Zivilisation wagen

Oder die Arbeit am Restrisiko Roberto Ciulli und Hans Peter Clahsen inszenieren erstmalig in der Forensik

Ungewohnte Klänge unterbrechen die sommerliche Stille des Parks im Langenfelder Psychiatriegelände. Aus der Turnhalle der Rheinischen Kliniken dringt lärmender Applaus. Vorbeikommende Spaziergänger werden sich kaum vorstellen, dass die Begeisterung jenen sechs Männern gilt, die soeben von ihren Bewachern in einen vergitterten Gefängniswagen verbracht werden. Was im Alltag absurd erschiene, macht an diesem Abend Sinn: Für den Theaterabend in der Turnhalle probte Roberto Ciulli mit seinem Regiekollegen Hans Peter Clahsen über ein Jahr lang mit sechs Patienten der psychiatrischen Abteilung für Straftäter. Ergebnis ist der Theaterabend Wie hast du geschlafen?, der jetzt in vier ausverkauften Vorstellungen der Öffentlichkeit präsentiert - und jeden Abend gefeiert wurde.

Ein hagerer junger Mann (Hagen Struve) bewegt sich hektisch über die Bühne. Aggressiv traktiert er alle Gegenstände im Raum. Ruhelos raucht er einen Zigarettenzug und tritt wieder gegen den Aschenbecher. Für einen Moment wird er ruhiger, als er ein Stück Stoff zärtlich vor sein Gesicht hält. Schließlich übergibt er sich, scheinbar endlos, während einer eingeblendeten Filmmontage aus Bildern von Natur und Untergrund. Aus einem Erdhügel spricht eine Art Weißclown (Winfried Weike) in Anlehnung an die Figur Winnie aus Becketts Glückliche Tage kurze Texte von Thomas Mann. Ein weiterer junger Mann im Anzug (Santo de la Cruz) beeindruckt mit seinem Traum: ein Traumwagen, ein Unglück, der Tod, vielleicht ein Kampf mit einem Engel, am Ende trostlose Einsamkeit, Frieren.

Nur am Ende des Abends sind alle Darsteller gemeinsam im Raum: Zunächst herrscht bedrückende Sprachlosigkeit, dann werden starke, beunruhigende Sprachfetzen mit überraschend feinem Humor hörbar und schließlich Deutliches aus dem deutschen Sprücheschatz. Wenn dann am Ende alle ein imaginäres, zunächst stummes Orchester dirigieren und sich schließlich vor dem Publikum verbeugen, ist es nicht nur dieses Bild, das bei der Premiere stehende Ovationen provozierte. Der Abend zwingt nichts. Es ist ein Theaterabend, der viel Zeit lässt, Leben als eine Herausforderung zu begreifen.

Wie hast du geschlafen? eröffnet mit seiner szenischen Feinarbeit Räume für fast unbegrenzte Assoziationen, die an die Theaterarbeit von Samuel Beckett erinnern. Das in der Geschichte der Forensik einmalige Projekt wurde vom Landschaftsverband Rheinland, den Rheinischen Kliniken und dem Theater an der Ruhr ermöglicht. "Wir hatten die ungeheuer spektakuläre Möglichkeit, mit diesem Projekt an die Öffentlichkeit zu treten. Mit Forensik verbindet die Öffentlichkeit ununterbrochen schreckliche Dinge, die jedoch nur zum Teil unsere Patienten betreffen. Patienten der Forensik erleben die stärkste Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Die Ängste der Bevölkerung sind sicherlich auch Ergebnis der Medienberichte zu den forensischen Patienten: psychisch krank zu sein und eben dann auch noch Straftäter, das macht Angst, so etwas ist nicht einschätzbar", erläutert die Chefärztin der Forensik, Jutta Muysers.

Unwägbare Risiken versucht die moderne Zivilisation üblicherweise mit Versicherungen jeglicher Art auszuschließen. Der instrumentelle und ökonomische Aufwand einer Gesellschaft, die jegliches "Restrisiko" als unmittelbar persönlich bedrohlich empfindet, hat in den letzten hundert Jahren immer mehr zugenommen. Die Relationen zwischen Unsicherheit, Sicherheitsbedürfnis und konkreter Bedrohung beruhen dabei kaum noch auf Fakten und Analysen.

Blickt man nämlich auf die nüchternen Zahlen der Kriminalstatistik, so unterliegt unsere Gesellschaft bezüglich der Situation der Forensik einer synchronisierten Hysterisierung: "Die Zahl der Publikationen über Sexualmorde ist von 1971 bis 1996 auf das zehnfache angestiegen, während die Sexualmorde im gleichen Zeitraum auf ein Drittel zurückgingen", so die Monatsschrift für Kriminologie und Strafreform. Sexualverbrechen haben seit den frühen neunziger Jahren immer wieder bundesweit Aufsehen erregt. Die sehr hohe Verwertbarkeit bestimmt bei vielen Medien auch die inhaltliche Bearbeitung.

In den USA kann eine zunehmend privatisierte, in Teilen sogar industrialisierte Gefängniswirtschaft in den letzten Jahren enorme Wachstumsraten verbuchen, bei gleichzeitig nachweislich sinkender Kriminalität. Viele Medien kalkulieren längst mit Unsicherheit und Angst als Magneten auf der ständigen Suche nach festen Leser- und Zuschauerbindungen. Eine verunsicherte Zivilisation sucht immer mehr Schuldige. Der Zivilisation scheint die Wahrheit nicht mehr der Mühe wert.

Die Theaterinszenierung Wie hast Du geschlafen? will auf diese Zusammenhänge ein Schlaglicht werfen. Peter Sloterdijk schreibt in seinem Buch Die Sonne und der Tod: "Heiner Müller hat aus Zweifel am Soziologenwahn auf einen anderen Ort für produktive Wahrheitsspiele hingezeigt, das Theater ..., weil das europäische Theater seit den Griechen ein Auftauchort ist, an dem eher die energetischen Lebensaspekte als die semantischen prozessiert werden - nicht umsonst bedeutet Drama Ereignis."

Vielleicht ist es dies, was das Publikum, wenn es durch die Sicherheitsschleuse der Forensik in die Turnhalle geschritten ist, am meisten überrascht: Das Ereignis, die szenischen Miniaturen aus schuldig gewordenen Leben in denkbaren Zusammenhängen auf die Bühne gebracht. Das baut Ängste ab: Theater als Enthysterisierungsanstalt? Noch einmal Sloterdijk: "Theater ist eine Klammerinstitution, eine Art ästhetisches Orakel, ein teuer bezahlter, aber in seiner Leistungskraft noch lange nicht zu Ende durchdachter Ort, an dem das Auftauchen, das Zur-Sprache-Kommen und das Sichtbarwerden des bis dahin Unsichtbaren sich vollziehen kann. Es ist eine mirakulöse Institution. Man kann nicht genug darüber staunen, dass es einer Gesellschaft zuweilen gelingt, ihr Unbewusstes an bestimmten Schauplätzen spielen zu lassen."

"27 Jahre 6 Monate, Exakt 9.935 Tage ... Das sind ja fast drei Generationen", so ein Dialog der Schauspieler um ihr Strafmaß. Und tatsächlich wird es für die Klinikärzte immer schwieriger, im Umfeld der gesellschaftspolitischen Sicherheitsdebatten um Restrisiken und Rückfallquoten, Patienten mit Straftaten gegen Leib und Leben in die Gesellschaft zu entlassen. Die für die Patienten perspektivlos verstreichende Zeit will Roberto Ciulli kritisieren. Hans Peter Clahsen ergänzt: "Soweit wir unsere Zivilisation noch als christliche verstehen, vermisse ich den Konsens darüber, dass wir nur dort Fortschritte erreichen, wo wir die Schwächsten beziehungsweise die Geringsten einbeziehen. Und wer es nur pragmatisch oder ökonomisch verstehen will, dem sollte klar sein, dass alles Verdrängte und Ausgegrenzte wie ein Boomerang als unkalkulierbare Belastung und Kostenfaktor zurückkehrt."

Für Peter Stauf, einen der Schauspieler und Patienten, ist der Abend eine Gelegenheit, den unterbrochenen Dialog mit der Gesellschaft wieder anzuregen: "Wir versuchen ganz einfach, mit unserem Spiel der Öffentlichkeit klar zu machen, dass wir nicht nur die Monster sind, als die man uns in der Gesellschaft hinstellt, sondern dass wir auch ohne weiteres ein Seelenleben haben." Wie weit es für die Zukunft gelingen kann, die Verantwortlichen zu überzeugen, dass derartige Projekte Schule machen dürfen, ist noch fraglich. Der Trend in Politik und Gesellschaft ist ein anderer, auch wenn das subjektiv empfundene Risiko der tatsächlichen Bedrohung der Gesellschaft durch psychisch kranke Straftäter nicht entspricht. Die Justiz reagiert auf die Ängste in der Gesellschaft, und das hat Konsequenzen für den Strafvollzug: Von 1984 bis 2000 stieg die Anzahl der zeitlich unbefristet untergebrachten Patienten in der Forensik um 86,2 Prozent, und für viel Geld entstehen neue Kliniken mit immer aufwendigeren Hochsicherheitstechnologien. Die Patienten werden für immer längere Zeiträume weggeschlossen.

Den Erfolg des Theaterprojekts hat die Chefärztin der Rheinischen Kliniken unmittelbar erlebt, man will die Zusammenarbeit mit den Künstlern fortsetzen. Roberto Ciulli und Hans Peter Clahsen formulierten es in den Einführungen zu den Theaterabenden vor dem Publikum noch deutlicher: "Unsere Zivilisation kann sich nur dann produktiv fortentwickeln, wenn wir die Schrottplätze der Gesellschaft nicht weiter einzäunen, sondern ihre verschütteten Rohstoffe entdecken."

00:00 18.07.2003

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