Wir Buddenbrooks

Im Kino Ein Film für die ganze Familie, der leider nicht funktioniert. Heinrich Breloer hat nicht nur Thomas Manns Ironie nicht in Bilder übersetzen können

Weihnachten, das Fest der Familie, Gelegenheit für jeden, seinen eigenen Familienroman zu besichtigen. Diesmal wird alles anders, sagt man sich, die heiklen Themen wird man umschiffen und sich an dem erfreuen, was man miteinander hat. Aber dann: jede Äußerung der Eltern ein Echo früherer Erziehungsbestrebungen, und man selbst redet schon, als sei man ihr Altenpfleger. Gereiztheit als Grundzustand.

Dieses Jahr werden Tausende deutsche Familien sich wenigstens auf einen Kinofilm einigen können, wenn zuhause die Luft zu dick zu werden droht: Buddenbrooks von Heinrich Breloer nach Thomas Mann, da kann nichts schiefgehen. Die bürgerliche Epoche, als die Menschen die gleichen Familienprobleme hatten wie wir, aber nicht so viel darüber sprachen, und zum Trost war man wenigstens reich. Es gab noch keine Globalisierung und die deutschen Tugenden hatten nicht dem Faschismus in die Hände gespielt. Außerdem der Film zur Krise, die gab es früher auch, und es ging trotzdem immer weiter, so etwas will man doch hören. Die Lübecker Bürger sind der Mittelstand, von dem heutige Politiker in Talkshows phantasieren: Jeder Unternehmer schon von der Statur her ein Monument seiner protestantischen Opferbereitschaft für Familie, Firma und Gesellschaft. Identität von Wohn- und Geschäftshaus. Der Chef und seine Belegschaft, für die er sorgt wie ein Vater. Lust am ehrlichen Geschäft, das einen nachts noch schlafen lässt. Persönliche Glücksansprüche haben hier allerdings keinen Platz. Das müssen die Töchter einsehen, wenn auf sie eine vom Adel übernommene Heiratspolitik angewendet wird: "Eine Heirat mit einem Kaufmann ist für dich der vorgeschriebene Weg." Dumm nur, wenn die Rechnung nicht aufgeht, wenn alles richtig gemacht wurde, und der Verfall trotzdem nicht aufzuhalten ist.

Regelmäßig wird im Feuilleton die Wiederauferstehung des Familienromans gefeiert, und sobald ein deutscher Autor epischen Ehrgeiz erkennen lässt, wird er als neuer Thomas Mann ausgerufen. Dabei war der Familienroman nie passé. Fernsehserien wie Das Erbe der Guldenburgs haben von der Faszination des Dynastischen profitiert. Wenn man irgendetwas von Amerika verstanden hat, dann durch die tüchtigen Waltons. Wenn man sehen will, wie komplementär Brüder geraten können, dann in Dallas. Die Sopranos sind eigentlich Buddenbrooks II, hier wie dort kann man beispielhaft die Innen- und Außenpolitik konkurrierender Familien studieren. In Der Pate sagt Al Pacino zu seiner Braut: "Das ist meine Familie, das bin nicht ich." Er wird einsehen müssen, dass Blut dicker ist als Wasser, die Firma übernehmen, der Familie vorstehen, die Liebe seiner Frau verlieren und zusehends versteinern. Das ist das Schicksal der Männer, die die Macht nicht scheuen, sie werden immer trauriger. Aber man hat keine Wahl, wir sind nur Glieder in einer Kette, die Stellung, die wir von unseren Vätern erben ist eine Bürde. Die ganze DDR war Buddenbrooks. Was die Gründerväter dem Feind abgetrotzt hatten, wurde von uns leichtfertig verschleudert, deshalb konnten die Herrschenden nicht abtreten, sie hatten in ihren Augen keine mündigen Nachfolger. Schon die Kinder der Funktionäre waren ja mißraten, das wusste jeder.

Eigenartig, wie tief wir diese Denkweise verinnerlicht haben: Die Erben können immer nur eine verweichlichte Version der Väter sein. Biologisch gibt es seit Adam einen stetigen Niedergang. Vor den Vätern sterben die Söhne. Nur noch Neurastheniker und Bummelanten. Bis schließlich durch die Heirat mit einer Violinistin der Stammbaum in einem hochmusikalischen, aber fortpflanzungsunwilligen Spross versandet. Kunst und Musik sind bei Thomas Mann natürlich nie gesund. Genie braucht tödliche Ansteckung. Heute heiratet der deutsche Unternehmer ja Frauen aus seinem osteuropäischen Geschäftsbereich. Man würde gerne wissen, zu welchen Familiendramen solche Mésalliancen führen.

Die Verfilmung der Familie Mann war Heinrich Breloer respektabel gelungen. Seltsam, wie wenig dagegen Buddenbrooks funktioniert. 150 Minuten, in denen nur fortwährend gestorben wird. Von Thomas Manns Ironie ist kaum etwas zu ahnen. Das Erotische seiner Formulierungskunst, die immer etwas umständlich daherkommt, dann aber um so genauer ist. Sätze, die man auswendig lernen möchte, so ein Kribbeln erzeugen sie. Das geht, in Bilder übersetzt, verloren. "Thomas, durch Krankheit daran gewöhnt, die Kundgebungen seiner Nerven zu beobachten", heißt es im Buch. "Die Kundgebungen seiner Nerven" - dieser Autor lebt von seiner subtilen Gestelztheit, die er schon in jeder Namensschöpfung praktiziert. Immer ein wenig übertrieben, das Satirische streifend, aber dann doch eine ganze Physiognomie mitschwingen lassend. Wir wissen, wer Aline Puvogel ist, wir müssen nur ihren Namen hören.

An den Schauspielern liegt es nicht, auch wenn man sie schon zu oft gesehen hat, um ihnen wirklich zu glauben. August Diehl zeigt, wie das lässig Hypochondrische seines Christian Buddenbrook im Alter zum Tick wird. Aber: "an der ganzen linken Seite sind alle Nerven zu kurz bei mir", Christians leitmotivische Formulierung, warum verzichtet das Drehbuch ohne Not darauf? Jessica Schwarz hat als Tony Budenbrook etwas Erfrischendes. Aber sieht man bei ihr "diesen kalten und musternden Blick, mit dem junge Mädchen fremde junge Herren messen, und dessen Ausdruck jeden Augenblick bereit scheint, in Verachtung überzugehen"? Nein, es kann ihn auch nur in der Phantasie eines Lesers solcher Zeilen geben.

Der Film hat es natürlich auch nicht leicht. Für den informierten Zuschauer wird er zum Ratespiel: Stand das so im Buch? Unverständlich, wie die Morten-Schwarzkopf-Episode, die Tonys Pflichtheirat mit Bendix Grünlich vorausgeht, zu einer Traumschiff-Romanze aufgeblasen wird. Ostseebrandung und Gewitter, der sportliche Morten, der sich vor Tonys Augen in die Wellen stürzt. Im Buch steht, dass er sie schließlich "langsam und umständlich" küsst: "Dann sahen sie nach verschiedenen Richtungen in den Sand und schämten sich über die Maße." Kapitelende! Im Film schämt sich höchstens der Zuschauer, weil alles explizit gemacht wird. Für das Buch wirksam war die Geschichte doch, weil Tony ausgerechnet Mortens pathetische Worte über die Freiheit in sich aufbewahrt, "ein geheimer Schatz, den sie würde betrachten können, wann sie wollte." Wie geschickt die Worte des Ferienfreunds ein Leben lang in Tonys Aussagen eingeflochten werden, wodurch der Leser zum Vertrauten ihrer geheimen Gedanken wird, das gehört zum Berührendsten, was es in der deutschen Literatur gibt.

Der Niedergang kommt schicksalhaft, wie ein Naturereignis, er ist schon da, wenn die Familie noch auf ihrem Höhepunkt scheint. Ein Heiratsschwindler, ein Spekulationsgeschäft, verweichlichte Erben und eine aufstrebende Konkurrenzfamilie, der "alles Altmodische fremd war", genügen, damit am Ende sogar die Budenbrook´sche Residenz an die Hagenströms verkauft werden muss. Das waren noch Zeiten, denkt man, heute greifen anonyme Investoren aus dem Ausland zu. Im Globalisierungsdiskurs sind wir die Buddenbrooks, und der Rest der Welt läuft uns den Rang ab.

Jochen Schmidt ist Schriftsteller in Berlin. 1999 erhielt er den Open-Mike-Literaturpreis der dortigen Literaturwerkstatt. Im selben Jahr gründete er die Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten" mit. Sein erfolgreichstes Buch ist Meine wichtigsten Körperfunktionen (C.H.Beck). Zuletzt erschien von ihm Schmidt liest Proust (Voland).

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00:00 26.12.2008

Ausgabe 39/2020

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