Höchste Zeit

Leseprobe "Dieses Buch ist überfällig, da es das Potenzial hat, endlich die erforderliche Sachlichkeit in den Diskurs über China zu bringen. Weder im politischen noch im medialen Raum ist diese aktuell ausreichend gewährleistet."
Höchste Zeit

Foto: Nicolas Asfouri/AFP via Getty Images

Ohne ideologische Scheuklappen auf China schauen!

Geleitwort von Folker Hellmeyer

Dieses Buch ist überfällig, da es das Potenzial hat, endlich die erforderliche Sachlichkeit in den Diskurs über China zu bringen. Weder im politischen noch im medialen Raum ist diese aktuell ausreichend gewährleistet und damit ist dieses Buch auch eine Provokation gegenüber den gängigen Darstellungen. Provokation ist aus meiner persönlichen Erfahrung zum Thema China bitter nötig, denn der selbstverliebte und moralinsaure Blick auf die eigene Position verstellt uns im Westen den Blick auf die Dynamik der globalen Veränderungen auf ökonomischer Ebene.

Der Inhalt dieses Buches soll dazu animieren, selbstkritisch unseren westlichen Zeitgeist und unsere sogenannte moralische Überlegenheit zu hinterfragen. Unsere »Werte« manifestieren sich in einer egozentrischen Politik, in der unsere eigene Sichtweise zumeist nicht mehr mit der Sichtweise der Entscheider und der Menschen der aufstrebenden Länder im Einklang stehen. Das ist äußerst risikobehaftet.

Das gilt vor allen Dingen für den Blick auf die finanzökonomischen Machtachsen. 1990 hatten die aufstrebenden Länder zu Beginn der beschleunigten Globalisierung nach dem Fall des Kommunismus lediglich einen Anteil von circa 20 Prozent am weltweiten Bruttoinlandsprodukt, mittlerweile liegt der Anteil bei 63 Prozent. Da die aufstrebenden Länder mindestens doppelt so schnell wachsen wie die westlichen Länder, ist das Erreichen der Marke von 70 Prozent und mehr nur eine Zeitfrage. Diese Länder stehen für 88 Prozent der Weltbevölkerung und sie kontrollieren circa 70 Prozent der Weltdevisenreserven. Sie geben das Tempo in der Weltkonjunktur vor. Gerade China ist nicht mehr nur Werkbank der Welt, sondern mittlerweile führend im Bereich wesentlicher Schlüsseltechnologien wie etwa dem 5G-Netzwerk.

Werden diese Länder sich vom Westen, der heute noch 37 Prozent Anteil am Welt-BIP hat (bei fallender Tendenz), der nur zwölf Prozent der Weltbevölkerung stellt und lediglich circa 30 Prozent der Weltdevisenreserven kontrolliert, weiter überstimmen lassen?

Europa ist gut beraten, die Erfahrungen der Hanse zu verinnerlichen. Dort hieß es »Wandel durch Handel«. Augenhöhe war ein Kernmerkmal des Umgangs und ist für nachhaltige Entwicklungen unabdingbar. Handel ist aktive Friedenspolitik, da der Handel das Miteinander voraussetzt und Brücken baut. Handel bedingt kulturellen Austausch, das Lernen voneinander und miteinander.

Dazu mag auch gehören, dass andere Kulturen nicht reif für die Debatten und Strukturen des Westens im Rahmen unseres Zeitgeistes sind. Genügend Anschauungsmaterial gibt es in jüngerer Zeit von Afghanistan über den Irak und Libyen bis hin zu Syrien. Westliche Strukturen lassen sich nicht herbeibomben oder herbeiputschen. Echte kulturelle Toleranz und nicht vermeintliche Toleranz auf der Verbalklaviatur sollten auf der Agenda stehen.

Dieses Buch beleuchtet mannigfaltige Facetten und liefert sachliche Einblicke, die bezüglich der zukünftigen Bedeutung Chinas und der aufstrebenden Länder für die Exportnation Deutschland, für die Eurozone und die EU elementar sind. Es wird klar, dass wir aufgrund falscher Loyalitäten bereits spät dran sind. China und die aufstrebenden Länder werden nicht auf uns warten!

Ich danke Wolfram Elsner für sein Engagement und wünsche dem Buch eine breite Leserschaft.

Bremen, im März 2020

Folker Hellmeyer war viele Jahre Chefökonom der Bremer Landesbank, ist Chefanalyst von SOLVECON-INVEST GmbH und Mitglied des Präsidiums des 2019 gegründeten BVDSI – Bundesverband Deutsche Seidenstraßen Initiative.

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Einleitung

China, die Chinesen und ich

Mein begrenztes und gebremstes Interesse an China ...

Noch vor etwa 15 Jahren hätte ich keinen Cent auf Chinas Zukunft gewettet: »Die wollen den kapitalistischen Tiger reiten!? Dieser Ti- ger lässt sich nicht reiten! Er reitet dich, und da kommst du nie wieder raus.« Die Illusionen der ehemaligen DDR-Bürgerrechtsbe- wegung über einen »sozial geläuterten Kapitalismus« hatten die Bürgerrechtler, wie viele vor ihnen in der Geschichte, bekanntlich teuer bezahlen müssen, trotz Konsum und Glitzerwelt-Verspre- chen, nämlich mit Existenzunsicherheit, Benachteiligung, innerer Kolonialisierung durch »Besserwessis« und letztlich mit ihrem Selbstwertgefühl.

Aber ich hatte ja keine Ahnung von den Ideen und reichhalti- gen Erfahrungen Chinas, dem historisch ererbten großen Po- tenzial, dem Willen, aus dem »Jahrhundert der Demütigung« durch den europäischen Kolonialismus herauszukommen, aus Hunger, Armut und Unterentwicklung und der Kraft und Mobi- lisierungsfähigkeit dieses Landes, seiner Menschen und, ja, auch seines »Systems«. Ich schaute also genauso skeptisch, ge- nauer gesagt: mit genauso viel Unwissen und Unverständnis auf dieses Land, auf dieses »Phänomen«, wie viele meiner mittel- europäischen Mitmenschen es taten – und viele davon es auch heute noch tun.

Tatsächlich hatte ich mir China immer »vom Hals gehalten«. Ideen, mal nach China zu reisen, hatte es im privaten Bereich seit Jahren gegeben. Freunde und Familie hatten Bilder gesehen und persönliche Berichte gehört, die ihnen Lust auf China machten. Die große Mauer sehen ... und die »verrückten« Chinesen? Ich

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wischte die Idee vom Tisch: »Was soll ich denn da!?« Die Kultur war mir fremd, die Sprache zu kompliziert ...

In Wirklichkeit war es vermutlich Angst vor Enttäuschung, der Enttäuschung, nicht das reine, saubere sozialistische Ideal nach den Ideen eines typischen europäischen Intellektuellen zu sehen, sondern ein Land, das hochgradig unfertig ist, auf einem noch sehr langen Marsch ... und wer wusste schon wohin? Oder auch ganz banal: Angst vor dem Verlust lieb gewonnener Vorurteile.

Ich war nun wahrlich kein ausgesprochener Ignorant, saß defini- tiv nicht mehr auf dem hohen Europa-zentrierten Ross, von dem herab heute viele immer noch ihren »Werte«-Absolutismus anderen glauben predigen zu müssen, glauben, die Welt in Gut und Böse ein- teilen zu können und alle anderen wahlweise »retten« oder »bestra- fen« zu müssen. Eine solche Arroganz und Ignoranz hatte mir in den späten 1960er-Jahren schon im Gymnasium mein großartiger Ge- schichtslehrer ausgetrieben. Und was ich als »68er« zusätzlich an (Selbst-)Kritik-Fähigkeit gelernt hatte, dahinter wollte ich auch nie mehr zurückfallen, auch nicht irgendwie »grün« oder auf andere Weise gutmenschlich gewendet. Zum Glück wollte ich auch keine neue Partei gründen und nicht hinter politischen Posten hinterher- jagen, um von dort aus dann die Welt zu belehren oder »unsere (Rohstoff-) Interessen« in fremden Ländern zu »verteidigen«.

Ich wusste ein bisschen über die Geschichte Chinas, auch wie diese historische Großmacht mit jahrtausendealter Hochkultur und riesigen technischen und wissenschaftlichen Vorsprüngen gegenüber Europa (das ja stets am hintersten Rand Eurasiens lag), die nie ein anderes Land versklavt hatte, ab dem 16. Jahr- hundert auf irgendeine Weise gegenüber eben diesem Europa ins Hintertreffen geriet und schließlich Opfer des europäischen Kolo- nialismus und Imperialismus wurde, zerschlagen, aufgeteilt, aus- geplündert, erniedrigt, in millionenfache Opiumabhängigkeit ge- zwungen, mit Massenmorden überzogen, zerstört und nach jenem »Jahrhundert der Demütigung« als eines der ärmsten Entwick- lungsländer der Welt zurückgelassen worden war.1 Zusammen mit England, Frankreich, Deutschland, Italien und dem zaristi- schen Russland wollten dann auch die USA ihren Anteil an diesem fettesten aller Brocken auf Erden (in puncto Wissen und Weisheit,

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Produkte, Technologien und Ressourcen sowie Arbeitskräfte und Absatzmärkte) haben. Und die Brutalität der englischen und deut- schen Ausbeutung erhielt dann noch eine Steigerung in der noch stärker rassistisch motivierten Besatzung des potenziellen ostasia- tischen Konkurrenten durch die japanische Armee, die das Land weiter ausbluten ließ und zu ihrem Bordell machte (wie die meis- ten Invasionsarmeen in fremden Ländern es eben tun).

Ich wusste auch ein wenig vom Langen Marsch 1934–35, von Mao Zedong, vom Großen Sprung nach vorn 1958–61 und den letzten großen Hungersnöten in der Zeit des Großen Sprungs. Und ich plapperte, wie fast alle Intellektuellen damals nichts wissend, begeistert von der »Kulturrevolution« (1966–1976).

1968: die »Mao-Bibel« und die »Kulturrevolution«

In meiner Generation las man Ende der 1960er-, Anfang der 1970er-Jahre an der Uni, neben jedwedem eigenem Studium, die »kleine Mao-Bibel« (Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung, 1967 auf Deutsch erschienen), und vielleicht sogar einige von Maos länge- ren Schriften, die man in den Jahren der Raubdruck-Szene als Ge- sammelte Werke überall erhalten konnte – in der Hoffnung auf die von unseren studentischen »Maoisten« versprochene tiefere Er- kenntnis. Aber Maos kleine Sammlung von Aphorismen sagte mir nicht viel. Zu sehr schien mir das alles aus dem Kontext gerissen: Was sollte ich als mitteleuropäischer Intellektueller lernen, für Beruf, Lebenspraxis, Weltsicht oder Politik, von etwas, was eigent- lich für arme, größtenteils analphabetische chinesische Bauern gedacht war, auf deren Situation zugeschnitten war, und das mit Bildern und Metaphern arbeitete, die wir in Europa gar nicht wirk- lich verstehen konnten? Da wirkte vieles einfach nur platt, was aber für den revolutionären chinesischen Bauern, der Unterdrü- ckung und Hungersnöte erlebt hatte und sich nun vielleicht (in den 1930er- und 1940er-Jahren) der Volksbefreiungsarmee an- schloss (weil ihm keine Alternative mehr übrig blieb), vermutlich außerordentlich aussagekräftig war. Einzelne von Maos längeren Schriften weckten da schon eher den Wunsch nach mehr. Aber

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dummerweise waren da die vielen »Maoisten« an den Unis, die oft ausgesprochen intolerant und aggressiv auftraten, sodass ich mich letztlich ab- und meinem Studium und den Problemen im eigenen Land (von denen es ja genug gab) zuwandte.

Ich vermutete Anfang der 1970er-Jahre, dass China die Formen und Ergebnisse der »Kulturrevolution« nicht lange würde aushal- ten können. (Erst bei meinen Besuchen in China 40 Jahre später habe ich erfahren, dass das Trauma der »Kulturrevolution« noch heute in vielen chinesischen Familien tief sitzt.) Und je mehr un- sere Uni-»Maoisten« die »permanente Revolution« propagierten, desto skeptischer wurde ich und desto banger wurde mir um China. Und so wurde mir wohler, indem ich China erst einmal in die hinterste Ecke meines Kopfes (ver-)drängte. Und dort blieb es für Jahre im Schlummerzustand.

1976: »Kulturrevolution« und Maos Tod

Maos Tod erinnerte mich wieder an China. Würde China jetzt er- neut im Chaos versinken, wo es gerade eben halbwegs zur Ruhe gekommen war? Und wie weit würde das Imperium2 mit seinem Anspruch auf Weltherrschaft gehen, das geschwächte chinesische Reich, den fetten Brocken, nun unterwerfen, es erneut fragmen- tieren und vielleicht sogar in tausend regionale, ethnische, religi- ös-fundamentalistische und Warlord-Gebiete zerlegen? So, wie es auch schon weniger fette Brocken unterworfen oder in posthu- mane Zustände zu bomben versucht hatte. Vietnam wollte das Im- perium ja bekanntlich »in die Steinzeit zurückbomben«, wie immer man sich das angesichts des Napalm-Krieges noch zusätzlich hätte vorstellen können. Der Vietnam-Krieg war immerhin soeben been- det worden, war aber noch in frischer Erinnerung. Der Sieg eines kleinen Volkes gegen das Empire, Davids gegen Goliath, ein Sieg mit unendlichen Kosten errungen. Entwicklung zu nationaler Sou- veränität und territorialer Integrität war in vielen solcher Fälle oft für lange Zeit unmöglich gemacht worden. Auch die Geschichte Lateinamerikas ließ grüßen. Es war ja die Zeit, in der das Impe- rium noch selbst und direkt überall militärisch intervenierte.

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Aber die USA warteten 1976 lieber ab. Mao, innenpolitisch ge- schwächt aufgrund diverser Fehlentwicklungen während seiner Herrschaft (»Großer Sprung« mit Hungersnot, »Kulturrevolution« mit erneutem wirtschaftlichem Einbruch), war ja schon eine stra- tegische Allianz mit Washington (nicht zuletzt gegen die Sowjet- union) eingegangen. Washington konnte also auf eine pro-westli- che3 Wende und eine Öffnung Chinas für das überschüssige US-Kapital, das dringend Anlage und weitere billige Produktions- stätten brauchte, hoffen.

Ich meinte damals, Maos gute Grundidee einer »Kulturrevolu- tion«, eines Kampfes gegen die Gefahren einer Verbürokratisie- rung in staatssozialistischen Systemen, verstanden zu haben und fand sie bedenkenswert, gerade auch im Hinblick auf den euro- zentrierten Sozialismusentwurf sowjetischer Prägung.

Der hatte zwar eine unglaubliche Entwicklung an Produktiv- kraft, sozialem Fortschritt, nationaler Selbstverteidigung und in- ternationaler Entwicklungshilfe geleistet, trotz fast permanenter Invasionen der europäischen Großmächte, einem der brutalsten Vernichtungskriege der Geschichte, mit dem das Naziregime die Sowjetunion überzogen hatte, und später einem aufgezwungenen Wettrüsten, für das er nicht gemacht war. Aber er blieb eben zeit- lebens fragil, und zwar eben nicht nur wegen der ständigen äuße- ren Angriffe und Invasionen von 1917 bis 1945, von England bis Nazi-Deutschland. Auch nicht nur wegen der größeren Ressour- cen- und Finanzen-Verfügung des »Westblocks« unter Führung des Imperiums, sondern anscheinend eben auch wegen systembeding- ter innerer »Demobilisierungs-Tendenzen«, wie ich meinte. Zwar hatte Lenin mit seiner »Neuen Ökonomischen Politik« (NÖP) die Idee, die Produktivkraftentwicklung, die eigentlich in einer kapi- talistischen Phase hätte geleistet werden müssen, die man aber praktisch halb übersprungen hatte, auch mit Hilfe kapitalistischer Markt-Mechanismen und kleiner und mittlerer Unternehmen un- ter sozialistischen Verhältnissen nachzuholen. Aber er war viel zu früh gestorben, und die schnell einsetzende Bedrohung durch das Nazireich und seinen schrecklichen Vernichtungskrieg, durch die überlegene und höchstaggressive, weil rassistisch motivierte fa- schistische deutsche Militärmaschine, ließen es dann offenbar

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nicht mehr zu, das sowjetische Sozialismuskonzept selbst noch entscheidend weiterzuentwickeln. Und so blieb dieser europäi- sche Sozialismusversuch, zum Beispiel in ökonomischer Hinsicht, vor allem nur eine Ökonomie mit unzureichenden individuellen Anreizmechanismen, und nur eine Realökonomie, die strukturell nicht darauf angelegt war, einen strategischen Geldkapital- Überschuss zu generieren, der Macht- und Handlungsspielräume verschafft, wie es der Finanz-Kapitalismus gezielt tut. Den Wett- lauf um das Beeinflussen der Welt mit Geld- und Kapital-Über- schüssen und damit um die Sicherung der eigenen finanziellen Unabhängigkeit und der Ressourcen der Welt konnte dieser Staats- sozialismus nicht gewinnen. Mit dem dann in China entwickelten Sozialismus-Ansatz sollte genau das nur wenige Jahrzehnte später völlig anders werden. Aber das ahnte 1976 noch niemand – wohl noch nicht einmal in China selbst.

1976 und folgende: »Viererbande«, Deng Xiaoping, Stabilisierung, Reform & Öffnung

Mit dem Ende der Kulturrevolution und nach Mao, folgte eine grundlegende Richtungsauseinandersetzung in der Kommunisti- schen Partei Chinas (KPCh). Natürlich ging es darum, wie die Kul- turrevolution endgültig beendet und endlich eine stabile und dy- namischere Wohlstandsentwicklung eingeleitet werden könnte. Ich schaute weiterhin mit weniger als einem halben Auge hin. Und ich weiß heute nicht mehr, wieso eigentlich meine Sympathien damals diffus zunächst bei Maos Witwe Jian Qing und ihrer soge- nannten Viererbande lagen. Vermutlich, weil die herrschenden Medien hierzulande bereits ihre Hoffnungen auf den »großen Bro- cken« mit den »Pragmatikern« um Deng Xiaoping verbunden hatten und als einzige Alternative die Fortsetzung des Chaos einer (ganz offenbar übers Ziel hinausgeschossen und aus dem Ruder gelaufenen) Kulturrevolution deklarierten. Ich aber wollte irgend- wie weder das eine noch das andere. Die Kulturrevolution hatte vielfach nur noch nach einem Anti-Kultur-Amoklauf ohne jeden Sinn ausgesehen, den anscheinend auch die westlichen Main-

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stream-Medien nicht weiter befeuern mochten. Und die »Pragma- tiker« versprachen Stabilität, Öffnung fürs westliche Kapital, also billige Produktion und zugleich neue Absatzmärkte für die westli- che Überschussproduktion.

Stabilisationsfaktoren in der kritischen Übergangsphase waren vor allem der langjährige Ministerpräsident Zhou Enlai, der aller- dings auch schon 1976 starb, und der ebenso erfahrene Politiker Deng Xiaoping, der ab 1978/79 Parteivorsitzender und die theo- retisch wie praktisch starke Person in Regierung und Staat wurde. Mit der Durchsetzung von Deng und einer »pragmatischen« Politik der KPCh erfolgte tatsächlich eine Beruhigung der inneren Ent- wicklung. Unter dieser Regie vollzogen sich ab 1978 Chinas »Öff- nung nach außen« und die »Einführung der Marktwirtschaft«, wie die etwas vereinfachenden Sprachregelungen im Westen von da an lauteten. In China sprach man allerdings auch stark vereinfa- chend von »Reform & Öffnung« und von »sozialistischer Markt- wirtschaft«, Formeln, die in der chinesischen Schriftzeichen- und Bildersprache hinreichend eingängig erschienen.

Ich aber sah das Land nun auf schnellstem Weg unter die Fitti- che des Empire rutschen, in eine Abhängigkeit für ein weiteres Jahrhundert, eine Art Selbstkastrierung statt nationalem Auf- bruch. Nach tausenden Jahren großer Geschichte wieder ein »Jahrhundert der Demütigung«? Ich schob kurzerhand das Land wieder zurück an seinen alten Platz auf den hinteren Rängen mei- nes Interesses. Denn das Muster dessen, was da aus China werden würde, glaubte ich zu kennen. Für mich galt wieder: »Was soll ich denn mit China!?«

Schon vier Jahre später, 1982, begann Volkswagen, als einer der ersten Autokonzerne der Welt und erster deutscher Autokon- zern, in China mit der Produktion von Autos des Typs »Santana«. »Jetzt stellen wir Millionen zusätzlicher Autos für China her. Je- dem Chinesen seinen Golf (beziehungsweise zunächst Santana)!«, war die Parole der deutschen Medien. Mit Blick auf einige weitere hundert Millionen Verbrennungsmotoren auf der Welt fantasierte ich vor allem eine Raketenstufe zum globalen ökologischen Kol- laps, an dem dann irgendwie »die Chinesen« die Schuld haben würden. Ein weiterer Grund, mich wieder, entsetzt bis uninteres-

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siert, abzuwenden und mich meiner Arbeit und dem internationa- len wissenschaftlichen »Networking« mit meinen kritischen öko- nomischen Kolleg*innen (damals noch fast ausschließlich im Westen) zuzuwenden. Es gab ja inzwischen eher mehr als weniger zu analysieren, aufzuklären und zu warnen gegen den nun stärker enthemmten, »neoliberalisierten« und »finanzialisierten« Kapita- lismus, der den älteren »Wohlfahrtsstaat« ablöste. Also einfach weiter arbeiten und überall wissenschaftlich gegenhalten, aufklä- ren, so gut es geht, über das aufkommende Zeitalter der ökonomi- schen, sozialen und politischen Desintegration und der kommen- den größeren Finanz-Crashs. Aus China jedenfalls würde absehbar eine bessere Welt nicht kommen, das stand für mich fest.

In Wirklichkeit wusste ich nichts. Dass ich mal wieder China und die Chinesen, ihre enormen Erfahrungen im jahrzehntelan- gen nationalen Befreiungskampf, ihren Willen zur Entwicklung, zu nationaler Souveränität, zum Ende der Demütigung, zu einer ihrer Größe angemessenen Bedeutung in der Welt und auch ihr gesellschaftliches System, ihre ungekannte umfassende Innovati- onsfähigkeit unterschätzte, während die schon längst viel weiter dachten und dabei eben keineswegs einfach nur an 300 Millionen zusätzliche »Verbrennungs«-Golfs, davon hatte ich mal wieder kei- nen Schimmer.

12:57 16.04.2020

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