Wo ist Adam?

Muttergift Die Nachtseite der Weiblichkeit

Was fällt Ihnen als Pendant zu Adam ein? Vermutlich Eva. Dass es da noch eine andere Frau gibt, die man Lilith nannte, liegt wohl den Wenigsten auf der Zunge. Dabei ist gerade Adams erste Frau die interessantere. Sie steht für die Gleichberechtigung der Frau, für Sexualität, Lust und Selbstbestimmung, auch für den Verzicht auf eigene Kinder. Ihr oder eigentlich eher uns Frauen widmet der Hallenser Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz sein neues Werk. Und weil der Wunsch nach Selbstbestimmung und all die anderen gerade genannten Dinge offenbar etwas Ungeheuerliches seien müssen, heißt das Buch nicht einfach "Lilith", sondern Der Lilith-Komplex und behandelt den gestörten oder unterdrückten Selbstwert, die behinderte Lustfähigkeit und die verleugnete Kinderablehnung. All diese Blockaden sollen zwangsläufig zur Muttervergiftung und schließlich zur Vergiftung des Mutter-Kind-Verhältnis führen.

Ratgeber haben Hochkonjunktur, wir alle wissen Männer sind anders, Frauen auch. Und für alle, die es auf den ersten fünf Seiten noch nicht geschnallt haben, erklärt John Gray auf weiteren 312 Seiten das Verhältnis der vom Mars stammenden Männer in den einsamen Höhlen zu den von der Venus stammenden mitteilsamen Frauen auf ihren Wellen. Wem das nicht reicht, der erfährt bei Alan Barbara Peace Warum Männer nicht zuhören und Warum Frauen schlecht einparken. Die Lösung ist auch hier ganz einfach: Männer sind Jäger, Frauen hüten das Nest. Diese Art Sachbuch passt in die Zeit der Soaps - leichte Kost, amüsant zu lesen und furchtbar nervend. Denn, wer verkraftet schon die "ganze Wahrheit über Männer und Frauen". Neueste Kenntnisse der Gehirn- und Evolutionsforschung werden mit aktueller Verhaltenspsychologie verbunden. Was für ein Anspruch! Was ist überhaupt aktuelle Verhaltenspsychologie? Aber egal, diese Bücher versuchen Unerklärliches zu erklären, geben Tipps, erzählen Geschichten und entlassen den Leser beziehungsweise meist die Leserin in einer positiven Grundstimmung, Tendenz optimistisch.

Ganz anders Maaz. Nach der Lektüre seines Buches ist man im harmlosesten Fall ganz schlecht gelaunt. Man gewinnt den Eindruck: Was eine Mutter auch immer tut, es ist falsch und verursacht frühkindliche Störungen, an denen heute die ganze Gesellschaft krankt. Zahlreiche Fallbeispiele belegen Maaz´ Thesen. Das ist für die einzelnen Personen vermutlich richtig diagnostiziert. Aber sind wir eine Gesellschaft von Fällen? Maaz hat über die Ursachen und Zusammenhänge sozialer Konflikte und gesellschaftlicher Pathologien nachgedacht. Seine Schlussfolgerung: Die Störungen der Mütterlichkeit in unserer Kultur sind die Wurzeln für alle individuellen, familiären und gesellschaftlichen Konflikte. Auf den Punkt gebracht kann das heißen: Frauen sind Schuld an Gewaltverbrechen jeglicher Art, vom Missbrauch bis zum Krieg. Ein hartes Los! Zumal vom Vater so gut wie nie die Rede ist, das heißt doch: Als Opfer seiner eigenen Mutter erfährt er das Bedauern des Autors. Da lob´ ich mir doch die Ratgeber-Soaps. Hier spielen Mann und Frau gleichberechtigt in verteilten Rollen. Bei Maaz sehen sich die Frauen allein gelassen bei all den Schwierigkeiten, Ängsten, Nöten und Konflikten, mit denen sie als werdende oder als bereits praktizierende Mutter konfrontiert sind. Es ist die Frau, die eine unbewusste Kinderfeindlichkeit in sich trägt, die so genannte Nachtseite der Weiblichkeit. Die eigene seelische Not der Mutter, so Maaz, führe dazu, dass sie nicht oder nur unzureichend auf die lebensnotwendigen Bedürfnisse ihres Kindes eingehen kann. Daraus ergeben sich schwerwiegende Konsequenzen für die Persönlichkeitsentwicklung, die weiter nach vorn gedacht, zu gesellschaftlichen Fehlentwicklungen führen müssen. Was sich für Maaz sowohl mit der gescheiterten real sozialistischen Gesellschaft belegen lässt wie auch mit extremen Erscheinungen der Konsumgesellschaft. Das soziale Umfeld, patriarchale Strukturen, eine Politik, in der Kinder nur eine sehr begrenzte Lobby haben, bleiben dem Psychoanalytiker weitgehend verborgen.

"Pflichtlektüre für alle Mütter ...!" So steht es auf dem Buchumschlag. 194 lange Seiten befleckte Mütterlichkeit; wo die Mutter auch hintritt, ein Fettnapf steht bereits da. Warum soll man oder frau sich das antun? Wenn uns der Autor wenigstens einen Weg weisen würde, ein Gegengift oder eine Anleitung zur "Mutterverzuckerung". Auf genau fünf Seiten plädiert Maaz für mehr Mütterlichkeit in der Gesellschaft, die Integration von Lilith, allerdings ohne praktische Umsetzungsvorschläge. Er beschreibt lediglich, worum es gehen sollte: erstens um das Selbstwertgefühl, dem Manne ebenbürtig und gleichwertig zu sein, ohne die Verschiedenheit verleugnen zu müssen. Zweitens um die lustvolle Masturbation als wesentlichen Lernschritt, für sich selbst zu sorgen, und drittens um das selbstverständliche Recht, nicht ausschließlich Mutter zu sein. Den über viele Seiten hinweg angestauten Frust der Leser können die letzten Sätze nicht mehr vertreiben.

Hans-Joachim Maaz: Der Lilith-Komplex. Die dunklen Seiten der Mütterlichkeit.
C. H. Beck, München 2003, 200 S., 14,90 EUR

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00:00 03.10.2003

Ausgabe 39/2020

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