In Kooperation mit der Newton Foundation im Museum für Fotografie

Rue Aubriot: Wie ein Foto zur Ikone wurde

Helmut Newtons legendäres Vogue-Bild von 1975 zeigt mehr als Mode: Es erzählt von Begehren, Macht und Inszenierung – und offenbart im Detail seine vielschichtige Entstehungsgeschichte

Helmut Newton, Yves Saint Laurent, Rue Aubriot, French Vogue, Paris 1975, © Helmut Newton Foundation

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Intermezzo. Revisiting Helmut Newton

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Helmut Newton Foundation im Museum für Fotografie

Jebensstrasse 2
D | 10623 Berlin

Ab 24. April. 2026!

Es ist eine Bildikone, die bis heute immer wieder publiziert wird – auch über 50 Jahre nach ihrer Entstehung: das legendäre Modebild von Helmut Newton, das er 1975 in der namensgebenden Rue Aubriot aufgenommen hat. Das weibliche Modell, es handelt sich um Vibeke Knudsen, trägt einen Hosenanzug von Yves Saint Laurent, ein damals aufsehenerregendes Design.

Newton schuf mit seiner Fotografie ein zeitlos-kongeniales Abbild voller Ambiguität. Wie die meisten bekannten Newton-Bilder entstand es im Auftrag und wurde zunächst im Rahmen einer Magazin-Modestrecke veröffentlicht, konkret in der September-Ausgabe der französischen Vogue.

Das Original-Magazin und die gesamte Bildstrecke werden hier in der Vitrine präsentiert, um den Entstehungs- und Veröffentlichungskontext zu zeigen; daneben hängt die vergrößerte Reproduktion des erhaltenen Kontaktbogens des Shootings mit nur einem Negativstreifen. Neun Jahre später verwendete Newton das legendäre Motiv in einem anderen Kontext erneut, nämlich als ganzseitige Abbildung in seinem Buch World without Men.

Zum Zeitpunkt der Aufnahme wohnte Helmut Newton in der kleinen Rue Aubriot, sodass der Aufnahmeort vertrautes Terrain für ihn war. Die Gegend drumherum, also der Pariser Stadtteil Marais, war seinerzeit eine einfache Wohngegend, die sich abends in einen Straßenstrich verwandelte. Insofern kann diese Nachtaufnahme auch als Hommage an den von Newton bewunderten Kollegen Brassaï gelten, der als nächtlicher Flaneur durch die Straßen von Paris zog und seine Aufnahmen der leeren Gassen, der Kneipen und Tanzsäle, der Lumpensammler und Prostituierten 1932 in dem berühmten Buch Paris de Nuit veröffentlichte, das Newton selbstverständlich kannte.

Auch Newton hat vor seinem berühmten Modebild und auch danach immer wieder nachts in Paris fotografiert. Ein weiteres Vorbild aus der deutschen Kunstgeschichte könnte Ernst Ludwig Kirchner sein, der in den frühen 1910er-Jahren die Kokotten, wie man damals in Berlin die Straßenprostituierten nannte, am Potsdamer Platz beobachtete und anschließend im Atelier malte. Das „älteste Gewerbe der Welt“ ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, so elegant und selbstbewusst stehen die Dargestellten im Straßenbild herum, während sie auf ihre Freier warten.

Auch bei Newton ist das Modell, das seine Rolle sehr gut spielt, eine stilbewusste, moderne junge Frau – in diesem Fall mit durchaus androgyner Note. Gleichwohl strahlt sie eine gewisse Frivolität aus, wenn wir beginnen, darüber nachzudenken, auf wen sie hier rauchend wartet. All das wird noch unterstützt durch das zweite Bild, das Newton am gleichen Ort nur einige Minuten später machte – eine sogenannte „Newton Version“. Denn der Fotograf nutzte einen Magazinauftrag gelegentlich dazu, eine Bildidee experimentell weiterzuentwickeln: Eine nackte Frau taucht plötzlich an der Seite der Bekleideten auf. Die beiden stehen so eng und vertraut nebeneinander, als sei dies im öffentlichen Raum von Paris selbstverständlich.

Es könnte sich um ein lesbisches Paar handeln, gleichzeitig wird das bekleidete Modell durch seine nackte Partnerin noch androgyner. Natürlich war dieses Bild im Gegensatz zum eigentlichen Modebild für die Veröffentlichung in der Vogue ungeeignet. Stattdessen veröffentlichte Newton die Fotografie 1976, also ein Jahr nach ihrer Entstehung, in seinem ersten Bildband White Women.

Zwei annähernd gleich große Lifetime Prints sind an der Wand ausgestellt, sie stammen aus dem hauseigenen Archiv. Newton hat beide Bildmotive gleichberechtigt behandelt und vergrößern lassen, um sie bereits zu Lebzeiten in verschiedenen Ausstellungen zu zeigen. Daneben hängen zwei Exhibition Prints, die den Kontext erweitern – sie tragen den Titel Love for sale und sind für den Playboy entstanden.

Sie wurden im selben Jahr aufgenommen, allerdings in anderen Gassen des Marais. Natürlich sind diese inszenierten, noch frivoleren Nachtaufnahmen durch seine Modefotografien inspiriert. Die beiden so unterschiedlichen Shootings sind eng miteinander verbunden, auch wenn die Verbreitung der Fotografien natürlich gänzlich unterschiedlich verlief.

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