"Wir wollen das ganze Brot!"

Spanien Die Jungen in Spanien haben die Schnauze voll – von Arbeitslosigkeit, sozialer Ungerechtigkeit, unfähigen Politikern. Massenhaft belagern sie die großen Plätze der Städte

Barcelona. Auf der Plaça Catalunya, im Herzen der katalanischen Metropole, steht Jaume zwischen einem Dutzend Zeichnungen von abgeschnittenen Köpfen der wichtigsten Politiker des Landes und des Königs. "Hier sollte man kürzen", steht darunter geschrieben. Jaume trägt das Trikot des Fußballers Messi, er ist 29 Jahre alt, Diplom-Ingenieur und seit einem Jahr arbeitslos. Sozialhilfe bekommt er nicht, da er von allen Unternehmen immer nur als Praktikant beschäftigt wurde und somit nie in die Sozialversicherung eingezahlt hat. Er hat mit seiner Freundin in einem dieser Zelte übernachtet, die man in zwei Sekunden aufbauen kann, und verteilt Informationsmaterial an all die Leute, die vorbeischauen, um sich ein Bild der Lage zu machen. "Wir wollen keine Krümel mehr, wir wollen das ganze Brot!", steht da. "Die Zukunft ist jetzt – auf der Plaça Catalunya."

Es spricht eine Stimme der jungen Generation ganz Spaniens, die sich auf den großen Plätzen der Städte versammelt, in Madrid, Barcelona, Villariba und Villabajo: "Ich will hier auf friedliche Weise meiner Empörung Ausdruck verleihen", sagt Jaume. "Die Armen bekommen Krise, Arbeitslosigkeit und Sparpläne, und die Banker scheffeln weiter Millionen." Er ist nicht der Wortführer der Bewegung. Die Bewegung hat keinen Wortführer. Sie ist recht spontan entstanden, steht keiner politischen Partei nahe, keiner Gewerkschaft, sie wurde zahlreich durch soziale Netzwerke im Internet. Das Projekt Democracia real ya – Echte Demokratie jetzt – hat bei Facebook bereits etwa 220.000 Anhänger.

Kein arabischer Frühling

Hier hören die Gemeinsamkeiten mit dem arabischen Frühling allerdings schon auf. Während die arabische Jugend gegen autoritäre Herrscher in diktatorischen Systemen kämpft, lässt die spanische Jugend ihrer Resignation freien Lauf, einer Resignation, die sich gegen das politische Establishment richtet, von rechts nach links und von links nach rechts. Man fordert eine Änderung des spanischen Wahlrechts, die Verstaatlichung der Banken und die Abschaffung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank. Vergleiche mit den Protesten in der arabischen Welt hinken von daher nicht nur, sie brauchen einen Rollstuhl.

Die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit, die Einschnitte in Sozial-, Gesundheits- und Bildungsystem, die zahlreichen Korruptionsfälle in Gemeinden und Städten quer durch alle Parteien, die Macht der Banken und das ewige destruktive Gezanke der beiden großen Volksparteien sind nur einige der Gründe für die Proteste. Die sozialistische Partei von Präsident Zapatero reagierte überrascht, aber wohlwollend auf die Mobilisierungen, während die konservative Volkspartei seines ewigen Kontrahenten Rajoy sofort eine Verschwörung linksgerichteter Gruppierungen unterstellte, an deren Hebel – genau – Zapatero und seien Parteikollegen sitzen.

Der Zeitpunkt der Proteste, kurz vor den landesweiten Kommunal- und Regionalwahlen am Sonntag, in denen die Linksdemokraten schmerzliche Verluste zu erwarten haben, war von daher nicht willkürlich: "Das ewige Theater der Politiker während des Wahlkampfs geht mir auf den Sack", sagt Jaume: "Schaut her", parodiert er sie, "auch ich benutze öffentliche Transportmittel. Ich bin ja ach so bürgernah, und dann aber schnell heim in die Villa, wo meine Haushälterin meiner Familie und mir Rinderfilets zubereitet hat und jetzt meine Unterhosen bügelt. Und dann kommt auch noch eure Merkel an und beschimpft uns als faul" – so paraphrasiert er die Südeuropa-Kritik der deutschen Kanzlerin. "Sag' der mal", sagt Jaume, "dass man hier ein Jahresgehalt von 15.000 Euro hat, nicht wie bei euch in Deutschland. Und frag sie dann nochmal, ob sie es schlimm findet, dass wir zwei Tage mehr Jahresurlaub haben!“

Auswegslosigkeit als gemeinsamer Nenner

Die Jugendproteste haben keinen konkreten Gegner, jeder kann hier zu einem verbalen Rundumschlag ausholen, und die Masse verleiht der Stimme Gewicht, die jungen Leute des ganzen Landes ziehen an einem Strang. Hier geht's mal nicht um Katalonien oder Spanien, nicht um rechts oder links, nicht um Barça oder Real Madrid, nicht um Sangría oder Rotwein, hier geht's gegen einen Gegner, den jeder für sich selbst definiert – die Ausweglosigkeit der Situation der Jugendlichen ist der gemeinsame Nenner. Die Plaça Catalunya ist eine spontan eingerichtete Speakers' Corner, Spanien erlebt quasi sein Stuttgart 21, und die Fernsehkameras und schreibenden Journalisten sorgen für die Verbreitung der Meinungen. Alle großen Nachrichtensendungen beginnen in diesen Tagen mit dem gleichen Thema.

Täglich schließen sich mehr Leute den Bewegungen an, Studenten, denen man die Studiengebühren erhöht, Dozenten, denen man das eh schon erbärmliche Gehalt weiter kürzt, junge Paare, die ihre Hypothek nicht mehr zahlen können, Krankenschwestern, die kurz vor dem Rausschmiss stehen oder Rentner, die ein bisschen Abwechslung von ihren täglichen Gesprächen über die Vorgänge auf der riesigen Baustelle in ihrem Bezirk suchen. Einige bauen ihr Zeltchen auf und machen mit beim Extreme-Draußenschlafing, doch die Mehrheit kommt nur, um eine Brise von der Stimmung zu schnuppern und dann wieder die Dinge den gewohnten Gang gehen zu lassen. Am Wochenende allerdings sind Demonstrationen untersagt, die Wahlgänger sollen nicht gestört werden.

Rückkehr zur Normalität





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13:05 20.05.2011

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