Zum Leidwesen der Gesamtpartei

Ur-szenen Der kleine Wahlkämpfer auf der Straße denkt nicht an die Zukunft, sondern schwelgt in Vergangenem. Eine nostalgiesoziologische Betrachtung über die Träume des politischen Fußvolks

Stricken 1985

"Gleich hinter Kaufhof", im Mittelpunkt der Essener Fußgängerzone, haben Ulla Mensing und Hajo Löwich in aller Herrgottsfrühe den Straßenwahlkampf der Grünen eingeläutet. Ulla sieht ein bisschen so aus wie Bärbel Höhn. Das liegt aber nicht daran, dass sie dem Look ihrer Parteichefin nacheifert, sondern gründet in einer randgruppenspezifischen Modevorstellung der frühen achtziger Jahre, die sich im nordrhein-westfälischen Grünen-Biotop bis heute erhalten hat. Auch Hajo Löwich sieht nicht besonders modern aus. Glücklicherweise fällt so etwas in Essen nicht weiter auf. Den Wahlkampfstand haben die beiden liebevoll mit selbstgezogenen Sonnenblumen und einem batikgefärbten Bettlaken verziert. Die komplette Wahlkampf-Hardware von Ulla und Hajo ist handgemacht.

"Handgemacht", lautet nämlich die Utopie von Mensing. Anfang der achtziger Jahre, als die Schlote in Essen noch qualmten und von Naherholung im Revier keine Rede sein konnte, war ihre "Handgemacht"-Ideologie so etwas wie Ketzerei. Mitten in einem Niemandsland, das die Staunachrichten "Essen-Haarzopf" nennen, eröffnete Ulla eine Schafsfarm mit Handweberei. An den Wochenenden versammelte sich in ihrer "Manufaktur" die strickbesessene Essener Alternativszene und erlernte gemeinsam solidarisch verschiedene Handwerke. "Es war eine Urszene der Grünen", erinnert sich Mensing. Heute glaubt niemand mehr an das revolutionäre Potential des Strickens. Viele von denen, die wie sie damals an De-Industrialisierung als Utopie glaubten, tragen jetzt modische Anzüge und nennen sich Wahlkampfmanager. Kein Wunder, dass Ulla der Vergangenheit nachhängt. Eigentlich hätte sie die Partei längst verlassen müssen; Jutta Ditfurth hat es ihr vor über zehn Jahren vorgemacht.

Aber in Essen gibt es glücklicherweise viele Mensings und Löwichs, so dass der überregionale Fortschritt der Grünen spielend leicht ausgeblendet werden kann. Ulla und Hajo haben die Wahlprogramme der Partei geschickt hinter den Sonnenblumen und den selbstgebackenen Kuchen versteckt. Kein Passant bekommt sie zu Gesicht. Wie ein Virus geistert das Wort "Prozentfabrik" durch Ullas Kopf. Es steht auf den Wahlkampfkarten aus Berlin und raubt Ulla die letzten grünen Illusionen. "Prozentmanufaktur" wäre noch zu vertreten gewesen, sagt sie. Bei "Prozentfabrik" kämen ihr aber nur rauchende Schornsteine in den Sinn. Der Wahlkampf von Ulla und Hajo hat deshalb mit "Prozentproduktion" rein gar nichts zu schaffen. Stattdessen haben sie sich "hinter Karstadt" ihr verlorenes Lebensgefühl zurückgebastelt. Wenn man auf die andere Seite der geschäftigen Essener Einkaufsmeile tritt (Essen, die Einkaufsstadt) und ihren Wahlkampfstand betrachtet, erinnert er an ein Stillleben. Jeder "Agent" der Prozentfabrik würde beim Anblick dieses Stilllebens beschämt erröten: es wiederholt die Urszene der Grünen: Stricken und Politik, sagt es uns, werden immer zwei Seiten einer Medaille bleiben.


Ascona 1979

Es gibt politische Biographien, die mit Ereignissen wie Vietnam oder den Ostverträgen rein gar nichts zu tun haben. Eine solche Biographie trifft man am Mittwochmorgen auf dem Düsseldorfer Wochenmarkt. Sie heißt Alfred Grimmel und sitzt hier hinter einem farbbeklecksten Tapetentisch für den Kanzler aus. Es duftet nach frischen Brühwürstchen vom Fleischerstand nebenan.

Zum Leidwesen der Gesamtpartei ist Alfred G. heuer ein Sandkorn im frisch geölten Wahlkampfgetriebe der SPD. Wenn das Gespräch auf aktuelle Wahlthemen zusteuert, zeigt er ein auffälliges Desinteresse. Hartz IV-Argumentationshilfen hat er nicht eingeübt und von der Riester-Rente weiß er genauso viel wie seine parteilosen Mitbürger. Grimmel sitzt aus Gewohnheit hier: seine sozialdemokratische Leidenschaft ist schon lange erloschen. Weil man Wahlkämpfe aber (noch) nicht outsourcen kann, greift die Partei auf ihn zurück.

Gute Sozialdemokratie war früher; für Alfred Grimmel sieht sie aus wie ein Opel Ascona. Genauer wie sein orangefarbenes Modell, das er 1980 werksfrisch erstand. Es symbolisiert Grimmels persönliches "goldenes Zeitalter". Allgemeiner ausgedrückt: seinen gelebten Traum von einer "nivellierten Mittelstandsgesellschaft".

Am liebsten würde er die ganzen hypermodern gestalteten Partei-Broschüren von seinem Tapetentisch stoßen und durch ein coloriertes Familienfoto ersetzen: es zeigt die Grimmels (Kleinfamilie) 1980 am Gardasee; sie lehnen an der Motorhaube des orangefarbenen Ascona und lachen vor Glück. Ohne die SPD, würde Grimmel den verdutzten Passanten erklären, hätte es dieses Foto nicht gegeben. Denn nachweisbar ist er der erste Grimmel, der bis an den Gardasee reiste. Er ist sich sicher, dass die meisten Düsseldorfer Wochenmarktbesucher solch ein bestechendes SPD-Argument besser verstünden, als den High-Tech-Sprech auf den Wahlflyern, die vor ihm aufgestapelt liegen.

Leider haben die Parteioberen den Traum von der Mittelstandsgesellschaft heute begraben. Grimmel, seit 1980 ein Teil von ihr, erinnert sich nur zu gut an sozialdarwinistischere Zeiten. Als er 1962 als Heranwachsender zum ersten Mal im Nachtstudio des Radios von der Idee einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft hörte, vermutete er, sie liege irgendwo in Amerika. Deshalb fordert Grimmel, wenn er auf dem Düsseldorfer Wochenmarkt seine SPD-Legende beendet und das umstehende Wahlvolk Schröder und den Neoliberalismus vergessen hat, unter großem Beifall die Rückkehr zur Politik des goldenen Ascona.


Dolce vita 1963

Träumer waren für Gottlieb Harms, den Christdemokraten, immer die anderen: zum Beispiel die Sozis, die Grünen oder die Kommunisten. 40 Jahre lang hat er gegen ihre Träumereien Wahlkampf gemacht. Seit einiger Zeit ist Harms selbst der Träumerei verfallen. Wenn er frühmorgens unter dem Parteisonnenschirm der CDU steht, ist von seinem alten Kampfgeist nichts mehr zu spüren. Keine Empörung, kein Harmsches Gezeter über die Sozenrepublik. Nur Stille. Wahlkampf von Gottlieb Harms 2005 erinnert an praktizierten Buddhismus. Er scheint tief in sich versunken. Das Verteilen von bunten Parteiluftballons und Rollkugelschreibern hat er jüngeren Parteimitgliedern überlassen. Die besseren Argumente für Angela Merkel auch. Harms findet nämlich keine.

Statt Überzeugungsarbeit leistet Harms Trauerarbeit. Er trauert um die "gute alte" CDU-Politik. Wenn ein Passant Harms aus seiner trance-ähnlichen Versunkenheit weckt, umschreibt der alte Parteidiener seine Vorstellung davon recht metaphorisch: "Politik mit Hut" nennt er sie einmal; "Rheinterrassenpolitik" ein andermal. Die Metaphorik ist kein Zufall: Seitdem der "ganze Laden" nach Berlin umgezogen ist, hat bei Harms ein schleichender emotionaler Entfremdungsprozess eingesetzt. Den Verlust des rheinischen Politik-Provinzialismus hat Harms nie verkraftet. Mit der kalten protestantischen Ethik, die ihm aus den heutigen Parteiprogrammen entgegenweht, kann der alte Mann wenig anfangen. Die CDU war für ihn immer eine Schrumpfform des italienischen "Dolce Vita". Kein richtiges "Dolce Vita", sondern ein auf deutsche Verhältnisse zurechtgestutztes eben. Kein teurer Rotwein, sondern Eierlikör mit Schuss. Kein römisches Gewimmel, sondern Rheinpromenade Sonntags um halb eins.

Helmut Kohl war der letzte Vertreter dieser einzigartigen Politikform. ("Die Wiedervereinigung war sein einziger Fehler"!) Gottlieb Harms liebte Kohl besonders für die Erfindung der "Politik des Aussitzens". Wenn Harms Historiker wäre, würde er sich ihrer Erforschung widmen. In den Wahlkämpfen hatte er das Aussitzen ausdrücklich verteidigt; unfreiwillig hatte er damit maßgeblich zu Kohls Abgang beigetragen. Davon wollte Harms jedoch nichts wissen. "Aussitzen" war für ihn eindeutig positiv besetzt: Ein Programm zur Entschleunigung der politischen Verhältnisse. Eine Rückkehr zur rheinischen Lebensart. Ein Gegenmodell zur Renaissance des verhassten preußischen Funktionalismus.

Am Wahlkampfstand behandeln die Jüngeren Harms, als wäre er ein Hans Wurst. Einer wie Gottlieb Harms lässt sich davon nicht beirren: wagemutig sitzt er in seinem weißen Leinenanzug für eine Politikwende aus. Agenda 1963 müsste sie heißen.


Ikea 1988

Es gibt Wahlkämpfer, die haben einfach alles falsch verstanden. Das mit der Politik ... und überhaupt. Eines dieser wahlkämpfenden Missverständnisse heißt Christoph Vogler und wirft mit bierdeckellangen FDP-Sätzen wie ein Kind mit Blauklötzen um sich. Alle Passanten machen vorsichtshalber einen großen Bogen um seinen gelb-blau designten Wahlkampfstand. Davon lässt Vogler sich nicht beirren. Beleidigt erhöht er die Anzahl seiner verbalen Wurfgeschosse. "Flat Tax"; "Fortschrittsmobil" "Eigenverantwortung" und so etwas wie "Ikea für alle" saust durch die Luft. Käme ein Fußgänger auf die abwegige Idee, Vogler um eine genauere Erläuterung seiner Wortbauklötze zu bitten, hätte der ein echtes Problem. Gesellschaft ist für den Wahlkämpfer ein Fremdwort, von Realpolitik hat er noch nie etwas gehört. Und statt Wähler verwendet er den Ausdruck Zielgruppe. Stellt sich die Frage, warum der 28-jährige Besserverdiener seine kostbare Freizeit schreiend an einem Wahlkampfstand der Freidemokraten verbringt?

FDP-Politik bedeutet für Vogler Wirklichkeitsflucht. Wenn er über die erhabenen Zukunftsvisionen der Partei (Flat-Tax) nachdenkt, dann verwandelt sich ihm die graue Wirklichkeit in eine heile Welt. Irgendwann hatte Christoph Vogler festgestellt, dass nicht nur die Parteifarben der FDP mit denen von Ikea übereinstimmen, sondern dass (subtil!) die Ideenwelt der Freien Demokraten genauso hermetisch gegen die raue Wirklichkeit abgedichtet ist wie ein wohliges Wohnzimmer im Weihnachtskatalog von Ikea. (Oder haben Sie schon einmal aus dem Fenster einer Ikea-Katalog-Wohnung geschaut?) Daraufhin ist er begeistert in die Partei eingetreten. Wenn Vogler jetzt in der Fußgängerzone "Flat Tax" herumschreit und die Produktpalette des FDP-Fanshops anpreist, wenn er Guido Westerwelle-Reden wie Schiller-Gedichte rezitiert, wenn er Sozialhilfeempfänger nach Nicaragua wünscht, dann nur, um so schnell wie möglich an einer heilen Welt mitzubauen. Die wenigen Passanten, die Voglers Weltsicht ein wenig Aufmerksamkeit schenken, werfen ihm am Ende seiner Ausführungen "skandinavischen Segregationismus" vor, obwohl sie nicht wissen, ob es so etwas überhaupt gibt.


Grünkohl 2005

Die PDS erinnerte Horst Grabuzik immer an einen Grünkohl. Der König unter den heimischen Kohlgewächsen reift unter widrigsten Frosttemperaturen heran und gewährt dem Menschen eine ehrlich-ausgewogene Mahlzeit. Dass sich seine Partei charakterlich an diesem entbehrungsreichen Kohlgewächs schult, darüber wacht der kleine Grabuzik aus Eisenhüttenstadt seit ihrer Gründung. "Keine Experimente", heißt deshalb seine Devise. Mit Gysi, diesem irrlichternden Intellektuellen, hatte Grabuzik seit jeher ein Problem. Dessen Eloquenz, dessen Salonlöwentum in allen Ehren. Bestimmt hätten diese Qualitäten manchem Wahlergebnis das sprichwörtliche Sahnehäubchen aufgesetzt. Trotzdem beharrte Grabuzik darauf, dass ein grünkohlhafterer Auftritt der Parteiseele verwandter wäre. Daher empfindet es Grabuzik als seine vorrangige Aufgabe, das Parteiimage wenigstens auf lokaler Ebene zu retten. Besonders in düsteren Zeiten wie heute. Seit der "reiche Franzose" mitmischt, hat die Partei nach Horst Grabuzik nämlich ein Identitätsproblem. Er selbst fühlt sich schon jetzt wie ein Grünkohl unter Rucola und Auberginen. Da heißt es kämpfen!

Obwohl er es niemals in Gegenwart seiner Parteioberen äußern würde, graust es Grabuzik vor der Toskana-Fraktion mehr als vor dem Monopolkapitalismus. Der Monopolkapitalismus ist für den 70-Jährigen fast wie ein alter Bekannter. Irgendwie ist er mit ihm auf Du und Du. 50 Jahre lang hat Grabuzik Zeit gehabt, die Tricks und Schliche dieses weltpolitischen Gegenspielers detailgenau zu studieren. Die Frage nach den Gegenmaßnahmen erübrigt sich fast. Abschaffung des Landjunkertums und Verstaatlichung der Produktionsmittel heißen die bewährten Hausmittel.

Seit der Ankunft des "Franzosen", so sieht es Grabuzik, ist man auf dem Weg zu einer Feuilleton-Partei, besser zu einer westlichen Feuilleton-Partei. Einer wie Grabuzik zählt eins und eins zusammen. Hatte nicht Lafontaine-Freund Siebeck, dieser Feinschmeck-Schnösel, Grünkohl als geschmackskulturellen Primitivismus verspottet? Hatte er nicht weiter behauptet, aufgrund seines penetrant bitteren Geschmacks eigne sich der Urkohl nicht einmal als Beilage? Grabuzik erinnert sich, diese und andere Äußerungen des polyglotten Gourmetdiktators in einer der abendlichen Unterhaltungssendungen aufgeschnappt zu haben. "Selbst als Beilage verschmähen diese Herren das ehrliche Urgewächs", denkt Grabuzik entrüstet. Wenn die westliche Gourmet-Politik sich erst einmal durchgesetzt habe, dann, ja dann ist die Politik des Grünkohls für immer vorbei. Grabuzik rüstet sich hinter seinem Wahlkampfstand zum letzten Gefecht: "Für eine Rückkehr zu den alten Rezepten", ruft der alte Genosse unentwegt aus.


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