Wo nur noch Münzen Knappen heißen

Eröffnung des neuen Schalke-Stadions Inmitten von Industriebrachen ist eine riesige Unterhaltungsfabrik entstanden und ein alter Ruhrpott-Mythos inzwischen bis zur Unkenntlichkeit entkleidet

Rudi Assauer sieht nach Angaben von Spöttern aus wie ein Waschstraßenbetreiber aus Wolfenbüttel. Er hat aus dem Bergmann-Traditionsverein Schalke 04 einen modernen Entertainment-Betrieb gemacht. Krönung ist die neue Arena AufSchalke, die am 13. August eröffnet wird. Zur Eröffnung kommt auch der Gerhard Schröder, sonst eher Fan von Borussia Dortmund.

Man müsste Geld haben und auswandern. Nach dort, wo die Sonne scheint«. Die Frau hinter der Theke im Corfu-Grill des Gelsenkirchener Stadtteils Schalke unterhält sich mit einem Griechen auf deutsch. Sie ist südeuropäischer Abstammung, und das Wetter heute unbeständig. Der Imbiss liegt an der Kurt-Schumacher-Straße, die den Industrieort brutal durchschneidet und in zwei Hälften teilt. Ein Fußballfeld weiter entfernt liegt die Straßenbahnhaltestelle Ernst-Kuzorra-Platz neben dem Vereinslokal von S 04. So das Kürzel für den Pokalsieger. Aus dem Corfu zu sehen ist ein Förderturm der Zeche Consolidation. Doch kein Rad dreht sich mehr zur Kohleförderung; bonjour tristesse. Etwas weiter entfernt liegt die beachtliche Industriebrache der ehemaligen Herdfabrik Küppersbusch. Die Menschen im Revier kauften früher nicht etwa einen Küchenherd, sie kauften einen Küppersbusch an.

In Schalke und in Gelsenkirchen hat sich die Armut angesiedelt. Im Corfu hängt ein Wappen von S 04. Die ausgelegte Bild-Zeitung ist drei Tage alt. Ein Vater isst mit seinen beiden Kindern hier im Grill. Seine Tochter schlürft Malzbier. Einen Tisch weiter trinken zwei Männer ihr Bier aus der Flasche. Die Spielautomaten werden von ihnen ständig gespeist. Es kommt nur Laufkundschaft. »Einmal alles drauf, einmal mit Zwiebeln, dat schmeckt bessa«, bestellt eine aufgedunsene Frau, deren Alter schwer zu schätzen ist. Kein Wunder, dass die dunkelhaarige Hilfe gern woanders leben möchte. Wenn sie Geld hätte.

Ein Spiel dauert 90 Minuten, bei den Schalkern aber 50 Jahre

Um die Mittagszeit sind die Läden mit den Ramschwaren in der unmittelbaren Nachbarschaft geschlossen. Der Preiskampf unter den Einzelhändlern heißt, wer unterbietet stärker. Das Vereinslokal von Schalke 04 ist dagegen nur an den Abenden geöffnet. Der Schweinerollbraten wird dann für 10,90 Mark angeboten. Direkt dahinter liegt die Glückauf-Kampfbahn. Hier genossen die Schalker in den vierziger Jahren mit Spielern wie Szepan und Kuzorra ihre Meisterschaften und Triumphe. Den letzten Titel holten sie 1958 und feierten in der Kampfbahn, in der zurzeit die Amateure des Clubs in der Oberliga Westfalen spielen können. Vor oft nicht einmal hundert Zuschauern, Rentnern, die hier Invaliden genannt werden. Und die erzählen immer wieder von den angeblich guten alten Zeiten. Ein Spiel dauert 90 Minuten, bei den Schalkern aber 50 Jahre. In den Räumen der verwittert wirkenden Tribüne ist die Geschäftsstelle des Fan-Beauftragen der so genannten Königsblauen untergebracht. Und die von DJK Teutonia Schalke-Nord.

»Wir sind unheimlich stolz, dass eines der modernsten Fußballstadien Europas im August eingeweiht wird«, sagt Rudi Assauer, der starke Mann des Bundesligisten. Der nach Ansicht von Spöttern aussieht wie ein Waschstraßenbetreiber aus Wolfenbüttel, ist Motor für eine Unterhaltungsfabrik inmitten von industriellen Brachen. Drei Kilometer nördlich vom verarmten Stadtteil Schalke liegt an der Grenze zu Herten, übrigens Assauers Geburtsstadt, die Arena AufSchalke. Zu ihrer Eröffnung kommt der Bundeskanzler, ausgewiesener Fan des Revierrivalen Borussia Dortmund.

Assauer hat nicht nur das mangelhafte Deutsch der früheren Bergleute zum Kultbegriff vermarktet. Die gingen nicht zum Fußballplatz, sie sagten »aufm Platz« und »auf Schalke« statt zu Schalke. Dass ihr Bergwerk Consolidation auch vom Ruhrbischof wegen der Ausdrucksarmut von Schalkern nur Zeche Consul genannt wird, ist ständige Rede. Im ehemaligen Emscherbruch wird nun gebaut, was US-Manager zu Neid triebe. Mit dem Mythos Schalke, der mit jenem Kuzorra so wenig zu tun hat wie Gerhard Schröder mit August Bebel, ist ein Supergeschäft entstanden. Hier wird in der Nähe des Park-Stadions, Baujahr 1974, alles versilbert. Die Eintrittsgelder der Fans dürften im Etat die niedrigsten Erträge bringen. Einen Kilometer vor der neuen Arena wird der S-04-Shop betrieben, zu dem an normalen Wochentagen Tausende von Familienvätern aus dem Ruhrgebiet anreisen, um ihren Söhnen und auch Töchtern Trikots mit dem Namenszug Ebbe Sand zu kaufen oder nur einen Notizblock in den blauweißen Farben, die selbst eingefleischte Kommunisten königsblau nennen. Der Papst ist Mitglied von Schalke 04. Aber der Vatikan wird täglich kaum mehr Devotionalien absetzen als Assauers Leute im Fanshop.

Auch die Geschichte der einst kickenden Kumpel wird zu Geld gemacht. Vor der Arena AufSchalke wurde ein Museum eröffnet. Vergilbte Fotos der einst ruhmreichen Kuzorra, Szepan, Berni und Hans Klodt sowie Otto Tibulski oder Paul Matzkowski und andere können nur gegen Eintrittsgeld besichtigt werden. Auch eine Kopie der Schale des DFB-Pokals ist darin ausgestellt. Die enge Verbindung der Königsblauen mit den Nazis wird nicht dargestellt. Auffallend viele Besucher aus dem Mutterland des Fußballs kommen über den Ärmelkanal in dieses Museum.

Etwas kleinlaut sagt ein Besucherführer vor der Arena, er komme aus Bochum. Nach den ersten etwas unsicher vorgetragenen Erklärungen folgen die Angaben der Superlativen. Über 358 Millionen Mark wurden verbaut. Es folgen in den Vorträgen nur Superlative. An der Decke der riesigen Halle für fast 70.000 Zuschauer hängt in 25 Meter Höhe ein Videowürfel, mit einer Bildfläche von 35 Quadratmetern pro Seite. Jede Spielszene kann sofort gezeigt werden. Der Rasen des Stadions gedeiht außerhalb der Arena wie auf einem riesigen Kuchenblech. Vor den Kämpfen wird er in die Sporthalle gefahren. Das kostet jeweils 12.000 DM, ihn nach dem Spiel wieder hinaus zu drücken die gleiche Summe. Innerhalb der beeindruckenden lichtdurchfluteten Konstruktion aber ist die DM, später auch der Euro abgeschafft.

In Schalke gibt es eine eigene Währung. Wer Bier oder Würstchen kaufen will, ist genötigt, vorher eine Kaufkarte aus Plastik zu erwerben. Darauf wird dann auf die eigene Währung Knappen abgerechnet, die Preise sind auch nur in Knappen ausgezeichnet. Das Bier wird nicht in Fässern gelagert, es befindet sich in Containern. Allein bei einer Säuberung der Leitungen gehen über 2.000 Liter verloren. Weil während der Spiele in der Champions League nur alkoholfreies Gebräu ausgeschenkt werden darf, gehen bei der Umstellung wiederum 2.000 Liter Gerstensaft ungetrunken in den Orkus.

Dass es im Gegensatz zu der Armut im alten Schalke auch neuen Reichtum im Ruhrgebiet gibt, wird mit den Preisen für eine Zuschauerloge belegt. Nicht ohne Stolz und mit erhobener Stimme nennt der Bochumer Fremdenführer den Preis von 144.000 DM pro Saison. »Natürlich gibt es Stehplätze«, heißt es danach hastig. Auch Skeptiker sind nach der Führung durch die Arena AufSchalke beeindruckt.

Dass in dem Industriegebiet in Nähe der Emscher das Credo »panem et circenses« heißen wird, belegt das Budget des Clubs mit 140 Millionen Mark im Geschäftsjahr 2001/2002. »Schalke mit Rekord-Etat«, titelte die Recklinghäuser Zeitung beeindruckt. Diese Summe ist doppelt so hoch wie die des vergangenen Jahres, in dem die Königsblauen die Meisterschaft schuldhaft vergeigt haben.

Die Fans glaubten, ihre Spieler hätten nach so vielen Jahren einen Anspruch darauf. Rudi Assauer redete die eigene Elf ängstlich. Jene Truppe, die fälschlich in den Medien noch immer Knappen genannt wird. Diesen bergmännischen Rang kennen die Kicker gar nicht. Und über Ernst Kuzorra wird behauptet, er sei nicht einmal fünf Jahre im Bergwerk Consolidation gewesen, deshalb habe ihm die Bundesknappschaft auch keine Rente gezahlt. Im Gegensatz zu dem 43-maligen Nationalspieler Horst Szymaniak. Der arbeitete als Knappe im benachbarten Erkenschwick sieben Jahre im Bergbau, jetzt bezieht der 67-Jährige Rente von der Bundesknappschaft. Was ihn beim Rentenbescheid verblüffte.

Die Fabrik für die Freizeitgesellschaft liegt in dem Arbeitsamtsbezirk, aus dem seit Jahrzehnten die höchsten Arbeitslosenquoten des Ruhrgebietes in Konkurrenz zu Duisburg gemeldet werden. Knapp zwei Monate vor der Eröffnung jener Arena AufSchalke musste Gelsenkirchens Stadtkämmerer Rainer Kampmann Ende Juni überraschend eine Haushaltssperre verhängen. Der Grund: Der zum E.ON-Konzern gehörenden Veba Oel AG muss die Gewerbesteuer für 1999 zurückgezahlt werden, gleichzeitig kündigte das Unternehmen drastisch sinkende Steuerzahlungen für 2001 an. Stadtoberhaupt Oliver Wittke schließt Kündigungen nicht mehr aus.

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00:00 10.08.2001

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