Zweite Allgemeine Verunsicherung

Alarmist Das mittelmäßige Elitenschwarzbuch des Albrecht Müller

Dies ist kein leichtes Buch. Machtwahn - Wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet, das neue Buch von Albrecht Müller, erweist sich trotz vieler Abbildungen und Grafiken auf locker gegliederten 350 Seiten als ziemlich zäh. Der Autor, ehemaliger Abgeordneter der SPD im Deutschen Bundestag, Redenschreiber von Wirtschaftsminister Karl Schiller, Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt unter Willy Brandt und Helmut Schmidt und Initiator des neoliberalismuskritischen Internetforums NachDenkSeiten hatte vor zwei Jahren mit dem Buch Die Reformlüge (Freitag 3/2005) einen Bestseller gelandet, in dem er allgemeinverständlich die zentralen Thesen für einen neoliberalen Umbau des Sozialstaates untersuchte und relativierte. Nun legt Müller eine Analyse unserer "Eliten" nach und stürmt damit wiederum die Bestsellerlisten.

Müller resümiert den ausbleibenden Erfolg der Reformversuche unter der Regierung Schröder, betrachtet den Regierungswechsel und die damit einhergehende Konkursverschleppung sowie die Ideologie der Eliten und ihr Versagen. Dazu beschreibt er in mehreren Kapiteln die Methoden der wirtschaftlichen und sozialpolitischen Machtausübung und die Artikulation der Herrschenden. Etliche "unabhängige" Autoritäten, die in den Medien als prominente Meinungsführer fungieren, werden auf ihre Verstrickungen mit den Wirtschaftslobbies und neoliberalen Netzwerken hin beleuchtet. Leider unterfüttert Müller seine durchaus stimmigen Beobachtungen mit allzu allgemeinen Feststellungen, lähmend langen Anklagen und teilweise plumpen Schlussfolgerungen. "Du bist Deutschland ist der Versuch unserer Eliten, das Volk "rumzukriegen", seine Meinung grundlegend zu verändern, den Menschen vor allem beizubringen, es läge nur an ihnen, das Tal der Tränen zu verlassen. Insofern ist die Kampagne typisch für den Umgang unserer Eliten mit dem Volk: Politik ist zur Hälfte Progaganda, vielleicht sogar zu drei Vierteln. Unsere Eliten stellen sich vor, man könne dem Volk alles verkaufen, vorausgesetzt, man hat das nötige Kleingeld und spritzige Ideen."

Dieses Zitat aus Machtwahn zeigt beispielhaft des Autors Instrumentarium auf. Wir entdecken etliche Wiederholungen; allein in den ausgewählten drei Sätzen kommen die Worte Eliten und Volk jeweils dreimal vor. Emotional aufgeladene Verben wie rumkriegen, verkaufen und beibringen suggerieren Betrug. Müller benutzt einfache Substantive, die alarmieren sollen, Tal der Tränen, Propaganda etcetera. Wäre es denn wirklich neu, dass Politik sich der Propaganda bedient? Und was ist Müller, der ansonsten in seinen zu Beweisen beigefügten Zahlenkolonnen genau auf Kommastellen achtet, der Unterschied zwischen der Hälfte oder "vielleicht sogar ... drei Vierteln" wert?

Albrecht Müller droht mit erhobenem Zeigefinger, belehrt und klärt auf. Ohne die unterschwellige Komik eines Michael Moore wirkt diese Strategie bald ermüdend. Aber vielleicht muss ein Prophet unablässig die Trommel schlagen? Es gibt erfrischende Ausnahmen; im Kapitel Ein neuer Bildungsnotstand: Verwahrlosung durch Kommerzialisierung schildert Müller zum Beispiel knapp und eindringlich die fortschreitende Infantilisierung der Gesellschaft unter dem maßgeblichen Einfluss der kommerzialisierten Fernsehprogramme. Diese acht Seiten berühren durch ihre treffende Kürze. "Bis 1984 war das Fernsehen öffentlich-rechtlich, und es gab eine überschaubare Zahl von Programmen, eine beschränkte Dosis sozusagen. Seit der Wende von Bundeskanzler Helmut Schmidt zu Helmut Kohl wurden Milliarden in die Programmvermehrung und in die Kommerzialisierung gepumpt ... Nichts und niemand - außer den offenkundigen finanziellen Interessen - hat die politisch Verantwortlichen in Bundesregierung, Bundesrat und Bundestag zur Kommerzialisierung des Hörfunks und des Fernsehens gezwungen. Ohne den Einsatz öffentlicher Gelder wäre der Durchbruch - im konkreten Fall: der Durchbruch zur geistigen Verelendung eines Teils unserer Gesellschaft - nicht möglich gewesen."

Wie reagiert das angesprochene Volk auf die Enthüllungen Albrecht Müllers? Ein Blick auf die Amazon-Rankingliste von Anfang Juni zeigte für das erst im März 2006 erschienene Buch einen sensationellen Verkaufsrang von 154 an (Anfang August - Platz 7.594). Spannend wie ein Krimi liest sich die tatsächlich demokratische Rezensionsgeschichte auf der Amazon-Verkaufsseite des Machtwahn-Knüllers. Jeder Leser darf hier seinen mehr oder weniger schlauen Senf zu Buch und bereits eingestellten "Kundenrezensionen" abgeben. Vorangestellt ist eine kurze und deftige Kritik eines Mitarbeiters der Amazon-Redaktion, die heftige Leserdispute auslöste. Hier ein Ausschnitt: "Als der 1938 geborene Nationalökonom Albrecht Müller noch ... Leiter des im Volksmund auch ›Abteilung Glaube, Liebe, Hoffnung‹ genannten Planungsstabs im Kanzleramt war, da muss die Welt noch in Ordnung gewesen sein. Wir stellen uns das in etwa so vor: Leute von Müllers Schlag waren damals mit ihren wohldurchdachten Konzepten dabei, das Land einer rosigen Zukunft entgegen zu führen. Doch dann übernahmen die Ideologen des Neoliberalismus in breiter Front und in allen Parteien das Ruder und steuern uns seither zielstrebig und in völliger Verkennung der Tatsachen auf unseren Untergang zu. Schade, dass der Autor seine Leser durch seine wütende, von jedem Zweifel an der eigenen Exzellenz unbeleckten Polterei von den vielen richtigen Argumenten seiner Klageschrift gegen den Neoliberalismus ablenkt. Denn in vielen Punkten seiner Diagnose wäre man gerne bereit, ihm ohne Wenn und Aber zuzustimmen. In manchen Punkten freilich wird sich kaum noch jemand finden, der der Müllerschen Argumentation zu folgen bereit ist."

Was den einen erfreut, peinigt den zweiten. Viele Müller-Fans echauffierten sich über diese Zeilen. Unter der Überschrift "Der Prophet gilt nichts im eigenen Land" schreibt ein Kunde: "Die Rezension aus der Amazon.de-Redaktion von Herrn Andreas Vierecke zeigt, wie gleichgeschaltet die veröffentlichte Meinung ist. Frei nach dem scholastischen Leitspruch, dass nicht sein kann was nicht sein darf!" Ein anderer Leser führt weiter aus: "Schade, daß das Propagandanetzwerk, das Müller in seinem Buch beschreibt, bis hierher reicht. Viele Rezensionen über Müllers Buch sind leider nicht nur absurd ..., sondern beten auch genau die Lügen nach, deren Ursprung, Zweck und Einsatz Müllers Buch aufzeigt ..."

Abgesehen von dieser Auseinandersetzung herrscht ein vergleichsweise riesiger Drang der Leser Albrecht Müllers, sich mitzuteilen. Von schlichten Einzeilern bis zu kleinen Abhandlungen reichen die 20 Kundenrezensionen, deren Inhalt ebenso vielschichtig daherkommt. "Eine ziemlich dümmliche Aneinanderreihung von Vorurteilen gegenüber angebotsorientierter Politik durchzieht dieses Buch." Gegen jene recht brutale Kritik stehen Zeilen wie diese: "Wenn auch nur zwei Drittel dieses Buches der Wahrheit entsprechen, ist das schon schlimm genug. Hier wird der Führungsstil unserer ›Elite‹ geschildert, dass auch Lieschen Müller es versteht. Mir hat das Buch ›Spaߋ gemacht, obwohl mir schon lange das Lachen vergangen ist. Lesen!"

Soviel zur aktuellen Rezeption von Müllers Bestseller. Es bleibt anzumerken, dass gegen eine kluge Polemik an sich nichts einzuwenden wäre. Albrecht Müller verpackt seine Systemkritik jedoch in eine derart aufgeblähte Klage, dass dem wohlgesonnensten Leser die "Lust" an der Lektüre abhanden kommen muss. Die Debatte um Zukunftsmodelle von Sozial- und Wirtschaftspolitik mag durch Müllers Aufklärungsbuch erneut entfacht werden, hilfreiche Lösungsansätze oder gar Visionen bietet seine erregte Analyse dagegen nicht.

Albrecht Müller: Machtwahn. Wie eine mittelmäßige Führungselite uns zugrunde richtet, Droemer, München 2006, 364 S., 19,90 EUR


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00:00 18.08.2006

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