Der Sturm

Leseprobe Mahmoud Al-Zein, Oberhaupt einer der einflussreichsten arabischen Clans in Deutschland, ist als „Pate von Berlin“ bekannt und berüchtigt. Er ist der Erste, der das Schweigen bricht und ungeschönt vom Innenleben seiner Familienorganisation berichtet
Der Sturm
„Noch ahne ich nicht, dass die Uhr tickt. Dass Kripo und Presse bereits meinen Sturz vorbereiten.“

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Dezember 2003, Berlin: Schwarze Wolken, Donner, schneidender Wind. Regen durchdringt mein Jackett, der Orkan bläst mich fast um, ich bin nass bis auf die Haut. Aber ich laufe weiter. Der Sturm hält mich nicht auf. Im Gegenteil. Ich bin der einsame Kämpfer, der sich dem Tosen der Naturgewalten entgegenstellt und mit ihnen tanzt, statt sie zu fürchten. Das war ich immer, und ich werde es bei jedem Unwetter aufs Neue. Mit jeder Regenböe, die mir ins Gesicht peitscht, wird mein Schritt entschlossener und mein Kopf klarer.

Das war mein Ziel, als ich raus bin: klarkommen nach dem Ärger der letzten Wochen – der Messerstecherei im Jungle Club, den tödlichen Schüssen auf den SEK-Beamten Krüger, den Skandalschlagzeilen, die den Ruf meiner Familie in den Dreck gezogen haben. Al-Zein. Dieser Name steht in Berlin für Macht, Stärke und Einfluss. Irgendwann schrieb die Presse mal über mich, ich hätte in der Stadt mehr zu sagen als der Oberbürgermeister. Viele nennen mich »El Presidente« oder »Pate von Berlin«. Ich selbst habe mir solche Titel nicht ausgedacht. Sie bedeuten mir nichts. Für mich zählt nur, dass ich meinen Weg gehe, meinen Prinzipien treu bleibe und meinen Einfluss geltend mache. Um Dinge zu regeln, für Ruhe zu sorgen und Frieden zu schaffen. In meiner Familie, unter meinen Brüdern, für Berlin. Meist erreiche ich mein Ziel, doch auch mir entgleiten manche Situationen und geraten außer Kontrolle. Wenn das passiert, warte ich auf das nächste Unwetter, werfe mich voll hinein und denke nach. So wie jetzt.

Während sich die Straßen von Kreuzberg mit Pfützen füllen und die Gossen in reißende Ströme verwandeln, gehe ich mit mir selbst ins Gericht. Was habe ich falsch gemacht? Was nicht gesehen, wo die Kontrolle verloren? Die Spaziergänge durch den Regen sind ein Ritual, das mir hilft, aufzutanken und Kraft zu sammeln. Regen spült Probleme weg. Wenn er mich einmal durchgewaschen hat, kann ich wieder ruhig schlafen und von vorne anfangen.

Als ich nach einer Stunde im Unwetter meine Wohnung in der Großbeerenstraße erreiche, fühle ich mich durchgefroren, aber gestärkt. Ich bin bereit, die Dinge ins Reine zu bringen. Noch ahne ich nicht, dass die Uhr tickt. Dass Kripo und Presse bereits meinen Sturz vorbereiten. Dass schon bald Polizeihubschrauber über meinem Haus kreisen und Einsatzkräfte den Eingang umstellen werden, um mich zu verhaften. Wie es dazu kommen wird? Auch das ahne ich noch nicht. So ganz habe ich die Regeln in Deutschland nie verstanden. Weil sie mir nie jemand beigebracht hat. Oder weil sie nicht meine eigenen sind.

11:20 01.10.2020

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