Wo der Karpfen in fünf Sprachen schwieg

Osterweiterung Rückblicke auf eine vermeintliche Idylle: Czernowitz und die Bukowina

Die Landschaft, aus der ich zu Ihnen komme, dürfte den meisten von Ihnen unbekannt sein. Es ist die Landschaft, in der ein nicht unbeträchtlicher Teil jener chassidischen Geschichten zuhause war, die Martin Buber uns allen auf deutsch wiedererzählt hat. Es war...eine Gegend, in der Menschen und Bücher lebten."
Mit diesen Worten stellte der aus Czernowitz in der Bukowina stammende Lyriker Paul Celan bei der Entgegennahme des Bremer Literaturpreises 1958 dem deutschen Publikum sein Herkunftsland vor. Mehr als 40 Jahre später ist diese Gegend, das "Buchenland", wie der Name der ehemals österreichisch-ungarischen Kronprovinz Bukowina übersetzt lautet, mitsamt ihrer Hauptstadt Czernowitz keineswegs mehr unbekannt. Zumindest vom literarischen Tourismus wurde das heute zur Ukraine gehörende, ukrainisch Tscherniwzi genannte Czernowitz, ausgiebig heimgesucht und porträtiert: denn die Stadt war nicht nur Geburtsort Celans, sondern auch der Lyrikerin Rose Ausländer, der jiddischen Poeten Itzig Manger und Elieser Steinbarg, des Dichters Alfred Margul-Sperber und anderer. Zahlreiche Bücher und Zeitungsartikel schilderten Czernowitz mit nostalgischen Strichen als versunkenes Paradies des friedlichen und fruchtbaren k.u.k.-multikulturellen Zusammenlebens deutsch-österreichischer, jüdischer, ukrainischer, polnischer, rumänischer und anderer Gruppen. Mindestens fünf verschiedene Sprachen, wurde mitgeteilt, koexistierten einmal in dieser Stadt nebeneinander: selbst "der Karpfen schweigt in fünf Sprachen", hatte die Czernowitzerin Rose Ausländer geschrieben.
Dass dies alles nicht ganz so k.u.k.-idyllisch, multikulturell-herrschaftsfrei verlaufen ist, wie die literarischen Postkartenbilder es andeuten, geht aus dem Band An der Zeiten Ränder. Czernowitz und die Bukowina - Geschichte - Literatur - Verfolgung - Exil hervor, den die Wiener Theodor Kramer Gesellschaft in ihrem Verlag herausgebracht hat. 40 verschiedene Beiträge, Erinnerungen emigrierter Czernowitzer und Czernowitzerinnen, zeitgeschichtliche Zeugnisse, Autorenporträts und Gespräche haben die beiden Herausgeber Cécile Cordon und Helmut Kusdat mit sachkundiger Umsicht zu einem stattlichen, dazu reich illustrierten und mit einem nützlichen Register versehenen Band zusammengestellt.
In Hannes Hofbauers einleitendem Aufsatz "Bukowina 1774 bis 1918: Österreichs Osterweiterung" wird Czernowitz aus dem Himmel der Vielvölkeridyllen herabgeholt und in einen historischen Prozess hineingestellt, der der Hauptstadt der zusammen mit Galizien seit Ende des 18. Jahrhunderts zum Habsburgerreich gehörenden Bukowina eine für Österreichs territoriale Interessen immer bedeutender werdende Rolle zuwies. Czernowitz sollte nach dem Willen Wiens Vorposten Deutschösterreichs im Südosten des Reichs werden, möglicherweise Ausgangsbasis für eine weitere Expansion.
Dazu war in der von Ukrainern, Rumänen, Polen und kleineren ethnischen Gruppen bewohnten Bukowina jedoch erst einmal deutsch-österreichische kulturelle Hegemonie herzustellen und abzusichern. Zu diesem Zweck wurden deutschsprechende Siedler mit Vergünstigungen ins Land und vor allem in die Hauptstadt gelockt, auch aus Deutschland, und selbst Juden waren willkommen, wenn sie nur deutsch sprachen. Wiener Siedlungspolitik traf hier mit der von der jüdischen Aufklärung beförderten, im Ostjudentum sich verbreitenden Tendenz zusammen, die Emanzipation von der traditionellen, jiddischsprechenden Schtetl-Welt durch deutsche Assimilation zu besiegeln. Am Beispiel des jüdischen Schriftstellers Karl Emil Franzos, der später der erste Editor Georg Büchners wurde, stellt der rumänische Germanist Andrei Corbea-Hoisie anschaulich die signifikanten Widersprüche zwischen deutschem Kulturnationalismus und Sympathie für den pluriethnischen europäischen Osten im Werk dieses aus Czernowitz stammenden bedeutenden Autors heraus.
Mit dem Ende der Habsburgermonarchie 1918 geriet die Bukowina unter rumänische Herrschaft; am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie sowjetisch-ukrainisch; seit 1991 gehört sie zur unabhängigen Ukraine. Der vorliegende Band berichtet nicht nur vom historischen Verlauf und von den einschneidenden kulturellen Folgen all dieser Herrschaftswechsel, sondern trägt ihnen auch Rechnung, indem er neben deutschsprachigen Autoren auch rumänische und ukrainische zu Wort kommen lässt. Ein über den reichen Informationsgehalt hinaus erfreulicher und ermutigender Aspekt dieser Publikation ist die Nachricht, dass im heutigen Czernowitz wie auch in Rumänien junge Historiker und Kulturwissenschaftler damit beschäftigt sind, die von verschiedenen nationalen Mythen zugedeckte Geschichte der Stadt und des "Buchenlands" aufzuarbeiten.
Deren düsterstes Kapitel trug der Zweite Weltkrieg bei. Unmittelbar nach dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion, die mit dem Hitler-Stalin-Pakt zuvor einen Teil der Bukowina erhalten hatte, verfügten die Sowjetbehörden den Abtransport Tausender von Bukowinern in das Innere der Union, der, laut einem Augenzeugenbericht, vielfach in Lagern Sibiriens endete. Im Juli 1941 übernahmen die Nazis die Macht und ließen die mit ihnen verbündeten Rumänen in der Bukowina wüten. Czernowitzer Juden, wenn sie nicht gleich Massenerschießungen zum Opfer fielen, wurden in rumänisch verwaltete Konzentrationslager gesperrt, wie etwa die Eltern Paul Celans, die dort den Tod fanden. Nur noch in Büchern lebt das einst besungene jüdische Czernowitz.

Cécile Cordon und Helmut Kusdat: An der Zeiten Ränder. Czernowitz und die Bukowina. Geschichte - Literatur - Verfolgung - Exil. Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft, Wien 2002, 396 S., 30 EUR


00:00 16.08.2002

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