Zwischen den Stühlen

POETISIERUNG DES ALLTAGS Wilhelm Genazinos Roman "Ein Regenschirm für diesen Tag"

Die Romane und Erzählungen von Paul Nizon sind Texte über schwierige Fußgänger, es sind bewegte Personen, die während des Gehens eine intime Arbeit erledigen, die fast jeder Mensch jeden Tag leistet, ohne sie ausdrücklich als Arbeit in die eigene Erfahrung einzuordnen: der Aussöhnung mit der eigenen Innenlage." So wie der Schriftsteller Wilhelm Genazino einmal das Weggehen und Heimkommen im Werk von Paul Nizon charakterisiert hat, gibt er auch Einblicke in sein eigenes poetisches Projekt: Auf dem Schutzumschlag von Genazinos neuem Roman Ein Regenschirm für diesen Tag ist ein Foto von dem amerikanischen Fotografen Hulton Getty abgebildet. Es zeigt so einen schwierigen Fußgänger in einer befremdeten Übergangssituation. Ein Mann in einem eleganten Anzug befindet sich in einer angespannten Stellung, die ein energisches zielstrebiges Vorangehen suggeriert, auf zwei Parkstühlen unter einem geöffneten Regenschirm. Es gibt aber nur die zwei Stühle, auf denen er mit je einem Bein steht. Die Regenstraße unter ihm wird er auf diese Weise nicht trockenen Fußes überqueren können. Fragwürdig ist auch, wie und warum der Mann überhaupt sich auf die Stühle begeben hat. Das Foto zeigt etwas, das an Franz Kafkas Tagebuchnotiz des "stehenden Sturmlaufes" erinnert und als Metapher für das Schreiben lesbar wird.

In seinem neuen Roman ist ein Ich-Erzähler in einer ähnlichen Übergangssituation wie der auf dem Foto abgebildete Regenschirmträger auf den beiden Stühlen. Die labyrinthischen Wege einer Trennungs- und Verbindungsgeschichte, in der die Liebe, die Arbeit und das Sehen in immer neue Versuchsanordnungen mit neuen Anfängen münden, führen in elf Sequenzen scheinbar beiläufig an ein Ziel. Zu Beginn leidet der verlassene Erzähler unter der Abwesenheit seiner Lebensgefährtin Lisa, vagabundiert durch die sommerlichen Großstadtstraßen, um sich nicht der ehemals gemeinsamen Wohnung aussetzen zu müssen.

Am Ende des Romans wird er mit einer neuen Partnerin, der ehemaligen Kindheitsfreundin Susanne, eine neue Perspektive haben. Auch seine freiberufliche Arbeit als Schuhtester wird eine Ergänzung und Erweiterung in der eines Artikelschreibers einer Tageszeitung erfahren. Ganz beiläufig werden so die zentralen Themen Genazinos - das Gehen, das Schreiben, das Wahrnehmen - zusammengeführt. Zwischen diesen Stühlen bewegt sich das irritierte, aber auch selbstironische Ich in ständiger Anpassung. Und es sind immer wieder Paarkonstellationen, die den Erzähler aus dem Überfluss äußerer und innerer Unruhe reißen und ihm Momentaufnahmen eines von ihm als fremd und nicht annehmbar empfundenen Lebens öffnen, von denen aber, wie von einer Batterie, Reflexionslicht und -energie ausströmen.

Auf seinen Expeditionen durch den Alltag sieht der Erzähler immer wieder Frauen, die plötzlich unsichtbar werden: eine Tierpflegerin hinter dem von ihr gestriegelten Pferd, eine Putzfrau in einem Autosalon, die mit Hilfe eines Staubsaugers für ihre sie begleitende Familie abwesend und unerreichbar wird, eine Wäsche aufhängende Frau hinter den Hemden ihres Mannes auf einem Balkon. Unausgesprochen spiegeln die langsam unsichtbar werdenden Frauen nicht nur die Situation des Verlassenwerdens. Sie zeigen auch das Potential eines Neuanfangs, einer Veränderung, die aus der Unsichtbarkeit des wahrnehmenden Erzählers aufschimmert.

Als Transitraum und leeres Zentrum des Romans dient dem Schuhtester sein Blätterzimmerprojekt. Lisas leeres Zimmer legt er mit Platanenblättern aus, um durch die sinnliche Erfahrung des geräuschvollen Stapfens an eine Kindheitserinnerung angekoppelt zu werden, die Halt und Trost stiftet. Das begehbare Kindheits- und Trennungszimmer ist eng verknüpft mit einem anderen Projekt des Erzählers: dem Institut für Gedächtnis- und Erlebniskunst Mnemosyne, das dazu verhelfen soll, wieder mit sich selber etwas zu tun zu haben. Natürlich ist dieses virtuelle Institut nichts anderes als eine Metapher für Genazinos Roman. Hier geht es um die Aktivierung des Sehvermögens, der vorsichtig umschriebenen Seele, die nicht spricht, aber Bilder zur Verfügung stellen kann und dem Körper einen anderen Schutz, eine neue Behausung anbietet, die weiterführt als der Schutz des das Regenleben abschirmenden Körpers. In einer Anspielung, die zugleich eine Verrätselung des Romantitels leistet, spricht der Erzähler eher beiläufig von den möglichen Kunden seines Instituts, "die das Gefühl haben, dass aus ihrem Leben nichts als ein langgezogener Regentag geworden ist und aus ihrem Körper nichts als ein Regenschirm für jeden Tag".

Ein anderes Kurzfristprojekt des Protagonisten dreht sich um Distanzierung, Nähe und Antizipation. In seiner Notatsammlung aus dem Jahr 1990 Vom Ufer aus, in der sich viele Themen späterer Romane finden, wie das "Projekt der Lächerlichkeit", schreibt Wilhelm Genazino: "Auf einer Parkbank lasse ich eine alte Jacke von mir zurück. Ich betrachte das Kleidungsstück aus einiger Entfernung und ›gebe‹ es ›auf‹. So sieht etwas von dir aus, wenn du selber nicht mehr da bist."

In seinem neuen Roman vertieft Genazino das Projekt. In Momenten größter Verstörung und Disproportion von Ich und Welt überkommt den Erzähler blitzartig und fast zwanghaft das Bedürfnis, seine Jacke von sich zu werfen: an Orten sichtbar zu deponieren, die ihm beispielhaft seine Position in dem für ihn nicht genehmigten Leben erscheinen lassen. In seinem Roman Das Licht brennt ein Loch in den Tag aus dem Jahr 1996 bringt eine andere Genazino-Figur seine ramponierte Jacke in eine Wäscherei, lässt sie dort unabgeholt, aber für ihn sichtbar im Schaufenster hängen, weiß sie dort in Sicherheit. Auf einmal wird der Waschsalon zu einem imaginären Museum.

Genazinos radikale und subtile Poetisierung des Alltags führt aber auch immer wieder in Kindheitsbilder und -erfahrungen zurück. In einem Interview vom 7. Mai 2001 in der Neuen Zürcher Zeitung mit der programmatischen Überschrift Ich bringe ja auch das Bild in Schwung bezeichnet Wilhelm Genazino Fotos, aber auch Kindheitserinnerungen als Batterien, die den Erzähler und seine Welt mit Energie aufladen. Wie die Vielzahl der Obdachlosen, Behinderten, Verwahrlosten und Frauen bilden die Kinder auch ein zentrales Motiv in Genazinos Romanen. In ihnen spiegelt sich das haltlose Ich. Über die anderen gewinnt es auch einen Blick für sich. In Ein Regenschirm für diesen Tag möchte der Ich-Erzähler ausdrücklich nicht auf seine Kindheit angesprochen werden - er spielt in seiner Vorstellung mehrere Formen von Etiketten an seinem Jackenrevers durch, wie "Warnung! Wenn Sie über Ihre oder gar meine Kindheit sprechen, dann ...", um sich seine eigenen Kindheitserinnerungen als Kraftquelle unversehrt zu erhalten, "als etwas aufzubewahrendes, das hinter meinen Augen ausharrt, launisch, verworren, bissig".

Am Ende des Romans entdeckt der Protagonist einen einsamen und umsichtigen Beobachter, einen Jungen, der aus einem Spalt aus einer Deckenbehausung auf dem Balkon eines Mietshauses kurz auf ein lautes Freizeitspektakel blickt, über das der Erzähler für eine Tageszeitung zu berichten hat. "Es ist ein misstrauischer, geretteter Blick, der mein eigener sein könnte", weiß Genazinos Alltagsheld sofort. Der kurze Blick des Jungen, die umhervagabundierende Reflexionspoesie Genazinos ist, wie Georges-Arthur Goldschmidt es einmal über die weder exotische noch unerhörte Welt Paul Nizons und Peter Handkes geschrieben hat, "ein erweiterter Umfang des eigenen Körpers". Nur hier kann die Aussöhnung mit der eigenen Innenlage - wenigstens einen Augenblick lang - gelingen.

Wilhelm Genazino:Ein Regenschirm für diesen Tag. Roman. Carl Hanser-Verlag, München, Wien 2001, 174 S., 35,- DM

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00:00 16.11.2001

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