Zeitlos schön

Alltagskultur Die Ausstellung "100 Jahre Deutscher Werkbund" in der Pinakothek der Moderne

Er zählt zu den großen Unbekannten in der Welt der Kultur, und das, obwohl er eine der bedeutendsten und einflussreichsten Institutionen des 20. Jahrhunderts gewesen ist: Der Deutsche Werkbund (DWB). In der Hoch-Zeit von Jugendstil, Klassizismus und frühin-dustrieller Hässlichkeit machte er kurz entschlossen Schluss mit Kringel und Kitsch im Leben der Deutschen. Ein Dutzend Architekten und Künstler, darunter Peter Behrens, Josef Hoffmann und Richard Riemerschmid, gründeten 1907 mit einem Dutzend Unternehmern das Bündnis mit dem Anspruch einer allumfassenden Gestaltung, der die Zweckmäßigkeit des Hergestellten und dessen "ernster, künstlerischer Durchformung" dienen sollte. Auf "Die Gute Form" kam es ihnen an. Schnörkellos sollte sie sein, ohne Dekoration, eben von "vernunftgemäßer Schönheit", und das in allen Dingen. Kein Tand, sondern Qualität in Zeiten der Massenfertigung. "Vom Sofakissen bis zum Städtebau" wollte der Mitbegründer und maßgebliche Mentor des DWB, Hermann Muthesius, die angestrebte "harmonische Kultur" als gesellschaftliche Aufgabe verstanden wissen.

Hundert Jahre später ist nur noch Eingeweihten bewusst, dass der DWB bis heute Form und Stil der Alltagskultur prägt. Zum Jubiläum hat jetzt unter der Federführung von Winfried Nerdinger das Münchner Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne eine beeindruckende Gesamtschau von der Vorgeschichte des Werkbundes bis zu seiner heutigen Sinnsuche zusammengestellt. In sieben chronologisch gegliederten Abteilungen vermitteln über 500 Exponate die historischen und ökonomischen Zusammenhänge eines ganzen Jahrhunderts von Architektur, Kunstgewerbe und Design.

Der größte Teil der Möbel, Plakate, Haushalts- und Industriegeräte, Fotografien und zahlreichen Modelle stammt aus den Beständen der 1925 gegründeten Münchner "Neuen Sammlung", die selber ein Kind des Werkbunds ist. Es ist ein Rundgang durch Déjà-vu-Erlebnisse und nostalgische Erinnerungen. Die Verpackungen von Leibniz-Keks und Kaffee HAG, das Rotrand-Geschirr von Arzberg, die Bogenlampen von AEG. Die Bauhaus-Architektur, die aus dem DWB hervorgegangen ist, und über Europa bis nach Israel und die USA Wirkung zeigt. Das Pott-Besteck, Glasprodukte von Schott, der Braun-Entsafter, die Rollei "35 SE". Die Junghans-Uhr, die Adler-Schreibmaschine. Letztere gibt es schon lange nicht mehr, vieles findet man noch in "guten" Fachgeschäften.

Wer heute Geschmack beweist, kann zum Beispiel immer noch bei WMF die Pfeffer-und-Salz-Streuer "Max und Moritz" im Design von Wilhelm Wagenfeld kaufen, kleine Glasflakons mit einem schlichten Chrom-Deckel, die gut in der Hand liegen, einfach funktionieren, zeitlos schön sind und für fünf Euro durchaus erschwinglich. Auch der Klappstuhl oder der Stapel-Stuhl sind kein Luxus. Ikea lässt grüßen? Der Vergleich hinkt, weil Ikea in Billiglohnländern fabrizieren lässt und dabei weder auf Qualität noch auf Volkserziehung achtet. Ursprünglicher Zweck des Werkbundes aber war nicht nur Kasse durch Masse, sondern nationalliberale Unternehmerstrategie, gepaart mit dem Anspruch von deutscher Qualitätsware und nützlicher Form. Es galt, deutschen Produkten, die wegen der übermächtigen britischen Konkurrenz kaum Absatz fanden, auf dem Weltmarkt Profilierung und damit Geltung zu verschaffen. Der nationalkapitalistische Antrieb wurde in ein volkspädagogisches Konzept gekleidet, das durch die Propagierung vorbildlicher "Muster" und Verkaufskataloge wie dem "Deutschen Warenbuch" oder das Deutsche Museum für Kunst in Handel und Gewerbe intensiviert wurde.

Dass die Schöngeister unter den Werkbund-Mitgliedern allen Ernstes glaubten, die Arbeiter, die Qualität produzieren, hätten deshalb "Freude an ihrer Arbeit", und das wiederum würde soziale Spannungen abbauen, zeugt von der bürgerlichen Attitude und politischen Naivität des Werkbunds. Weit in die kapitalistische Zukunft gedacht hingegen wurde die Entwicklung der Corporate Identity, das einheitliche Erscheinungsbild einer Firma in all ihren Produkten, das zuerst von AEG adaptiert wurde. Was heute unter Produkt- oder Industriedesign verstanden wird, wurde vom Werkbund entwickelt.

Beispielhaft und international besonders erfolgreich waren auch Architektur und Wohnformen für den "modernen" Menschen wie die Gartenstadt Hellerau, die Werkbundsiedlung Am Weißenhof in Stuttgart (1927) oder die Ausstellungen in Paris 1930 und Brüssel 1958. Sie waren zentrales Thema im Blick auf das neue Technik- und Industriezeitalter, das flexible, mobile, geschmacklich standardisierte Menschen und typisierte, überall einsetzbare Wohn-Formen einforderte. Mental wie formal war Sachlichkeit angesagt. Neues Bauen meinte nicht nur "knappe Prägnanz der Linienführung, vollendete Proportionen, straffe Gespanntheit der Flächen", sondern kleine, neutrale Wohnräume, aber große Gemeinschaftseinrichtungen.

Von der "Guten Form" zur "Deutschen Form" brauchte es weder Umwege noch wirkliche Gleichschaltung. Die jüdischen Mitglieder flüchteten nach 1933 ins Exil, der Rest machte weiter in der Form. Allerdings verstand sich der neue Vorstand von nun an als "Kampforganisation für künstlerische Gesinnung, eine Art SA auf dem Gebiet aller schöpferischen Lebenskräfte, die allen ästhetischen Diskussionen von vornherein die Spitze abbricht." Der so fanatisch "Hitlers große Rede in Nürnberg" für den Werkbund interpretierte, war Winfried Wendland. Da das Kapitel in der Ausstellung selber sehr kurz gehalten ist, lohnt es sich, in dem umfangreichen Katalog nachzulesen, dass auch in diesem Fall niemand nachtragend war. Das NSDAP-Mitglied Wendland stand bis 1976 im Dienst der evangelischen Kirche, davon etliche Jahre als Baurat in Potsdam.

Während der DWB in der DDR nicht mehr zugelassen wurde, verlor er in der BRD im expandierenden "Wirtschaftswunder" unter US-Geschmacksüberschwemmung seine Bedeutung, die er bis heute nicht wieder erlangt hat. Dabei war es der DWB, der lange vor den Warnungen des Club of Rome und der Ökobewegung auf einer Tagung in Marl 1959 die großen Umweltprobleme der Industriegesellschaft und ihre soziale Verantwortung angemahnt hat. Mit der Kritik am rein profitorientierten Wachstum samt Landzersiedelung, ungezügelter Konsumgesellschaft und ökologischer Katastrophe wurde aus der Gesinnungsgemeinschaft des Werkbunds eine Aktionsgemeinschaft, die die Gesellschaft aufrütteln wollte.

Doch diesen politischen Wechsel haben die Landesverbände Bayern, Berlin und Hannover nicht mitvoll-ziehen wollen und sind Mitte der neunziger Jahre aus dem Dachverband des DWB ausge-treten. Im Zeitalter der Beliebigkeit von Geschmack und Form hat sich so der gerupfte DWB heute mehr oder weniger auf die Funktion einer Art Verbraucherberatung von aufgeklärten Bürgern reduziert, die mit gutem Gewissen einwandfrei bauen und wissen wollen, wie sie pädagogisch besonders sinnvoll Kinder- und Jugendzimmer ausstatten. Auch eine Form.

100 Jahre Werkbund. Pinakothek der Moderne, München. Noch bis zum 26. 8.
Akademie der Künste, Berlin vom 16. 9.-11. 11. Katalog, Prestel-Verlag, 38 EUR


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00:00 27.04.2007

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