Ein Beitrag von Dagmar von Taube und Sven Michaelsen, 31.08.2026:
Der Mann, der an diesem Nachmittag in schwarzen Nylonshorts und einem rosafarbenen Poloshirt im Grand Hotel in Mailand vor einem Glas Wasser Platz genommen hat, könnte ein ehemaliger Leistungssportler sein. Um seinen Kopf freizukriegen, gehe er jeden Morgen mindestens eine Stunde lang schwimmen, erklärt der 65-Jährige sein seit Jahrzehnten praktiziertes Ritual. In Berlin wird Maurizio Cattelan Anfang September eine Ehrung zuteil. Er erhält den „Preis der Nationalgalerie 2026“ – die Neue Nationalgalerie zeigt seine erste große Einzelausstellung „Night“ in Deutschland.
WELT: Herr Cattelan, angenommen, Sie drehen einen Film über Ihr Leben: Mit welcher Szene beginnen Sie?
Maurizio Cattelan: Meiner Beerdigung. Mit 51 habe ich mich für einige Jahre von der Kunst verabschiedet. Meine Versagensängste waren so übermächtig geworden, dass ich die Freude an meiner Arbeit verloren hatte. Indem ich meine Kunst zu Grabe trug, beerdigte ich das Leben, das ich bis dahin geführt hatte. Durch das Niederreißen meines Egos konnte ich mich und meine Vergangenheit erstmals von außen sehen. Ich sah einen Teenager mit blockierten Emotionen, der eine Mauer um sich gebaut hatte und unfähig war, mit anderen Menschen mitzufühlen. Das war schmerzhaft.
WELT: Ihr Vater war Lastwagenfahrer, Ihre Mutter Putzfrau. Beide waren fundamentalistische Katholiken und haben Sie gnadenlos geschlagen.
Cattelan: Ich bin im Schatten des Kreuzes aufgewachsen. Meine Mutter wollte ein Mädchen. Weil sie mich lieben sollte, habe ich bis zu meinem zehnten Lebensjahr mit einer Mädchenstimme gesprochen. Bei meiner Geburt hatte sie Krebs, es folgte eine Kette anderer Krankheiten. Als sie starb, war ich 23. Es ist eine meiner traurigsten Erinnerungen, dass ich nicht zu ihrer Beerdigung gegangen bin. Eltern und Religion sind Supermächte, wenn es darum geht, Kinderseelen zu versauen. Wenn ich vergessen könnte, woher ich komme, würde ich es tun.
WELT: Haben Sie inzwischen Frieden mit Ihrer Mutter gefunden?
Cattelan: Viele Jahre nach ihrem Tod habe ich bei der Biennale in Venedig mit einem indischen Mönch gearbeitet. Er ließ sich von uns jeden Tag so begraben, dass nur noch seine betenden Hände aus der Erde ragten. Das war der Moment, in dem ich Frieden mit meiner Mutter schloss. In unserer Jugend sind wir überzeugt, ganz anders als unsere Eltern zu sein. Spätestens mit 50 begreifen wir, wie sehr wir ihnen ähneln. Eine meiner Schwestern lebt bis heute in einer katholischen Ordensgemeinschaft.
WELT: Sie haben Ihr Elternhaus in Padua an Ihrem 18. Geburtstag verlassen.
Cattelan: Als ich meine Sachen in zwei Plastiktüten verpackt hatte, fragte meine Mutter verblüfft, wann ich denn wiederkomme. Ich sagte: „Nie!“ Heute tut mir meine Härte leid. Meine Mutter war ein Waisenkind, das ohne Liebe aufwuchs. Wie soll so jemand den eigenen Kindern Liebe geben? Mein Vater kam mir immer wie ein leerer Kühlschrank vor. Inzwischen weiß ich, dass er unter Depressionen litt.
WELT: Sie sind Autodidakt und erst im Alter von 29 Jahren Künstler geworden. Bis dahin haben Sie Ihr Geld als Koch, Gärtner, Postbote, Krankenpfleger, Leichenwäscher und Samenspender verdient.
Cattelan: Ich brauchte diese elf Jahre, um mich von dem zu reinigen, was meine Eltern mir über das Leben beigebracht hatten. Die Kunst bot mir die Aussicht, keinen Chef zu haben und dennoch Geld zu verdienen. Ich habe dann aber ziemlich schnell begriffen, dass Kunst auch Fluch und Verdammnis bedeutet. Wegen ihr lebe ich so diszipliniert und asketisch wie ein Mönch. Konsum und Luxus haben mir nie viel bedeutet. Ich bin dabei, das Meiste wegzugeben. Erinnerungen sind mir lieber als Besitz.
(…) WELT: Vom 10. September an zeigt die Neue Nationalgalerie in Berlin Ihre erste große Einzelausstellung in Deutschland. Auch Ihr Wachsfiguren-Hitler wird zu sehen sein. Gab es deswegen Bedenken?
Cattelan: Nein, denn in welcher Stadt könnte diese Skulptur mehr Menschen berühren? Im Mittelpunkt wird aber eine Installation stehen, die ich für die Neue Nationalgalerie entwickelt habe. Sie werden meine Version des Brandenburger Tors zu sehen bekommen.
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