Leseprobe : Wirtschaft ist Windelnwechseln

Eine "knallharte Schule in Sachen Rollenverteilung" war ihre Zeit in dem selbstverwalteten Studihaus, schreibt Feline Tecklenburg. Lesen Sie in diesem ersten Kapitel "Das Herz der Wirtschaft", was die Autorin die Verantwortung für andere gelehrt hat

Foto: PhotoAlto/Ale Ventura/Getty Images
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Das WIR in Wirtschaft

Das WIR in Wirtschaft

Feline Tecklenburg

Hardcover

256 Seiten

24 €

In Kooperation mit Aufbau Verlag

Das WIR in Wirtschaft

Früh aufstehen liegt mir eigentlich nicht. Aber die Frühstücksschicht in unserem »Studihaus« hatte trotzdem etwas für sich. Ich liebte die Ruhe am Morgen, wenn der Großteil meiner Kommiliton*innen noch schlief. Ich genoss es, in der großen Küche mit dem einzigartigen Blick auf die Mosel Tee und Kaffee in großen Kannen zuzubereiten, viele Scheiben Brot an der großen Brotmaschine abzuschneiden, Aufstriche und Marmelade auf das Buffett im Speisesaal zu stellen und zwischendurch bereits an einer Tasse Kaffee zu nippen.
Das Studihaus war eine große, etwas heruntergekommene Jugendstil-Villa, die auf einem hohen Berg über der Mosel thronte. Unten im Ort studierte ich Ökonomie an der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in monatlichen Blockseminaren. Bernkastel-Kues ist eher für seine pittoresken Weinberge und vielen Tourist*innen bekannt als für eine Wirtschaftshochschule. Mein Studium unterschied sich stark von dem an gewöhnlichen Universitäten. Meine Kommiliton*innen und ich lebten komplett selbstverwaltet in dem Haus, zum Teil mit bis zu 100 Personen zur gleichen
Zeit. Wir waren nicht nur Studierende, sondern auch Hauswirtschafter*innen, Hausmeister*innen und Reinigungskräfte.
In der Eingangshalle hing eine große Tafel, auf der die wöchentlichen Kochpläne vermerkt waren. Immer vier bis sechs Personen waren für Frühstück, Mittagessen und Abendessen zuständig. Unsere Gemeinschaftsbäder putzten wir selber, genau wie wir unsere Betten bei Ankunft bezogen und vor der Abreise die Zimmer für die nächsten Studierenden mehr oder weniger sauber hinterließen. Zuständigkeiten, wie etwa der Einkauf der Lebensmittel, wurden aufgeteilt. Die Wochen im Studihaus waren anstrengend und bereichernd zugleich. Anstrengend, weil eine Selbstverwaltung mit so vielen Menschen bei einem gleichzeitig sehr fordernden Seminartag sehr viel Kraft kostet. Bereichernd, weil ich viel gelernt habe über Verantwortung füreinander. Es war auch eine knallharte Schule in Sachen Rollenverteilung. Wir diskutierten viel darüber, dass unser Verhalten dort geschlechtlich geprägt war: Wer übernahm wie viel Verantwortung, wer hatte welche Aufgaben im Blick?
Wie war ich hier gelandet? Ich hatte Politikwissenschaft und Soziologie im Bachelor studiert und eigentlich gedacht, mit Ökonomie hätte ich nichts am Hut. Freund*innen, die VWL studierten, stöhnten immer über die mathematischen Klausuren, manche fielen mehrmals hintereinander durch die Statistikprüfungen. Ich wollte keine Zahlenreihen studieren, sondern die Zusammenhänge von Politik und Wirtschaft verstehen. Wieso das nur mit komplizierten Matheklausuren gehen sollte, wollte mir nicht ganz einleuchten. Aber als ich von der Hochschule für Gesellschaftsgestaltung erfuhr, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, Ökonomie progressiv und
zukunftstauglich anzugehen, entschied ich mich doch für ein Masterstudium dort.
Der Ökonomiemaster an der Mosel lehrte meine Kommiliton*innen und mich, wie eng die klassischen VWL-Studiengänge Wirtschaft verstanden, wie wenig sie mit dem realen Leben zu tun haben. Und an einem Morgen, an dem ich mich früh aus dem Zimmer im Studihaus geschlichen hatte, das ich mit einer Kommilitonin teilte, und auf dem Weg in die Küche war, fiel mir eine Postkarte auf. Jemand musste sie kurz zuvor an die Küchentür geklebt haben. Darauf stand »Wirtschaft ist Windeln wechseln, Klo putzen, zum Lernen motivieren«. Ich schaute diese Postkarte an und dachte: Ohne Windeln keine sauberen Babys. Ohne Frühstück kein Studium. Natürlich ist das Wirtschaft!
Der Erkenntnis, dass Care-Ökonomie das Herz der Wirtschaft ist, bin ich nicht im Seminarraum begegnet, sondern in einer Küche. Einem der Orte, an denen Wirtschaft zuerst stattfindet: in Küchen, Kinder- und Badezimmern, auf Geburts- und Krankenstationen, in Schulen und Sportvereinen, in Kuhställen und auf Weizenfeldern. Es sind Orte, an denen Menschen Care-Arbeit leisten, ohne die wir alle nicht existieren würden.
Ab dem Moment gab es für mich kein Halten mehr. Ich las alles zu dem Thema, was ich in die Finger bekam. Ich entdeckte, dass sich Wissenschaftler*innen seit vielen Jahrzehnten damit beschäftigen, wie stark Wirtschaft mit sauberen Toiletten und glücklichen Säuglingen zusammenhängt. Nur beachtet kaum jemand diese Forschungsergebnisse, weil Care-Arbeit in der jetzigen Wirtschaft unsichtbar ist, für selbstverständlich gehalten und abgewertet wird. Care-Arbeit ist nicht immer so romantisch wie der Frühstücksdienst im Studihaus.
Manchmal ist sie anstrengend, dreckig, stinkt, macht traurig oder frustriert. Und manchmal ist sie wunderbar erfüllend und bereitet Freude. Manchmal in einer Minute so und in der anderen so. Und immer ist sie notwendig.

Wirtschaft wird oft definiert als »die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Befriedigung der Bedürfnisse dienen.« Eine planvolle Befriedigung der Bedürfnisse? Bei Wirtschaft geht es also um eine Verteilungsfrage: Wer braucht was, wann, wo und wie viel davon? Denken wir beispielsweise an unseren eigenen Haushalt. Ob wir alleine wohnen oder mit anderen zusammen, möglicherweise mit Kindern, Freund*innen, Partner*innen oder Eltern: Die Fragen, wer, wann, was, wo und wie viel braucht, begleiten uns tagtäglich. Wer braucht frische Wäsche, wie viele Lebensmittel sind noch im Kühlschrank, müsste das Klo nicht mal wieder geputzt werden? Hat jemand schlechte Laune und braucht Aufheiterung? Das ist die Mikroperspektive auf die Verteilungsfrage.
Wenn wir herauszoomen, tauchen andere Fragen auf: Wer braucht wie viel Wohnraum? Wer braucht Kinderbetreuung, Schulen, Krankenhäuser? Wie viele Menschen wohnen an einem Ort, wie viele von diesen Einrichtungen braucht es? Welche Lebensmittel müssen angebaut werden, wohin wird der Müll gebracht, wie kann die Bodenqualität nachhaltig sichergestellt werden? All diese Verteilungsfragen beschäftigen sich letztendlich mit der Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen. Damit es den Menschen dort, wo sie leben, gut geht. Das bedeutet, Synonyme für Wirtschaft sind Sorge, Fürsorge, Care. Das englische Wort care wird gerne verwendet, weil es breiter genutzt werden kann als die deutschen Begriffe. »I care for you« drückt zum Beispiel das Zwischenmenschliche schön aus: »Du bist mir wichtig.« Das klingt anders als das deutsche »Ich sorge mich um dich.« Wirtschaft ist eine Sorge-Aufgabe in Form einer Verteilungsfrage. Wie die gelöst wird, ist eine politische Entscheidung und kein marktwirtschaftliches Naturgesetz – auch wenn uns oft erzählt wird, wir wären wirtschaftlichen Zwängen unterworfen, die sich nicht ändern lassen.

Wenn die Aufgabe von Wirtschaft Care ist, dann waren wir höchstwahrscheinlich heute schon ökonomisch tätig. Auch wenn wir uns nur einen Kaffee zubereitet haben und jetzt dieses Buch lesen. Wir haben geschlafen, um uns zu erholen, wir haben etwas getrunken. Einige haben schon Kinder zur Kita gebracht oder in die Schule geschickt, den Müll zur Tonne getragen oder nach einer pflegebedürftigen Angehörigen geschaut. Und das höchstwahrscheinlich unbezahlt.
Weltweit werden schätzungsweise 16 Milliarden Stunden täglich mit unbezahlter Sorgearbeit verbracht, zu drei Vierteln von Frauen. Das entspricht 2 Milliarden Vollzeitjobs – nur ohne Bezahlung. Vielleicht haben wir heute auch Care empfangen. Weil wir mit einer Behinderung leben, krank im Bett liegen, von einer anderen Person umsorgt werden oder einfach jemand anders für das Frühstück zuständig war. Grundsätzlich sind wir alle Empfänger*innen und Geber*innen von Sorge. Und manche haben zusätzlich zur unbezahlten Care-Arbeit noch bezahlte Care-Arbeit geleistet, beispielsweise im Supermarkt, in der Gastronomie oder in einem der sogenannten SAHGE-Berufe: Soziale Arbeit, Haushaltsnahe Dienstleistungen, Gesundheit, Pflege und Erziehung.** In welcher Konstellation auch immer: Der Punkt ist klar. Wir lesen das hier, weil es Care-Arbeit gibt. Weil es ohne Care-Arbeit uns nicht geben würde.
Spätestens seit der Covid19‑Pandemie wissen wir, was Care-Arbeit für unser aller Existenz bedeutet. Dass sie grundlegend ist, unverzichtbar, systemrelevant. Und dass sie in der Krise ist. Wegen der starken Doppelbelastung durch Erwerbs- und Care-Arbeit, schlechter Bedingungen in den Care-Berufen, steigender Kosten und demografischen Veränderungen.
Die Care-Krise führt zu einem Sorgedruck, den sehr viele Menschen in dieser Gesellschaft spüren. Wann immer ich bei Vorträgen oder Workshops dieses Wort verwende, kommen nach der Veranstaltung Personen zu mir – häufig alleinerziehende Mütter oder pflegende Angehörige –, die sich darin wiederfinden. Das Wort formuliert ein Gefühl, das diese Menschen täglich erleben: Sorgearbeit leisten und gleichzeitig die eigene Existenz sichern, in einer Welt, die immer teurer, schneller und isolierter wird – das erzeugt einen Riesendruck.


** Diese Bezeichnung wurde als Antwort auf das Akronym für die MINT-Berufe entwickelt, das Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zusammenfasst.

Dabei ist Care nicht nur anstrengend, sondern kann auch schön, befriedigend und sinnstiftend sein. Die wenigsten von uns verstehen unter einem guten Leben, sich nicht um das eigene Zuhause zu kümmern oder kaum Zeit mit Kindern und lieben Menschen zu verbringen. All das ist schön, wenn die Umstände stimmen. Momentan stimmen sie nicht. Und zwar ganz und gar nicht.
Trotzdem wird weiterhin Sorgearbeit geleistet. In einem wirtschaftlichen System, das Sorgearbeit und natürliche Ressourcen als Gratisleistung betrachtet. Das ist die Ursache dieser Krise und dieses gewaltigen Sorgedrucks.
Um das System am Laufen zu halten, wird von liberalen und konservativen Wirtschaftswissenschaftler*innen und Politiker*innen seit Jahrzehnten eine Geschichte von Mangel und Knappheit erzählt. Wir werden täglich mit ihr konfrontiert, in Medienschlagzeilen und am eigenen Leib: erfüllende Jobs sind knapp, genügend Einkommen auch, bezahlbarer Wohnraum, Zeit und Anerkennung sowieso. Und zunehmend auch eine gesunde Umwelt.
Diese gefährliche Knappheitserzählung wird uns mit beharrlicher Regelmäßigkeit unter die Nase gerieben: Wohlstand müsse erst erwirtschaftet werden, bevor er sozial gerecht verteilt werden könne. Oder wie ein liberaler Wirtschaftsprofessor in Freiburg es während der Pandemie in einem Zeitungsinterview ausdrückte: »Wir leben nicht davon, dass wir uns gegenseitig umeinander kümmern, sondern wir leben davon, dass wir ökonomischen und technischen Fortschritt generieren.« Diesen Satz muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.
Er vermittelt den Eindruck, dass Personen, die sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern oder Kinder beim Aufwachsen begleiten, die Züge, Büroetagen und Arztpraxen reinigen oder Menschen die Haare schneiden, eine Art sozialen Luxus produzieren, der freundlicherweise von der Automobil- und Stahlindustrie mitfinanziert wird.
Es verhält sich aber genau umgekehrt. Nur durch Sorgearbeit sind Menschen fähig, jeden Tag ihrer Erwerbsarbeit** nachzukommen. Klar, wir brauchen auch Güter und Lebensmittel, Häuser, Medikamente und (erneuerbare) Energien. Aber zuerst brauchen wir die Menschen, die großgezogen und ausgebildet werden, um dann all das zu erforschen, zu entwickeln, auszuführen. Das heißt, wir leben davon, uns umeinander zu kümmern. Seit es Menschen gibt, leben wir vor allem davon. Und trotzdem wird es nicht als Teil der Wirtschaft anerkannt. Warum nicht?
Weil in den westlichen Ländern über die letzten hundert Jahre ein verzerrtes Wohlstandsverständnis verbreitet wurde. Es geht so: Erwerbsarbeit führt zu Gewinn führt zu Wachstum führt zu Wohlstand. Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden und heute in den meisten Entscheidungspositionen sitzen – die sogenannten Baby-Boomer –, haben dieses Versprechen von Kindesbeinen an erzählt bekommen. Nur für einen kleinen und privilegierten Teil der mittel- und westeuropäischen Gesellschaften wurde es eingelöst. Sie konnten sich mit dem Lohn einer Person ein eigenes Haus leisten, ein Auto und Urlaub, mindestens einmal im Jahr.
Diese privilegierte Bevölkerungsgruppe ist nun stark in den Entscheidungspositionen vertreten. Sie geht davon aus, dass die eigenen Wohlstandserfahrungen von allen so gemacht wurden und klammert sich reflexhaft an dem alten Wohlstandsversprechen fest. Die bittere Wahrheit ist: Dieses Versprechen kann nicht gehalten werden. Es wird keinen Ausweg aus den jetzigen Krisenzuständen bringen. Denn es war ein Wohlstand der wenigen, der auf dem Rücken der vielen ausgetragen wurde.
Das liegt auch daran, dass diesem Wohlstandsverständnis ein zutiefst patriarchales Freiheitsverständnis zugrunde liegt. Eines, das Unabhängigkeit über alles stellt. Dabei ist Abhängigkeit keine Schwäche, sondern die Grundbedingung menschlichen Lebens. Wir sind alle aufeinander angewiesen. Immer. Was wir brauchen, ist ein Freiheitsverständnis, das als Menschenbild den homo curans anerkennt: den Menschen, der sorgt und auf Sorge angewiesen ist. Und der genau deswegen erst handlungsfähig wird, nicht trotzdem. Weil Abhängigkeit keine Last ist, sondern der Boden, der freies Handeln ermöglicht. Die Freiheit, sich für das einzusetzen, was einem wichtig ist. Die Freiheit, in Beziehung mit anderen Menschen zu leben.
Ein anderes Verständnis von Wohlstand und Freiheit zu etablieren heißt, zu hinterfragen, was wir für selbstverständlich halten, allem voran das Ziel der Wirtschaft selbst. Nicht noch größere Häuser und Autos für die nächste Generation. Nicht noch mehr Flexibilität und Ungebundenheit. Sondern Ruhe und Zeit, um sich den wichtigen Dingen zu widmen: der Sorge füreinander und dem Miteinander.
Eine Wirtschaft, die ihre Aufgabe ernst nimmt, stellt Care in den Mittelpunkt. Diese Wirtschaft ermöglicht Wohlstand, der seinem Namen gerecht wird. Der sich durch eine lebenswerte und sozial gerechte Zukunft auf diesem Planeten auszeichnet. Die entsteht nicht von selbst. Sie wird gestaltet durch Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik, die gute Bedingungen für Sorgearbeit sichert und alles andere daran ausrichtet.
Das Ziel zu verändern, wird unbequem. Denn es geht bei der wirtschaftlichen Verteilungsfrage auch um Macht. Im jetzigen Wirtschaftssystem hat Macht, wer etwas besitzt. Diese Machtverhältnisse zu verändern, wird aufwändig. Aber wir haben keine Wahl. Die Care-Krise verschärft sich. Die Klimakrise eskaliert. Immer mehr Menschen können die Kosten des Lebens nicht mehr tragen. Wenn wir so weitermachen, verlieren wir die Möglichkeit, uns umeinander zu kümmern. Wir verlieren Teilhabe, Gesundheit, soziale Bindungen. Wir verlieren eine lebenswerte Zukunft auf diesem Planeten. Die meisten Menschen haben so viel zu gewinnen, wenn wir diesen Aufwand wagen. Zeit. Würde. Die Möglichkeit, für sich und andere zu sorgen, ohne sich dabei aufzureiben. Ist das nicht eine Utopie? Ja und nein. Fakt ist, dass das wirtschaftliche System, wie wir es heute kennen, ohne diese täglich ausgeführten Tätigkeiten nicht funktionieren würde. Ein Teil der Wirtschaft war schon immer Care, wir haben nur verlernt, ihn so zu nennen.
Eine care-zentrierte Wirtschaft ist in der jetzigen Krisensituation eine positive, große Transformationsvision. Unser wirtschaftliches System beeinflusst unseren Alltag und unsere Biografien, ob wir das wollen oder nicht. Und wir alle tragen es mit unserer Sorgearbeit, was auch bedeutet, dass wir es ändern könnten. Es an unseren Bedürfnissen ausrichten, statt an Profitinteressen. Dann würden wir, wenn wir über Wirtschaft sprechen, über unser alltägliches Leben sprechen – und könnten kompetent mitreden. Warum fällt es so schwer, sich das vorzustellen?
Weil unsere Vorstellungskraft im Eimer ist. Überall hören wir: Zeit ist knapp, Wohnraum ist knapp, Kultur-, Pflege- und Betreuungsangebote sind knapp und kein Geld für nichts. Viele können ein Lied davon singen: Wer in einer Großstadt schon mal eine bezahlbare Wohnung gesucht hat. Wer an der Bürokratie der staatlichen Pflegeunterstützung oder den kurzen Kita-Öffnungszeiten verzweifelt. Wer am Arbeitsplatz Diskriminierung erfährt, weil die private Sorgeverantwortung viel Zeit einfordert. Wer auf den eigenen Feldern sieht, dass die Klimakrise real ist. Wer die Familie vermisst, weil die Erwerbsarbeit tausende Kilometer entfernt liegt. Oder wer sich ohne legalen Aufenthaltsstatus in der Gastronomie, der Reinigung oder im Lieferservice von Gelegenheitsjob zu Gelegenheitsjob hangelt, nur um irgendwie zu überleben. Diese Verhältnisse lähmen. Sie sind wie ein schwarzes Loch, das jeden utopischen Gedanken schluckt, weil die existenziellen Anforderungen so zermürbend sind.
Die Covid19‑Pandemie hat das besonders deutlich gemacht. Damals wurde einiges begriffen. Sogar der UN‑Generalsekretär António Guterres sagte 2020 in einer Rede: »Die Pandemie deckt überall Irrtümer und Unwahrheiten auf: die Lüge, dass freie Märkte eine Gesundheitsversorgung für alle gewährleisten können, die Fiktion, dass unbezahlte Arbeit keine Arbeit ist, die Täuschung, dass wir in einer post-rassistischen Welt leben.«
Nichts davon ist neu. Wir haben bezüglich der aktuellen wirtschaftspolitischen Situation kein Erkenntnisproblem. Wir haben ein Umsetzungsproblem.
Doch woran liegt es, dass selbst nach einer welterschütternden Pandemie, die circa 7 Millionen Menschenleben gekostet hat, nicht an den ökonomischen Prinzipien gerüttelt wird? Dass unbezahlte Arbeit weiterhin nicht anerkannt wird und Milliarden Menschen in Armut und prekäre Lebensbedingungen zwingt? Warum bestreiken wir nicht alle längst diese Zustände?
Zu einem Teil liegt es daran, dass Wirtschaft wie etwas wirkt, das nichts mit uns persönlich zu tun hat. Dieses Gefühl ist kein Zufall, es wurde über Jahrhunderte erzeugt, in Lehrbüchern, in der Politik, in den Medien. Die Autorin Mona Chollet beschreibt, wie das Wort »Wirtschaft« bei ihr dieselbe Panik auslöst wie früher das Wort »Mathe« – beides Bereiche, in denen sie glaubt, nichts zu suchen zu haben und zwangsläufig zu scheitern. Es ist eine Entfremdung, die viele kennen.
Sechs Jahre nach der Rede von Guterres stelle ich fest: Care fehlt nach wie vor in den aktuellen Wirtschaftsdiskursen. Genau wie in den allermeisten Entwürfen für eine zukunftsfähige Wirtschaft, die sich der ökologischen Nachhaltigkeit verschrieben haben. Die Unsichtbarkeit und Selbstverständlichkeit ist so fest in den Strukturen verankert, dass es eine Herkulesaufgabe ist, an ihnen zu rütteln.
Die gibt es auch in unserer Sprache. Wir sind es gewohnt, in der »Sprache des Kapitalismus« zu denken und zu handeln, obwohl wir im Alltag meistens die Sprache der Sorge sprechen. An diesen sprachlichen Selbstverständlichkeiten zu rütteln, ist herausfordernd. Aber es lohnt sich, genauer hinzuhören. Ein Beispiel: Wenn wir davon sprechen, dass die Preise »steigen« und »fallen«, dann klingt das wie eine Flut, die steigt. Wie ein Naturgesetz, gegen das wir nichts tun können. Wenn wir aber sagen, die Preise »werden erhöht oder gesenkt«, dann wird klar: Es gibt handelnde Personen und menschliche Entscheidungen hinter den Preisschwankungen.
Beim Lernen einer Sprache gibt es das Phänomen der »Falschen Freunde« – Wortpaare aus verschiedenen Sprachen, die sich ähneln, aber etwas ganz anderes bedeuten. Das ist bei vielen Wirtschaftsbegriffen ähnlich. Wir hören »Wirtschaftsvertreter« und »prestigeträchtige Jobs«, und sofort haben wir die Bilder im Kopf: Manager, Konzernchefs, Börsenzahlen. Diese Bilder führen uns in eine Sackgasse. Sie können uns davon abhalten, Neues zu denken.

Neue Bilder anstatt der alten zu denken, braucht enorm viel Übung, und ich bin mir selbst nicht sicher, ob ich bei prestigeträchtigen Jobs nicht auch eher Manager*innen und Ärzt*innen vor meinem inneren Auge sehe. Bei Wirtschaft hingegen denke ich mittlerweile sofort an Windeln. Das ist eine andere Sprache. Eine, die Einkaufslisten für das Abendessen schreibt, einem Kind eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest und mit den Kolleg*innen die Reinigung der Büroetage klärt.
Es gibt Pilotprojekte, die zeigen was möglich ist. Es gibt wissenschaftliche Berichte und Gesetzesentwürfe, die in Schubladen ihr Dasein fristen. All diese Vorschläge arbeiten mit den uns heute zur Verfügung stehenden Mitteln. Es braucht nur die politischen Mehrheiten für die Umsetzung und mutige Politiker*innen, die bereit sind, den Klammergriff vom alten Wohlstandsversprechen zu lösen und zukunftsfähige Wege einzuschlagen.
Für diese Veränderung brauchen wir die klassische Politik genauso wie aktivistische Graswurzelinitiativen und alle engagierten Menschen dazwischen. Es braucht die Beteiligung derer, die ein Wahlrecht haben – was leider längst nicht alle sind, die in diesem Land leben, Steuern zahlen und sich am Gemeinwesen beteiligen, übrigens auch zu einem großen Teil im Pflegesektor. Aber viele von uns können Druck machen: durch Diskussionen, Streiks, Protestschreiben und öffentlichkeitswirksame Demonstrationen. Rückendeckung von der Straße gibt den Politiker*innen Legitimation, die diesen Weg gehen wollen.

Aber wir müssen Bescheid wissen und verstehen, worum es geht. Ein isländischer Oppositionspolitiker, dessen Partei für große care-ökonomische Verbesserungen einsteht, meinte einmal zu mir, dass es nichts nütze, wenn diese Themen im Wahlprogramm stehen, die Menschen aber keine Ahnung haben, was das für ihr Leben bedeutet. Denn dann wählt auch niemand dieses Programm.
Vor ein paar Wochen kochte ich Abendessen und hörte nebenbei im Radio, wie ein sogenannter Wirtschaftsexperte vor dem Stillstand der Wirtschaft warnte. An guten Tagen, wenn der Frust über diese verengte Sicht mich nicht überkommt, gelingt mir ein trotziges Grinsen. Es war ein guter Tag und während ich mich meiner Pastasoße widmete, dachte ich: »Nein, nein, kein Stillstand. Das Herz der Wirtschaft schlägt emsig und unermüdlich weiter, allen furchtbaren Bedingungen zum Trotz.«
Die Wirtschaft den Fachleuten überlassen, pah! Wir sind selbst die Fachleute! Wir sind (care‑)ökonomisch tätig. Wir produzieren damit eine viel schönere Art von Wohlstand. Einen Wohlstand, bei dem es um den Erhalt von Leben und die Sorge füreinander geht. Jeden Tag. Bislang jedoch unter maximal erschwerten Bedingungen.
Das muss sich ändern. Und diese Botschaft muss in die Welt hinaus. Gehen wir es an.

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