Zur Frage der Nation

5. FILMFESTIVAL "GO EAST" IN WIESBADEN Wie das Kino aus Mittel- und Osteuropa sich in diesem Jahr auf die Suche nach Identität macht

Das Wiesbadener "Go East"-Festival präsentiert seit fünf Jahren in der hessischen Landeshauptstadt Filme aus Osteuropa und erfreut sich dabei, nicht zuletzt dank der großen russisch- und polnischsprachigen communities im Rhein-Main-Gebiet, eines stetig steigenden Zuschauerzuspruchs. In diesem Jahr beschäftigte sich ein Großteil der Filme mit dem Thema der Identität, das im vielfältigen Rahmenprogramm immer wieder angesprochen wurde und Diskussionen über die Existenz nationaler Filmsprachen evozierte.

Als "zu katholisch" kritisierte ein Kollege den polnischen Beitrag Stranger, in dem die Regisseurin Malgorzata Szumowska am Beispiel einer ungewollt schwanger gewordenen jungen Frau eine Diskussion über die Frage nach Kinderkriegen oder Abtreibung führt und dabei Stellung für das ungeborene Leben bezieht. Neben der Frage, ob ein Film nur deshalb "katholisch" ist, weil er eine Frau portraitiert, die sich auf ihr Kind freut, zeigt diese Einschätzung, inwieweit religiöse Kriterien inzwischen zu Faktoren bei der Bewertung von Filmen geworden sind. Eine Rolle spielt dabei sicherlich, dass Stranger ein polnischer Film ist. Schließlich wurde am dritten Festivaltag der Papst beerdigt, und tatsächlich haben sich einige polnische Gäste, darunter die Hauptdarstellerin von Stranger, Malgorzata Bela, nach Rom abgemeldet. Zu den religiösen gesellen sich die ethnischen Kriterien. Martin S?ulik etwa, der in Deutschland Ende der neunziger Jahre mit Der Garten bekannt wurde und dem die Retrospektive gewidmet war, wurde auf einem Pressegespräch das Statement, er verstehe sich als "slowakischer Filmemacher", geradezu abgerungen. Angesichts der Vorherrschaft amerikanischer Majors und der nicht minder verwässernden "Europudding"-Produktionen hiesiger Provinienz ist eine Wiederbelebung des Begriffs der "nationalen Filmsprachen" zu beobachten, der allerdings oftmals mit einer Überbetonung des Ethnischen einher geht.

Dass derartige Identität nicht mit persönlicher Integrität gleichzusetzen ist und ethnisch definierte Selbstbilder den Launen der Geschichte unterliegen, zeigt das Beispiel des oberschlesischen Bildhauers Augustyn Dyrda. Dyrda, einer von vier Protagonisten in Andrzej Klamts Dokumentation Wer bin ich - Schlesische Lebensläufe, schuf im sozialistischen Polen eine Büste des NKWD-Gründers Felix Dzierdzynski. Vor kurzem fertigte er mit einem Standbild des Industriellen Friedrich Wilhelm von Rehden das erste Denkmal für einen Deutschen auf polnischem Boden. "Die polnischen Nationalisten sagen, wir Schlesier sind wie die Fahne, die im Wind weht", meint Dyrda und gibt offen zu: "Man muss so sein, um zu überleben." Klamts Film verdeutlicht, dass es in dem Dreiländereck Polen-Tschechien-Deutschland weniger um die Frage geht, ob jemand Pole oder Deutscher ist, sondern darum, dass sich parallel dazu eine schlesische Identität herausgebildet hat. Die Fassbinder-Darstellerin Hanna Schygulla, diesjähriger Ehrengast des Wiesbadener Filmfestivals, stammt wie Klamt aus Schlesien. 1943 in Katowice geboren, flüchtete sie mit der Familie als Zweieinhalbjährige vor der vorrückenden Roten Armee nach Deutschland. "Ein paar Brocken Polnisch", die sie einem russischen Offizier entgegenwarf, hätten ihr damals wahrscheinlich das Leben gerettet, betont sie und meint, dass sich in ihr mit der östlichen und der westlichen "zwei Seiten vereinen". Auch wenn Schygullas Einlassungen etwas kokett wirkten, so zeigen sie doch, wie das Thema der Herkunft inzwischen an die Oberfläche gespült wird.

Interessanterweise wird die damit verbundene ethnische Definition von Identität hierzulande vor allem in Osteuropa konstatiert und die politische Gemengelage jenseits von Oder und Neiße lässt oftmals keinen anderen Schluss zu. Auch das Kino in Osteuropa betont diese Suche, so etwa der kasachische Beitrag Die Insel der Wiedergeburt. Regisseur Rustem Abdras?ov siedelt seine Coming-Of-Age-Story um den pubertierenden Zharas in einem Dorf am Aralsee an, das durch die Stalin´schen Völkerverschiebungen in den dreißiger und vierziger Jahren zu einem melting pot im Miniaturformat geworden ist, in dem Kasachen, Russen, Deutsche und Juden nebeneinander leben. Allerdings ist der kasachische Dichter Zaraskan Abdras?ov, dessen Bücher Zharas heimlich liest, verboten, und so erhält der zwangsläufige Konflikt mit den sowjetischen Autoritäten einen national gefärbten Unterton. Abdras?ov verbindet eine elegische Grundhaltung mit inszenatorischer Leichtigkeit, wie man sie auch in Kira Muratovas neuestem Film Der Klavierstimmer findet. Muratova baut in ihre entspannt erzählte Arkadij-Kos?ko-Adaption über das Verhältnis zwischen einem verarmten jüdischen Musiker und zwei bürgerlichen älteren Damen zahlreiche subtile ironische Momente ein und verabschiedet sich damit von der Mischung aus zuspitzendem Kafkaismus und reflexiver Elegie, mit der das russische Filmkunstkino so gerne die gesellschaftliche Stagnation bebildert.

Manche Produktionen erwecken den Eindruck, als seien sie gemacht worden, um derartigen holzschnittartigen Osteuropa-Bildern zu entsprechen. Der osteuropäische Film als nationale Klischeemaschine? Sicher bedienen viele Arbeiten die Erwartungen des westeuropäischen Publikums. Emir Kusturicas neueste ex-jugoslawische Kriegsgeschichte Das Leben ist ein Wunder etwa, in dem der bosnisch-serbische Regisseur seine bekannten ausschweifenden Abbilder balkanischer Gefühlsexzesse endgültig in den Zustand eines hektisch überladenen Dauerdeliriums transferiert. Oder die sympathische Kurzfilmsammlung Lost and Found, die uns von der lebenslustigen bulgarischen Hochzeit bis zur irrsinnigen Belgrader Trambahnfahrerin ein Osteuropa vorführt, wie wir es uns schon immer vorgestellt haben.

Auf der anderen Seite suchen viele osteuropäische Filmemacher eine mehrdeutige Konfrontation mit Geschichte und ethnisch definierter Identität. So bringt Vaterland - Tagebuch einer Jagd die Geister der Vergangenheit in Form einer tschechischen Blair Witch Project-Variante auf die Leinwand. David Jarab erzählt die Erlebnisse einer Gruppe von Exiltschechen, die auf das ehemalige Familiengut zurückkehrt, um dort im Stil der großväterlichen Ahnen auf die Jagd zu gehen. Die Geschöpfe, die sie dort fangen wollen, sind menschenähnliche Wesen, die sich im tiefen Wald verstecken. Je länger das Abenteuer dauert, desto mehr entwickelt es sich zu einem Rollenspiel, in dem die Mitglieder der Jagdgesellschaft dem Habitus ihrer Ahnen immer ähnlicher werden. Die Reise in die Geschichte endet mit einem auf Deutsch gesprochenen Satz, und so könnte man Jarabs Film als Allegorie auf die unbewältigten Traumata der deutsch-tschechischen Geschichte verstehen - eine Auslegung, die der Regisseur selbst jedoch nicht kommentieren wollte.

Im Jahr eins nach der EU-Erweiterung erkundet der osteuropäische Film Aspekte der individuellen und kollektiven Identität. Hinter den vornehmlich individuellen Geschichten drängen dabei auch nationale Fragestellungen nach vorne. "Wir haben mit der Vergangenheit abgeschlossen, aber die Vergangenheit nicht mit uns", spitzte es Beqë Cufaj, Deutschland-Korrespondent der albanischsprachigen Tageszeitung Koha Dittore auf einer Diskussionsveranstaltung über die Zukunft des Balkans zu. Mit der Thematisierung der Vergangenheit leisten die osteuropäischen Filmemacher ihren Beitrag, um dieses Verhältnis zu verändern - sofern sie sich nicht in selbstgemachten Klischees verfangen.


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00:00 15.04.2005

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