Wünschen nützt nichts

Vielstimmig Andreas Kriegenburg inszeniert Tschechows "Drei Schwestern" an den Münchner Kammerspielen als geordnetes Tohuwabohu

Anton Tschechow ist "in": Jedes Theater, das etwas auf sich hält, hat ein Stück des russischen Dichters im Repertoire. In seinen handlungsarmen Dramentexten geht es um seelische Befindlichkeiten, um Depression und Langeweile, kurz: um das ganz normale Leben. So wie in den Drei Schwestern, die im Ranking der Tschechow-Premieren die Spitzenposition einnehmen. Olga, Mascha, Irina und ihr Bruder Alexej leben in der Provinz und warten darauf, dass etwas passiert. Sie alle wollen nach Moskau, die Stadt, in der sie aufgewachsen sind, doch je mehr sie wünschen, desto ferner rückt dieser Traum. Auf dem Land fühlen sie sich überflüssig. Es gibt nichts, was ihr Dasein mit Sinn füllen würde. Und so wird stundenlang über die Zukunft, über Arbeit, den Fortschritt geredet, ohne dass sich irgendetwas am Status quo ändert. Im Gegenteil: Es geht bergab.

So ein melancholischer Niedergang hat etwas Bestechendes, und auch, wenn vieles nicht vergleichbar ist, gibt es doch Parallelen zwischen der Mittelschicht um 1900 und der heutigen: der Rückzug ins Private, Dialoge, die aus Selbstgesprächen bestehen, die Suche nach einem übergeordneten Sinn und nach Utopien, das Unausgesprochene. Es sind große Regisseure, die sich derzeit des Themas annehmen: Gerade hatte an der Berliner Schaubühne Luc Percevals Hartz-IV-Aktualisierung Premiere, in Düsseldorf legte Amélie Niermeyer ihre Version vor; Jürgen Goschs Vision einer geschlossenen Gesellschaft in Hannover war eine von drei eingeladenen Tschechow-Inszenierungen beim diesjährigen Theatertreffen.

Nun gehört auch Andreas Kriegenburg zum Club. Er stellt sich der Aufgabe mit starken Bildern: Im ersten Akt prasseln sackweise Nussschalen auf die vom Regisseur gestaltete Bühne; ein Wunschzettel, den Irina an die Wand klebt, hat sich im zweiten Akt flächendeckend vermehrt. Im dritten kommt ein riesiger Berg mit weißer Wäsche hinzu, der die Rückseite des hellen Holzsaales einnimmt; im vierten Akt hängen Irinas Blätter müde an mit Helium gefüllten Mülltüten. Die Träume sollen aufsteigen, wollen aber nicht so recht. Schließlich sind wir bei Tschechow.

"Hört ihr, wie der Ofen heult?" sagt Irina und hält ihr Ohr gegen die Wand. Im Hintergrund spielt ein Akkordeon die immer gleichen Walzerklänge, vorne beginnt sie ganz leise, den Wind zu imitieren. Ihre Schwestern stimmen in dieses Jaulen, Säuseln, Pfeifen ein, ganz zart und vorsichtig entwickelt sich daraus die erste Strophe von Yellow Submarine: "In the town, where I was born", gegen den Dreivierteltakt gesungen. Diese Polyphonie verstört, nervt, ist wunderbar melancholisch - und nicht nur musikalisches, sondern auch szenisches und sprachliches Prinzip. Kriegenburg erzählt keine stringente Geschichte, sondern Situationen aus wechselnden, sich überlappenden Perspektiven. Hinter jeder Ecke lauert eine Brechung. Da verselbstständigt sich die Sprache, wird zum Spiel im Spiel oder zur Klangkulisse: Als Olga mit verstellter Stimme für einige Minuten alle Rollen übernimmt als großen Monolog, Werschinin in einer Phantasiesprache doziert, alle gleichzeitig reden, während Schuhe über die Nüsse knacken zu nicht endendem Dreivierteltakt. Das lärmt, ist aber packend atmosphärisch.

Auch Bewegungen laufen aus dem Ruder. Szenen wie die, in der Irina wiederholt vom Stuhl fällt, gegen Wände knallt, beim Aufstehen immer wieder niederschlägt, stehen realistischen Momenten gegenüber, in denen die Frauen in ihren langen weißen Kleidern wie weiland Jutta Lampe durch den Raum schreiten. Dann wieder ist die ganze Bühne voll von Menschen, und alle stehen sich selbst im Weg.

Die rührendste der Verfremdungen ist das Spiel mit den Masken, übergroße Kindsköpfe, die aus ihren Trägern Puppen machen. Einmal aufgesetzt, wirken die Schauspieler wie verwandelt, bewegen sich wie Spejbl und Hurvinek, klingen die Tschechow-Sätze ganz altklug und noch trauriger als sonst. Bevor einen aber ganz die Wehmut packt, greifen die Pappschädel zu ihren Instrumenten und formieren eine mit wildem, grimmigem Elan aufspielende Gypsy-Band.

Wegen all der Brüche kommen keine psychologisch nachvollziehbaren, geschlossenen Charaktere, sondern nur Splitter zustande. Dass Kriegenburgs vielstimmiges Konstrukt nicht zerfällt, stattdessen ein oft komisches, widersprüchliches, vor allem aber hochlebendiges Theatererlebnis entsteht, verdankt er dem großartigen Ensemble der Münchner Kammerspiele, allen voran Annette Paulmann, Sylvana Krappatsch und Katharina Schubert als Olga, Mascha und Irina. In jeder Situation, jeder Wendung sind sie überzeugend, berühren ihre Gefühlsausbrüche, verblüffen ihre Wandlungen.

Zum Ende hin verliert dies geordnete Tohuwabohu etwas an Kraft. Dennoch ist Kriegenburg ein erfrischend konsequenter Tschechow-Verwalter. Die drei Schwestern gehen sich mit ihrer ewigen Sehnsucht schließlich selbst auf den Geist. Nachdem Irina einen ihrer Leidensanfälle hatte, ruft sie: "Ja, ja, ja, nach Moskau! Wem nützt denn all das Wünschen?" Offensichtlich niemandem. Schön ist´s trotzdem.


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00:00 01.12.2006

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