Wird Amerika das Rom unserer Zeit?

ZERFALLENDE WELTMÄCHTE Trotz aller verfassungsrechtlicher und ideologischer Bedenken haben Rom und Amerika viel gemeinsam. Doch wie weit trägt der historische Vergleich?

Amerikaner und Römer haben manches Wesentliche gemein, das unabhängig ist von Zeit, Raum und Verfassung. Die erste Ähnlichkeit ergibt sich aus der Geografie: Italien und Amerika sind Inseln, größtenteils oder nur über Meere erreichbar. Auf ihren Inseln konnten sich Römer und Amerikaner lange fast ungestört entwickeln und Kräfte sammeln. Bevor ihnen die Führung der Weltpolitik zufiel, waren die Römer die erste Militärmacht der ganzen Mittelmeerwelt und die Amerikaner die erste Militärmacht des Globus, beide unerreichbar in ihrer Überlegenheit über alle anderen. Als sie überseeische Gebiete in ihre Gewalt nahmen, blieben sie noch lange Insulaner. Wo es ging, vermieden sie die Errichtung direkter Herrschaft. Rom provinzialisierte zunächst nur seine Erwerbungen im westlichen Mittelmeer mit Stämmen ohne feste staatliche Organisation. In der hellenistischen Welt hingegen begegneten ihm hoch entwickelte Staaten und Städte, deren Land es nach drei siegreichen Kriegen wieder räumte. Ein halbes Jahrhundert lang herrschte der römische Staat im Osten nur als Patron und Schiedsrichter.

Insulare Denkweise

Der Senat in Washington lehnte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts konsequent jede Annexion außerhalb des amerikanischen Festlands ab. Erst mit dem Krieg gegen Spanien im Jahr 1898 fielen die Hemmungen, die Vereinigten Staaten annektierten eine Reihe von Inseln in der Karibik und im Pazifik. Die Neigung, lieber zu kontrollieren als zu regieren, erklärt sich bei beiden aus ihrer Verfassung. Als Stadtstaat war Rom unfähig, ein Reich zu verwalten. Die amerikanische Föderation konnte sich nur erweitern, indem sie "Territorien", die schon amerikanisch besiedelt waren, als neue Staaten in die Union aufnahm. Aber das war nicht alles. Beide zogen geographisch und kulturell einen scharfen Trennungsstrich zwischen ihren Stammländern Italien und Nordamerika einerseits und andererseits ihren Erwerbungen jenseits der Meere. Beide unterschieden zwischen Völkern, die romanisierbar oder amerikanisierbar erschienen, und anderen, bei denen keine Aussicht erkennbar war, dass man sie sich anverwandeln könnte. Für beide war klar: Wir brauchen die fremden Inseln und Gegenküsten, aber sie gehören nicht zu uns. Erst mit Caesar begann eine systematische Ansiedlung römischer Bürger in den Provinzen. In Washington bestimmt Isolationismus die Politik zwar nicht mehr, aber sein Einfluss ist noch überall spürbar. Mit Außenpolitik beschäftigt sich nur eine kleine Elite von Senatoren und Experten. Und auch bei denen lebt die insulare Denkweise weiter - wie lässt sich sonst die Hartnäckigkeit erklären, mit der immer wieder versucht wird, mit einem fragwürdigen Raketenabwehrsystem die frühere Unverwundbarkeit Amerikas wiederherzustellen? Aber wenn sie ausgeprägte Insulaner waren, weshalb haben sie dann ihre Inseln verlassen und sich jenseits der schützenden Meere politisch und militärisch engagiert?

Hier zeigt sich eine zweite Ähnlichkeit, denn die Antwort ist in beiden Fällen gleich: Die Meere schützten nicht mehr oder schienen es nicht mehr zu tun. Die Römer machten diese bittere Erfahrung schon im Ersten Punischen Krieg. Die karthagische Flotte brandschatzte die Küsten Italiens und verunsicherte Roms Verbündete. Der Senat reagierte, indem er nach dem Sieg den Karthagern ihre Flottenbasen wegnahm, Sizilien, Sardinien und Korsika. Später wurde Spanien zur Gefahr. Die Karthager schufen sich mit "Neu-Karthago", Cartagena, eine neue große Flottenbasis; und Hannibal bedrohte sogar Rom selbst, indem er von Nordspanien über die Alpen ging und in Italien eindrang. Als er nach 17 Jahren endlich besiegt war, nahmen die Römer die gesamte spanische Mittelmeerküste samt Hinterland in Besitz. Schon ein Jahr nach dem verheerenden Hannibal-Krieg zogen die Legionen gegen den Makedonen-König Philipp und acht Jahre danach gegen den syrischen König Antiochos. Die Friedensbedingungen, die der Senat nach beiden Kriegen stellte, entsprachen dem Zweck der Kriegserklärungen: Italien sollte sicher werden vor Gefahren aus dem hellenistischen Osten. Die besiegten Könige mussten alle Eroberungen herausgeben, ihre Kronprinzen als Geiseln nach Rom schicken und abrüsten.

Zivilisation gegen Barbarei

Für die Amerikaner kam das Gefühl, dass die Meere sie nicht mehr schützten, erst im Zweiten Weltkrieg. In den Ersten waren sie mehr hineingeraten als hineingegangen. Aber noch einmal sollte ihnen das nicht passieren, für zwei Jahrzehnte fielen sie in die insulare Abstinenz zurück. Sie verweigerten sich dem Völkerbund, den ihr eigener Präsident erfunden hatte und verabschiedeten eine Serie von Gesetzen, die alles verboten, das sie in den Krieg gebracht hatte: an kriegsführende Staaten keine Waffen, keine Anleihen, keine Warenlieferungen auf amerikanischen Schiffen! Als der zweite Krieg ausbrach, lehnten 84 Prozent eine Beteiligung ab. Doch allmählich änderte sich die Einstellung. Europa unter deutscher Herrschaft und Ostasien unter japanischer - das bedeutete das Ende des freien Welthandels und damit die Zerstörung der amerikanischen Lebensgrundlage. Das Ende der Demokratie in Europa - das gebot die Verteidigung der Zivilisation gegen die Barbarei.

Nach dem Sieg über Hitler, als Amerika seine Boys gar nicht schnell genug nach Hause bekommen konnte, drohte von Stalin eine neue Gefahr, die der alten zu gleichen schien: Ein totalitär beherrschtes Europa, das dem freien Welthandel entzogen wäre, keine Demokatien mehr hätte und der Sowjetunion so viel Macht gäbe, die Amerika selbst bedrohnen konnte. Die Vereinigten Staaten taten, was sie noch nie getan hatten: Mit der NATO verpflichteten sie sich dauerhaft (Kündigung erst nach 20 Jahren möglich), Westeuropa zu verteidigen. Es war eine tiefe Zäsur in ihrer Außenpolitik: In den beiden Weltkriegen hatten sie sich nur für begrenzte Zeit in anderen Erdteilen engagiert, mit der Militärallianz der NATO aber verstießen sie gegen den fast geheiligten Grundsatz, keine "verstrickenden Bündnisse" (entangling alliances) in Übersee einzugehen. Sie banden die Neue Welt unauflöslich an die alte, verpflichteten sich zugleich zum Schutz Japans und lösten sich aus der splendid isolation, die ihnen anderthalb Jahrhunderte lang Abstand zu allem erlaubt hatte, das nicht ihre Sache war. Als dann Mao Tse-tung siegreich in Peking einzog, Kim Il-Sung Südkorea angriff und die Franzosen mit Ho Tschi-Minh nicht fertig wurden, nahm die Gefahr in amerikanischer Sicht globalen Umfang an: Dem "Weltkommunismus" konnten sie nur weltweit entgegentreten.

Die entscheidenden Kämpfe, die beide zur Weltmacht brachten, waren Zweikämpfe, Amerika -Sowjetunion, Rom - Karthago. In beiden Fällen verbissen sich die Gegner so fest ineinander, dass sie nur noch beschränkt Herren ihrer Entschlüsse waren. In der Absicht, sich zu sichern, expandierten Rom und Amerika. Eins ergab sich jeweils aus dem anderen - wie bei konzentrischen Kreisen: Jeder Kreis, der geschützt werden sollte, verlangte die Besetzung des nächst größeren Kreises. Von einem Sicherheitsbedürfnis zum nächsten getrieben, kamen die Römer rund um das Mittelmeer. Mit dem Kampf gegen Hitler, Stalin und den Tenno gelangten die Amerikaner nach Europa und Ostasien; von einer Eindämmungsabsicht zur nächsten gejagt, gerieten sie auf alle Erdteile. Allmählich verschwammen die Grenzen zwischen Sicherheits- und Machtpolitik.

Weshalb aber eine latinische Stadt unter etruskischer Herrschaft und 13 englische Kolonien zu höchsten Gipfeln aufstiegen, wird nur durch besondere Qualitäten verständlich, einige davon sind einander ähnlich. Bei den Amerikanern denkt man zuerst an ihre freiheitliche Verfassung, die Kräfte freisetzte und dem Bürger Möglichkeiten eröffnete, die auch dem Staat zugute kamen. Der römische Staat funktionierte mit seiner ungeschriebenen Verfassung, wie selten ein Staat funktioniert hat. In dem entscheidenden Jahrhundert von 264 bis 168 v. Chr. entwickelte und bündelte er die Kräfte, mit denen Rom sich behauptete und aus jeder überstandenen Not einen Fortschritt machen konnte. Was beide vereint, sind ihre unbändige Energie, ihre Weigerung, sich mit Halbheiten zu begnügen, ihre Entschlossenheit, eine Sache zu Ende zu führen, und ihre Überzeugung, alles durchsetzen zu können, wenn man nur kräftig genug darangeht. Amerikaner wie Römer drängten, wo es irgend ging, auf Sieg- und nicht auf Verhandlungsfrieden; der "unconditional surrender" entsprach die "deditio", nach der "die Römer Herr über alles sind und die Kapitulierenden Herr über nichts mehr". Beiden ging es um das uneingeschränkte Recht, Feinde für immer unschädlich zu machen. Schließlich die vielleicht wichtigste Gemeinsamkeit: Römer und Amerikaner hatten den Sinn für Macht, ohne den man nicht Weltmacht wird. Ihr Streben nach Sicherheit für ihre Insel geriet zum Herrschaftsanspruch über die Insel. Mit jeder Hilfeleistung für andere Staaten wurden sie zum Schutz-Herrn, sie gaben Schutz und gewannen Herrschaft; die Schützlinge täuschten sich meistens, wenn sie annahmen, Rom oder Amerika ohne Souveränitätseinbuße benutzen zu können.

Vom Selbstschutz zur Vorherrschaft

Die Überzeugung der Römer, erkennbar seit Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts, zur Herrschaft über die Welt berufen zu sein, führte zu unbeirrbarer Selbstgewissheit. Amerikaner handeln in der unerschütterlichen Überzeugung, ihr Land habe eine Mission in der Welt, was gut ist für Amerika, sei daher auch gut für die Welt. William Fulbrights Diktum von der "Arroganz der Macht" hat seine Entsprechung in der "superbia", die nicht nur Roms Feinde, sondern auch seine Verbündeten ihm vorwarfen. Zu ihrer höchsten Steigerung kommen Machtgefühl und Machtpolitik, wenn die Macht nicht mehr durch eine Gegenmacht eingeschränkt wird. Seit der Schlacht von Pydna, dem endgültigen Sieg über Makedonien im Jahr 168 v. Chr., gab es im gesamten Mittelmeerraum keinen Staat mehr, der Rom hätte herausfordern können. Seit der Auflösung der Sowjetunion haben die Vereinigten Staaten keinen Gegner mehr, den sie fürchten müssen. Von niemandem ernstlich gefährdet, allen überlegen, in jedem Verhältnis fast immer der Stärkere, von vielen gehasst, von vielen um Schutz gebeten, auch von Freunden weniger geliebt als benutzt, aber Rechenschaft schuldig nur sich selbst einzige Weltmacht zu sein, ist ein Schwindel erregender Zustand. Er erlaubt fast jede Willkür, aber gebietet höchste Verantwortung. Kein Regime, gleich welcher Art, und auch keine Nation hält das aus, ohne Schaden zu nehmen.

Die Wahrung der eigenen Existenz ist für jeden Staat erstes Gebot, das zweite Gebot aber, die Wahrung der eigenen Vorherrschaft, ist eine Spezialität dominierender Weltmächte. Geschlagene Feinde nie wieder hochkommen zu lassen, hat Rom sich bemüht, nach seinem Sieg bei Pydna geschah es mit gesteigerter Brutalität. Makedonien wurde viergeteilt, das Königtum (aus dem ein Alexander hervorgegangen war) abgeschafft, der letzte König eingekerkert, 150.000 Epiroten versklavt, 2.000 griechische Geiseln nach Italien deportiert. Später, im Jahr 146, Zerstörung und Versklavung von Korinth, der reichsten Stadt Griechenlands und Karthagos, das dem Erdboden gleich gemacht wurde. Auch die Politik Washingtons verschärfte sich allmählich, nachdem die Gegenmacht Sowjetunion nicht mehr existierte. Amerika wird nicht so brutal wie Rom - für die Betroffenen ein wesentlicher Unterschied -, aber Amerika erinnert an Rom in seiner wachsenden Selbstherrlichkeit und dem Hauptziel, keine andere Macht neben sich entstehen zu lassen.

Römer befahlen, Amerikaner drängen

Um Russland einzuschränken, stützt es die anderen ehemaligen Sowjetrepubliken, besonders die Ukraine, dringt wirtschaftlich in die zentralasiatische Erdölregion ein und begünstigt dort nichtrussische Interessenten. Mit der Ausdehnung der NATO auf Polen, Tschechien und Ungarn schränkt es Russland von Westen ein und erweitert seine Macht über Europa. Gegen China bleibt es in Japan und Südkorea politisch und militärisch in Stellung und genießt bei alledem, dass seine Anwesenheit in den meisten dieser Länder erwünscht ist, weil sie Stabilität schafft. Auch für die Amerikaner wurde die Macht vom Mittel zum Zweck. Sie rüsten nicht mehr, um einen Feind abzuschrecken, sondern um militärisch uneinholbar der Stärkste zu bleiben. Sie halten in allen Erdteilen ihre Stützpunkte, als ob noch der "Weltkommunismus" eingedämmt werden müsste. Sie reden von einer Weltordnung, für die sie sorgen müssten, aber ordnen sich selbst nicht ein, sondern beanspruchen eine Stellung über allen Staaten der Welt. Was ihren Interessen oder Wünschen widerspricht, schieben sie beiseite, global humanitäre und ökologische Vereinbarungen wie Rüstungskontrollabkommen von Bedeutung für den Weltfrieden. Die NATO möchte sie als Werkzeug ihrer globalen Politik nutzen, und für ein Antiraketensystem, ihre vermeintliche Sicherheit, riskieren sie ihr Verhältnis zu Moskau und Peking und ignorieren die Bedenken ihrer Verbündeten. Wenn die eigenen Kräfte nicht ausreichen oder geschont werden sollen, braucht man Hilfskräfte, vor allem im Militärischen. Die Römer haben schon ihre Kriege in Italien mit Hilfe der socii, der Verbündeten geführt, später konnten sie das Reich nicht ohne die auxilia verteidigen. Seit den fünfziger Jahren streben die Amerikaner nach Entlastung; "burden sharing" war und blieb das Schlüsselwort, das den europäischen NATO-Mitgliedern mehr Soldaten, bessere Technik, höhere Verteidigungsausgaben abverlangte und heute weiterhin abverlangt. Für die Europäer stellt sich die Frage: Wie weit sind ihr Sicherheitsbedürfnis und ihre Interessen identisch mit denen Amerikas? Dem amerikanischen Ansinnen, die NATO zu einem weltweit einsetzbaren Instrument zu machen, haben die europäischen Allianzmitglieder noch leidlich widerstanden. Wie weit, das wird erst die nächste Krise zeigen, wenn die Vereinigten Staaten europäische Hilfstruppen verlangen. Hier sind Differenzen, Spannungen, Konflikte zu erwarten. Die Römer hatten es leichter, obwohl nicht so leicht, wie es im Nachhinein erscheint. Die Römer befahlen. Die Amerikaner können nur drängen, drücken, drohen, erpressen, auch einen Alliierten gegen den anderen ausspielen. Amerika ist eine Weltmacht ohne Rivalen, und das ist, wie der Vergleich zu Rom zeigt, eine Klasse für sich. Weltmächte ohne Rivalen akzeptieren Gleichheit mit niemandem, sie ernennen treue Gefolgsleute aber schnell zum Freund oder amicus populi Romani. Sie haben keine Feinde mehr, sondern kennen nur noch Rebellen, Terroristen und Schurkenstaaten. Sie kämpfen nicht mehr, sondern strafen. Sie führen keine Kriege mehr, sondern schaffen Frieden. Sie sind aufrichtig empört, wenn Vasallen sich nicht als Vasallen benehmen.

Schwert und Geist

Politische Macht, die dauert, gründet sich nicht allein auf Legionen, Interventionen und Investitionen, Kultur muss hinzukommen. Dass sie es bei Römern und Amerikanern tat, schafft eine weitere Ähnlichkeit, und zwar in doppelter Hinsicht. Denn bevor beide ihre Welt romanisierten und amerikanisierten, mussten sie sich von ihren geistigen Vätern emanzipieren, die Römer von den Griechen und die Amerikaner von den Europäern. "Graecia capta Roman cebit" heißt es, etwas verkürzt, bei Horaz - das mit dem Schwert eroberte Griechenland eroberte Rom mit seinem Geist. Bei Römern wie Amerikanern mischten sich Bewunderung mit Verachtung ihres Vorbilds. Allmählich emanzipierten sich Römer und Amerikaner von ihren Vorbildern und schufen ihre eigene Literatur, ihre eigenen Künste und eigene Wissenschaft. Sie wurden selbstständig und auf manchen Gebieten maßgeblich, und je mächtiger sie wurden, desto mehr zog ihre Macht den Geist an. Griechische Rhetoren und Philosophen gingen nach Rom, europäische Künstler und Wissenschaftler krönen ihre Karriere in New York und Princeton. Wer sich im Westteil des römischen Imperiums zu Wort meldete, tat es lateinisch, wer heute in seinem Fach zur Kenntnis genommen werden will, schreibt englisch. Am Ende romantisierten die Römer die Welt, soweit sie nicht griechisch blieb, heute amerikanisieren die Amerikaner die halbe Welt und versuchen es mit der ganzen. Sie sind Globalmacht nicht nur, weil sie jeden Ort des Globus militärisch erreichen können, sondern auch, weil sie ihn mit den Produkten ihrer Alltagskultur schon erreicht haben. Auch hier stellen sich für Europa Zukunftsfragen. Die Romanisierung erstreckte sich seinerzeit vorwiegend auf - antik gesprochen - "barbarische" Völkerschaften, sie brachte Zivilisierung und wurde daher angenommen. Die romanisierten Barbaren wurden später die besten Römer, wollten es jedenfalls sein. Nicht romanisiert, nur politisch integriert, wurde hingegen der Osten des Reiches, wo die hellenistische Kultur herrschte. Wie ist das nun mit der Amerikanisierung Europas? Bleibt Europa europäisch, wie Griechenland damals griechisch blieb? Oder wird Europa von einer ökonomischen und kulturellen Globalisierung, die im Wesentlichen Amerikanisierung ist, eingeebnet?

Überforderung und Erschlaffung

Aber Weltmächte bleiben nicht ewig Weltmächte. Die Römische Republik ging bekanntlich am römischen Reich zugrunde, das aristokratisch-stadtstaatliche Regiment wurde mit der Weltherrschaft nicht fertig. Die Augusteische Monarchie überstand die (mit Mark Aurel) beginnende Völkerwanderung nicht, die Verteidigung der Reichsgrenzen verlangte Kräfte und Mittel, die nur der spätantike Zwangsstaat noch aufbrachte. In Washington warnten Weitsichtige schon in den sechziger Jahren vor einem "overcommitment".

Trotz Überforderung und Dekadenz schufen die Römer ein Imperium, das Jahrhunderte bestand; den Amerikanern ist Vergleichbares versagt. Sie dominieren nur mit einem "Informal Empire", dessen Lebensdauer unsicher bleibt. Die Römer konnten ihre begrenzte Welt beherrschen, die Amerikaner haben es mit der ganzen Welt zu tun, in der sie nur Teile bestimmen und andere nur beeinflussen können; ihre Klientelstaaten sind stärker, Frankreich ist nicht Bithynien, Deutschland nicht Pergamon und Japan nicht Rhodos. Rom blieb als Großmacht lange allein, Amerika erwartet in absehbarer Zeit eine multipolare Welt mit China, Indien, vielleicht Europa und wieder Russland. Die Pax Americana reicht weniger weit und hat weniger Aussicht, Jahrhunderte lang zu bestehen wie die Pax Romana. Polybios fragte Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr., ob Roms Imperium ein Segen oder ein Fluch und dann ein Segen sei. Bis zur Kaiserzeit erscheint Roms Politik gegenüber Provinzen und Klientelstaaten durch und durch destruktiv, sie hatte kein Ziel und keine Moral und brachte den Unterworfenen hundert Jahre Elend. Erst die Neugründung des Staates durch Augustus ließ allmählich bewusst werden, dass Macht auch Pflicht bedeutet. Der gewaltsame Frieden wandelte sich zum Segen spendenden Frieden. Das erste, mehr noch das zweite nachchristliche Jahrhundert zählen zu den glücklichsten Epochen der Weltgeschichte. Die Vereinigten Staaten hatten und haben kaum weniger Hemmungen, ihre militärische Stärke zu nutzen als die Römer. Aufs Ganze gesehen handeln sie aber selten so verantwortungslos, wie die römische Republik es lange tat. Wenn sie der Welt Frieden, Freiheit und Wohlstand bringen wollen, so wollen sie es wirklich, soweit es mit ihren Interessen vereinbar erscheint. Auch kontrolliert sich eine Demokratie mehr als eine Adelsherrschaft oder eine Monarchie.

Doch das letzte Wort kann das nicht sein, denn wir kennen die Vereinigten Staaten als erste Weltmacht nur ein halbes Jahrhundert und als einzige nur zehn Jahre. Ihr Verdienst wird bleiben, die sowjetische Weltbeglückung eingedämmt zu haben. Welchen Gewinn und welchen Schaden für die Menschheit aber ihre Vorstellung von einer neuen Weltordnung bringt, kann sich erst im Rückblick zeigen, wenn Amerika nicht mehr die erste Weltmacht ist.

Es handelt sich um die sehr stark gekürzte Fassung eines Vortrags, den der Berliner Althistoriker und Journalist Peter Bender im September 2000 in Rostock hielt. Der vollständige Text ist nachzulesen in Entwürfe fürs neue Jahrtausend, Hg. von der Heinrich-Böll-Stiftung Mecklenburg-Vorpommern, Rostock 2001.

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00:00 28.09.2001

Ausgabe 42/2021

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