Von der Religions- zur Gesellschaftskritik

Hintergrund Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen sieben Themen, die Marx’ Zeit und seine Kapitalismuskritik prägten, und die angesichts heutiger Transformationen und Krisen nichts von ihrer Brisanz verloren haben
Von der Religions- zur Gesellschaftskritik

Foto: Deutsches Historisches Museum/Yves Sucksdorff

Die Industrialisierung löste im 19. Jahrhundert gewaltige ökonomische, soziale und kulturelle Umbrüche aus. Zu den bedeutendsten Analytikern und Kritikern der damit verbundenen Folgen gehörte Karl Marx (1818–1883). Als Philosoph, Journalist, Ökonom und politischer Aktivist wollte er die „kapitalistische Produktionsweise“ versteh- und veränderbar machen.

Die Ausstellung „Karl Marx und der Kapitalismus“ präsentiert das Denken und Wirken von Marx als intellektuelle und politische Auseinandersetzung mit den Umwälzungen und Konflikten seiner Zeit. Sie zeigt, was Marx bewegte, worauf er reagierte, wie sich seine Theorien wandelten und wo sie mehrdeutig und widersprüchlich waren.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts herrschten in fast allen Ländern Europas autoritäre Monarchien. Könige rechtfertigten ihre Herrschaft mit dem Willen Gottes. Preußen verstand sich als christlicher Staat. Deshalb waren religiöse Fragen stets auch politische Fragen.

Seit dem 18. Jahrhundert entfalteten aufgeklärte Philosophen mit ihrer Kritik an der Religion politische Sprengkraft. In den 1840er Jahren ging Ludwig Feuerbach davon aus, dass nicht der Mensch ein Geschöpf Gottes ist, sondern Gott eine Erfindung des Menschen. Wenn Menschen auf Geheiß Gottes Dinge tun, handele es sich also um ihre eigenen Wünsche.

Für Karl Marx als jungen Philosophen war die Religionskritik „Voraussetzung aller Kritik“. Er übertrug zentrale Motive der Religionskritik auch in seine Kritik der Ökonomie und radikalisierte die Religions- zur Gesellschaftskritik.

Marx meinte, dass in der kapitalistischen Gesellschaft ähnliche Mechanismen am Werk seien wie in der Religion. Die Menschen empfänden sich als machtlos und passiv gegenüber Zwängen der kapitalistischen Produktionsweise, obwohl diese ihr „Geschöpf“ sei. Diesen Zusammenhang nannte Marx Entfremdung. Er analysierte ihn zunächst an der Religion, dann am Recht und an der Arbeit. Dieser Grundgedanke setzt sich in Marx’ Werk fort bis zu seiner Kritik am Fetischismus.

Judenemanzipation und Antisemitismus

Nach der Französischen Revolution von 1789 wurde die rechtliche Gleichstellung der Juden viel diskutiert. Sie rief Zustimmung, aber auch Ablehnung hervor. Zugleich wuchs mit der rasanten Industrialisierung die Bedeutung des Geldhandels und der Banken, die vielen als Grundübel der „Moderne“ galten. Da Juden aufgrund von Berufsverboten lange in den Geldhandel abgedrängt worden waren, war ihr Anteil im Bankwesen besonders hoch. Antijüdische Vorurteile über Juden als „Wucherer“ erhielten dadurch neuen Auftrieb.

In vielen politischen Bewegungen verbreitete sich in den 1840er Jahren der antisemitische Vorwurf, Juden seien die Profiteure der ökonomischen Umwälzungen. Das geschah auch unter den Frühsozialisten, mit denen Karl Marx in Austausch stand.

Marx stammte aus einer jüdischen Familie, die zum Protestantismus übergetreten war. Er selbst war bekennender Atheist, hielt die Religion aber nicht für die zentrale Frage der Zeit. Die Emanzipation der Juden unterstützte er in rechtlicher und politischer Hinsicht zwar, argumentierte in der Debatte aber gleichzeitig antisemitisch – insbesondere bei seiner Kritik am Finanzkapital. Als er in seinen ökonomischen Schriften dazu überging, die „kapitalistische Produktionsweise“ näher zu untersuchen, griff er auf diese Vorurteile nicht mehr zurück.

Revolution und Gewalt

Umwälzungen wie die Industrialisierung und sozialer Protest erschütterten im 19. Jahrhundert Staat und Gesellschaft. Die politischen, ökonomischen und sozialen Umbrüche wurden zunehmend als „Revolution“ bezeichnet. Soziale Fragen wurden Gegenstand politischer Konflikte.

Karl Marx hoffte zeit seines Lebens auf eine soziale Republik und hielt einen gewaltsamen Umsturz für notwendig. 1848/49 war die einzige Revolution, die er erlebte. Sie veränderte seine Vorstellungen, wie eine Revolution verlaufen kann.

Marx ging davon aus, dass politische Revolutionen einerseits unweigerlich aus bestimmten Entwicklungen folgen und andererseits das Ergebnis aktiver Klassenkämpfe sind. Ideen für eine kommunistische Gesellschaft entwarf er kaum, da er mehr als utopische Zukunftsentwürfe schaffen wollte.

Neue Technologien

Neue Technologien veränderten im 19. Jahrhundert die Arbeits- und Lebensweise der Menschen radikal. Durch Dampf-, Spinn- und Werkzeugmaschinen entstanden neue industrielle Abläufe und Produkte. Begleitet war dies von einer zunehmenden Proletarisierung. In ganz Europa strömten Hunderttausende von verarmten Bäuerinnen und Bauern, Handwerkerinnen und Handwerkern in die Fabriken der rasant wachsenden Industriestädte.

Karl Marx war fasziniert vom technischen Fortschritt. Er sah moderne Maschinen als Voraussetzung und Chance, um Arbeitszeiten zu verkürzen und Armut zu beseitigen. Neue Technologien könnten eine soziale Produktion ermöglichen. Zugleich kritisierte er die zerstörerische Kraft von Technik. Er verurteilte die Arbeits- und Lebensbedingungen der großen Mehrheit der Bevölkerung und die Armut inmitten von wachsendem Reichtum.

Marx’ Kritik zielte auf die Kluft zwischen dem, was durch Maschinen möglich wäre, und der Realität. Für ihn war deshalb entscheidend, wer in einer Gesellschaft über Maschinen verfügte und wozu sie eingesetzt wurden: im Kapitalismus, um für wenige Gewinn zu erzielen, im Kommunismus, um die Bedürfnisse aller zu befriedigen.

Natur und Ökologie

Kohleverbrennung und giftige Industrieabgase hatten erhebliche Auswirkungen auf Mensch und Natur. Zudem laugte die industrialisierte Landwirtschaft die Böden aus und machte sie unfruchtbar.

Angesichts des absehbaren globalen Problems, die Weltbevölkerung ausreichend zu ernähren, befasste sich Karl Marx auch mit ökologischen Fragen. Für eine Lösung hielt er zunächst das Düngemittel Guano, das auf Feldern in Europa und den USA verstreut wurde. Auch die Zerstörung der Wälder thematisierte er. Ursachen für die ungebremste Ausbeutung der Natur sah Marx darin, dass die kapitalistische Wirtschaft auf ständigem Wachstum und Gewinnmaximierung basierte.

Ökonomie und Krise

Industrielle Produktion und Massenkonsum stießen in den 1850er Jahren eine erste Globalisierungswelle an. Diese ging zunehmend mit Wirtschaftskrisen einher. Die erste Weltwirtschaftskrise von 1857 motivierte Karl Marx, seine ökonomiekritischen Studien zu intensivieren. Für die zeitgenössische Produktionsweise suchte er nach einer wissenschaftlichen Erklärung. Sie sollte zugleich eine politische Perspektive eröffnen. Er nannte sie „kapitalistische Produktionsweise“.

Den Kapitalismus analysierte Marx nicht nur als eine spezielle Organisation der Wirtschaft, sondern auch als eine spezielle Organisation der Gesellschaft. Dabei durchdringe die Logik des Kapitals und des Profits immer größere Teile der Welt und schließlich weltweit sämtliche sozialen, politischen und kulturellen Beziehungen.

Kämpfe und Bewegungen

Das Scheitern der Revolutionen von 1848/49 leitete ein Jahrzehnt des politischen Stillstands ein. Mit der rasanten Ausbreitung der Lohnarbeit formierten sich jedoch die Arbeiterbewegungen in Europa neu. Arbeiter und zum Teil auch Arbeiterinnen gründeten Genossenschafts- und Gewerkschaftsbewegungen.

Mit diesem politischen Aufbruch erwuchsen auch für Karl Marx neue Möglichkeiten der politischen Intervention. 1864 war er Mitbegründer der Internationalen Arbeiterassoziation, einem Zusammenschluss europäischer Arbeiterorganisationen. Hier wurde kontrovers und über Ländergrenzen hinweg über die Bekämpfung der Ungleichheit, die Verkürzung der Arbeitszeit und die Frauenemanzipation debattiert.

Wirkungsgeschichte

Karl Marx starb am 14. März 1883 in London. Viele seiner Werke waren bis dahin unveröffentlicht, und seine Bücher fanden nur geringe Verbreitung. Erst später wurde aus Marx’ Ideen die Lehre des Marxismus und aus Marx selbst eine Ikone gemacht.

Auf Marx’ radikale Kritik des kapitalistischen Wirtschaftens beriefen sich unterschiedliche politische Strömungen. Im späten 19. Jahrhundert war Marx zentraler Ideengeber für die Arbeiterbewegung und die Sozialdemokratie. Nach der Russischen Revolution 1917 wurden seine Theorien, die widersprüchlich und bruchstückhaft waren, verzerrt und allmählich in ein geschlossenes System gezwungen. Mit dem Marxismus-Leninismus legitimierten auch autoritäre Regime ihre Herrschaft. Zugleich inspirierte Marx demokratische Bewegungen, die für radikale soziale Reformen eintraten. Wieder anderen diente Marx dagegen als Feindbild.

Die gesellschaftskritischen Fragen, die Marx stellte, überdauerten nicht nur seine eigene Lebenszeit. Insbesondere seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/08 werden seine Fragen und Analysen vielfältig diskutiert. Wie Marx’ Werk ist auch seine Wirkungsgeschichte ambivalent.

13:13 09.03.2022

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