Wir haben es vermasselt

Bizarres Bewusstsein Thomas Barfuss´ Studien über den Zusammenhang von Produktions- und Lebensweisen im 20. Jahrhundert halten dem neuen Menschen des Neoliberalismus den Spiegel vor und fragen nach den Bedingungen einer emanzipatorischen Politik des Kulturellen

Von Antonio Gramsci kann man lernen, dass es darauf ankommt, die eigene Weltauffassung bewusst und kritisch auszuarbeiten. Nur indem man die "bizarre Weise", in der die eigene Persönlichkeit zusammengesetzt ist, überwindet, so der italienische Philosoph, wird man fähig, "an der Hervorbringung der Weltgeschichte aktiv teilzunehmen". Der Gegensatz zum herrschenden Konformismus ist nicht die individuell-vereinzelte Position, sondern die Ausbildung eines alternativen Konformismus, eines "way of life", der verallgemeinerbar wäre, indem er tatsächlich für alle gilt.

Der Schweizer Kulturwissenschaftler Thomas Barfuss, Mitarbeiter des Berliner Instituts für Kritische Theorie (InkriT), knüpft mit den Begriffen "Konformität" und "bizarres Bewusstsein" an Gramscis Problemstellung an: Wie gelingt es, sich so zu modeln, dass man den Anforderungen einer spezifischen Arbeits- und Lebensweise genügt? Wo sich in der viel beschworenen "kulturellen Wende" der Geisteswissenschaften Wirklichkeit zumeist nur noch in Texte auflöst, ist seine Studie das seltene Beispiel einer Kulturwissenschaft, die mit der Wirklichkeit Ernst macht und den Zusammenhängen von Produktions- und Lebensweise nachgeht.

Das Instrumentarium, mit dem Barfuss die Konformitätsmuster des Fordismus, die Physiognomien des Spießers und Prozesse von Entspießerung und Neuanpassung analysiert, ist unverzichtbar, um in der schönen neuen Welt, die nur noch Unternehmer kennt, kritische Orientierung zu gewinnen. Der neue Mensch des Neoliberalismus, dessen Propagandisten die Frontstellung gegen die alte Konformität mit dem Ende von Konformität schlechthin verwechseln - die Ich-AG ist ihr paradigmatischer Begriff -, erweist sich in der Perspektive dieses Buches als umkämpfter Typus: Welche Stabilisierung und relative Verallgemeinerung des neuen Typus sich durchsetzen wird, ist eine offene Frage.

Marx´ Begriff der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit führt nicht nur auf einen bloß ökonomischen Zusammenhang, sondern auch einen kulturellen: Wie werden seit dem Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft bestimmte Mentalitäten und Haltungen zu normalen gemacht? Im Folgenden erzählt Barfuss nun allerdings nicht noch einmal Foucault nach, der die Diagnose stetig zunehmender Konformisierung mit der nietzscheanischen Attitüde des herrischen Konformitätsverächters beantwortet hat. Nützlicher scheint ihm Gramscis Fordismus-Analyse, der sich auch für die kulturellen Formen interessiert, in die sich die Zwänge der neuen Arbeitsmethode einschreiben: Alkoholverbot, Monogamie, Kleinfamilie oder rationales Konsumverhalten.

Der amerikanische Romancier Sinclair Lewis hat mit dem Roman Babbitt (1922) - einem stets optimistischen Geschäftsmann, der zum Inbegriff der engstirnigen Selbstgefälligkeit einer erfolgreichen Mittelklasse wurde - den neuen Typus literarisch modelliert. Gramsci selbst notierte als eine wichtige kulturelle Tatsache, dass es in Amerika eine realistische Strömung gibt, die als Kritik der Lebensgewohnheiten ansetzt. Wenn die Europäer in Babbitt nur den typischen Vertreter amerikanischer Beschränktheit und Kulturlosigkeit wahrnehmen können, der die Zivilisation am Geschäftsgang misst, so ist dieses Pochen auf Kultiviertheit vor allem das Symptom einer Verdrängung, die nicht wahrhaben will, dass gerade die unfeierlich daherkommende kapitalistisch-industrielle Welt die Verknöcherung der eigenen Orientierungen ans Licht bringt.

Der antiamerikanisch-bildungsbürgerliche Spießer lieferte dem deutschen Faschismus die Verklärung als antikapitalistische Revolution; in Wirklichkeit wurde eine forcierte Rationalisierung der Produktionsmethoden betrieben, die als nachholender Fordismus beschrieben werden konnte. Daher die "Spießerdämmerung", die sich seit Ende der zwanziger Jahre beobachten lässt. Der Professor Unrat aus Heinrich Manns Roman, der in der Heimlichkeit seines Studierzimmers gegen die Arbeiter wütet und dort zugleich der Literatur frönt, die ihm Ersatz bietet für seine gesellschaftliche und politische Unmündigkeit, hat als Konformitätsmuster ausgedient. Der neue Menschentyp, der im Zeichen gesellschaftlicher Effizienz, Transparenz und Normalität auftritt und der an der Front so funktional sein soll wie in der Produktion am Fließband, ist freilich eine instabile Konstruktion. Der Volksgenosse braucht den anderen wie der Täter das Opfer: Das Joch verschärfter Ausbeutung wird allein im Hass aufs antisemitisch gepolte Gegenvolk erträglich.

In der Verbindung von Materialanalyse und theoretischer Verallgemeinerung sind Barfuss´ Studien vorbildlich. So fällt etwa auf Max Frisch - erst Architekt, dann Schriftsteller - ein ganz neues Licht, wenn man ihn unterm Gesichtspunkt der Konstituierung fordistischer Konformität liest, die einhergeht mit dem Versuch der Entspießerung der eigenen Persönlichkeit zum kritischen Intellektuellen. Da die Ausweitung dieses Versuchs zu einer gesellschaftlichen Erneuerung in der Schweiz misslingt - die Vorstöße auf dem Gebiet des Städtebaus Mitte der fünfziger Jahre werden von den zeitgemäßen Spießern als "böse Verwechslung australischer Wüsten mit schweizerischem Siedlungsraum" angeprangert, wird auch die eigene Rolle umdefiniert: Der gescheiterte organische Intellektuelle ist zum Nonkonformisten geworden. Es gehört nicht zum geringsten Verdienst dieser Studie, dass der Nonkonformist als die Figur eines Scheiterns hervortritt, als Reaktionsbildung auf das Misslingen dessen, worauf es eigentlich ankäme: Eine neue Kultur zu schaffen, die nicht nur, wie Gramsci sagt, "Erbhof kleiner Intellektuellengruppen bleibt", sondern eine Masse von Menschen dahin bringt, "die reale Gegenwart kohärent und auf einheitliche Weise zu denken".

Eine der Formen, Kohärenz herzustellen und sich so in den Widersprüchen handlungsfähig zu machen, wird am Beispiel des Bürger/Hippie-Gegensatzes der fünfziger/sechziger Jahre analysiert. Barfuss´ These ist, dass dieser Gegensatz die Integration in den Nachkriegsfordismus nicht nur nicht gefährdet, sondern gesichert hat: Es seien komplementär angelegte Formen der Eingliederung, die es den Subjekten erst ermöglichen, die fordistische Nachkriegsordnung unter den Bedingungen von Ungleichheit und Ungleichzeitigkeit lebbar zu machen. Der Generationenkonflikt erscheint so als Vehikel der Eingliederung in antagonistischer Form, ohne den fordistischen Hegemonieapparat insgesamt in Frage zu stellen: One is hip or one is square - solch pauschale Ablösung von bürgerlicher Konformität blieb dieser verbunden und war nicht fähig, eine eigene, verallgemeinerbare Produktions- und Lebensweise zu entwickeln. "Wir haben´s vermasselt", sagt Wyatt am Ende des legendären Films Easy Rider.

Seit Mitte der siebziger Jahre indes verliert dieser Antagonismus als Integrationsform an organisierender Kraft. Der Gegensatz Rebellen/Angepasste zersetzte sich auf der Basis einer mikroelektronischen Produktionsweise, die den Unternehmer als Tabubrecher ins Bild brachte und auf die eine eilfertige Postmoderne das Loblied der Differenz und Heterogenität anstimmte. Das damit einhergehende Aufbrechen partikularistischer Gegenidentitäten wegen des Fehlens verallgemeinerbarer Lebensperspektiven wurde dabei gerne übersehen. Wenn die Ästhetik des Video-Clips mit ihren schnellen Schnittfolgen das bizarre Nebeneinander zum Ausdruck eines fortgeschrittenen Bewusstseins schlechthin erhebt, so stellt sich die Frage, ob das "bizarre Bewusstsein" nicht längst zum Normalzustand geworden ist, dessen Integration im Hinblick auf die Herstellung von Handlungsfähigkeit nur mehr um den Preis neuer Formen von Bizarrerie gelingen kann. "Kohärenz" wäre dann nichts anderes als der je aktuelle Zustand einer Integration von Widersprüchen, die vom Standpunkt fortgeschrittenerer Vergesellschaftung wiederum als "bizarre" verworfen werden. Was daher Fortschritt ist, diese Frage stellt sich um so dringender und mit ihr die Notwendigkeit einer Politik des Kulturellen, "die auf neue, nicht einheitliche, aber verallgemeinerungsfähige Artikulierungen zwischen dem Lokalen und dem Globalen ... abzielt".

Thomas Barfuss: Konformität und bizarres Bewusstsein. Zur Verallgemeinerung und Veraltung von Lebensweisen in der Kultur des 20. Jahrhunderts, Argument, Hamburg 2002, 238 S., 20, 50 EUR


00:00 03.09.2004

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