Zwischen Aufbruch und Resignation

Premiere In Hamburg wird Deutschlands erste Professur für "Queer Theory" eingerichtet, zusätzlich gibt es Gelder für neun Zeit-Professuren mit Schwerpunkt Geschlechterforschung. Ein fulminanter Fortschritt?

"E´accaduto," würden die Italienerinnen sagen, "non per caso". "Es ist passiert - nicht aus Zufall." Hamburger Studierende haben gedrängt und gefordert, und so können sie im neuen Semester nicht nur die Veranstaltungen besuchen, die im "Frauenvorlesungsverzeichnis" ausgewiesen sind, sie erhalten auch prüfungstaugliche Zertifikate dafür. Das ist Hamburgs Einstieg in einen hochschulübergreifenden Studiengang "Gender und Queer Studies" in einer bundesweit einmaligen Form: als Möglichkeit der Zusatzqualifikation, je unterschiedlich nach den Studienstrukturen der acht beteiligten Hochschulen.

Während "Gender Studies" in anderen Bundesländern bisher immer "kostenneutral" von bereits ausgelasteten Lehrenden mit angeboten werden mussten, stehen in Hamburg nun Gelder für zehn spezielle C3- Professuren zur Verfügung; und zwar in Fächern, die sich von Fragen des Geschlechterverhältnisses bisher nicht beunruhigen ließen: in Arbeits- und Betriebswissenschaft, in Musikwissenschaft, in Informatik und - auch das eine Besonderheit - in Mathematik. Hamburg profiliert sich mit einem Angebot nicht nur in den Kultur- und Sozialwissenschaften, sondern auch in Natur- und Technikwissenschaft. Zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum wird eine Professur für "Queer Theory" eingerichtet. "Gender Studies" meint in Hamburg Frauen-, Männer- Geschlechter- und Sexualitätenforschung.

Glückliche Konstellation

Es ist passiert - nicht aus Einsicht, müsste man fortsetzen. Die Hamburger Hochschulen - "Nicht für jede ist eine Geschlechterprofessur ein Geschenk" - gerieten zwischen zwei Bewegungen. Druck "von unten" gab es einerseits durch Studierende der Universität, die zäh über Jahre hinweg "Queer Studies" oder ein "Queer Zentrum" einforderten, und andererseits begannen Wissenschaftlerinnen und Studentinnen aus unterschiedlichen Hochschulen, einen Studiengang "Gender Studies" zu konzipieren.

Druck "von oben" kam aus der Hamburger Behörde für Wissenschaft und Forschung (BWF). An ihrer Spitze stand mit der Grünen Krista Sager eine Senatorin, die für Wissenschaft und Gleichstellung gleichzeitig zuständig war, und mit Marlis Dürkop eine Staatsrätin, die als Wissenschaftlerin sehr früh Frauenforschung betrieben und als Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin die Einrichtung eines Studiengangs "Gender Studies" als eines von zwei Hauptfächern befürwortet hatte. Das Hamburger Wissenschaftsministerium sicherte eine Anschubfinanzierung und verpflichtete die Hochschulen, die auf sechs Jahre befristeten Stellen finanziell zu sichern. Eine historische Konstellation.

Mit so viel politischer Unterstützung werden die Geschlechter-Studien unter Hamburgs neuer regierender Rechtskoalition in Zukunft nicht mehr rechnen können. Für´s Erste aber ist das Scherflein im Trockenen, der Prozess initiiert, die Curriculum-Entwicklung institutionalisiert, alles weitere bleibt offen.

"Gender" im Aufwind

Hamburg ist nicht der einzige Hochschulstandort, an dem ein Studiengang zur Frauen- und Geschlechterforschung eingesetzt wird. An den Universitäten Freiburg und Göttingen kann man sich seit dem Sommersemester im Magister-Nebenfach Geschlechterforschung immatrikulieren. In Frankfurt ist es seit dem letzten Jahr möglich, innerhalb disziplinärer Studiengänge einen interdisziplinären Studienschwerpunkt "Frauen- und Geschlechterstudien" am Cornelia-Goethe-Centrum zu wählen. Und mit dem Wintersemester 2002/3 werden in Siegen deutsche und ausländische Studierende, die einen dem Diplom vergleichbaren Abschluss haben, Gender Studies mit einem Schwerpunkt in den Bereichen Menschenrechtsethik, Menschenrechte und Verwaltung - Organisation, Evaluation, Controlling - belegen können.

Zwar ist der männliche Widerstand in den Hochschulen nicht gebrochen, doch der bundesweite Aufschwung der Gender Studies ist nicht zu übersehen. Wie lässt sich das Interesse erklären? Im Hintergrund wirken sicher - erstens - die Empfehlungen der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung, Programme zur Qualifizierung von Frauen, zur Verbesserung der Frauen/Gender-Forschung und zur Steigerung des Frauenanteils in den naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen zu schaffen.

Zweitens wirkt der allgemeine Reformdruck auf die Universitäten. Sie sind aufgefordert, mehr Studierende anzuziehen, im direkten Konkurrenzkampf mit anderen Anbietern. Gender Studiengänge gelten als innovativ, ihre Einrichtung verspricht internationale Reputation.

Drittens ermuntern Universitätsleitungen die Einführung von Bachelor/Masterstudiengängen, und viertens deutet sich seit dem EU-Beschluss zum Gender Mainstreaming an, dass in den Bereichen der öffentlichen Verwaltung und öffentlich-rechtlicher Institutionen Arbeitsplätze entstehen, auf denen Gender-Kompetenz verlangt wird.

Gender-Kompetenz als Qualifikation

Wo bleiben diejenigen, die eine Zusatzqualifiaktion in Gender-Fragen erworben haben? "In Equal-Opportunity-Stellen oder in den Medien", meint Ulla Wischermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Frankfurter Cornelia-Goethe-Centrum. Allerdings wisse man über die Arbeitsmarktintegration der Absolventen und Absolventinnen von Gender Studiengängen bisher nur wenig. Die einzige abgeschlossene Evaluation, die derzeit vorliegt, hat das Hochschuldidaktische Zentrum in Dortmund erhoben. Sie besagt, dass Diplompädagoginnen, die ein Frauenthema zum Schwerpunkt ihrer Prüfung oder zum Inhalt ihrer Examensarbeit gemacht haben, eher eine Stelle erhalten hätten als solche, die andere Akzente setzten.

Studienanfänger schnuppern gern. Sie lieben an Gender Studies den breiten Überblick, die vielfältige Themengestaltung, wie eine Evaluation des Studiengangs Geschlechterstudien/Gender Studies an der Humboldt-Universität 1999/2000 ergab. Sie wünschen sich gleichzeitig "weniger frauenforschungsorientierte Lehre, der Bezug zu den Gender Studies sollte ins Zentrum rücken." Die Studienanfänger trennen also, was auf Seiten vieler Wissenschaftlerinnen oft zusammenschnurrt.

Die Organisatorinnen des Magisterstudiengangs sind erstaunt, wie hoch die Zahl der Studienanfänger seit 1998 ist. "Wir haben im Schnitt 130 bis 150 Zulassungen," berichtet Gabriele Jähnert, "20 Prozent sind Männer."

Hybridwissenschaft

Gender Studies haben die Frauenforschung offiziell abgelöst. Die Schwierigkeiten, die Denkfigur in die Wissenschaften zu implementieren, bleiben, und auch die Forderung nach "Multidisziplinarität" und "Transdisziplinarität" wird selten wirklich eingelöst. Das Hochschuldidaktische Zentrum in Dortmund hat zum Beispiel die Internationale Frauenuniversität (ifu) evaluiert. Die Ifu, die größte Graduierten-Sommeruniversität, die es je gab, fand im letzten Jahr parallel zur EXPO 2000 statt. "Die Curricula schienen konstitutiv interdisziplinär", berichtet Sigrid Metz-Göckel vom hochschuldidaktischen Zentrum, weil sie ja gar nicht in einem Fach angesiedelt waren, sondern Themen wie "Information" oder "Körper" bearbeitet haben. Dieser Idee haben die Studierenden auch in einem hohen Maß zugestimmt, im Anschluss aber beklagt, dass es zu wenig Querverweise gegeben habe. Jede Dozentin hat mit ihnen aus ihrer Fachperspektive gearbeitet, und so wurde das Programm zu einer Perlenkette, auf der die Fächer additiv aufgereiht waren.

Das Curriculum bleibt immer Patchwork, die Formen, in denen Gender Studies in Deutschland angeboten werden, sind sehr unterschiedlich. Sie können Masterstudiengänge sein, Nebenfächer im Magisterstudium, reine Studienschwerpunkte oder Aufbaustudiengänge zum Erwerb der Promotion wie in den Kulturwissenschaften in Oldenburg. Gender Studies speisen sich aus einem Angebotspool verschiedener Disziplinen wie in Frankfurt, Bremen, Oldenburg, an der TU und FU Berlin. In Hamburg wird dieser Pool hochschulübergreifend sein und in Themenfeldern wie "Konstruktion von Körper und Raum", "Technoscience" oder "Arbeit und Geschlecht" gebündelt werden. Auch Göttingen bietet Schwerpunkte an wie unter anderem "Soziale Beziehungen" oder "Politische Kultur und soziopolitische Systeme".

Vielfalt oder Chaos? Das deutsche Wissenschaftssystem, so streng disziplinorientiert wie es ist, kann anscheinend nur in stets neuen Versuchen überwunden werden. "Das ist auch gut so", betont Sigrid Metz-Göckel, "in einem so wenig experimentell zu explorierenden Sachverhalt wie der Institutionalisierung einer neuen wissenschaftlichen Fragestellung ist es viel vernünftiger, viele verschiedene Wege zu gehen, als sich für einen zu entscheiden. Nur: die Erfahrungen müssen ausgewertet und miteinander verglichen werden, damit es eine Entwicklung gibt. Das ist es, was noch fehlt."

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00:00 02.11.2001

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