„Wir bräuchten mehr Regulierung“

Interview Sarah Lenz bezweifelt, dass ethische Banken den Kapitalismus besser machen

Klingt doch gut: „Frei von Tierversuchen“ oder „Frei von Atomenergie“. Immer mehr Bankkunden legen Wert auf eine ethisch korrekte und nachhaltige Geldanlage. Mit Umweltzerstörung, Kinderarbeit und Rüstungsgütern mag sich zwar mehr Gewinn machen lassen, doch ein schlechtes Gewissen ist die Folge. Ethische Banken wie die Triodos-, GLS- oder Ethik-Bank stoßen in diese Lücke. Doch was bedeutet dieser Erfolg für die ethische Geldanlage? Geht das überhaupt: ein ethischer Kapitalismus? Die Soziologin Sarah Lenz hat ethische Banken in Deutschland unter die Lupe genommen.

der Freitag: Frau Lenz, angesichts fast täglicher Meldungen über Geldwäsche und Marktmanipulationen fällt es schwer, zu glauben, dass Geldanlage auch ethisch korrekt sein kann. Wie sieht die Praxis ethischer im Unterschied zu konventionellen Banken aus?

Sarah Lenz: Ethische Banken zielen nicht nur auf ökonomische Profitmaximierung, sondern wollen auch soziale und ökologische Kriterien in ihre Bankenpraxis miteinbeziehen. Das macht auch ihren Geldbegriff aus. Geld ist aus ihrer Perspektive ein Mittel zur Finanzierung gesellschaftlicher Bedürfnisse, beispielsweise einer Schule, der Regionalwirtschaft oder von Bildung und Kultur. Sie werben damit, dass man sieht, was das Geld bewirkt hat; wo und wofür das Geld „arbeitet“. Eine Werbung eines ethischen Geldinstitutes macht diese Verbindung besonders deutlich: „Konto eröffnet, Kindergarten gebaut“.

Ist das das faire Geld, von dem die Ethik-Bank in ihrem Slogan „Berühr die Welt mit fairem Geld“ spricht?

Geld erhält bei den ethischen Geldinstituten eine moralische Fundierung und wird losgelöst vom reinen Gewinnstreben. Im Sinne dieser Banken: Geld kann etwas für die Gesellschaft tun, wenn Banken die regionalen Bedürfnisse ernst nehmen und sich nicht auf den undurchsichtigen, flexiblen Finanzmarkt einlassen.

Geht das überhaupt?

Durchaus. In ihrer Praxis greifen ethische Geldinstitute beispielsweise auf Ausschlusskriterien zurück. Man verzichtet darauf, in Firmen zu investieren, die etwa durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe den Klimawandel befördern oder Tierversuche unternehmen.

Welchen Stellenwert haben denn ethische Banken gegenwärtig?

In Deutschland ist ihr Marktanteil gering. Er beträgt nur rund 0,3 Prozent. Allerdings wächst dieser kleine Anteil sehr, sehr schnell. In den USA, Großbritannien und vor allem in den Niederlanden ist er viel größer – dort macht das sogenannte Socially Responsible Investment (SRI) 20 bis 30 Prozent am Gesamtanlagevolumen aus.

Wieso ist Deutschland hier Schlusslicht?

Dafür gibt es mehrere mögliche Ursachen. Eine ist etwa, dass in Deutschland die umlagefinanzierte Rente eine größere Bedeutung hat als in anderen Ländern. Das reduziert die Möglichkeiten für ethische Geldanlagefonds. In Großbritannien etwa gibt es Vorgaben für staatliche Pensionsfonds, ihre Investments offenzulegen und einen gewissen Anteil an ethischen Anlagen in ihre Fonds zu nehmen.

Zur Person

Sarah Lenz , 34, ist seit März 2018 Oberassistentin am Seminar für Soziologie der Universität Basel und ab September Teil der DFG-KollegforscherInnengruppe „Zukünfte der Nachhaltigkeit“ in Hamburg. Nach ihrem Soziologie- und Germanistik-Studium in Trier und Wien promovierte sie 2017 am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ihr Buch Ethische Geldinstitute. Normative Orientierungen und Kritik im Bankenwesen beruht auf ihrem Dissertationsthema

Ethische Banken sind kein neues Phänomen.

Nein, moralisch grundierte Geldgeschäfte gab es schon im 17. Jahrhundert. Religiöse Gruppen wie die Quäker in den USA oder die Methodisten in Großbritannien schlossen Finanzierungen aus, die im Zusammenhang mit Tabak, Sklavenhandel oder Glücksspiel standen. In den 1970er Jahren entwickelte sich dann in den USA mit der Apartheid-Kritik die ethisch fundierte Bankenpraxis. „Kein Geld für Rüstung und Apartheid“ lautete die Devise jener, die mit ihrem Geld nicht das Geschäft von US-Banken mit Pretoria unterstützen wollten. In diesem Kontext bekam ethisches Investment ein politisch-aktivistisches Element.

Sie haben auch mit ethischen Bankern gesprochen, die zuvor bei herkömmlichen Banken gearbeitet haben. Einer sagte Ihnen, dort gehe es nur um „Rendite, Rendite und noch mehr Rendite“.

Auf der einen Seite führt der Renditedruck dazu, dass sich die Banker weniger selbst verwirklichen können und diesen Renditedruck als externe Anforderung wahrnehmen, die sie in ihrer Handlungsfähigkeit beschränkt. Dadurch wird das Professionsethos des „ehrlichen Kaufmanns“, mit dem sich viele Banker im Kreditgeschäft weiterhin gut identifizieren können, unmöglich.

Woher kommt die steigende Beliebtheit von nachhaltigen oder ethischen Banken?

Ein Grund ist auf jeden Fall die globale Finanzkrise ab 2007, in der die negativen Auswirkungen von Derivaten oder spekulativen Finanzinstrumenten auf die Gesellschaft offensichtlich wurden. Ein weiterer Faktor ist die stärker werdende Nachhaltigkeitsorientierung in weiten Teilen der Bevölkerung. Und ein dritter Grund für die Beliebtheit ethischer Banken ist: Nachhaltigen Anlagen wird höhere Sicherheit zugeschrieben.

Ein Vorstandsvorsitzender einer ethischen Bank sagt sogar: „Das klassische Bankgeschäft, wie wir es heute kennen, wird es in naher Zukunft nicht mehr geben.“ Teilen Sie diese Einschätzung?

Ja und nein. Ja, weil ethische Banken eine Kritik am konventionellen Bankgeschäft artikulieren, mit der ein Großteil der Bevölkerung vermutlich einverstanden ist. Und das färbt durchaus auf die Praxis konventioneller Banken ab. Nein, weil das Investmentbanking und die Devisen- oder Nahrungsmittelspekulation dennoch wesentlicher Bestandteil der globalen Finanzmärkte bleiben werden.

Also reicht ethisches Investment nicht aus?

Nein, die passive Strategie des Ausschlusses bestimmter Praktiken auf den Finanzmärkten ändert an den globalen Strukturen nichts. Statt einer Politik der sauberen Hände bräuchte es eine stärkere politische Regulierung – sowohl der ethischen als auch der konventionellen Institute.

Regulierung lehnen auch ethische Bankerinnen und Banker ab, wie Sie in Ihren Studien herausgefunden haben. Warum?

Das legt zumindest ein Teil meiner Gesprächspartner nahe. Das Argument lautet: „Wir machen das doch schon. Warum wollt ihr uns denn jetzt noch etwas auferlegen, das uns das Leben schwerer macht?“ Oder: „Wir sind nicht die Schlechten.“ Aus dieser Perspektive bedarf es einer ethischen Erneuerung aus dem Bankenwesen selbst heraus. Ähnliches verbirgt sich auch hinter dem sogenannten Kulturwandel der Deutschen Bank.

Sie sprechen in Ihrem Buch von den Paradoxien der Ethisierung. Was ist damit gemeint?

Das grundlegende Problem der ethischen Banken ist folgendes: Wenn immer mehr Menschen ihnen ihr Geld anvertrauen, müssen sie dieses auch investieren. Das heißt, sie müssen neue Investitionsmöglichkeiten finden. Und weil man nicht nur die kleinen Biohöfe finanzieren kann, führt dies zu einer gewissen Konventionalisierung. So viele gibt es nicht. Letztlich werden durch die ökonomische Expansion die ursprünglichen normativen Kriterien ein Stück weit aufgeweicht.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

In einem Wald sollten mit Krediten eines ethischen Instituts Windkraftanlagen errichtet werden. Doch das bedeutete die Vernichtung des Lebensraums für Wildkatzen und Fledermäuse. Ein moralisches Dilemma: Haushalte mit regenerativem Strom versorgen versus den Lebensraum von Tieren erhalten. Mit zunehmendem Wachstum geraten diese Banken häufig in solche Entscheidungsdilemmata. Hier müssen nicht nur ökonomische gegen ökologische Kriterien abgewogen werden; es müssen auch Rechtfertigungen innerhalb ökologischer Optionen gefunden werden, die aber wirtschaftlich tragfähig sind. Hier zeigt sich eine Tendenz zur ökonomischen Rentabilität.

Und? Wie entschied sich die Bank?

Sie gab den Kredit, die Windkraftanlagen wurden gebaut. Versorgung mit Ökostrom sei wichtiger als der Erhalt des Lebensraums, lautete das Argument.

Es gibt aber noch weitere Paradoxien.

Eine andere ist, dass sich durch die vermehrte Aufmerksamkeit für ethische Geldanlagen die Kundenklientel wandelt. Vermehrt konventionell orientierte Kunden eröffnen bei den ethischen Banken ein Konto. Die Folge: Die nachhaltigen Geldhäuser müssen für diese Nachfrage ein entsprechendes Angebot schaffen. Während die ursprüngliche Klientel durchaus bereit war, zu verzichten, fordern diese neuen Kunden eine – zwar nicht übertrieben hohe – Rendite ein. Diesen Ansprüchen müssen die Banken heute gerecht werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Hinzu kommt, dass ethische Banken zusehends mit konventionellen Privatbanken um ethische Anlageprojekte konkurrieren. Diese sind ihnen aber finanziell überlegen. Das Paradox besteht allgemein darin: Einerseits wird die nachhaltige, sozial-ökologische Orientierung im Bankgeschäft gefördert. Gerade aber diese Förderung führt dazu, dass die ethischen Kriterien aufgeweicht werden.

Das heißt, ethische Banken machen den Kapitalismus also nicht besser?

Da bin ich mir nicht sicher. Sie machen auf Missstände aufmerksam und sie sensibilisieren für einen nachhaltigeren Umgang mit Gesellschaften und der sie umgebenden Umwelt. Ob das nun den Kapitalismus besser macht? Ich bezweifle es. Ich denke nicht, dass es einen besseren oder einen schlechteren Kapitalismus gibt. Sondern es gibt Strukturen, die bestimmte Handlungsmöglichkeiten nahelegen. Hervorzuheben ist aber, dass ethischen Banken eine Vorbildfunktion zukommt. Ich bin davon überzeugt, dass schädliche Handlungsweisen auch dadurch reduziert werden können, dass keine finanziellen Anreizsysteme vergeben werden, zum Beispiel Boni. Diese üben einen enormen Leistungsdruck auf Banker aus und können verheerende Auswirkungen auf Gesellschaften haben.

06:00 15.10.2019
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