Zu Besuch

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Sie hatte nicht antworten können, nichts sagen können, hatte den Mund nicht öffnen, die Stimme nicht benutzen können, solange die Hand über ihren Kopf strich und sie die Finger durch ihr Haar gleiten spürte, spürte, wie sich das Gefühl der Berührung im Nacken fortsetzte, langsam den Rücken hinablief und eine warme, heiße Spur hinterließ. Bis die Stimme der Mutter zu hören war: Sie wird sich die Bienen auch allein ansehen können. Das Gefühl der warmen Hand war von ihrer Haut verschwunden, der Gastgeber hatte sich aufgerichtet, und die Mutter hatte wieder begonnen, von den Weinbergen zu sprechen. Was für ein schönes Land, hatte die Mutter gesagt und die Stimme war ganz hoch gerutscht, der Vater hatte sich geräuspert und die Mutter hatte begonnen zu lachen, die Stimme war noch höher und noch schriller geworden und dann ganz verschwunden, bis nur noch das Lachen geblieben war und bis auch der Gastgeber begonnen hatte zu lachen.

Vera zog die Beine heran, umarmte ihre Knie, presste die Arme an die Knie und die Knie an den Körper und fixierte mit den Augen die Büsche hinter den Bienenstöcken. Dahinter saßen die Erwachsenen. Sie konnte die hellen und bunten Flecken der Kleider sehen, das Lachen und die Stimmen hören. Jemand hustete, dann ein lautes Lachen, zwei drei abgehackte und laute Sätze, sie erkannte die Stimme der Mutter, sah die eigenen Finger durch das trockene Gras fahren, das Gras aufwühlen, Erde, Sand, Steine, stach mit den Fingern in den trockenen Boden, die Wurzeln des Grases; dunkle Ränder unter den Fingernägeln, graue Hände, und im Rasen hatte sich ein Loch gebildet, ein Trichter, sie fuhr mit einem Stock in den Trichter und bohrte sich tiefer und tiefer in den Boden.

Vor ihren Füßen krabbelten die Bienen auf dem Löffel herum, sammelten den Honig auf, den eigenen Honig, sie hatte es nicht verstanden und hatte nichts gesagt, hatte den Löffel in die Nähe der Bienenstöcke gelegt und sich auf einen großen Stein gesetzt, um zusehen zu können. Die Bienen hatten dicke Klumpen Honig an den Beinen, torkelten in der Luft und flogen davon, wurden ersetzt durch neue Bienen, wieder das Aufsammeln und Torkeln, das Surren und Kreiseln.

Sie versuchte, eine Biene mit den Augen festzuhalten, ihr zu folgen, durch die Luft und durch den Garten, zum Bienenstock, die Biene flog zum Eingang, stieg auf und stieg ab, landete, krabbelte auf dem Absatz vor dem Eingang herum, verschwand im Inneren oder kam wieder heraus, sie konnte sie nicht unterscheiden, heftete ihre Augen erneut an eine Biene, folgte ihr von Blüte zu Blüte, die Biene flog hoch, ein schwarzer Punkt, ein Pünktchen, nichts mehr.

Der Mann mit der tiefen Stimme begann zu sprechen, der Gastgeber. Vera ließ den Stock fallen und richtete sich auf; die Stimme legte sich über die Terrasse, schob die abgehackten Sätze, das Rascheln und Kraspeln und die Geräusche klirrenden Geschirrs beiseite und erinnerte sie an die große warme Hand, die er ihr zur Begrüßung hingestreckt hatte, die ihre Hand festgehalten und gedrückt hatte. Wie geht es der kleinen Dame. Er hatte das R gerollt und die Wörter ganz weich ausgesprochen. Wie geht es der kleinen Dame, die tiefe Stimme und die dunkle Haut, und die Mutter hatte ihr die Hand in den Nacken gelegt, hatte sie vor sich her geschoben, ihr die Finger in den Nacken gepresst, als sie auf das Haus zugegangen waren und ihnen der große dunkle Mann entgegengekommen war.

Wir wollen immer am Meer entlangfahren, gibt es etwas, das man sich unbedingt ansehen sollte? Die Mutter lächelte und sprach, die anderen aßen und tranken. Eine Gabel wurde mit langsamen Bewegungen zum Mund geführt, ein Glas hochgehoben, an den Mund gesetzt, geneigt und wieder abgesetzt, jemand lachte. Es war heiß, die Sonne schien durch das Laub der Bäume auf den Tisch und bildete die Schatten der Oberkörper, der Köpfe, der Gläser und der Flaschen auf der Tischplatte ab. Jetzt verschwand der Schatten eines Glases im Schatten einer Flasche, tauchte wieder auf, die Flasche wurde über die Gläser und über die Tischplatte hinausgehoben, der Flaschenhals neigte sich herab, Vera sah die Flüssigkeit im Glas ansteigen, eine Hand nach dem Glas greifen, das Glas an den Körper heranziehen, eine ruckartige Bewegung, das Glas sackte ab oder die Hand zuckte zusammen; ein lautes Geräusch, das Glas stieß hart auf den Tisch. Sie sah den Mund der Mutter vom Ohr des Vaters zurückschnellen, die Flüssigkeit schwankte zu den Seiten hin und her. Der Vater sah auf das Glas, und die Mutter begann zu sprechen, sagte laut Danke und: Wir sind um diese Zeit gar keinen Alkohol gewöhnt, der Gastgeber stellte die Weinflasche zurück, auf dem Hals der Mutter waren rote Flecken.

Meine Frau ist es gewohnt, für zwei zu denken, hörte sie den Vater sagen, er zog die Mundwinkel hoch und er sah niemanden an, der Gastgeber strich einen Tropfen vom Hals der Flasche, und die Augen des Vaters wanderten zwischen der Mutter und dem Gastgeber hin und her, schnellten von einer Seite zur anderen wie der Wein in seinem Glas, der fast über das Glas hinausgeschwappt wäre.

Wir sind so gern zu Ihnen gekommen, sagte die Mutter, sie legte ihre Hand auf den Arm des Gastgebers, der Vater setzte zum Sprechen an, die Mutter lachte erneut und fuhr mit der Hand durch die Luft, sagte etwas über die Weinberge, schon wieder die Weinberge, über das Essen und das Wetter und Vera presste die Arme an den Körper, kniff die Augen zusammen, sah zwischen Vater und Mutter hin und her, ohne den Kopf zu drehen, beschränkte sich ganz auf den Radius ihrer Augen. Vorder- und Hintergrund verschwammen; das lachende Gesicht der Mutter, die roten Flecken auf Hals und Ausschnitt, der Mund, der sich in regelmäßigen Abständen zu den Seiten auseinander zog, und daneben der Vater, groß und rund und still, ganz eingesackt, das Gesicht im Schatten des geneigten Kopfes verborgen und dann doch plötzlich in Bewegung geratend, zwei, drei Worte ausstoßend, sich öffnend und gleich wieder zusammenfallend. Vera zog die Luft durch die Nase ein, sah sich mit am Tisch sitzen, den Löffel in die Suppe schieben. Bohnen, heiße Bohnen, scharf und heiß, sie versuchte zu kauen und zu schlucken, spürte die Hitze auf der Zunge und in den Wangen, sie musste sie von einer Seite zur anderen bewegen, blies die Backen auf, die Bohnen wurden immer heißer, noch heißer, sie senkte den Kopf, hörte die Bohnen mit einem leisen Klatschen zurück in den Teller fallen und spürte die pelzige und taube Zunge in ihrem Mund, während ihre Augen vorsichtig über den Tisch tasteten, den Platz und dann das Gesicht der Mutter suchten. Die Mutter sah den Mann mit der tiefen Stimme an, strich sich das Haar aus dem Gesicht, lächelte und sagte etwas, tauchte den Löffel in die Suppe, sagte noch etwas, lachte, wiederholte des Satz und lehnte sich gegen die Schulter des Mannes mit der tiefen Stimme.

Und du, so still, sagte er, beugte sich zu Vera hinunter, strich ihr mit der Hand über den Kopf. Sie lächelte, löste die Augen von den Bewegungen der Mutter, sah ihn schnell an und lächelte nochmals, die Stimme der Mutter kam schon wieder über den Tisch, auf ihrem Haar war immer noch die Hand des Mannes mit der tiefen Stimme, auf dem Rücken Gänsehaut.

Soll ich dir nach dem Essen die Bienen zeigen, sie spürte die Mutter tief Luft holen, nickte schnell mit dem Kopf, wollte sofort etwas sagen und hörte bereits die Stimme der Mutter, während die Hand von ihrem Kopf in den Nacken glitt: Sie wird sie sich auch allein ansehen können. Oder mit ihrem Vater.

Ich werde dir einen Löffel mit Honig mitgeben, damit du sehen kannst, wie sie ihn sofort wieder einsammeln, sagte der Mann, die Hand drückte noch einmal fest ihre Schulter und verschwand.

Cornelia Manikowsky lebt in Hamburg. Zuletzt erschien ihr Text Der Klapplolli im Freitag 30/2006.


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00:00 03.11.2006

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