Wink mit der Torlatte

Medientagebuch Erfolg eines einmaligen Zuschauerstreiks: »ran« wird wieder vorverlegt

Was haben die Fernsehzuschauer bloß mit ran angestellt. Sie haben den Programmplanern von SAT 1 die rote Karte gezeigt. Sie ins Abseits laufen lassen. Ihnen eine deutliche Abfuhr erteilt. Welches Bild aus der Fußballsprache man auch wählt, um das Desaster um die Fußballshow zu benennen - es stimmt. ran musste vom Fernseh-Hauptabend um 20.15 Uhr, an welcher Stelle selbst die hartgesottenen unter den Fans die Sendung nicht sehen wollten, wieder gestrichen und auf 19 Uhr vorverlegt werden. Der Versuch, dem Fußballvolk Gewohntes abzugewöhnen und es einfach umzupolen, ist grandios gescheitert.

Dabei trifft die Niederlage nicht Leo Kirch allein. Auch die Deutsche Fußball-Liga hat ja der Verlegung zugestimmt und muss jetzt zerknirscht einräumen, selbst ganz daneben gelegen zu haben. Der Erkenntniswert des Debakels ist jedenfalls beträchtlich. Der interessanteste Aspekt dabei: Vielleicht haben zum erstenmal auch viele Liebhaber des knallbunten Kommerz-TV begriffen, was kommerzielle Verwertung im Fernsehen bedeutet. Dieter Hildebrandt hat es auf die Formel gebracht: »Die, die Fernsehen veranstalten, hatten nie ein Interesse an denen, für die sie Fernsehen veranstalten.«

Im Fall von ran war dieser Zusammenhang ganz offen- und übersichtlich. Um die Abonnentenzahlen des chronisch hinter den Businessplänen hinterhertümpelnden Bezahlfernsehens Premiere World zu heben, dachten sich die Kirch-Strategen eine Art Erpressungs-Manöver aus. Sie entzogen den Fans das Vergnügen auf der gewohnten kostenlosen Spielwiese, um sie in den kostenpflichtigen Vergnügungspark nebenan zu schleusen. Dass die Kirch-Gruppe dabei in Kauf nahm, den eigenen Fernseh-Sender SAT 1 erheblich zu schädigen, zeigt, wie hart in dieser Branche gekämpft wird.

Das Nein zu dieser Art Umerziehung war jedenfalls unerwartet deutlich. Dabei handelt es sich noch nicht einmal um Überdruss. Obwohl Fußball im Fernsehen im Übermaß ausgestrahlt wird und die Vermarkter demnächst wahrscheinlich noch aus einer Trainingseinheit von Bayern-München ein Event machen - die Fans haben noch nicht genug vom Fußball. Im Gegenteil. Die Stadien sind voll wie nie. Zu den Samstag-Konferenzschaltungen im Radio schalten sich bis zu zehn Millionen Hörer zu. Und das Freundschafts-Länderspiel gegen Ungarn, wahrlich kein Höhepunkt im Spitzensport, bescherte dem ZDF mit mehr als sieben Millionen Zuschauern eine Traumquote. Da muss man die ran-Verweigerung schon als Wink mit der Torlatte verstehen. Seht her, sollte das heißen, wir sind noch da. Wir sind nicht verschwunden, und wir kommen auch wieder. Aber nicht unter jeder Bedingung und nicht für jeden Preis.

Man sollte sich jedoch auch keine Illusionen machen. Jeder weiß es und mancher will es gar nicht so genau wissen: Fußball und Fernsehen sind über die Summen, die zwischen ihnen gedealt werden, aneinander gefesselt. 700 Millionen Mark fließen allein in diesem Jahr vom Fernsehen zu den Clubs. Drei Milliarden hat Leo Kirch in den nächsten Jahren für die Bundesligarechte bezahlt. Die will er wiederhaben, mit Profit dazu. Umgekehrt könnte die Bundesliga ohne diese Summen der Verwerter die horrenden Gehälter für die Stars nicht bezahlen. Dann hätte es sich nämlich ausgetanzt mit Amoroso und Santa Cruz, mit Oliver Neville und Oliver Kahn.

Deshalb hat Reiner Calmund, Leverkusens in jeder Hinsicht mächtiger Manager, wissen lassen, er sei höchst interessiert an einem funktionierenden Bezahlfernsehen - es sei nur zu teuer.

Da hat Premiere World gleich auf ihn gehört und die Preise ein wenig gesenkt. Auch Michael Pfad, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, hält es für gesicherte Erkenntnis, dass mittel- und langfristig nur das Bezahlfernsehen den Profifußball sichern könne. Die Werbefinanzierung über das sogenannte Free-TV ist seiner Ansicht nach ausgereizt, mehr sei wahrscheinlich nicht mehr rauszuholen.

Denn dieses Menetekel droht: Wenn das Kirch´sche Bezahlfernsehen scheitert, dann können einige Clubs der Liga gleich mal den Konkursverwalter einbestellen. Die Rückverlegung von ran verschafft den Planern zunächst etwas Luft. Man wird in den nächsten Monaten beobachten können, was den Strategen in der Kirch-Gruppe dazu einfällt, die Schafe doch noch in Leo Kirchs Koppel zu treiben. Soviel ist sicher: die Kommerzialisierung des Sports und des Zugangs zum Sport via Fernsehen wird immer neue Blüten treiben. Gut möglich, dass das ran-Debakel den Stimmen in der Fußball-Liga Auftrieb gibt, die die Übertragung und Verwertung der Spiele selbst ganz in die Hand nehmen, vielleicht sogar einen eigenen Fernseh-Sender gründen wollen. Es werden neue Techniken entwickelt werden, um künstliche Ereignisse rund um den Fußball zu schaffen. Die Kameras werden vielleicht nach Big Brother-Manier den Sportlern in die Kabinen folgen. Anstelle des Interviews am Spielfeldrand dann der Smalltalk unter der Dusche. Vielleicht bauen sie Ollie Kahn auch noch eine Minikamera in den Handschuh. Und wenn es sein muss, weil die Vermarktung es verlangt, werden sie auch noch den Ball eckig kriegen.

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00:00 24.08.2001

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