Zwischen Milchstraße und Mondlandschaft

Olympische Spiele in Sestriere Seit nunmehr 75 Jahren und dank Giovanni Agnelli "Ski Total"

Als der Schriftsteller William Brockedon anno 1830 hier oben ankam, war es bereits Nacht und dennoch nicht dunkel. In seinem Journal of Excursions in the Alps schildert er das eindrückliche Erlebnis: "Der Tag ging zu Ende, bevor wir mit dem Passanstieg begannen, aber ein heller, schöner Mond stieg auf und leuchtete uns den Weg. Die Tiefe, die der Dunst und die Dunkelheit dem Tal unter uns verlieh, und die breiten und großartigen Silhouetten der umgebenden Berge formten eine ungewohnte, verblüffende Szenerie."

Wer an einem heutigen Winterabend zu diesem Ende der Welt hinauffährt, hat ein ganz ähnliches Erlebnis, bei dem die Natur freilich nur eine Nebenrolle spielt: In der weiten Schneelandschaft spiegelt sich das Fluidum einer Stadt, eine ganze Bergflanke ist in helles Flutlicht getaucht, in dem Skifahrer und Snowboarder ihre Schwünge ziehen. Schwer, das Ganze nicht für eine Fata Morgana zu halten. Sollte es eine sein, dann heißt diese Fata Morgana Sestriere - der Name für den 2.000 Meter hohen Sattel zwischen dem Susa- und dem Chisone-Tal, aber auch für die größte und bekannteste Skistation im Westen Italiens, eine Schöpfung aus dem Nichts, eine Welt aus Glas und Beton, mitten in der Natur.

Ende der zwanziger Jahre beschlossen Fiat-Gründer Giovanni Agnelli und sein skibegeisterter Sohn Edoardo, in dieser Region ein Skizentrum der Superlative entstehen zu lassen. Die Vehemenz und Gründlichkeit, mit denen sie nun zu Werke gingen, waren beispiellos und bereits 1932 die ersten beiden Seilbahnen eingeweiht, ein Jahr später folgte die dritte. Sestriere avancierte über Nacht zur modernsten Wintersportarena der Welt. Und zur eigentümlichsten. Mitten im Gebirge standen nun plötzlich zwei kreisrunde Hochhäuser, zu denen sich schnell drei weitere Großhotels gesellten. Mitte der dreißiger Jahre, als sich das Bettenangebot zwischenzeitlich auf 800 erhöht hatte, war die "new town in the Alps" vollendet, der erste Schritt zur Urbanisierung des Gebirges vollzogen, die Unterordnung der Alpentäler unter den Willen der Städter beschlossen. Die Patriarchen der Fiat-Dynastie hatten eine Bewegung angestoßen, deren Beginn heute immer wieder in den sechziger Jahren vermutet wird, als im nahegelegenen Frankreich Retortenstädte wie Tignes und La Plagne aus dem Boden schossen. Tatsächlich jedoch sind die französischen Skistationen späte Kopien dessen, was im piemontesischen Sestriere schon lange erprobt und erfolgreich war.

Noch Anfang des 18. Jahrhunderts gab es in dieser Gegend freilich ein gänzlich anderes Erfolgsmodell - den 1343 auf die politische Bühne geratenen "Grand Escarton". Seinerzeit war es den Bauern von zehn Gebirgstalschaften gelungen, ihrem unter akuter Geldnot leidenden Landesherrn Humbert II. für die Summe von 12.000 Golddukaten alle Feudalrechte abzukaufen. 52 Gemeinden gehörten fortan zu dieser auch "Bund von Briancon" genannten Bauernrepublik. Sie teilte sich in fünf "Escartons" auf, von denen zwei im heutigen Frankreich und drei auf zwischenzeitlich italienischem Gebiet lagen - Sestrières gehörte zum "Escarton du Pragela", Pragela heißt heute Pragelato und liegt nicht weit entfernt im oberen Chisone-Tal.

Ihre unzeitgemäße Prosperität verdankten die Bauern dieses winzigen Imperiums dem regen Grenz- und Passverkehr rund um den Col du Montgenèvre, der wegen seiner geringen Höhe seit der Antike die Hauptverbindung zwischen Italien und Nordwesteuropa war. Sie profitierten aber auch von der dezentralen und antihierarchischen Politik, die alle Gemeinden einbezog und sich strengen Gemeinschaftsregeln unterwarf, um eine Bereicherung Einzelner auf Kosten der Allgemeinheit zu verhindern. Es war genau festgelegt, wie das Kulturland zu bewirtschaften war, um die Erosion oder Erschöpfung des Bodens zu vermeiden. Und obwohl dies durchaus rentabel gewesen wäre - Land durfte niemals an Fremde verpachtet werden.

Vor 75 Jahren nun allerdings kehrte die Feudalmacht in neuer Gestalt zurück. Senatore Agnelli dachte nicht daran, etwa Land zu pachten, er kaufte es ganz einfach. Schnell waren die nötigen Flächen aus dem Grundbuch vierer Gemeinden zusammen gelegt und auf den Namen Sestriere getauft. Alle inzwischen miteinander verbundenen Liftanlagen von Sestriere, Sauze d´Oulx, Sansicario und Clavière gehören der 1937 gegründeten Gesellschaft SAES, die sich seit 1984 "Sestrieres S.p.A" nennt und ihr Arbeitsfeld schon früh auf Immobiliengeschäfte auszudehnen verstand. Die Präsidentin dieser Fiat-Konzerntochter ist eine Cousine Giovanni Agnellis, auch der Bürgermeister wurde in der Vergangenheit zuweilen aus der Fiat-Verwandtschaft rekrutiert.

Aus den Almweiden von einst wurden künstlich beschneite Skipisten, während sich auf dem kläglichen Rest des noch nicht verbauten Plateaus der höchste 18-Loch-Golfplatz Europas breitet. "Via Lattea" - Milchstraße - heißt das 400 Pistenkilometer umfassende Skigebiet. Nicht etwa, weil irgendwo frische Almmilch zu Käse verarbeitet wird, sondern weil die Landschaft im winterlichen Idealfall vollkommen weiß ist. Die einzigen Kühe, die in diesen Jahren am Hang stehen, sind lila, haben mediengerechte neun Meter Schulterhöhe und Euter wie Kraftwerke. Dem 2003 verstorbenen "Avvocato" Agnelli ist es nämlich gelungen, nach der alpinen Ski-Weltmeisterschaft 1997 nun auch die Olympischen Winterspiele in die hochgelegene Fiat-Immobilie zu holen.

Die Werbewirkung für Sestriere, Piemont und Italien ist enorm - und nicht nur die, denn das Skigebiet soll seit Jahren verkauft werden. Was lag näher, als Pisten und Anlagen einmal mehr auf Staatskosten aufpolieren zu lassen. Die Appartements im Olympischen Dorf werden bereits seit Monaten in einem Hochglanzprospekt zum Kauf angeboten, versehen mit dem ausdrücklichen Hinweis, die Käufer sollten bedenken, sie würden von "40 Prozent Staats- und Regionalzuschuss" profitieren. Gleichfalls mit Steuermitteln gebaut wurde eine neue Seilbahn nach Pragelato hinunter - mitten durch einen intakten Lärchenwald.

Im ersten Moment scheint die überdimensionierte Anlage überhaupt keinen Sinn zu haben, existiert doch keine Piste, auf der man abfahren könnte. Tatsächlich hat die TOROC, die halbprivate Olympiagesellschaft, das Projekt clever kalkuliert. Es dient dazu, die Häuser einer in Pragelato neu gebauten Touristensiedlung nach der Olympiade gewinnbringend als Zweitwohnungen zu verkaufen. Das Kalkül könnte aufgehen, weil die künftigen Ferienhausbesitzer einen direkten Zugang zum beliebten Loipennetz von Pragelato haben werden.

Die fünf neuen Sprungschanzen hingegen will niemand erwerben, sie bleiben nach den Spielen der Gemeinde Pragelato vorbehalten. Kein Wunder, denn hier ist kein Gewinn zu erwarten, sondern eine Kostenlawine. Da es in ganz Piemont keine Skispringer gibt, werden die Schanzen nutzlos mitten in einem nach EU-Normen geschützten Wald herumstehen und Unterhaltskosten verursachen, die eine 400-Seelen-Gemeinde gar nicht bezahlen kann. Auf 500.000 Euro im Jahr schätzt man allein die Erhaltung, ohne dass ein einziges Springen stattfindet. Kein Wunder, dass Pragelato von der LegAmbiente die "bandiera nera", die "schwarze Karte", erhalten hat. Italiens größter Naturschutzbund zeichnet damit einmal pro Jahr die Gemeinde aus, die ihre natürliche Umgebung in den letzten zwölf Monaten besonders rücksichtslos verbaut und ihre Landschaft regelrecht verbraucht hat.

"Den Einheimischen ist die Lust an den Spielen längst vergangen", schimpft Silvia Alberti, die seit zehn Jahren in Pragelato lebende Naturpark-Angestellte. Wirklich profitiert hätten nur die wenigen, die in Immobiliengeschäften tätig seien und größtenteils von außerhalb kämen. "Die meisten anderen sind froh, wenn das Spektakel vorüber geht, ohne Schäden zu hinterlassen." Dass nach den Spielen noch Geld für die zugesicherten Rückbau- und Renaturierungsmaßnahmen übrig sei, glaube ohnehin niemand. Das touristische Entwicklungskonzept von "Torino 2006" unterscheide sich nicht im geringsten von dem vergangener Jahre: "Bauen und Verkaufen von Häusern - trotz des ungelösten Wasser- und Abwasserproblems und ohne Rücksicht auf die Natur."

Immerhin genießt Pragelato den Ruhm, olympischer Austragungsort der Nordischen Disziplinen zu sein. Der Rest des Chisone-Tals bekommt dagegen gar nichts. Genau genommen bekam er immer schon nur den Lärm und die Abgase der fast ausnahmslos mit dem privaten PKW anreisenden Wintersportler - auch in Zukunft ist dafür gesorgt. Für die Olympiade wurde von Turin her eine neue autobahnähnliche "Superstrada" gebaut, die in der Talmitte einfach endet - direkt vor Perosa Argentina, dem einstigen Hauptort des Tals. In ihm staute sich schon in der Vergangenheit der Verkehr - sonntags vor allem, wenn die Smog geplagten Turiner für ein paar Stunden ins Gebirge hinauf fliehen. Der nach Sestriere weiterführenden Staatstrasse wurden nun die Beläge erneuert und einzelne Tunneldurchstiche genehmigt - was in erster Linie dem Liftkartenverkauf in Sestriere dient und den Marktwert des Skigebiets erhöht.

Die Val Chisone, ein so bezauberndes wie enges und felsiges Alpental, wird dagegen vollends zum Verkehrskorridor für den "turismo domenicale", den Wochenendtourismus, denn die Torinesi sind auf diesen Straßen nun noch schneller wieder zu Hause als bisher, so dass der ohnehin brachliegenden Beherbergungsbranche der Untergang gewiss ist. Eine nachhaltige Entwicklung würde anders aussehen, sagt Patrick Stocco, ein energischer Bergführer, der im Winter Touristen mit Schneeschuhen durch die Naturparks führt. "Wir haben ein wunderbares Wegenetz mit historischen Saumpfaden, das ausländische Kulturwanderer begeistern würde." Doch für diesen Sektor war ebenso wenig Geld vorhanden wie für den Bau einer funktionierenden Kläranlage in Pragelato. Nicht einmal der Druck von Karten und Prospekten für den neuen Talrundweg konnte finanziert werden, die Talverwaltung will nun wenigstens die Wegbeschreibungen ins Netz stellen. Erst nach den Olympischen Spielen, wie es scheint. Im Augenblick starrt man wie gebannt auf jene "Milchstraße", die sich in ein paar Wochen, nach dem Auftauen des Schnees, in eine Mondlandschaft verwandeln wird.

00:00 17.02.2006

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