Dieses Interview führte der Aufbau Verlag 2026.
Seit wann ist Kartoffelkochen Wirtschaft?
Seit es die Kartoffel gibt – oder besser: seit es Menschen gibt, also schon immer! In der Antike war die Versorgung mit allem Lebensnotwendigen die zentrale Aufgabe von Wirtschaft. Die ursprüngliche Bedeutung von Ökonomie kommt vom griechischen »oikonomia«, was aus den Worten »oikos« für Haus und »némein« für austeilen, verteilen oder zuteilen gebildet wird.
Warum bekommt man fürs Windelnwechseln eigentlich keine Rente?
Das ist eine sehr berechtigte Frage, die am Kern des Problems rührt. Weil Windelnwechseln, obwohl existenziell für alle, die geboren wurden, in unserem auf Profit fokussierten Wirtschafts- und Sozialsystem nicht als wertschöpfende Leistung anerkannt wird. Das passiert ja angeblich aus Liebe und weil man die Kinder selbst wollte. Oder den pflegebedürftigen Partner, der möglicherweise auch Windeln braucht.
Was wäre, wenn morgen niemand mehr unbezahlt arbeiten würde?
Das wäre verheerend. Es würden auf einen Schlag sehr viel Leid und Chaos über uns hereinbrechen. Menschen würden hungern, verdursten, verwahrlosen, sterben. Geschlossene Geschäfte und Fabriken. Unterbrechung der globalen Handelsketten. Die Autorin Mareike Fallwickl hat das in ihrem Roman »Und alle so still« beschrieben. Da bestreiken Menschen ihre unbezahlte Care-Arbeit und am Ende versucht der Staat sogar, mit autoritären Mitteln durchzugreifen und die Menschen, vor allem Frauen, polizeilich zu zwingen, wieder unbezahlt Sorgearbeit zu leisten, weil alles zusammenbricht.
Wer subventioniert eigentlich wen: die Wirtschaft die Care-Arbeit – oder umgekehrt?
Die klassische neoliberale Erzählung geht so, dass wir erst einen gewissen finanziellen Wohlstand erwirtschaften müssen, der dann Sozialausgaben finanziert. Das klingt dann immer so, als würden Personen, die sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern, Kinder beim Aufwachsen begleiten oder Menschen die Haare schneiden, eine Art sozialen Luxus produzieren, der freundlicherweise von der Automobil- und Rüstungsindustrie mitfinanziert wird. Es verhält sich aber genau umgekehrt. Nur durch Sorgearbeit sind Menschen fähig, jeden Tag ihrer Erwerbsarbeit nachzukommen.
Ist Familie keine Privatsache?
Das war sie noch nie. Die Art und Weise, wie wir als Gesellschaft unser Zusammenleben organisieren, wurde schon immer von Machtverhältnissen geprägt. Im Mittelalter beispielsweise umfasste die Familie noch viele weitere Menschen, Mägde und Knechte. Das aktuelle Modell der Kleinfamilie, die alles auffängt, was vom Sozialstaat weggekürzt und gespart wird, passt dem Profit-zentrierten Wirtschaftsmodell, in dem wir zurzeit leben, nur am besten in den Kram, weil es kostengünstig die Sorgearbeit in die Kleinfamilie abschieben kann.
Ist Teilzeit das Problem – oder die Lösung?
Für alle Menschen, die zurzeit bezahlt und unbezahlt Sorgearbeit leisten, ist es kurzfristig die Lösung, um nicht wegen Überlastung zusammenzubrechen. Langfristig ist es keine, denn mit unserem aktuellen Sozial- und Rentensystem sind vor allem diese Menschen gefährdet, später in Altersarmut zu landen oder heute schon jeden Euro umdrehen zu müssen angesichts steigender Mieten und Lebenshaltungskosten, wie beispielsweise Alleinerziehende oder chronisch Erkrankte. Eine langfristige und echte Lösung wäre deswegen, bei der Erwerbsarbeit beispielsweise eine kurze Vollzeit einzuführen und so den Lebens- und Care-Arbeitsverhältnissen sehr vieler Menschen gerechter zu werden.
Dabei sagt die aktuelle Bundesregierung doch gerade, dass wir alle mehr arbeiten müssen?
Weil sie ein sehr enges Verständnis von Arbeit hat und gerade vor allem Erwerbsarbeit fördern möchte, um im absurden Wettbewerb um Wirtschaftswachstum nicht ins Hintertreffen zu geraten. Mit dem engen Verständnis von Arbeit ist die Bundesregierung da übrigens nicht allein. Die meisten denken bei Arbeit an bezahlte und regulierte Erwerbsarbeit. »Ich muss heute noch arbeiten« – wenn dieser Satz fällt, sehen wir die Person das Haus verlassen und einem bezahlten Beruf nachgehen. Wir sehen sie nicht mit dem Kleinkind am Wickeltisch oder mit dem Wischmopp in der Küche. Nicht in einer Sporthalle, wo sie die C-Jugend im Handball trainiert.
Und wer soll das alles bezahlen?
Das ist die klassische Frage, die gut gemeint ist, aber immer davon ausgeht, dass Geld für Soziales grundsätzlich knapp sei. Aber diese Geldknappheit ist künstlich. Was knapp gehalten wird, ist der Zugang zu Geld. Durch politische Entscheidungen darüber, wer auf Geld zugreifen darf und wer nicht. Das verändert die Frage. Nicht: Woher nimmt der Staat das Geld für Freibäder, Pflegekräfte und die Schulsanierung? Sondern: Warum gibt der Staat nicht mehr Geld aus für notwendige Aufgaben?