Wir von der Kiffer-Clique

Sucht Cannabis ist für die meisten Menschen harmlos - für manche nicht. Geschichte einer Sucht

Etwa 1,6 Millionen Menschen kiffen in der Bundesrepublik, die Tendenz ist steigend. Nach Alkohol und Tabak ist Cannabis damit zur Droge Nummer drei aufgestiegen. Die überwiegende Mehrheit der Konsumenten hat mit Cannabis keine Probleme - wie bei Alkohol auch. Fünf bis zehn Prozent der Kiffer aber entgleitet der Konsum, sie werden abhängig. Die Zahl der Kiffer, die bei Beratungsstellen um Hilfe nachsuchen, hat sich in den vergangenen Jahren nahezu verdoppelt. Besonders gefährdet sind nach Einschätzung von Experten Jugendliche, die mit Hilfe der Droge den anstehenden Lebensaufgaben wie Lernen, Beruf, Freundschaften und erster Liebe ausweichen. Die seelische Entwicklung kommt zum Stillstand.

Am meisten bereut er, dass er soviel Zeit verplempert hat. Holger ist jetzt 25 Jahre alt. "Ich habe nicht mal eine Erinnerung daran. Wenn man dicht war, erinnert man sich an nichts." Mit 15 fängt es an. Es sind mal vier, mal fünf Jungen. Sie treffen sich nachmittags im Park und rauchen einen Joint. Schon bald gibt es für sie nur noch das eine Thema. "Wehe, wir hatten nichts zum Kiffen! Dann sank die Stimmung sofort auf den Nullpunkt." Holger lebt zu der Zeit nur eine Stunde von der Grenze nach Holland entfernt. Dorthin macht seine Clique regelmäßig Butterfahrten, um den Stoff zu organisieren. "50 Omis im Bus und wir von der Kifferclique. Ich habe schon damals täglich geraucht." Auch in der Schule rauchen sie. Für die Pausen verstecken sie Wasserpfeifen im Gebüsch. In der Pause muss dann nur die Mischung in den Topf, sie rauchen schnell und dann geht es wieder ab in die Klasse.

Neun Jahre lang hat er gekifft. "Da hat sich dann so eine Art Parallelwelt gebildet." Einmal die Welt, in der er in die Schule geht, Basketball spielt und am Wochenende zu seiner Oma fährt. Und dann gibt es die Welt, in der er nur kiffend zu Hause sitzt, mit Freunden Playstation spielt. "Es war so eine Art Traumwelt. In der haben wir uns abgedichtet. Kollektiv. Wir haben oft sogar Speed genommen, um nicht so schnell müde zu werden. Dann konnten wir noch mehr kiffen." Abends fährt er zu einem Freund, kifft "wie bekloppt", fährt zum Schlafen nach Hause, und geht morgens wieder zur Schule. Jeden Tag. "Ich fand keine Freundin. Alle um mich herum machten so ihre ersten Erfahrungen, ich blieb solo." Es gibt keine Mädchen in der Gruppe. Und Drogen sind für Holger wichtiger als Mädchen. "Nur einmal hatte ich eine Freundin, anderthalb Jahre lang. Aber wenn ich bei ihr war, habe ich auch nur geraucht. Es musste immer Stoff da sein." Um vor dem Schlafengehen noch eine zu rauchen. Um vor Besuchen bei Freunden, noch zu rauchen. "Du musst immer was in der Tasche dabei haben. Das war wie ein Zwang."

Seine Eltern sind nur mit sich selbst beschäftigt. Sie trennen sich, als er 17 ist. Wenn sie was sagen, schaltet er auf Durchzug. "Sie haben mir mal 40 Gramm weggenommen, als ich 15 war. Als sie dann am Wochenende weg waren, bin ich in ihr Schlafzimmer eingebrochen und habe mir das Zeug wiedergeholt." Seine Eltern sind Achtundsechziger und sehr links. Sie rauchen auch, aber nicht regelmäßig. "Sie sind auch nicht gleich ausgeflippt, als sie meine Kifferei bemerkten. Sie haben schon versucht, mit mir zu reden. Aber auch nicht viel. Weil ich mich nie an unsere Absprachen hielt." Er fühlt sich sehr einsam, allein gelassen von den Eltern. "Mein Vater und meine Mutter waren ja nie da." Der Vater hat eine eigene Firma, die Mutter ist Lehrerin. Vor vier Uhr kommt niemand nach Hause. "Die waren so antiautoritär, dass es eigentlich keine Grenzen gab. Das habe ich sehr vermisst."

Einmal, er ist gerade 17, kifft er morgens, noch vor der Schule. "Ich dachte, mein Vater wäre schon zur Arbeit, war er aber nicht. Als ich aus dem stinkenden Zimmer kam, stand er im Flur, sah mich, roch den Haschischrauch und sagte nur: Musstest du denn schon wieder kiffen? Ich bin einfach an ihm vorbeigelaufen und dann zur Schule." Abends spricht sein Vater das Thema nicht wieder an. Auch nicht am nächsten Tag. Überhaupt nie wieder. "Dabei hätte ich mir gewünscht, dass er etwas sagt wie: Du fliegst hier raus, wenn du so weiter rauchst."

In der Schule läuft es anders. Die Lehrer merken irgendwann, dass er immer völlig dicht im Unterricht sitzt. "Die haben mir gleich die Pistole auf die Brust gesetzt: Wenn Du noch einmal so zugekifft hier erscheinst, fliegst Du." Er kommt nie wieder bekifft in die Schule. Aber trotzdem geht es mit den Leistungen für ihn bergab. Die Noten werden schlechter. "Ich hatte keinen Ehrgeiz mehr. Ich habe keine Hausaufgaben mehr gemacht. Nichts mehr gelernt." Er wird von einem guten zu einem miserablen Schüler. "Im Grunde ist es ein Wunder, dass ich das Abitur auf diese Weise überhaupt geschafft habe. Im Abi hatte ich einen Notendurchschnitt von 3,2 - immerhin!"

Holger ist der Einzige aus seiner Clique, der das Abitur überhaupt erreicht. Nach der Schule will er mit denen nichts mehr zu tun haben. Neue Freunde findet er nicht. Er fängt an, alleine zu kiffen. Das Politologie-Studium läuft an ihm vorbei. "Das ganze Leben spielte sich im Rausch ab." Schon mit 17 ist ihm klar, dass er süchtig nach Cannabis ist und dass er damit aufhören will. Aber wie? Er nimmt sich vor, nur noch am Wochenende zu rauchen. Das geht für ein oder zwei Tage gut. Und dann ist alles wieder beim Alten. Er fährt mit seiner Freundin für zwei Wochen in den Urlaub. Zwei Wochen ohne Droge! Er ist kaum zurück, vielleicht einen halben Tag, da fährt er schon wieder zu seinem Dealer und deckt sich ein. "Ich habe bestimmt 50 Mal auf diese Weise ganz alleine einen Entzug gemacht und immer gehofft, dass ich danach clean bin. Geklappt hat es nie."

Schließlich geht er zu einer Uni-Psychologin. "Die war total überfordert mit dem Thema Cannabis-Abhängigkeit. Was mich eigentlich ziemlich überrascht hat. Bei 50.000 Studenten muss so etwas doch öfter vorkommen." Sie gibt Holger die Adresse einer Einrichtung, die nur mit Heroinabhängigen arbeitet. Dort schicken sie ihn zum Drogennotdienst, einer der Mitarbeiter hat eine Idee, wo Holger richtig sein könnte. So ist er zu seiner Therapie gekommen, in einer Einrichtung nur für Cannabis-Abhängige. "Seit ich hier bin, geht es mir besser. Weil ich mich endlich den Problemen stelle, die ich sonst nur weggekifft habe. Aber aufhören ist nicht so einfach. Es gibt Tage, an denen ich regelrecht danach schmachte, mich wieder in meinem Kifferuniversum abzudichten."

Mit Hilfe der Therapie geht auf einmal alles sehr schnell. "Ich war nicht mehr alleine mit meinen Problemen. Das war sicherlich der entscheidende Punkt." Schon nach einem Monat merkt Holger, dass er es schaffen kann. Der Therapeut hat ihm klar gesagt, dass er nicht mit ihm arbeiten könne, wenn er weiter rauche. "Über was hätte er auch mit mir reden sollen?" Er hat große Angst, die Therapie zu verlieren, und so versucht er es. Es klappt auf Anhieb! "Ich konnte ohne das ständige Kiffen auskommen - das war eine wunderbare Erfahrung. Man erschrickt ja regelrecht vor sich selbst, wenn man sieht, dass man nicht ohne die Droge leben kann. ›Was bist du doch für ein Versager, dass du das nicht schaffst‹ - so etwas habe ich oft über mich gedacht."

Nachdem er es fertig gebracht hat, nicht mehr unentwegt zu rauchen, kommt die Zeit der Rückfälle. Für einen süchtigen Kiffer ist es ein riesiger Fortschritt, wenn er nur noch alle paar Wochen oder Monate wieder raucht. Für die Therapeuten sind Rückfälle normal und eher eine gute Gelegenheit zu sehen, wo die Ursachen der Sucht liegen. "Man schaut sich den Auslöser eines Rückfalls genau an und erkennt dann die eigenen Handlungsmuster. Bei mir ist es immer wieder die Angst vor dem Versagen. Ich habe große Angst, einer Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Und dann kneife ich halt lieber und weiche aus - in die Droge." Ist ja auch sehr bequem. Lernen ist anstrengend. Ein Referat zu halten ist anstrengend und fürchterlich aufregend.

Beim letzten Rückfall musste Holger mittwochs ein Referat halten, und am Freitag zuvor hatte er noch nichts dafür getan. "Freitagabend dachte ich nur noch ›Scheiss was drauf‹, bin zu meinem Dealer gefahren und habe das ganze Wochenende durchgekifft." Am Sonntagabend, als nichts mehr zu kiffen übrig ist, ist das Referat natürlich immer noch nicht geschrieben. Er hat nun noch weniger Zeit. "Früher habe ich in so einem Fall einfach beim Dozenten angerufen, mich entschuldigt und gar nichts mehr gemacht. Das hat auch immer geklappt. Diesmal habe ich mich nicht krankgemeldet, sondern das Referat so gut geschrieben, wie es eben in zwei Tagen geht." Den anderen Studenten gefällt sein Referat - aber er selber findet sich ziemlich schlecht. Er weiß ja, wie wenig er sich vorbereitet hat.

In der Therapie gefallen ihm vor allem die Gruppensitzungen. "Da sitzen dann lauter ehemalige Kiffer - man sieht sich selber nicht mehr als einzigartigen Fall und als unheilbar an." Andere in der Gruppe mussten für Monate in eine Klinik, um von dem Stoff wegzukommen. "Ich sehe die Gruppe auch als eine Art Experimentierfeld, um wieder soziale Fähigkeiten zu bekommen. Wir lernen regelrecht aufs Neue, uns zu unterhalten." Erst jetzt hat Holger auch wieder mit Leuten zu tun, die nicht täglich rauchen. Aber Kiffen gehört längst zum guten Ton. "Da raucht ja wirklich jeder mal am Wochenende. Das ist für mich gar nicht so einfach." Wenn er auf einer Party ist und vielleicht zwei Bierchen getrunken hat, wenn dann neben ihm jemand steht und raucht, dann wird es schwierig. "Ich muss es nur riechen. Oder darüber sprechen, schon kriege ich wieder Lust drauf."

Bundesweit führend in der Therapie von Cannabis-Abhängigen ist der "Therapieladen" in Berlin, Potsdamer Straße 131, 10783 Berlin, Tel.: 030 - 21 75 17 41


E-Mail: therapieladen-berlin@t-online.de

00:00 28.02.2003

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