Die Welt am Scheideweg

Leseprobe „Nicht alle Arbeit ruiniert die Welt. Präventionsarbeit kann sie retten. Je unregierbarer Staaten werden, desto mehr regeln sich die Dinge »natürlich«. Etwa indem die Natur gegen die [...] Kriege und Klimazerstörungen mit neuen Pandemien reagiert.“
Die Welt am Scheideweg
Bild einer Goldmine in Agbaou (Elfenbeinküste): Nach drei Jahren des Konflikts und nach massivem Verlust ihrer Ländereien unterzeichneten die Bewohner im Jahr 2017 ein Abkommen mit den kanadischen Betreibern der Mine

Foto: ISSOUF SANOGO/AFP via Getty Images

„Wieviele Dürren, Hassmails, Fluten und Orkane muss es noch geben, bis die Unverantwortlichen begreifen, dass ihre Wirtschafts- und Arbeitsideologie die Ursache ist?“

Vorwort

Ein Unterschied zwischen notwendiger und vermeidbarer oder gar schädlicher Arbeit wird in der heutigen Ökonomie nicht ernsthaft gemacht. Es gibt dazu auch keine nennenswerte Forschung. Es herrscht das Mantra vor, dass alle Arbeit gut sei und den Wohlstand erhöhe. Die Physik ist da schon weiter. Seit 155 Jahren unterscheidet sie zwischen Arbeit, die Material bewegt und solcher, die keins bewegt. Und ob sie sich fossiler oder solarer Energie bedient. Lediglich die letzte Unterscheidung haben fortschrittliche Teile der Ökonomie bisher zu übernehmen versucht.

Schon 1963 hat Heinrich Böll die Haltung der Wirtschafts- und Wachstumsgesellschaft in einer wunderbaren kleinen Novelle treffend beschrieben: Ein westlicher Tourist trifft ganz früh am Morgen in einem Hafen »an einer westlichen Küste Europas« auf einen dösenden Fischer. Auf die Frage, warum er bei dem herrlichen Wetter nicht zum Fischen ausgelaufen sei, antwortet der Fischer, er sei bereits einmal ausgelaufen. Der Fang »war so gut, dass ich nicht noch einmal auszulaufen brauche. ... Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug.« Das regt den Touristen furchtbar auf: »... stellen Sie sich vor, ... Sie würden ... nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren. ... Sie würden sich spätestens in einem Jahr einen Motor kaufen können, in drei oder vier Jahren vielleicht einen kleinen Kutter haben ... eines Tages würden Sie zwei Kutter haben. ... Sie würden ein kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren Kuttern per Funk Anweisungen geben. Sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris exportieren und dann ... .« – »Was dann?« fragt der Fischer leise. – »Dann könnten Sie beruhigt hier im Hafen sitzen, in der Sonne dösen – und auf das herrliche Meer blicken.« – »Aber das tu' ich doch schon jetzt«, sagt der Fischer.
Besser konnte man 1963 nicht beschreiben, warum die Wirtschaft bis heute unseren Planeten derart ruiniert hat. Dieser Zustand unseres Planeten und seine Ursachen, die in diesem Buch angesprochen werden, sind durch die Corona-Krise plötzlich noch deutlicher geworden.

Von einem Tag auf den anderen wird die bisherige Austeritätspolitik über Bord geworfen. Billionen werden locker gemacht. Das legt den Verdacht nahe, dass vieles, was bisher als »nicht finanzierbar« galt, vielleicht doch finanzierbar gewesen wäre. Zum Beispiel ein Grundeinkommen. Und dass das bisherige Mantra einer beschäftigungsbasierten Wirtschaft vielleicht doch falsch ist, wonach Wohlstand nur durch menschliche Arbeit entstehen kann, auch dann, wenn diese überflüssig, sinnlos oder gar schädlich ist. Es waren ja die Auswüchse dieser falschen Wirtschafts- und Arbeitsideologie, die die Ausbreitung der Pandemie zumindest befördert haben:

– die Sprengung der planetaren Grenzen durch Übervölkerung infolge Armut

– der globale Mobilitätswahn durch vermeidbaren Handel und Tourismus

– die Störanfälligkeit der Produktionen durch künstlich verkomplizierte Lieferketten

– die globale Entsolidarisierung durch nationalen Egoismus und Wettbewerb.

Ungehemmter Nationalismus, wenn er in der Bevölkerung auftritt mit Recht kritisiert, wird in der Wirtschaft beharrlich als Tugend und Wettbewerbsvorteil dargestellt. Jeder Globalisierungskritik wird die wenig überzeugende Belehrung entgegengestellt, dass jede globale Vermischung regionaler Kulturen, Lebensgewohnheiten, Architekturen, Stadt- und Landschaftscharaktere zu Bereicherung und größerer Vielfalt führe. Das Gegenteil ist der Fall. Die Welt wird zum zivilisatorischen Einheitsbrei. Ihre Vielfalt wird abgebaut. Die verhängnisvolle, anti-evolutionäre und unumkehrbare Vermischung – in der Physik seit 150 Jahren als »Entropie« kritisiert – wird von Wirtschaft und Politik beharrlich als Fortschrittsmotor dargestellt.

Wir erleben, wie von niemandem gewählte Milliardäre immer größere Milliardenbeträge der demokratischen Verfügung durch die gewählten Parlamente entziehen. Kann man das noch »Demokratie« nennen? Die Milliardäre haben eine Welt der zwei Realitäten geschaffen: Auf der einen Seite die offizielle Welt der Sozialprodukte, der Staatshaushalte, der Löhne und Gehälter, der normalen Privatvermögen und der Inflation. In dieser Welt lagen die jährlichen Zuwachsraten vor der Coronakrise bei ein bis zwei Prozent, in einigen Aufbruchsländern wie China vorübergehend etwas höher. Auf der anderen Seite die Welt der privaten Milliardärsvermögen. In ihr lagen und liegen die jährlichen Zuwachsraten bei sechs Prozent. Die Staaten wirken dieser Umverteilungsautomatik von unten nach oben nicht durch angemessene Rückverteilung entgegen. Im Gegenteil: Sie verstärken sie noch, etwa indem sie

– in Europa ärmeren Staaten die Abwertungsmöglichkeit ihrer Währung entziehen

– mit ihrer Exportwut Wirtschaften weniger entwickelter Ländern zerstören

– oder einfach alle staatliche Rückverteilung als »Umverteilung« denunzieren.

Wenn über die Zerschlagung der deutschen Traditionsfirma WMF und die Entlassung tausender Arbeiter nicht mehr vom gewählten Parlament in Baden-Württemberg entschieden wird, sondern vom ungewählten US-Anlageriesen BlackRock in New York – kann man das dann noch »Demokratie« nennen?
Die immer monströsere Ungleichverteilung beschränkt sich aber nicht nur auf Kapital und Vermögen. Sie dehnt sich auf alle Lebensbereiche aus. Etwa auf die organisierte Nichtbeachtung des Einzelnen: In Prolli-Medien und »sozialen« Netzwerken genießen aufgeblasene Scheinpromis eine Überbeachtung, deren gesellschaftlichen Sinn oder Vorbildcharakter man vergeblich sucht. Auf der anderen Seite wird den sozial Abgehängten so lange das letzte Selbstwertgefühl geraubt, bis sie in ihrer sozialen Vereinsamung Amok, Terrorismus und Herostratentum anheimfallen und sich die verweigerte Beachtung gewaltsam verschaffen. Selbst berechtigte Bevölkerungsproteste verlieren sich im Irrationalen. Deutsche Bauern protestieren – im Gegensatz zu britischen – nicht etwa gegen fortschreitende Agrar-Industrialisierung und Flächenkonzentration, gegen Fastfood und Insektensterben, sondern für das »Recht« auf Einbringen von Gülle. Und das mit Treckern und Diesel.
Regierungen werden bei der Nachsorge manchmal besser, bei der Vorsorge aber immer schlechter. Der Klimawandel ist ja längst unaufhaltsam da. Es wird in Deutschland nicht immer mehr Dürrejahre geben, sondern unter anderem infolge fehlender Gletscher und Höhenwinde fast nur noch Dürre. Anstatt endlich damit zu beginnen, Stauseen, Rückhaltebecken, Moorvernässungen, Flussauen, Bewässerungskanäle und Berieselungsanlagen anzulegen, lässt man Brüssel und die Agrarminister über nachträgliche finanzielle Dürrehilfen für Großflächen nachdenken.

[...]

Das Ende der Qualarbeit

Über die zweite Maschinisierung

In den Sklaven- und Leibeigenen-Gesellschaften stand der Begriff »Arbeit« stets für Qualarbeit, für »Strafe für den Sündenfall«. Geistige Entfaltungstätigkeiten waren höfisch oder klerikal, hießen »Opus« oder »Oeuvre«. Das änderte sich mit der Industrialisierung. Damals hoffte man, die Maschinen würden nicht nur immer mehr Wohlstand produzieren, sondern dem Menschen auch immer mehr Qualarbeit abnehmen, mehr Zeit zur Entfaltung und Emanzipation geben. Ab 1796 entstanden erste Überlegungen zum Grundeinkommen, das allen Menschen aus den Maschinenverdiensten gezahlt werden sollte.

Es kam ganz anders. Die Kapitalseite beanspruchte die steigenden Maschinenverdienste für sich. Bisher höfische Entfaltungstätigkeiten wurden ebenfalls zur »Arbeit« erklärt, um ihre Bezahlung zu begründen. Die bisherigen Festungsbaumeister, die Kavaliere nannten sich nun Architekten. Gestaltung, Jagd, Turniersport, Kunst, Theater, Spekulation – alles war plötzlich »Arbeit«, oft, wenn es gerade dem Wunsch entsprang, sich der Qualarbeit zu entziehen. Die bisherige klare Unterscheidung zwischen Qualarbeit und Entfaltungstätigkeit wurde verwischt. Plötzlich wurde alle Existenzlegitimation (außer Kapitalgewinnen) an den Begriff »Arbeit« gekoppelt. Und das ausgerechnet genau zu dem Zeitpunkt, als die Maschine deren langsamen Rückgang einläutete. Hinzu kam: Ausgerechnet, als die Qualarbeit in den neuen Bergwerken und am Fließband einen neuen, nie dagewesenen Höhepunkt erreichte, begann der erste große Feldzug zu ihrer Verherrlichung. Aufseher, Poliere, Steiger und Funktionäre hatten ebenfalls – wie die früheren Höflinge – den Trick entdeckt, sich selber der Qualarbeit zu entziehen und ihren Arbeitern die schönen Lieder vom »glücklichen Bergmann« und dem »Bauern im Märzen« beizubringen.
Aus dem Jahrtausendtraum von der Überwindung der Qualarbeit wurde so gezielt der Albtraum Arbeitslosigkeit gemacht. Die immer größere maschinelle Produktivität erzeugte ein immer größeres Überangebot an Arbeit, das die Ökonomen durch ständige Mehrproduktion (sprich Wachstum) zu kompensieren suchten. Ihre Logik: »Leider vernichtet die steigende Produktivität immerzu Arbeit. Deshalb müssen wir jedes Jahr mehr produzieren, sonst haben wir nicht genug zu tun.« Anstatt einen existenzsichernden Anteil am rasant steigenden BIP zu fordern, forderte man »Arbeit! Arbeit! Arbeit!« Das machte Politiker zu Wohltätern und diente als Vorwand für alle sozialen und ökologischen Schandtaten dieser Welt, für exzessive Vergeudung, Vermüllung, Verdummung, Vertreibung, Verpackung, Verwaltung, Verschandelung, Verwüstung, Vernichtung von Arten, Vergiftung von Insekten und Äckern, Bürokratie, Tierquälerei, Rüstung und Kriege. Der Beschäftigungsstaat war geboren.

Ändern wir diese Einstellung nicht, wird die digitale »zweite Maschinisierung« zur Katastrophe. Forscher prophezeien, dass sie ganze Branchen vernichten wird, in Europa 50 Prozent der Arbeitsplätze. Dagegen prophezeien rechte Mutterkreuzler einen Rückgang der benötigten Arbeitskräfte um bis zu 35 Prozent wegen Überalterung. Sie kapieren nicht, dass das Sozialprodukt trotz oder vielleicht sogar wegen der immer mehr Alten stets gestiegen ist, es also bei gleich bleibender Bevölkerung immer mehr zu verteilen gab. Es wurde nur nicht verteilt, sondern von Milliardären und Konzernen eingesteckt.
In jedem Fall eröffnet die Digitalisierung erneut die große Chance, endlich Qualarbeit zugunsten von Entfaltungsarbeit zurückzudrängen. Die große Frage lautet: Wie soll die rasant steigende maschinelle Wertschöpfung verteilt werden, wenn menschliche Arbeit als Einkommenslegitimation immer mehr ausfällt? Das verlangt völlig neue Definitionen von Verteilung, Bildung und Partizipation. Und das muss endlich von gewählten Politikern verantwortet werden und nicht von ungewählten IT-Monopolisten. Niemand verlangt ja auf einen Schlag 20-Stunden-Woche, bedingungsloses Grundeinkommen und die Rückverteilung der leistungslos erworbenen privaten Supervermögen. Aber man kann doch erwarten, dass die Politik endlich Zukunftskonzepte vorlegt.

Offenbar überlässt sie das aber lieber den ungewählten Erlöserfiguren aus Silicon Valley. Nach dem Staatsstreich der Finanzmärkte nun der der IT-Industrie. Die will den »neuen Menschen«, den »Libertaristen«. Der ist unpolitisch, süchtig nach digitalem Bedienungswissen, liefert persönliche Daten freiwillig ab und demonstriert nicht. Sie hält das für »digitalen Sozialismus«. Sie vergisst: Smartphones kaufen keine Roboter, Roboter keine Roboter. Irgendwann gehen den Milliardären die Konsumenten aus und dem Staat die Steuerzahler. Für den Kotau der Politik steht der Satz: »Griechenland muss das Vertrauen der Finanzmärkte zurückgewinnen.« In 20 Jahren heißt es dann: »Ihr müsst das Vertrauen der IT-Industrie zurückgewinnen.« Dann ist es zu spät.

08:58 18.06.2020

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