ambulanz in Frankfurt aufgelöst. Im Dezember verkündete die Landesregierung Schleswig-Holsteins, die Auflösung der Sektion für Sexualmedizin am Universitätsklinikum Kiel. Das Personal von Hartmut Bosinski wurde ohne viele Diskussionen halbiert, obwohl sich jährlich 120 pädophile Männer Hilfe suchend an die Sektion wenden. Proteste und politische Opposition konnten die Kieler Sexualmedizin nach der Neuwahl zwar retten. Doch Geld bringt das keins. Bosinski muss weiter mit halbem Personal auskommen. „Wir sind gezwungen, Patienten abzuweisen.“

Der grundlegende Erkenntnisbedarf von Politik und Gesellschaft müsste dabei größer sein als je zuvor – nach den Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule und in der katholischen Kirche, angesichts von Kinderpornografie im Internet und den Urteilen zur Sicherungsverwahrung von Sexualstraftätern. Doch die gesellschaftliche Aktualität hat der Sexualwissenschaft keinen Schub gebracht, nur den halbherzigen Umgang. Geld fürs medial viel beachtete Dunkelfeld auf der einen Seite und die Demontage der isolierten Lehrstühle auf der anderen.

Sexualität als Lifestyle-Frage

Aber warum hat die Sexualwissenschaft einen so schweren Stand, wenn sie alle angeht – wie die Klima- und die Ernährungsforschung? „Sexualität ist Lifestyle“, schildert Bosinski ein Klischee, bei dem ihm „mittlerweile der Kragen platzt“. Wenn er Sexualität mit Ernährung vergleicht, heißt es: „Wer nicht isst, verhungert. Aber niemand stirbt mangels Sex.“ Sexualität wird selbst von Fachkollegen auf den Freudentaumel der Astralkörper reduziert, wie man ihn aus den Medien kennt. Dabei ist Sexualität keinesfalls bloßer Spaß.

„Erhalt und Wiederherstellung der Lebensqualität sind heute eine Maxime ärztlichen Handelns“, sagt Bosinski. Gut ein Drittel der Erwachsenen erfährt im Leben eine sexuelle Beeinträchtigung. Beziehungen scheitern an Sexualität. Sexuelle Verhaltensstörungen und Übergriffe bringt die Sexualität eines Einzelnen als Leid über andere. „Viele meiner Patientinnen mit sexuellen Störungen sind im Kindesalter missbraucht worden“, berichtet Bosinski. Es sei ärztliche Pflicht zu helfen. Doch die Medizin habe „Schwierigkeiten, Sexualität als ihr Thema zu akzeptieren“. Seit 1995 liegt der Bundesärztekammer Berlin ein Antrag auf eine Zusatzbezeichnung „Sexualmedizin“ vor, um eine verlässliche Qualifizierung von Ärzten zu ermöglichen. Dem Antrag wurde bis heute nicht gefolgt.

Schon im Studium kommt die Lehre zur Sexualität kaum vor. Psychologen und Juristen können etwa Bosinskis Vorlesungen als Wahlpflichtfach hören, Mediziner nicht. Die Charité führt erst im kommenden Jahr auf Bestreben von Klaus Michael Beier ein sexualmedizinisches Modul für Medizinstudenten ein, das spärlich erscheint , wenn man sich an die Worte von Bundesforschungsministerin Annette Schavan erinnert: Mediziner sollten schon im Studium über sexuelle Abweichungen unterrichtet und damit ihr Blick für Missbrauch geschärft werden. Das sei längst kein „Schmuddelthema“ mehr. Der Ulmer Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Jörg Feger, widerspricht. Die Berührungsängste sind da. Mediziner reagieren verlegen, wenn sie erfahren, dass ein Kollege sich mit Sexualität befasst.

Das ist nur eine Folge der Entfremdung zwischen der Sexualwissenschaft und der vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft. Eine andere ist der Mangel an Hilfsangeboten für Opfer sexueller Übergriffe und für Menschen mit sexuellen Störungen. Bosinski weiß: „Die haben oft eine Odyssee hinter sich, bevor sie adäquate Hilfe finden.“

Susanne Donner schreibt für den Freitag vor allem über sexualwissenschaftliche Themen

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09:00 28.07.2012

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