Leseprobe : "Sagen, was ist"

"Rudolf Augstein zum Objekt jenes kritischen Blicks zu machen, den er selbst allen SPIEGEL-Journalisten stets abverlangt hatte", das haben sich die Autoren - selbst SPIEGEL-Mitarbeiter - als Mantra gesetzt. Lesen Sie hier die Einleitung ihres Buches

Foto: C.H.Beck
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Augstein. Ein deutsches Leben

Augstein. Ein deutsches Leben

Martin Doerry und Hauke Janssen

Hardcover

533 S., mit 57 Abbildungen

34 €

In Kooperation mit C.H.Beck

Augstein. Ein deutsches Leben

Wer das neue SPIEGEL-Haus an der Hamburger Ericus-Spitze betritt, gelangt zunächst in ein monumentales, vierzehn Stockwerke hohes Atrium. Hoch oben über den Köpfen der Besucher hängen zwölf lange Brücken, auf denen Verlagsmitarbeiter und Journalisten von Etage zu Etage eilen. Der gewaltige Raum wirkt kühl und einschüchternd. Nur ein einziges Ornament, eine Inschrift in silbernen Lettern auf sandfarbenem Naturstein, erinnert an den Mann, ohne dessen Genie und Tatkraft diese Kathedrale des deutschen Journalismus nie errichtet worden wäre. «Rudolf Augstein», steht dort, und dazu das Leitmotiv des SPIEGEL-Gründers: «Sagen, was ist».

Rudolf Augstein hat den SPIEGEL groß gemacht, aber er hat ihn nicht allein erfunden, drei britische Besatzungsoffiziere standen ihm in den letzten Monaten des Jahres 1946 zur Seite. Sie waren es, die ihm die Rezeptur für den Erfolg des Projektes, den stets kritischen Blick auf die handelnden Personen in Politik und Gesellschaft, mit auf den Weg gaben. Aber ohne sein Talent, ohne seinen Ehrgeiz und seine Beharrlichkeit wäre aus dem dünnen, auf billigem Papier und in kleiner Auflage gedruckten Blättchen, das erstmals am 4. Januar 1947 an den Kiosken des von den Alliierten besetzten Deutschlands auslag, nie jenes Massenmedium geworden, das heute gedruckt und online Tag für Tag, Woche für Woche Millionen von Lesern findet.

Einfach nur zu «sagen, was ist», war Augsteins Sache allerdings nicht. Die reine Tatsachenbeschreibung hat ihn nie wirklich interessiert. Jede gute Recherche, so fügte er 1961, als er diesen Leitsatz formulierte, noch hinzu, diene einem konkreten Zweck: Wer der «Wahrheit ans Licht» verhelfe, schrieb er damals, könne als Journalist auch «die Wirklichkeit verändern». Und genau das wollte Rudolf Augstein unbedingt. Mit all dem, was er schrieb oder von seinen Redakteuren schreiben ließ, kämpfte er gegen das, was er für falsch und verhängnisvoll hielt in Deutschland und in der Welt, er wollte Menschen bewegen, wollte aber auch Neues schaffen als Publizist, als Verleger und – nicht zuletzt – als Politiker für seine Partei, die FDP. Wer Augsteins Leben erzählt, erzählt zugleich auch deutsche Geschichte. Anfangs war er – wie Millionen andere – nur Objekt und Opfer der historischen Ereignisse, dann jedoch immer häufiger auch Subjekt und Gestalter des politischen Geschehens: Geboren vier Tage vor dem Hitler-Putsch im November 1923 und aufgewachsen in der Spätphase der Weimarer Republik, war er den Schrecken der NS-Diktatur als Schüler und Soldat noch machtlos ausgeliefert. Danach wurde er selbst zum Akteur, zuerst als junger Journalist im geschlagenen und von den Verheerungen des Krieges schwer gezeichneten Deutschland, und später als SPIEGEL-Herausgeber, als meinungsstarker Publizist, der den Kurs der Bonner Regierungen immer wieder maßgeblich beeinflusste. Ob es die Gründung der Bundesrepublik war, der Kampf gegen den restaurativen Obrigkeitsstaat der Fünfzigerjahre oder schließlich der Streit um die Wiedervereinigung 1990 – Augstein begleitete intensiv und aus nächster Nähe alle Weichenstellungen deutscher Politik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wenn es dabei eine Konstante gab, eine Idee, die ihn durch alle Epochen und Episoden seines Lebens trug, dann war es das Beharren auf dem Primat der Nation. Den ideologischen Prägungen aus Kindheit und Jugend blieb er damit bis zuletzt treu. Er sei ein großer deutscher Patriot, hieß es denn auch häufig – ein Europäer oder gar Weltbürger war er jedoch nie. Wenn ihn etwas umtrieb, dann waren es das durch das NS-Regime zerstörte nationale Selbstbewusstsein und der Widerstand der europäischen Nachbarn gegen eine eigenständige Rolle der Deutschen auf der internationalen Bühne. Dass er sich mit dieser Haltung im Laufe der Jahrzehnte auch ins Abseits manövrierte, nahm Augstein in Kauf. Seine politische Mentalität war im Kern unzeitgemäß. Zusammen mit Männern wie Axel Springer, Gerd Bucerius oder Henri Nannen zählte er zu den großen Verlagsgründern des Landes. Ihre Überzeugungen hätten unterschiedlicher kaum sein können, aber ein Ziel verband sie ohne jede Einschränkung: Sie alle wollten nach dem Ende der Diktatur ein besseres, ein demokratisches Deutschland schaffen. Während heute zumeist anonyme Manager in Medienunternehmen den Ton angeben, war jeder dieser Verleger – und Augstein wohl sogar ein wenig mehr als die anderen – eine öffentliche Instanz in der Bundesrepublik, ihr Wort wurde gehört, ihre Meinung geachtet. Augstein musste sich diese Rolle hart erarbeiten. In seinen frühen Jahren als SPIEGEL-Chef galt er in weiten Teilen der konservativen Nachkriegsgesellschaft noch als krawalliges Schmuddelkind der deutschen Publizistik, als gottloser Kirchenfeind, Nihilist und Nestbeschmutzer. Auch seine heftige Kritik an der – wie er meinte – vorschnellen Preisgabe der nationalen Einheit durch Konrad Adenauers Politik der Westbindung machte ihn vorerst zum Außenseiter im öffentlichen Meinungskampf. Nur eine anfangs kleine, allerdings stetig wachsende Gemeinde von SPIEGEL-Lesern verehrte ihn als kompromisslosen Kämpfer gegen die Dauerherrschaft von CDU und CSU und gegen jede Einschränkung der Meinungsfreiheit. Das war seine Lehre aus dem Leben in der Unfreiheit der NS-Diktatur gewesen. Schon gegen die Zensurbehörden der alliierten Besatzungsmächte hatte er sich ohne Rücksicht auf mögliche Nachteile für ihn selbst aufgelehnt, nun widerstand er auch den Versuchen demokratisch gewählter Politiker in der jungen Bundesrepublik, ihn mundtot zu machen. Parteienverbote, so wie sie in den Fünfzigerjahren diskutiert und schließlich umgesetzt wurden, lehnte er grundsätzlich ab. Selbst die Nachfolge-Organisation der NSDAP, die Sozialistische Reichspartei, wollte er allein politisch bekämpft sehen. Sprechverbote und Tabus, so wie sie heute den politischen Diskurs mitunter prägen, wären bei ihm auf erbitterten Widerstand gestoßen. Doch erst seine Verhaftung im Zuge der SPIEGEL-Affäre des Jahres 1962 ließ Augstein zu jener Ikone der Pressefreiheit werden, die er bis zu seinem Lebensende blieb. Nun plötzlich wurde er, das Justizopfer, das Opfer der Machtgier des Verteidigungsministers Franz Josef Strauß, weithin respektiert, wurde zum Kronzeugen der Studentenbewegung in ihrer Rebellion gegen den deutschen Autoritarismus und zum Repräsentanten einer fortschrittlichen, weltoffenen Republik. Das Bild, das sich die liberale Öffentlichkeit in den Sechzigerjahren von ihm machte, war nahezu makellos. Ein Bild allerdings, zu dem er selbst durch die Verbreitung mancher Legenden einiges beigetragen hatte. Dass er den Krieg als «halber Deserteur» überlebt habe, dass der frühe SPIEGEL das «Sturmgeschütz der Demokratie» und später stets «im Zweifel links» gewesen sei: Rudolf Augstein pflegte sein Image mit Bedacht. Nichts von dem war völlig falsch, aber die ganze Wahrheit erzählte er nur ungern. Stattdessen verbreitete er bunte Anekdoten aus seinem Leben als Soldat an der Ostfront, gab ihnen immer neue Pointen. Er liebte das Spiel mit verschiedenen Rollen, kein Zufall, dass er seine Kommentare anfangs nur unter Pseudonymen («Jens Daniel», «Moritz Pfeil») veröffentlichte. Und er neigte zum Understatement, auch weil er wohl ahnte, dass ihn diese Haltung nur noch größer machte. «Wo immer» man bei Augstein auf «Äußerungen zu seiner Person stoße», schrieb einmal der frühere FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, «sind sie abwehrend, untertreibend, fast herunterspielend».

Im Laufe der Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts verblasste sein bis dahin so strahlendes Renommee. Kritiker machten ihm nun plötzlich den leichtfertigen Umgang mit ehemaligen Nationalsozialisten in der frühen SPIEGEL-Redaktion zum Vorwurf, seine Warnungen vor den Risiken einer europäischen Gemeinschaftswährung wurden als Ausdruck eines frankophoben Ressentiments verstanden, seine überaus scharfe Kritik an der Politik Israels als Beleg für antisemitische Einstellungen. Gegen Ende seines Lebens war Rudolf Augstein kaum weniger umstritten als in den frühen Jahren seiner Karriere.

Dieses Buch soll die Geschichte hinter diesen Geschichten erzählen, soll zeigen, was sich hinter den mitunter verwirrenden Bildern und Selbstbildern des großen Journalisten Rudolf Augstein wirklich verbirgt. Die umfangreichen Bestände des Hamburger Augstein-Archivs erwiesen sich dabei als besonders ergiebig. Erstmals hatte die Augstein-Stiftung unbeschränkten Zugang zu den hier versammelten Dokumenten gewährt. Das aufgefundene Material ergänzt das bisher verbreitete Bild des SPIEGEL-Chefs in vielen wichtigen Details, auch die Erinnerungen von Zeitzeugen ließen sich damit überprüfen und nicht selten korrigieren.

Sein Leben besaß naturgemäß viele Facetten. Die Geschichte des Privatmanns Augstein, seiner Amouren und Leidenschaften etwa, böte allein Stoff für mehrere Bände. Sie lässt sich auch hier nicht völlig ausblenden, aber im Vordergrund steht immer das Werk des politischen Publizisten und Verlegers, eines Mannes, der für seine Überzeugungen bis zuletzt kompromisslos kämpfte und dabei auch viele Verletzungen in Kauf nahm, bei seinen Gegnern, bei seinen Mitarbeitern und bei sich selbst.

Rudolf Augstein war unser Chef. In seinen letzten fünfzehn Jahren haben wir für sein Magazin gearbeitet, in Redaktion und Dokumentation. Und als lebende Legende war er nicht irgendein Chef, sondern eine Institution. Man verehrte und fürchtete ihn zugleich. Man verdankte ihm einen der begehrtesten Arbeitsplätze im deutschen Journalismus, aber man war ihm auch ausgeliefert, seinem Wankelmut und, in wenigen Fällen, seinem Zorn. Nur selten betrat er damals noch das SPIEGEL-Haus, häufig genug blieb es bei telefonischen Kontakten oder schriftlichen Anweisungen aus seinem Büro. Seine Anrufe wurden in der Regel von seinen Sekretärinnen vorher angekündigt. Manchmal wartete man dann stundenlang am Apparat, bis sich seine schon etwas brüchige Stimme doch noch meldete, entweder, um einen Auftrag zu erteilen («Ich denke, wir sollten einen Titel über den Euro machen»), oder um einen Tadel auszusprechen, weil ihm beim Lesen des letzten Heftes ein Fehler aufgefallen war. Widerspruch ließ er nicht gelten. Wer sich ihm in den Weg stellte, musste über kurz oder lang das Blatt verlassen. Schon früh empfand er die von Mal zu Mal selbstbewusster auftretende Redaktion als Gefahr für seine Machtposition. Nachdem er 1974 die Hälfte der SPIEGEL-Anteile an die Belegschaft übertragen hatte, entwickelte sich ein permanentes Spannungsverhältnis zwischen dem «Herausgeber» – so wurde er grundsätzlich genannt – und seinen Mitarbeitern. Mehrmals bereute er später dieses Geschenk. Augstein war zwar Unternehmensgründer und zeitlebens Chef seines Magazins, ein Patriarch aber war er nicht. Seine Mitarbeiter interessierten ihn im Grunde wenig. Sie dienten ihm vor allem als Werkzeuge seiner eigenen journalistischen Ambitionen. Einzelnen half er, wenn sie finanziell in Not geraten waren, doch danach verlor er sie schnell wieder aus den Augen. Persönliche Nähe ließ er – mit wenigen Ausnahmen – nicht zu. Das galt auch für uns, die Autoren des vorliegenden Buches. Trotz vieler, zuweilen sogar täglicher Kontakte entwickelte sich nie ein entspannter Umgang oder gar eine Vertrautheit mit dem SPIEGEL-Chef. Man blieb in sicherer Distanz. Eine Befangenheit bei der Beurteilung seines Lebenswerks bestand und besteht unsererseits also nicht. Wir machen Rudolf Augstein nur zum Objekt jenes kritischen Blicks, den er selbst allen SPIEGEL-Journalisten stets abverlangt hatte.

Martin Doerry, Hauke Janssen Hamburg, im Sommer 2026

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Über den Autor Martin Doerry

Über den Autor Martin Doerry

Martin Doerry, geb. 1955, ist promovierter Historiker und war von 1987 bis 2021 Redakteur beim SPIEGEL, zwischen 1998 und 2014 als stellvertretender Chefredakteur. Der Journalist und Buchautor im Portrait

Über den Autor Hauke Janssen

Über den Autor Hauke Janssen

Hauke Janssen, geb. 1958, ist promovierter Volkswirt und arbeitete von 1991 bis 2019 beim SPIEGEL. Er veröffentlichte mehrere Studien zur Geschichte der Wirtschaftswissenschaften. Der Journalist und Buchautor im Portrait

Pressestimmen zum neuen Buch

Pressestimmen zum neuen Buch

Die umfassende Biografie "Augstein. Ein deutsches Leben" wurde vielfach in den Medien besprochen. An dieser Stelle finden Sie eine Auswahl an Beiträgen und Kritiken aus Radio und Print

Günter Gaus vs. Rudolf Augstein (1972)

Sendung "Zu Protokoll" vom 17.09.1972

Rudolf Augstein: Mit gesunder Skepsis | ZDF

Mit dem SPIEGEL schuf er eine Institution der deutschen Presselandschaft, die nicht zuletzt auch die politische Geschichte dieses Landes beeinflusste. Einer der wichtigsten Publizisten Deutschlands spricht über sein Leben (Rechte: © ZDF).

Die Spiegel-Affäre 1962 | Spielfilm

Die Spiegel-Affäre" vom Oktober 1962 ist ein Politthriller auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges.

60 Jahre Zeitgeschichte | Doku

Anlässlich des 60jährigen Jubiläums im Jahr 2007 veröffentlichte Spiegel TV diesen filmischen Rückblick auf die Geschichte des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel".