Zu schade zum Versenden

Wider den Fluch der Flüchtigkeit Plädoyer für ein audiovisuelles Medienmuseum

Das Schizophrene an der Mediengesellschaft sind ihre Lieblingsmedien: Hörfunk und Fernsehen, die tagtäglich die Welt nach ihren je eigenen Professionsregeln und Marktbedürfnissen ordnen und dazu neigen, Ereignisse bereits in dem Moment ihrer medialen Vermittlung zu historisieren. Die strukturierend in den Alltag der Menschen eingreifen, sie mit ihren journalistischen Bedeutungszuschreibungen von Wirklichkeit auf gemeinsame kulturelle Erfahrungen verpflichten und somit nachhaltig unser kollektives Erinnern beeinflussen. Einerseits. Andererseits sind die Rundfunkbotschaften selbst so kurzlebig wie der Zeitgeist, den sie abbilden. Nachrichten verpuffen meist im Augenblick ihrer Live-Übertragung (der Journalist spricht in seinem Berufsjargon von "versenden"). Und der unaufhörliche Strom des 24-Stunden-Programms versickert in den Abgründen der Archive seiner Macher.

Vor allem das Fernsehen, ereignisorientiert, bildfixiert und alltagsauthentisch wie kein zweites Medium, sträubt sich zuweilen gegen seine eigene Musealisierung. Es scheint gerade so, als verflüchtige sich die gesamte audiovisuelle Medienkultur, die ja ebenso Einflussfaktor wie Spiegel unserer eigenen Kulturgeschichte ist, auf ewig in den unendlichen Weiten des Äthers, ohne dass irgendwer etwas dagegen unternähme - so wenig konservierbar, so jetztbezogen vergänglich ist die spätmoderne Medienwelt. Dass die Flüchtigkeit des Fernsehens einmal sein folgenschwerster Fluch werden könnte - wer hätte das bei allem kulturpessimistischen Gedankengut vergangener Jahrzehnte gedacht. Und doch, es hat sich herumgesprochen: Unser Bewegtbild-Erbe ist in Gefahr. Nicht zuletzt die Diskussion um die Haltbarkeit digitaler Speichermedien (die durchschnittliche Haltbarkeitsdauer eines Standard-CD-Rohlings beträgt beispielsweise 10-15 Jahre) hat die Sensibilität für optimale Datensicherheit erhöht.

Natürlich hegen und pflegen die Medien selbst ihr audiovisuelles Kulturgut und bewachen es wie einen Schatz. Allerdings weniger mit der Absicht, ihn für die Nachwelt zu überliefern und auch nicht wegen seines sentimentalen Erinnerungswerts. Vielmehr treiben die Bild-und-Ton-Wächter zunächst einmal rein kommerzielle, eigennützige Motive: Die Rundfunkanbieter, öffentlich-rechtlich wie privat, leben schlicht von Zweit- und Mehrfachausstrahlungen bereits gesendeten Materials. Und das nicht schlecht, wie man jüngst an den Ostalgie-, 70er- und anderen quotenträchtigen Retro-Formaten, welche die Republik mit Medienkonserven überschütten, verfolgen kann.

Archive sind, nüchtern betrachtet, also Produktionsfaktoren, wie WDR-Intendant Fritz Pleitgen jüngst auf einem internationalen Symposion über Mediensammlungen in Bonn bestätigte: Für ihn sind Archivale "nicht nur Kulturgut, sondern vor allem Wirtschaftsgut mit Zinsen". Nicht zu vergessen: das enorme Recherchepotenzial für Journalisten, vor allem für diejenigen aus dem eigenen Haus. Keine Dokumentation, keine Nachrichtensendung, die ohne "Klammermaterial" aus der Archivabteilung auskommt. Erhaltung und Pflege eines reibungslos funktionierenden Archivs mit schnellem Zugriff liegen also schon im ureigenen Interesse der TV-Sender. Aber was hat die Öffentlichkeit davon?

Bisher nicht allzu viel, bedenkt man, dass ARD, ZDF Co zwar am Tropf der Gebührenzahler hängen, vorerst aber nur wenige Sendungen wie die Tagesschau vollständig für Jedermann im Netz verfügbar sind. So versuchte eben jene Tagung im Bonner Haus der Geschichte Anfang Oktober, die Bedeutung von Mediensammlungen als digitale Geschichtsbücher des 21. Jahrhunderts in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext zu stellen - und auch deren öffentliche Zugangsmöglichkeiten abzuwägen. Bereits im November 2000 wurde auf Anstoß der beiden Stiftungen Deutsches Rundfunkarchiv und Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland das Netzwerk Mediatheken gegründet, um den zahlreichen Initiativen zumindest den Anstrich einer zusammenhängenden Projektidee zu geben. Seitdem haben sich 30 überregionale Archive, Bibliotheken, Dokumentationsstellen, Forschungseinrichtungen und Museen angeschlossen. Angesichts der derzeit rund 1.200 audiovisuellen Mediensammlungen in Deutschland, die größtenteils den öffentlichen Zugriff verweigern, ist dies allerdings erst der Anfang.

"Was fehlt", glaubt Wolfgang Ernst, Medienarchiv-Experte am medienwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität, "ist eine Clearingstelle, eine zentrale Koordinierungsbehörde", die - möglicherweise dem Staatsministerium für Kultur und Medien unterstellt - das nationale Programmgedächtnis nicht nur für spätere Generationen bewahrt, sondern schon heute der interessierten Öffentlichkeit Zutritt verschafft.

Pate für derlei urdemokratische Forderungen stand übrigens schon die Verwaltung der DDR-Rundfunkarchive durch das Deutsche Rundfunkarchiv: In Potsdam-Babelsberg wird umfangreiches Sendematerial der DDR, von der ersten Sendung des DFF 1952 bis zu seiner Abwicklung 39 Jahre später, aufbewahrt und für wissenschaftliche, erzieherische, künstlerische und vergleichbare Zwecke teilöffentlich zugänglich gemacht. Für 120 Euro beziehungsweise 30 Euro (ermäßigt) pro Stunde und Auftrag wird Nutzern der individuelle Zugriff auf einen Fundus von rund 100.000 Titeln und 60.000 Sujets ermöglicht. In diese Schatzkiste haben zum Beispiel auch die Macher des Kino-Erfolgs Good-bye Lenin beherzt gegriffen.

Dabei hat es hierzulande immer wieder Überlegungen gegeben, eine gesamtdeutsche Rundfunkenzyklopädie für die Zivilgesellschaft zu institutionalisieren. Das aktuellste und gleichzeitig langwierigste Vorhaben dieser Art läuft seit nunmehr 15 Jahren - mehr oder weniger tatenlos - unter dem Label Deutsche Mediathek: Mittlerweile unter den Fittichen der Stiftung Deutsche Kinemathek hat die jährlich rund drei Millionen Euro teure, aus privaten und öffentlichen Geldern mischfinanzierte (ursprünglich hatten zugesagt: Land Berlin, Vivendi Deutschland, Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, Medienanstalt Berlin-Brandenburg, Medienbüro Berlin-Brandenburg, ARD, ZDF, RTL, Sat.1/ProSieben) audiovisuelle Programmgalerie zwar im Sony-Zentrum in Berlin eine Heimstatt gefunden. Angesichts der leeren Hauptstadtkassen, der Kirch-Pleite und des plötzlichen Ausstiegs von Geldgeber RTL wurde jedoch immer wieder über ein neues Finanzierungsmodell nachverhandelt. Doch zeichnet sich dieser Tage eine Lösung ab: Würde der Bund die Einrichtung tatsächlich als staatliche Kulturangelegenheit definieren und dafür einspringen, den Anteil Berlins bis auf weiteres mitzutragen, stünde der Realisierung einer Mediathek am Potsdamer Platz - noch im kommenden Jahr - prinzipiell nichts im Wege.

Ein nationales Rundfunkmuseum ist in Frankreich indes schon seit 1975 kein Traum mehr: Die in der Nationalbibliothek ansässige Inathèque de France collections hat seither jeweils über 500.000 Stunden Fernseh- und Radiomaterial gesammelt, die größtenteils digital verfügbar sind. Und jedes Jahr kommen nochmals 37.000 Stunden frisches Sendematerial hinzu. Mit einem Etat von 100 Millionen Euro jährlich und einem Stab von 930 Mitarbeitern wirkt dieser Aufwand gegenüber den Berliner Plänen vergleichsweise gigantisch. Vorbildlichen Charme für Deutschland entfaltet das französische Konzept dennoch: Durch das dortige Hinterlegungsrecht sind die Sendeanstalten dazu verpflichtet, die Inathèque mit dem gewünschten Programmmaterial zu beliefern. Außerdem werden der Einrichtung nach einiger Zeit die Rechte übertragen - für eine uneingeschränkte Nutzung in deren Räumen.

Ungeachtet der Schwierigkeiten, die das föderale Mediensystem der Bundesrepublik und die hiesige Urheberrechtslage mit sich bringen, würde eine solche Bringschuld sicher auch der Implantierung eines deutschen Fernsehgedächtnisses zugute kommen. Zumal eine vollständige Archivierung bis dato noch in der Eigenverantwortung der Sender liegt. Und dem kommen nicht alle Programmanbieter so pflichtbewusst nach wie die öffentlich-rechtlichen. Aber sogar da gibt es unwiderrufliche Entscheidungen, die den Befürwortern einer nationalen Mediathek Recht zu geben scheinen: Noch bis 1968 hat der WDR regelmäßig alte Bänder zur "Frischbandgewinnung" gelöscht; erst seit diesem Zeitpunkt ist der WDR im Besitz seines kompletten Programms. Es sind jedoch eher die privaten Sender, vor allem die kleineren und kapitalschwächeren, die Anlass zur Sorge geben, was die Instandhaltung ihrer Archive betrifft.

Der Verfall des audiovisuellen Erbes ist ein akutes Problem, mit dem weder Rundfunkanbieter noch Archivare allein gelassen werden dürfen. Es handelt sich vielmehr um eine kulturpolitische Herausforderung, und zwar auf nationaler wie auf EU-Ebene. Hierin läge gleichsam eine Chance, den Grundstein für ein europäisches Medienarchiv zu legen, auch wenn das aus heutiger Sicht - vor allem angesichts der finanziellen, technischen und rechtlichen Machbarkeit - vielleicht utopisch klingen mag. Gerade Medienereignisse von europäischer Tragweite wie der Fall der Berliner Mauer oder sogar globalen Ausmaßes wie der 11. September 2001 zeigen, dass die audiovisuellen Medien, besonders das Fernsehen, weitaus mehr sind als nur kommerzielle Abspielstationen zweitklassiger Konserven: Sie sind die kulturübergreifenden Bindeglieder der europäischen Mediengesellschaft. Und verdienen es, als lebendige Zeitgeschichte ernst genommen zu werden. Schließlich ließe sich mit einer europäischen Mediathek in vielen öffentlichen Bereichen - Schule und Erziehung, Lehre und Forschung, Kunst und Kultur - der Umgang mit audiovisueller Geschichte trainieren. Gegen das Vergessen. Gegen das Versenden.

Internetadressen: www.ina.fr; www.sceena.net; www.netzwerk-mediatheken.de; www.dra.de; www.filmmuseum-berlin.de; www.fg7.de


00:00 07.11.2003

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