Albtraum vieler Generationen

Leseprobe Hilke Lorenz erzählt die Geschichten ehemaliger Verschickungskinder. Die Erinnerungen sind lückenhaft, mehr Gefühl als Gewissheit. Viele sprechen erstmals über ihre Erfahrungen und beginnen, den Einfluss der Kinderkur auf ihr weiteres Leben zu sehen.
Albtraum vieler Generationen

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Einleitung

Das System Kinderkurverschickung

Getreu dem Motto »Luftveränderung tut jedem gut« sind ab der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre bis weit in die 1980er-Jahre hinein in der Bundesrepublik alljährlich etwa eine Viertelmillion Kinder in die Kindererholung verschickt worden. Die Jüngsten waren knapp ein Jahr alt, die Ältesten standen am Beginn der Pubertät. Insgesamt betraf es im Lauf der Jahrzehnte geschätzt acht Millionen Kinder. Mal ging es in ein Haus in der näheren Umgebung, mal wurde quer durch Deutschland verschickt – in die Berge, an die See, in die verstreut liegenden Solebäder. Die Kinder reisten nach Amrum, Norderney, Föhr oder Sylt ebenso wie ins Allgäu, in den Schwarzwald oder den Harz.

Das Wort »Verschickungskinder« hören manche der Betroffenen heute zum ersten Mal. Aber es scheint ihnen sofort passend für ihr damaliges und oft auch noch ihr späteres Lebensgefühl. Verschickt zu werden, das heißt unter anderem, vom Individuum zur Nummer zu werden. Für sechs Wochen und manchmal gar für länger waren diese Kinder einem System ausgeliefert, das zu ihrem Besten sein sollte. Viele hatten fürchterliches Heimweh, nicht wenige waren verzweifelt, erlebten ihren Aufenthalt als puren Albtraum, leiden noch heute unter ihren Erlebnissen dort. Sie wollen Aufklärung darüber, warum sie in Kur geschickt wurden und warum sich ein System, das ihnen Schaden zugefügt hat, so lange halten konnte.

Dabei trug es einen vielversprechenden Namen: Kinderkur. Die Idee, Kinder mit etwas aufzupäppeln, was sie im Alltag nicht ausreichend bekamen, war angesichts der schlechten Versorgungslage direkt nach dem Zweiten Weltkrieg so zündend wie ehrbar. Kränkelnde und schwache Kinder sollten sich endlich satt essen können, frische Luft bekommen, neue Anregungen erhalten. Aber was viele Kinder der aufstrebenden Bundesrepublik in den schließlich fast 1000 Erholungsheimen in öffentlicher, kirchlicher und privater Trägerschaft erlebt haben, hat Narben hinterlassen. Warum hat das so lange niemanden interessiert? Gab es keine Signale oder Hilferufe? Oder hat man nicht richtig und geduldig genug hingehört, wenn Kinder versuchten, das Erlebte zu schildern? Womöglich hat man es von ihnen gehört, ihnen aber nicht geglaubt, sie für vermeintliche Lügen und Übertreibungen gar noch getadelt? War das Wahrnehmen unmöglich in einem Land, das in Normalität und Routine verliebt war, weil es den großen Ausnahmezustand von Faschismus und Krieg vergessen wollte? Wurden die Kinder der Bundesrepublik die späten Opfer der Sozialisation ihrer Eltern und des Heimpersonals in autoritären Strukturen sowie der alle Maßstäbe verschiebenden Kriegserfahrungen? Viele Erwachsene dieser Zeit jedenfalls hatten Härte gegen sich selbst eingepaukt bekommen und das Durchhalten als Überlebensprinzip verinnerlicht. Hier stellt sich auch die Frage, was in der Bundesrepublik zugunsten des wirtschaftlichen Wiederaufbaus, zur Erreichung der Ziele der Nachkriegselterngeneration alles zu kurz kam? Was war hier wichtiger als das Einfühlen in die Kinderseele: das Erarbeiten von Statussymbolen, die Fassade einer funktionierenden Familie – und mit all dem das Vergessen der Vergangenheit? Welches Menschen- und speziell welches Kinderbild herrschte hier (immer noch?) vor, um mit Kindern so umgehen zu können?

Die Verschickungskinder haben nicht das große, inzwischen gesellschaftlich anerkannte Drama jener Heimkinder erlebt, die in der Bundesrepublik und der DDR jahrelang seelische und körperliche Gewalt aushalten mussten und deren Biografien und Entfaltungsmöglichkeiten bis in die Gegenwart zerstört worden sind. Nicht ehelich – im Behördenjargon: verwahrlost – aufzuwachsen, reichte oft schon, um in den Fokus des Jugendamtes zu geraten. Im Schatten solchen Unrechts haben die Verschickungskinder öffentlich geschwiegen.

Den kindlichen Willen brechen

Mancher, der verschont blieb, fragt, was denn in ein paar wenigen Wochen Kur so Großes passiert sein solle, dass es bis heute in den Leben der Verschickungskinder weiterwirkt? Was in den Kuren geschah, war fraglos zeitlich viel begrenzter als die Schikanen, Demütigungen und Übergriffe, die Heimkinder der frühen Bundesrepublik und der DDR erlebt haben. Aber in beiden Heimstrukturen handelte man aus dem gleichen Denken heraus: Man agierte aus Prinzip respektlos gegenüber Kindern, weil das Brechen des kindlichen Eigenwillens als Schlüssel zur Entwicklung des sozial gut integrierten Erwachsenen galt. Und diese Haltung beziehungsweise die Taten und Unterlassungen, die aus ihr erwachsen, können zumindest in manchen Seelen auch in kurzer Zeit großen Schaden anrichten. Das eben bezeugen die Geschichten jener Verschickungskinder, die verstört und verletzt aus der Kur zurückkehrten. Das Hauptaugenmerk dieses Buches liegt auf den Bedingungen, unter denen die Verschickung zu einem Massenphänomen in der prosperierenden Bundesrepublik wurde. In dem Deutschland, das für sich in Abgrenzung zur DDR in Anspruch nahm, Kinder nicht in staatlichen oder politischen Jugendorganisationen zu konditionieren oder gar zu gängeln.

Dieses Buch handelt von einem bislang unerzählten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Wurzeln des Geschehens reichen dabei weit zurück bis in die Kaiserzeit. Und es ist auch kein rein deutsches Phänomen. In den Niederlanden etwa waren die Bleekneusjes, die Blassnasen, und ihr Schicksal schon 1998 Thema einer Ausstellung und eines Erzählprojektes im Freilichtmuseum Arnheim. Ihre Geschichte gleicht der ihrer deutschen Leidensgenossen: Fern der Familien sollten sie genesen – stattdessen vergrößerte sich ihr Leid dort oft. Für alle Länder gilt: Die Folgen dieser Erholungskuren für die psychische Gesundheit so mancher ehemaliger Verschickungskinder erstrecken sich bis in die Gegenwart.

Gab es eine Gesundheitsfürsorgesindustrie?

Wenn nun auch in Deutschland das einst Erlebte in den älter gewordenen Verschickten nach oben und endlich in die Öffentlichkeit drängt, dann stellen sich zusätzlich spezifisch deutsche Fragen. Das Schicksal der Verschickungskinder rührt an die Frage, wie sehr oder wie wenig die Nachkriegsgesellschaft tatsächlich mit Haltungen, Ideen und Konzepten gebrochen hat, die zum Faschismus geführt und im Dritten Reich ihre grausige Blüte erlebt hatten. Führt eine direkte Linie von der Pädagogik der NS­Ideologie und deren Erziehungsbibel Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind, die Johanna Haarer verfasst hatte, zu jenem Kasernenhofdrill, der den jungen Kurgästen in manchen Heimen abverlangt und durch unmenschliche Methoden erzwungen wurde? Waren die Menschen, die in den Heimen Verantwortung trugen, selbst Opfer ihrer eigenen Traumata oder der ihrer Eltern? Gaben sie die Grausamkeiten, denen sie selbst ausgesetzt waren, an Schwächere weiter? Gab es jenseits einer möglicherweise von der NSErziehungsdoktrin durchtränkten Pädagogik in den Kurheimen zumindest in den ersten Jahrzehnten der jungen Bundesrepublik auch eine Kontinuität des medizinischen und pflegerischen Personals? Oder war alles bloß die Folge der Überforderung des Personals und eines damals schon herrschenden Personalmangels? Und gab es womöglich eine Gesundheitsfürsorgeindustrie, die unabhängig von medizinischem Nutzen an den Kinderkuren als lukrativem Wirtschaftszweig in strukturschwachen Regionen verdiente?

Die folgenden Recherchen werden belegen: Ja, es gab diese Gesundheitsfürsorgeindustrie. Kinderärzte wurden beispielsweise Mitte der 1970er- ­Jahre dazu angehalten, zur Auslastung von Kinderkurheimen beizutragen, als Anreiz wurden ihre Kurverschreibungen honoriert.

Solche Fragen waren lange tabu. Mittlerweile werden sie auch von der Politik gestellt, im Januar 2020 bei einem Gespräch mit der Autorin über das Thema etwa vom baden­württembergischen Sozialminister Manne Lucha. Die Familienminister aller Bundesländer haben inzwischen gemeinsam an das Bundesforschungsministerium appelliert, ein Forschungsprojekt zum Thema auf den Weg zu bringen. In Baden­Württemberg hat das Sozialministerium Vertreter von Verbänden, Krankenkassen, Kurträgern und ehemaligen Verschickungskindern zum regelmäßigen Austausch eingeladen. Das erklärte Ziel dieser Treffen heißt: Aufklärung der Geschehnisse in den Kurheimen. Andere Bundesländer tun Ähnliches.

Es ist an der Zeit, die Tür in diese Vergangenheit weit aufzumachen und das Dunkel auszuleuchten. Die heute erwachsenen Kinder zu sehen, in denen einst etwas zerstört wurde, als niemand ihre Heimwehtränen trocknete. Als sie Teller leer essen mussten, auch wenn sie vor lauter Ekel erbrachen. Als sie nicht wagten, in ihren Briefen nach Hause ihre Qualen und Ohnmachtserfahrungen anzusprechen, weil sie befürchteten, dass ihnen niemand glauben, das Heimpersonal vielleicht aber die Briefe lesen und sie zusätzlich bestrafen würde.

[...]

15:18 27.01.2021

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Verschickungskinder | Report Mainz

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