Mitreißende Geschichte

Leseprobe Adina wuchs als letzter Teenager ihres Dorfs im tschechischen Riesengebirge auf und sehnte sich schon als Kind in die Ferne. Bei einem Sprachkurs in Berlin lernt sie Rickie kennen, die ihr ein Praktikum in einem Kulturhaus in der Uckermark vermittelt
Mitreißende Geschichte

Foto: MARCO BERTORELLO/AFP via Getty Images

TEIL 1 (Helsinki)

Ich habe gehört, daß ich die Frau bin,
der er schon auf Seite sechzehn begegnet.
Inger Christensen

Jede Nacht sind die Autos zu hören. Das Rauschen der Autos auf den dreispurigen Straßen und das Rascheln der Blätter am Vogelbeerbaum.

Das sind die Geräusche.

Sie dringen durch das Fenster herein, das einen Spaltbreit geöffnet ist. Das Meer hört man nicht. Die Ostsee, die im ­Süden liegt, jenseits der Plattenbauten, in einer Bucht mit verschilften Ufern, die im Winter schnell zufrieren wird.

Peitschenlampen säumen die Wege. Nachts fällt ihr bleiches Licht auf den Bordstein und auf den Balkon der kleinen Wohnung, der zur Straße zeigt. Die metallenen Lampenschirme schwanken im Wind. Das Schlafzimmer zeigt zum Hof, wo es einen Spielplatz gibt, einen Verschlag für die Fahrräder und den Vogelbeerbaum.

Die Wände der Wohnung sind weiß und leer bis auf den Spiegel im Flur. In der Küche hängen zwei Postkarten über der Spüle. Auf der einen Karte fahren gelbe Taxis durch eine Straßenschlucht in New York. Auf der anderen, einer Schwarzweißaufnahme, sitzen zwei Frauen in einem Pariser Straßencafé. Sie tragen Glockenhüte aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts und elegante Röcke.

Das sind die Bilder.

Die Blumentöpfe im Metallregal auf dem Balkon sind unbenutzt. Spinnweben haben sich dort verbreitet. Die Spinnen ­leben noch. Es ist September.

Am Horizont, wo Lagerhallen und ein riesiger Sendemast die Reihen der Plattenbauten begrenzen, türmen sich Wolkenberge auf. Der Sendemast ist der einzige Orientierungspunkt in den identischen Straßen.

Niemand weiß, wo sie ist.

Die Wanduhr zeigt halb drei. Das silberne Zifferblatt stellt den Weltatlas dar. Einen Sekundenzeiger gibt es nicht, nur ein kleines rotes Flugzeug, das die silberne Welt umrundet. Jede Weltumrundung dauert bloß eine Minute, und doch sieht es langsam, fast gemächlich aus. Ein Schatten fliegt unter dem Flugzeug mit und ist ihm manchmal ein kleines Stück voraus, je nachdem, wie der Lichteinfall ihn auf die glänzende Erde wirft.

Sie könnte überall sein.

Nina. Sala. Adina.

In der Küche gibt es ein paar Töpfe, einen Wasserkocher und eine fleckige Espressokanne. Die Kanne fiept, wenn ­unter Druck Wasserdampf aus dem Ventil am Kessel tritt. Auf den Tassen im Schrank steht in Großbuchstaben IKEA. Die Wohnung sieht nach einer echten Wohnung aus, nach ­einem Menschen. Ein paar Bücher sind da, Kerzenständer, Hochglanz­magazine übers Kochen und Reisen. Im Flur liegt ein abgewetzter Läufer. Walkingstöcke stehen an der Garderobe.

Das sind die Gegenstände.

Sie stellt die Walkingstöcke in den Schrank im Flur. Aus dem Bad ist einlaufendes Wasser zu hören. Aus dem Treppenhaus dringt kein Geräusch. Die Wohnungstür ist abgeschlossen. Die Griffe an den Fenstern sind fest verschraubt. Nur ein schmales Winterfenster lässt sich einen Spalt weit öffnen. Der Spalt ist nicht groß genug, um den Kopf hinauszustrecken. Das ist ihr recht, obwohl im Moment die Sonne scheint und die Wohnung sich aufheizt.

In der Küche steht die angebrochene Plastikflasche. Sie misst einen Deckel voll Flüssigkeit ab und gießt den Schwapp in den Kaffee.

»Nur ein Schluck«, sagt sie, als wäre da jemand.

Die Wanduhr schlägt mit dem Klang einer leisen Kirchen­glocke.

»Salut, Sala! Auf dich.« Mit erhobener Tasse nickt sie den schmutzigen Scheiben der Balkonverglasung zu. »Auf dich und alles Gute!«

Wind zieht durch den Fensterspalt. Auf der Wanduhr ist es kurz vor drei. Die silbernen Umrisse der Kontinente zeigen keine Städte, keine Straßen, keine Gebirgsfalten und keinen Fluss. Sie stellt den Schnaps in den Kühlschrank. Eine Flasche braucht ihren Platz, wenn sie selbst schon fremd und die Wohnung nicht ihre ist. Sie ist in einem Land, das sie nicht kennt, in einem Land im Norden, wo die Bäume andere sind und die Menschen eine andere Sprache sprechen, wo das ­Wasser anders schmeckt und der Horizont keine Farbe hat.

Ihr Herz setzt einen schnellen Schlag, wo er nicht hingehört. Sie lenkt sich ab. Sie denkt an Buchen und Kastanien, an Linden und Kiefern, an den Geruch nach Holz und Erde und daran, wie ruhig und scheinbar zeitlos das Leben eines Baumes verläuft, wie das des Vogelbeerbaums vor dem Schlaf­zimmerfenster. Sie denkt daran, wie mickrig ihr Herzrasen wird vor der gleichgültigen Pracht dieser Bäume und ihrem Ewigkeitsversprechen, ewig jedenfalls, solange sie nicht in ­Rodungsgebieten stehen. Aber die Bäume, die sie im Kopf hat, wachsen unversehrt vor einem Doppelhaus. Niemand wird sie fällen, weil sie aufpasst.

Aufgepasst hat.

Das ist die Vergangenheit.

In ihrer Vorstellung hat sie das Recht, in der Vergangenheit zu sein. Es fällt Schnee dort. Es ist Winter und sie noch ein Kind. In kristallklaren Nächten scheint der Mond fahl auf die Wege und beleuchtet die Tannen und Fichten und die Masten der Skilifte, die an den gerodeten und von Pistenraupen gewalzten, schneebedeckten Hängen stehen. Das Doppelhaus befindet sich in einem sanften Tal vor einem hohen Horizont. Es ist weit weg von hier. Es ist 1500 Kilometer, eine Stunde Zeitverschiebung und zwanzig Autostunden von Helsinki entfernt, in einem Gebirge an der tschechisch-polnischen Grenze. Sie liegt im Kinderzimmer unter dem Dach. Ihr Bett hat sie mit einer Lichterkette dekoriert. Wenn sie sich aufrichtet, kann sie vom Fenster aus den Čertova hora sehen. Nur der Gipfel des Berges zeichnet sich vor dem Nachthimmel ab, seine schneebeflogenen schroffen Felsen.

Wenn ihre Mutter zum Gutenachtsagen ins Dachzimmer kommt, lässt sie die Jalousie herunter und schaltet die Lichterkette aus. Sobald sie gegangen ist, macht Adina die Jalousie wieder auf. Sie will sehen, wie das Mondlicht auf ihre Haut fällt und sie verwandelt. Sie zieht das Nachthemd hoch bis zum Bauch. Die Beine sehen im bleichen Licht dünn aus, verletzlicher als am Tag. Sie legt eine Hand auf ihren Oberschenkel, sie kann den Oberschenkel zur Hälfte umfassen. Sie winkelt das Bein an, ein schimmerndes Ding, das Knie nur ein Knochen. Sie stellt sich einen Jungen vor, einen Jungen, der noch kein Gesicht hat, noch nicht einmal einen Körper, er hat nur diese Hand, die ihre ist und sich deshalb gut anfühlt, als sie mit den Fingerspitzen über ihren Oberschenkel streift.

Im Dorf gibt es keine Jungen. Es gibt nur die Barkeeper in der Cocktailbar des Viersternehotels, die den Touristen in der Saison Cubra Libre und Old Fashioned mixen und ihr manchmal einen Orangensaft auf Kosten des Hauses spendieren. Es gibt die Kinder der Touristen, die den ganzen Tag mit Snowboards auf der Piste sind und ihre Plastikanzüge auch zum Abendessen nicht ausziehen. Sie streifen nur die Ärmel ab, und die Oberteile bleiben auf der Hüfte hängen.

»Du musst morgen früh raus«, sagt ihre Mutter, wenn sie die Lichterkette ausmacht und die künstlichen Blüten mit ­einem Nachglühen verlöschen. »Dein Brot liegt in der Brotbüchse im Kühlschrank. Und dass du mir die Äpfel isst!«

Adina sieht das Mondlicht auf ihrem Bettzeug und auf ­ihren Anziehsachen, die über der Stuhllehne hängen. Sie sucht die Kleidung für den nächsten Morgen immer schon am Abend vorher heraus, gefütterte Hosen und einen grünen Wollpullover, der ihr zu groß ist. Die Ärmel schlackern über die Handgelenke. Wenn sie ihn trägt, kommt sie sich vor wie ein Naturforscher auf Expedition.

Auch die Schultasche ist fertig gepackt. Morgens ist dafür keine Zeit. Außerdem ist es dunkel, denn sie macht das Licht nicht an. Sie hat sich alles so ausgedacht, dass sie es mit Zähneputzen rechtzeitig zum Bus schafft. Der Bus wartet nicht, obwohl sie in den ersten fünfzehn Minuten die einzige Mitfah­rerin ist. Abends, wenn es auf der schmalen, kurvigen Straße, die sich vom Tal ins Dorf hinaufwindet, Glätte gibt, muss sie die letzten Kilometer nach Hause laufen, weil der Busfahrer nicht extra wegen ihr Schneeketten montiert.

Das Dorf klemmt zwischen Bergmassiven. Die Gebirgszüge des Krkonoše bilden seine natürliche Grenze. Hinter dem Dorf steht der Wald an steilen Hängen. Auf den letzten Kilometern des Nachhausewegs hält Adina sich dicht an den Schneewällen am Straßenrand. Die Straße ist unbeleuchtet. Aber der Schnee schimmert. Und die Autos, die aus dem Tal hinauf nach Harrachov fahren, bestrahlen mit ihren Scheinwerfern die Wipfel der Fichten.

Sie drückt ihr Knie auf die Matratze zurück und betrachtet die Beine. Zwei Leberflecken. Eine Narbe am rechten Knie, der Rest ist glatt weiß.

Das ist der Blick.

Der Blick kommt aus der Gegenwart. Die weiße Glätte der Beine wäre ihr als Kind nicht aufgefallen. Das hätte sie nicht gekümmert. In ihrem Bett am Čertova hora gab es solche ­Blicke nicht. Ihre Mutter machte die Lichterkette aus, und Adina schlief ein. So ist es glaubwürdig. Alles andere ist hinzugefügt.

»Theater«, sagt sie laut und nimmt den letzten Schluck aus der Tasse.

Wind zieht durch den Fensterspalt. Aus dem Bad ist das Einlaufen des Wassers zu hören.

Theater kann sie sich nicht leisten. Wer eine Aussage macht, muss präzise sein.

Sie weiß nicht, wie man eine Aussage macht. Sie wird vor ein Gericht müssen. In Helsinki gibt es ein Gericht. Es befindet sich in der Nähe des Doms, der wie ein weißer Felsen aus der Brandung der Stadt aufragt. Aber sie kann nicht einfach zum Gerichtsgebäude gehen und anklopfen. Sie ist in einem Land, dessen Sprache sie nicht spricht. Sie weiß nicht, an wen man sich wendet, nur, dass sie einen Anwalt braucht, und Anwälte kosten Geld. Sie weiß aber, dass sie die Aussage ­machen muss, in einem holzgetäfelten Saal und vor Geschworenen, wie sie es im Film gesehen hat, in den ameri­kanischen Serien der Barkeeper. Die Richterin wird eine schwarze Robe tragen. Und die Angeklagten kommen in Handschellen herein, und werden herangezoomt von Kameras, die alles filmen, die jede Einzelheit festhalten. Jede Pore, jede Schuppe, jedes Flackern der Augen wird von nun an wiedererkennbar sein.

Und wenn die Verteidiger sagen, Einspruch Euer Ehren, weil ihre Aussage ungeheuerlich ist, wird die Richterin den Kopf heben. Sie wird sich Zeit nehmen, jeden Verteidiger zu mustern, und das wird lange dauern, weil für Männer wie diese ein einziger Verteidiger nicht reicht.

Einspruch abgelehnt, wird die Richterin sagen. Bitte, Adina Schejbal, sprechen Sie weiter.

Und die Männer werden ahnen, wen sie vor sich haben. Ihre Hände in den Handschellen werden anfangen zu zittern. Und die Geschworenen erheben sich. Der Saal wird verstummen, wenn die Geschworenen rufen: Welchen sollen wir ­töten? Es wird still werden vor Gericht, wenn man fragt, wer wohl sterben muss. Und sie wird sagen: alle.

Es wird sich anfühlen wie das nasse Glitzern der Birken­blätter im Morgenlicht. Ein Flirren, ein Sprühen, als hätten die Birken ihre Blätter soeben ins Meer getaucht.

»Sala?«

Das Meer. Das jenseits der Plattenbauten beginnt, und das sie von hier aus nicht sehen kann.

»Sala!«

Das ist Leonides.

»Träumst du wieder, Sala?«

Leonides mit seinem weichen Kinn. Mit seinen braunen Cordjacketts und den glänzenden Krawatten. Mit seinem Tick, drei Äpfel am Tag zu essen, niemals nackt zu schlafen und ­Natur nur auf Gemälden zu mögen, vor allem auf den Gemälden niederländischer Maler.

Sie wird nie wieder hören, wie Leonides diesen Namen sagt. Sala.

18:06 29.09.2021

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