Wunsch nach Strafe

Frankreich Die Rechte ist mit der Demontage ihres Präsidentschaftskandidaten Sarkozy beschäftigt

Einmal wenigstens hat der Graf Recht, der nun wieder reist und landauf, landab mit reaktionären Ideen weihräuchernd jede Ecke in Frankreich einnebelt. "Verkauft den Mai 68", rät Philippe de Villiers den Jungen unter seinen Zuhörern, die nicht mehr so jung sind, und kommt dem Punkt gefährlich nahe, an dem sich seine fistelnde Stimme überschlägt, was die Kabarettisten seit Jahren freut. Der rechtsradikale Populist aus der Vendée, Chef der Einmann-Partei Bewegung für Frankreich, ist ein guter Kunde für die Blödel-Branche im Fernsehen, aber auch ein guter Stratege auf dem Feld der Wahlkämpfe: "Verkauft den Mai 68", verramscht die Geschichte von der Rebellion gegen den konservativ erstarrten Staat, sie nützt euch nichts mehr.

Philippe de Villiers, der wild gewordene Aristokrat, der nächstes Frühjahr wieder einmal bei den Präsidentenwahlen antreten wird, hat die Nase im Wind. Die neue Politikergeneration, die im April 2007 wohl in den Elysée-Palast einziehen wird und die mit de Gaulle, Cohn-Bendit und der Kulturrevolution an den Pariser Universitäten aufgewachsen ist, hat den Mai 68 schon über Bord geworfen: Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy, die Präsidentschaftskandidatin der Sozialisten und der Innenminister, der eine post-gaullistische Regierungspartei führt, sind beide knapp 50 und ohne jeden Anflug von Nonkonformismus. Ganz im Gegenteil - ihr autoritäres Denken schimmert durch alle Reden in dem Wunsch nach Strafe, nach Ordnung und Restauration einer heilen Welt. Weil sich die Favoriten im Präsidentschaftswahlkampf im Grunde so ähnlich sind, ist der Wahlausgang derzeit auch noch so offen. Einen technischen Unterschied aber gibt es, der nicht zu unterschätzen ist: Royal hat ihre innerparteilichen Rivalen dank eines internen Plebiszits an die Wand gedrückt. Sarkozy weiß seine ärgsten Feinde im eigenen Lager. Und die beginnen gerade erst mit der Demontage des Kandidaten.

Frankreichs Rechte pflegt wieder einmal ihren Hang zur Selbstzerstörung, genährt durch Eitelkeit und Antipathien. Seit Jahren ist sie gespalten in ein großes rechtsradikales Lager um Jean-Marie Le Pen und Philippe de Villiers auf der einen und in eine bürgerliche Sammlungsbewegung auf der anderen Seite, die sich vom Front National (FN) antreiben lässt und an ihrer Regierungsaufgabe noch ein jedes Mal scheiterte. Frankreichs Konservative haben seit dem Sieg von Valéry Giscard d´Estaing 1974 keinen Kandidaten mehr aus eigenem Antrieb in den Elysée-Palast gebracht. Jacques Chirac tat 1981 alles, um Giscards Wiederwahl zu hintertreiben, scheiterte selbst 1988, gewann 1995, weil die Franzosen nach 14 Jahren nicht noch einmal einen Sozialisten wollten, und erreichte 2002 ein zweites Mandat, weil sein Gegner in der Stichwahl Jean-Marie Le Pen hieß und die linke Wählerschaft notgedrungen für ihn stimmen musste.

"Wenn die Zeit kommt", so verspricht Nicolas Sarkozy ohne jeden Hauch von Ironie bei einer seiner großen Heerschauen von Parteifunktionären und Sympathisanten, "werde ich versuchen, aus diesen Verschiedenheiten die Sammlung zu zaubern". La France d´après, heißt der Slogan des agilen Innenministers: das "Frankreich nach der Wende", nach Jacques Chirac, das Frankreich der Zukunft, das voller Gefahren ist und von einem Nicolas Sarkozy geführt werden will. Um das zu verhindern, stehen bei den Post-Gaullisten gleich mehrere bereit: Michèle Alliot-Marie, die Verteidigungsministerin, Dominique de Villepin, der Premier, Jean-Louis Debré, Parlamentspräsident und ergebener Diener des jetzigen Staatschefs. Und Jacques Chirac selbst natürlich, der künstlich den Zweifel aufrecht lässt, ob er trotz seines Alters, seiner Niederlagen und fragwürdigen rechtlichen Optik wirklich abtritt.

Nicolas Sarkozy, mit 37 bis 39 Prozent der Favorit in den Umfragen über die Elysée-Anwärter, hätte unter diesen Umständen gern einen innerparteilichen Vorentscheid über den Bewerber nach dem Muster der Sozialisten. Doch die Konkurrenten zeigen sich störrisch. Dominique de Villepin, Sarkozys Intimfeind, ließ wissen, er konzentriere sich auf sein Amt als Premierminister. Im Klartext: Er wolle nicht an politischen Schaukämpfen teilnehmen, die unter seinem Niveau sind - Korrekturen kurz vor Ablauf der Frist zu Einreichung offizieller Kandidaturen im Frühjahr 2007 nicht ausgeschlossen. Jean-Louis Borloo, der Arbeitsminister, winkt ebenfalls ab. Er wollte keine Rolle als Zählkandidat. Christine Boutin, eine sozial-reaktionäre Familienpolitikerin, die ihr coming out während der Debatte um einen eheähnliche Partnerschaftsvertrag erlebt hat, scheint unentschlossen, ist aber keine ernsthafte Gegnerin für Sarkozy. Michèle Alliot-Marie, die als Chirac-Getreue so etwas wie den Status der legitimen Erbin des Präsidenten führt, denkt ernsthaft daran, Sarkozy herauszufordern. Aber auch sie hätte keine Chance, dem Mann, der nach eigenem Bekunden "nicht nur morgens beim Rasieren" an das hohe Amt denkt, die Kandidatur streitig zu machen.

Bis zum 31. Dezember hat Parteichef Sarkozy seinen Rivalen Zeit gegeben, den Hut in den Ring zu werfen. Ganz ähnlich wie Ségolène Royal füllt er zwischenzeitlich seine Reden mit neu klingenden Formeln, deren Inhalt nicht recht klar werden will. "Republikanischer Humanismus" heißt eine dieser Wortschöpfungen und soll eine Antwort sein auf Kriminalität und Unsicherheit auf den Straßen. Dass Sarkozy den starken Mann markiert, ist auch den Wählern des rechtsextremen Front National nicht entgangen. Dass sie aber deshalb von Jean-Marie Le Pen lassen, scheint eine Illusion. Im Augenblick rangiert der FN-Führer in den Umfragen bei 17 Prozent für die erste Runde der Präsidentschaftswahl - das wäre mehr als 2002. Ob er freilich antreten kann, ist fraglich. Noch fehlt ihm die offizielle Unterstützung von mindestens 500 gewählten Mandatsträgern für eine Kandidatur. Bleibt Le Pen draußen, sagen die Wahlforscher, würde dies eher Ségolène Royal zugute kommen als Nicolas Sarkozy.


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00:00 01.12.2006

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