Elke Brüser
13.05.2010 | 14:00 6

Zirkus der Seelenheiler

Psychopharmaka Ärzte und Psychotherapeuten sollen sich fortbilden. Die Pharmaindustrie ist ihnen dabei auf entwaffnende Weise behilflich

Medizinische Tagungen bieten Ärzten viel: Sie können mit den Kollegen und Kolleginnen fachsimpeln, auf die Koryphäen ihres Faches treffen – und sie können Fortbildungspunkte sammeln. Praktizierende Mediziner und Psychotherapeuten sind dazu verpflichtet. Sie müssen innerhalb von fünf Jahren 250 Punkte ergattern, indem sie zum Beispiel nach der Lektüre von Fachliteratur Online-Fragebögen zum Thema korrekt ausfüllen. Oder, indem sie Kongresse und andere Spezialveranstaltungen besuchen. Wie viele Punkte es für welche Art der Fortbildung gibt, entscheiden die jeweiligen Kammern der Ärzte und Psychotherapeuten.

Welchen Einfluss Pharmaunternehmen im Windschatten solcher Kongresse auf die fortbildungswilligen Ärzte ausüben, das war besonders eindrucksvoll während des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin zu bestaunen. Auf einer riesigen Ausstellungsfläche bemühten sich die Hersteller von Psychopharmaka, die Namen ihrer Präparate in das Hirn potenzieller Verordner einzubrennen. Mit großem Erfolg, denn Ärzte und Psychotherapeuten wollen zwischen Vorträgen und Diskussionen unterhalten sein. Also locken die Sponsoren der Tagung müde Besucher mit einem munteren Kontrastprogramm zum grauen Tagungsgeschehen. Es gibt Geschenke. Und natürlich auch was zu essen!

Zum Glück gab es auf dieser Tagung auch voluminöse Umhängetaschen, in denen sich die vielen Präsente von Pfizer und Co. prima verstauen ließen. Und es blieb nicht bei den üblichen Textmarkern in Firmenfarben oder Schreibblöcken mit Werbelogos in jeglichem Format. Die Pharmahersteller hatten sich richtig was einfallen lassen, um das Fachpublikum für sich zu gewinnen. Und die Experten machten fleißig mit, anstatt über die Medikamente zu diskutieren, die hier angepriesen wurden – und die eine Diskussion durchaus verdient hätten.

Niedlich! Und trotzdem stark?

Der dänische Arzneimittelhersteller Lundbeck lockte mit einem bunten Glücksrad, das in seiner Heiterkeit nicht nur unkompliziert Werbung für das Antidepressivum Cipralex machte. Es beglückte die Besucher immer dann mit einem Plüschlöwen, wenn es an der richtigen Stelle zum Stillstand kam. Also dort, wo das Lundbeck-Präparat von der Drehscheibe lachte. Eine der Hostessen – passend zum Corporate Design gekleidet in eindringlichem Orange der Firma und mit einer Perücke auf dem Haupt – überreichte den glücklichen Gewinnerinnen (mehrheitlich sorgten hier Frauen für schwungvolle Umdrehungen) eine schnuffige Miniatur des ­Löwen, mit dem Lundbeck für sein Antidepressivum wirbt. Wie niedlich! Und sicher trotzdem, wie der Werbespruch verspricht: „einfach stark!“

Cipralex ist ein sogenannter Selektiver Serotonin Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Das New England Journal of Medicine enthüllte vor zwei Jahren, dass Hersteller dieser häufig verschriebenene Antidepressiva Studien mit negativen Ergebnissen zurückhalten. Der Nutzen von SSRI ist umstritten. Eine Metaanalyse im Journal of the American Medical Association ergab erst im Januar, dass entsprechende Präparate nur im Fall von schweren Depressionen Placebos überlegen sind.

Keinen König der Löwen, sondern einen mächtigen Tiger hatten dagegen die Firmen Esai und Pfizer in Stellung gebracht. Man wollte wohl verdeutlichen, wie machtvoll das Präparat Aricept gegen die Alzheimererkrankung kämpft. Wer mochte, konnte sich Aug in Aug mit dem Tiger, Gott sei dank keinem lebendigen Exemplar, ablichten lassen. Für den Praxisschreibtisch. Oder um später vielleicht Patienten mit ersten Anzeichen von Alzheimer Aricept nahezubringen? Dessen Werbespruch da lautet: „Angriff ist die beste Verteidigung.“

Klinische Studien haben Donepezil ­(Aricept), abgesehen vom Abschneiden in einzelnen kognitiven Tests, keine nennenswerte Wirkung bescheinigen können. Der eigentliche „Angriff“ findet ­dafür auf den Nebenschauplätzen statt: Die unerwünschten Effekte reichen von Durchfall und Übelkeit (sehr häufig) über Halluzinationen, Aggressivität, Inkon­tinenz und Juckreiz (häufig) bis hin zu Herzproblemen und Lebenschäden ­(selten).

Aber wer ist schon kritisch, wenn über ihm eine ganze Wolke extrem niedlicher Plüschtiger in glasklaren Plastikkugeln baumelt? Die Tierchen über der Präsentationsfläche für Aricept wirkten allerdings ganu so angriffslustig wie das Fachpublikum.

Ähnlich nachhaltig war der Eindruck, den Pfizer mit der Präsentation seines Medikaments Zeldox hinterließ. Das Mittel, soll Patienten mit Schizophrenie und bipolaren Störungen helfen. Auf der Tagung in Berlin konnte das Fachpublikum deshalb etwas Gutes im Namen des Herstellers tun: Der weltgrößte Pharmakonzern überweist Geld an den Jugendhilfeträger Ambulante Sozialpädagogik Charlottenburg (AMSOC), der wiederum Patenschaften für Kinder psychisch erkrankter Eltern vermittelt. Je kräftiger die sportbegeisterten Psychiater, Neurologen und Psychotherapeuten in die Pedale eines Fahrradsimulators traten – und hier waren natürlich die Herren in der Überzahl –, desto besser für AMSOC. Natürlich wartete auf den erhitzen Radler noch ein passendes Geschenk, nämlich ein weißes Handtuch mit Pfizer-Logo.

Pfizers Zeldox-Wirkstoff Ziprasidon darf als „ausgewogen verträglich“ beworben werden, dabei ist die Liste häufiger Nebenwirkungen lang und schwerwiegend. Vor allem neurologische Effekte, wie Sitzunruhe und Koordinationsstörungen, treten häufig auf – im Gegensatz zum therapeutischen Effekt, der sich in umfassenden Analysen als dürftig herausstellt . In den USA hatten die Sicherheitsbedenken vor allem wegen des Risikos von Herzrhythmusstörungen die Zulassung des Medikaments verzögert.

Richtig attraktiv dagegen die Idee von Merz, den interessierten Kongressbesucher für das Ausfüllen eines Fragebogens mit einem persönlichen Schlüsselanhänger zu belohnen. Merz hatte einen Fachmann engagiert, der jeden gewünschten Begriff eingravierte. Was das Firmenpräsent mit der Pille Axura gegen Hirnleistungsstörungen zu tun hat, blieb etwas rätselhaft. Spielt es auf die Orientierungs- und Zuordnungsprobleme bei Alzheimerpatienten an? Nach dem Motto: Alles viel leichter, wenn der Schlüssel einen Namen hat? Immerhin war das Plakat mit dem hübsch ergrauten Seniorenpaar selbsterklärend: „Länger ich. Länger miteinander.“ Diesen Spruch gab es sogar mit einem Bobon versüßt, das nicht nur in der Zielgruppe ein gutes Image hat.

Das Präparat Axura enthält nur einen einzigen Wirkstoff: Memantin, eines der wenigen zugelassenen Medikamente für die Behandlung der Alzheimer-Demenz. Die Wirkung von Memantin ist ist kaum von der eines Placebos zu unterscheiden. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat den Wirkstoff erst im vergangenen Jahr als praktisch nutzlos klassifiziert.

Rein atmosphärisch schoss übrigens die Präsentation von AstraZeneca den Vogel ab: In der Werbung für das Präparat Seroquel prolong, ebenfalls ein Medikament zur Behandlung von Schizophrenie, ist die alles beherrschende Farbe Pink. Ein echter Eyecatcher, um es mal im Jargon der Werbebranche zu sagen. Wer sich dem üppigen Stand von AstraZeneca näherte, tauchte flugs in eine fröhliche Stimmung ein. Nicht nur Teppichboden und Stellwände leuchteten grell. Selbst die Blumendekoration, die T-Shirts der Damen und die Krawatten der Herren an der so genannten Abholstation mit Pink punkteten.

Alles kein Zufall, denn hier war Hartmann von Siebenthal Corporate Architecture – kurz hvsca – am Werke, die Agentur für „dreidimensionale Markenkommunikation“. Das Unternehmen „inszeniert emotionale Markenräume“ und wirbt: „Es entstehen Orte der Begegnung zwischen Mensch und Marke, die Besucher emotionalisieren und ihr Vertrauen in die Marke bestätigen.“ Nur bestätigen – oder doch schaffen? Für das ­Vertrauen in Medikamente sind in der Medizin eigentlich noch Studien und Therapieerfolge zuständig, Aber: Für den öffentlichkeitswirksamen Auftritt von AstraZeneca hat Hartmann von Siebenthal den IF Communication Design Award 2009 eingeheimst. Verständlich!

Welchen Vorteil Seroquels Wirkstoff Quetiapin gegenüber den anderen Neuroleptika hat, ist diskussionswürdig. Zu den Nebenwirkungen des atypischen Antipsychotikums zählen starke Gewichtszunahme, ein erhöhter Blutzucker und Störungen der Blutbildung. Gemessen daran stellt sich die Frage, warum Ärzte die teure Arznei so häufig verschreiben.

Auf der Berliner Tagung war jedenfalls viel los. Ob das das allein an der emotionalen Atmosphäre lag, den kleinen Häppchen und dem Ratespiel am PC, das von einem munterer Moderator begleitet wurde?

Von den 8.000 Besuchern, die zur DGPPN-Tagung gekommen waren, hatte der Konzern AstraZeneca fast 1.000 auf Kosten der Firma eingeladen – und ihnen damit hübsche Summen erspart. Eine Pressemitteilung gab es dazu verständlicherweise nicht. Aber eine Hostess am Stand der Firma hatte sich so mächtig über diesen Erfolg gefreut, dass sie es schließlich ausplauderte.

Wer den DGPPN-Kongress für einen Tag besuchte, konnte sich sechs Punkte bei der Ärzte- oder Psychotherapeutenkammer gutschreiben lassen.

Kommentare (6)

claudia 14.05.2010 | 09:55

Dass Nachfrage durch Werbung generiert wird, und eben mit kleinen Geschenken an die Beworbenen, das ist im Kapitalismus normal.
Wie aber entsteht eine Nachfrage nach Medikamenten? Meine Nachfrage nach Thyroxin ist dadurch entstanden, dass meine Schilddrüse das nicht mehr hinreichend produziert.
Anderer Bedarf entsteht z. B. dadurch, dass die Langerhansschen Inseln kein oder zuwenig Insulin herstellen können.
Ein Bedarf an Medimenten entsteht also durch den Gesundheitszustand. Er erzeugt Nachfrage nach Wiederherstellung der Gesundheit oder zumindest Linderung.

Um die Nachfrage zu bedienen, sollte eine einfache Information genügen darüber, dass und wo ein benötigtes Medikament verfügbar ist. Und Information einer unabhängigen Stelle, die Pharmakologie und Toxikologie abgeklärt hat.

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Hoher Werbeaufwand (der sich auch im Preis niederschlägt) bedeutet immer dass der Anbieter mit der Nachfrage nicht zufrieden ist. Die Werbung hat nicht die Aufgabe, einen Bedarf abzudecken, denn das geht ohne Werbung. Sie hat die Aufgabe, Bedürfnis über Bedarf zu generieren.
Bei Kaugummi oder Limonade mag das angehen, solange wir unsere Volkswirtschaft nicht bedarfsorientiert organisieren können. Bei Medikamenten halte ich es aber schon für problematisch.

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Ich habe während meiner Tätigkeit in einem grossen Pharmaunternehmen mitbekommen, wie profitorientierte Pharmazie funktioniert: Ein Mittel, das Zweitinfarkte verhindern sollte, war mit hohem Werbeaufwand in den Markt gedrückt worden. Die klinische Erfahrung nach einigen Jahren zeigte, dass die Zweitinfarktrate bei Patienten, die diesen Wirkstoff (Clofibrat) verschrieben bekamen, höher war als bei Patienten ohne das Medikament. Es wurde still und schnell wieder vom Markt genommen.
Bedarf für und Nachfrage nach Zweitinfarkten hat niemals existiert.
Die Werbung mit den schönen phamakologischen Aussagen hatte nur ein Bedürfnis nach Verschreibung geweckt. Das Präparat hatte, solange es verschrieben wurde, dem Hersteller viel Geld gebracht.

Ich hoffe das Beispiel genügt, um aufzuzeigen, wo die Probleme der profitorientierten Pharmazie liegen.
Sonst könnte ich auch mehr dazu sagen.

claudia 14.05.2010 | 20:51

Na ja, der Arzt muss ja erst mal dem Hersteller glauben. Die geben ja eine Infomaterial aus. Zusammen mit Geschenken und superber Bewirtung bei Veranstaltungen.

Die Sache mit den Zweitinfarkten war natürlich krass. Einer Uniklinik kam Jahre nach der Markteinführung ein Verdacht und sie führten selber eine Studie durch, die zu anderen Ergebnissen kam als die edlen Hochglanzbroschüren des Herstellers.

In weniger krassen Fällen werden Nebenwirkungen oder Nichteintreten einer erwarteten Wirkung oft durch Placeboeffekte überdeckt. Das ist in einer kleinen Praxis und ohne Doppelblindversuch oft schwer zu fassen.

Günter Hagemeister 16.05.2010 | 19:36

Auch ich besuchte diese Veranstaltung der DGPPN in Berlin.
Der Aufwand der dort werbenden Pharmaindustrie war beeindruckend.Ich wurde mit Werbematerial verschiedener Firmen geradezu überhäuft, solange, bis ich am Stand von Novaris erklärte, dass mein Sohn als Patient der Psychiatrie unter Medikation zu Tode kam.
Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten.
Unter der Überschrift:"Die andere Seite der DGPPN" habe ich vor diesem Kongress diesen Text bbei webnews veröffentlicht:

"Ende November 09 versammeln sich ca. 8000 Kongressmitglieder aus dem Bereich der Psychiatrie in Berlin. Sie gehören zur Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. 350 Medienvertreter sind angemeldet. Wie einzelne Mitglieder aus der Führungsebene dieser Gesellschaft handeln, lesen Sie auf der Seite:

psychiatrie.kilu.de/

Fahrerflucht in der Psychiatrie?"