Unheilvolles Familienverhängnis

Leseprobe Zora lernt ihren späteren Ehemann am Ende des Ersten Weltkriegs kennen. Sie folgt ihm nach Bari in Süditalien, wo sie, beide überzeugte Kommunisten, ein großbürgerliches und doch politisch engagiertes Leben im Widerstand gegen den Faschismus führen
Unheilvolles Familienverhängnis
Die Titelheldin des Romans Zora Del Buono mit Gatten (privat).

Foto: Zora del Buono

Prolog

Vergiss nicht, du trägst ihren Namen, hatte Tante Mila gewarnt. Man solle Geheimnisse dort belassen, wo sie hingehörten: im Reich des Schweigens. Vor allem dürfe niemand die Wahrheit über das Ereignis erfahren, zu gefährlich, der Schauplatz des Geschehens immerhin tiefstes Süditalien, es könne zu Racheakten kommen, darüber zu schreiben sei geradezu fahrlässig. Cousine Elena war anderer Meinung. Sie betrachtet die Angelegenheit allerdings mehr aus metaphysischer Warte. Verborgenes würde sich auf nachfolgende Generationen übertragen und großen Schaden anrichten, so lange, bis das Geheimnis gelüftet sei. Transgenealogie heiße das. Denk an unsere Toten, hatte sie gemahnt. Ja, unsere Toten. Der Familienfluch, wie man früher gesagt hätte, als man noch an Geister glaubte und Spukgeschichten schrieb. Es ist das, was uns Cousins und Cousinen von klein auf verband: die Gewissheit, einer Unglücksfamilie anzugehören. Wir wuchsen mit unguten Ahnungen auf. Wir erwarten den Tod jeden Moment. Eigentlich wundern wir uns täglich, dass wir noch am Leben sind. Ja, ich kenne sie, unsere Toten, alle fünf. Jeder von ihnen starb bei einem Autounfall, jeder vor der Zeit. Ich sagte, das seien tragische Zufälle, es stürben täglich Menschen bei Autounfällen. Elena glaubt nicht an Zufälle, sie glaubt an höhere Gewalt. So wie meine Großmutter auch. Sie sei für ihre Sünden bestraft worden, hatte Elena gesagt, ihr Ende sei bitter gewesen. Tante Mila hatte hinzugefügt: Sie haben sie ins Jenseits befördert.
Dass Zora Del Buono eines unnatürlichen Todes starb, ist nicht verbürgt. Doch vieles spricht dafür. Sie war eine Persönlichkeit, die Widerworte nicht duldete, sie aber provozierte. Man hat diese Frau gefürchtet und bewundert, viele haben sie verehrt. Ich habe sie einfach nur geliebt. Unsere Großmutter habe einen starken Charakter gehabt, hieß es immer. Sie sei feurig gewesen. Großzügig. Starrsinnig. Oder auch: herrisch. Wenn man über sie sprach, warf über kurz oder lang jemand ein: Wäre sie ein Mann gewesen, sie wäre Major geworden, eher noch Marschall, vielleicht sogar Staatspräsident. So wie er. Wie Josip Broz Tito. Sollte sie vergiftet worden sein, dann seinetwegen. Man hätte auf die Autopsie nicht verzichten sollen.

Kapitel I

Bovec, Mai 1919

Wann hatte sie angefangen, ihre Mutter zu hassen? An dem Tag, als die Mutter sie verließ? Als der Vater sie frühmorgens anherrschte, sie solle sämtliche Schuhe, die nicht der Mutter gehörten, in die Stube bringen, ihre eigenen, die von den Brüdern und auch seine, und zwar zackig!, um dann mit ausgreifenden, rhythmischen Bewegungen die glatten Sonntagsschuhe, die feinen und die weniger feinen Stiefeletten, die Pantoffeln, die Landarbeitsschuhe und die Fellstiefel mit dem Besen aus dem Hausflur auf die Straße zu fegen und immer weiter zu fegen, auch als längst kein Krümel mehr auf dem Boden zu entdecken war? Zwölf Damenschuhe lagen zwischen plattgefahrenen Pferdeäpfeln vor ihrer Haustür, damit alle sehen konnten, dass Marija mehr Schuhe besaß als jede andere Frau im Dorf, was sowieso jeder wusste. Damit alle sehen konnten, was Marija aufgegeben hatte. Zwölf weggefegte Schuhe bedeuteten aber auch: Mutter war mit kleinem Gepäck gegangen. Oder begann der Hass an dem Tag, als die Mutter zu ihnen zurückkehrte, mit dem Kind eines Fremden im Bauch, gedemütigt zwar, aber mit jener Aura der Verwegenheit, die sie fortan umgeben sollte, vom Sitz des Fuhrwagens steigend, der sie nach Hause gebracht hatte, wissend, dass Cesaro sie wieder aufnehmen würde? War es überhaupt Hass? Es war schließlich nicht so, dass Zora ihre Mutter ununterbrochen hasste, manchmal vergaß sie das brennende Gefühl, dem sie überhaupt einen Namen hatte geben müssen, was erst im Alter von vierzehn Jahren der Fall gewesen war, als sie die Mutter dabei beobachtete, wie sie einen Blumenstrauß in der Vase drapierte und dabei versonnen die Blütenblätter eines Rittersporns streichelte, mit einem Blick, den Zora nicht deuten konnte, doch der sie verstörte, weil er aus einer anderen Welt zu kommen schien, einer, die Zora verschlossen war. Da dachte sie zum ersten Mal: Ich hasse dich. Vorher hatte sie nur diesen Unmut gespürt, ein Unbehagen in der Anwesenheit ihrer Mutter, vor allem ein körperliches, als ob aus dem einst urvertrauten Mutterleib ein fremder geworden wäre, ein mächtiger Frauenkörper, der ihr bei unzähligen Gelegenheiten zu nahe kam und den sie nicht wegzustoßen wagte.

Fünf Monate war Marija weggeblieben. Vom ersten Tag an hatte Cesaro seiner Tochter klargemacht, dass jetzt sie die Frau im Hause sei, was das achtjährige Mädchen fraglos akzeptierte, der Vater hatte deutlich gesagt, man wisse nicht, ob die Mutter jemals wieder zurückkehre, und nein, sie habe ihm nicht erzählt, wohin sie gehe. Nur tot, das hatte er den drei Kindern eingebläut, tot sei sie nicht, das wisse er mit Sicherheit. Tot ist sie nicht, hatten Franc, Zora und Ljubko einander immer wieder zugeraunt, wenn ihre Sehnsucht nach der Mutter zu groß wurde. An diese hoffnungsfrohen, im Laufe der Monate verzagter werdenden Flüstereien erinnerte Zora sich, als sie jetzt auf der Brücke an Ljubko vorbeifuhr, der kein wimmerndes Kind mehr war, das nachts in ihr Bett geschlichen kam, um bei der älteren Schwester Trost zu suchen. Manchmal hatte er nach Honig gerochen, morgens klebte ihr Haar, weil er seinen Honigmund darin vergraben hatte. Irgendwann hatte sie beim Putzen (die Frau im Haus!) einen Honigtopf unter seinem Bett gefunden und gemerkt, dass es im Leben des kleinen Ljubko eine Reihenfolge des Getröstetwerdens gab und sie am Ende der Rettungsleiter stand: Daumen nuckeln, Hasenfell streicheln, Honig naschen, zu Zora kriechen. Groß war er geworden, dachte sie, und stark, wie er da neben der mit Steinbrocken gefüllten Schubkarre stand, lässig eine Zigarette rauchend, ein Jüngling mit kastanienbraunem Haar, bergbachklaren Augen und kräftigem Knochenbau, wie alle in der Familie – oder fast alle. Obwohl sie nur drei Jahre älter war, verspürte sie eine mütterliche Zuneigung zu ihm, und die hatte nicht zuletzt mit dem Honigtopf zu tun; betrachtete sie Ljubko, roch sie Honig, noch heute. Sie beschleunigte. Der Blick aus dieser Höhe war herrlich. Wenn sie etwas liebte, dann das: die totale Übersicht. Und dank der Vollgummireifen fuhr sich der neue Lastkraftwagen weitaus besser als der alte mit den Eisenrädern. Auch die Windschutzscheibe war eine feine Erfindung: weniger Staub im Gesicht, kaum noch tränende Augen. Der Krieg hatte der Lastwagentechnik zahllose Neuerungen beschert, immerhin das. Zora wusste viel vom Krieg. Jeder im Sočatal wusste viel vom Krieg. Dreisprachig sogar, die schweren Worte gingen den meisten geschmeidig über die Lippen: Soške bitke. Battaglie dell’ Isonzo. Isonzoschlachten. Zora fiel das Deutsch leichter als den anderen; die zwei Jahre im Mädchenpensionat in Wien hatten sie nicht nur mit der deutschen Sprache vertraut werden lassen, sondern ihr eine gewisse großstädtische Noblesse eingehaucht, die im Dorf nicht jedem gefiel (oder genauer gesagt: fast keinem). Auch den Dorfnamen gab es in drei Varianten: Bovec. Plezzo. Flitsch. Als Kind hatte sie je nach Laune mal dieses, mal jenes gesagt, am liebsten aber Flitsch. Flitsch klang lustig, wie glitsch; sie und ihre Brüder hatten Reime gesungen, sich den Hang zur grün schillernden, eiskalten Soča hinunter glitschen lassen und einander mit Glitsch beworfen, ihrem Familienwort für Schlamm und überhaupt allem, was eklig war, Schnecken zum Beispiel, Schnecken waren auch glitsch.
Der Fluss hatte sogar vier Namen. Soča. Isonzo. Lusinç. Sontig. Zwar sagte kein Mensch mehr Sontig, nicht einmal die hartgesottensten k.u.k. Monarchisten; Sontig war heimlich verloren gegangen. Aber man hatte noch die Wahl zwischen der slowenischen Soča, dem furlanischen Lusinç und dem italienischen Isonzo. Doch seit die Italiener die Herren im Tal waren ...

Sie bremste, als sie in die Dorfstraße einbog. Dass Teile der Fracht, die sie auf dem Wagen transportierte, gefährlich waren, wusste sie natürlich. Doch irgendjemand musste schließlich den Schrott zur Deponie bringen, all die Munitionshülsen, Patronen, Bajonette, viele davon für das M1895, die Feldspaten, zerbrochenen Keramik-Stielhandgranaten, Stücke von österreich-ungarischen Repetiergewehren, manchmal auch ganze italienische Carcanogewehre und Stahlhelme natürlich; an vielem klebte Blut. Zwischenzeitlich hatte sie ganz vergessen, was da in den Holzkisten lag. Als sie die Passstraße hinuntergerollt war, hatte sie kurz an ihre Mutter gedacht, an das, was sie beide trotz allem verband und wovon sie dachte, dass es der eigentliche Grund war, warum die Mutter damals zurückgekehrt war: die Liebe zu diesem Flecken Gebirgslandschaft, die ungeheure Weite der Ebene, umrahmt von Bergen, die sich wie kantige Brocken um das Hochplateau lagerten, darin die smaragdgrüne Soča; eine erhabene Landschaft, vom zehntausendfachen Soldatentod gänzlich ungerührt. Sie erhaschte einen Blick auf ihr Elternhaus, bevor sie abbog. Es sah gut aus, so kompakt. Und weniger zerstört, als sie erwartet hatte, als sie Franc’ Telegramm in den Händen hielt: «BOVEC FREI ABER ZERSTÖRT KOMMT».
Fast alle waren zurückgekehrt. Die Armen, die man ins Flüchtlingslager nach Bruck an der Leitha verfrachtet hatte, weil sie nicht wussten, wohin sonst. Die Glücklichen, die bei Verwandten fernab der Sočafrontlinie hatten unterschlüpfen können. Und dann sie, die Familie Ostan, die einfach umgezogen war, in ein Haus in Ljubljana, das der Vater nach Kriegsbeginn gekauft hatte. Man hatte sich an jenem 24. Mai 1915 kaum voneinander verabschieden können, als der Dekan Vidmar in der Morgenmesse die Nachricht überbrachte: Die Italiener haben uns den Krieg erklärt, sie greifen an. Ihr müsst weg, jeder Einzelne von euch! Packt nur das Nötigste, einen Handkoffer für jeden. Eine Wolldecke. Proviant für drei Tage. Versammelt euch morgen früh auf dem Platz. Geht jetzt! Gott behüte euch. Amen. Sie wussten nicht, wie lange sie wegbleiben würden, viele glaubten, man kehre nach kurzer Zeit zurück, einige mauerten Kostbarkeiten im Keller ein, Hühner und Gänse wurden freigelassen, Ziegen auch, Kühe trieb man mit. Bürgermeister Jonko verstaute die wichtigsten Gemeindedokumente in einem Fass und ließ es im Garten vergraben, das Fass war nach Kriegsende verschwunden, nur Reste verbrannter Dokumente fand man noch vor, wahrscheinlich von den Italienern zum Heizen benutzt.
Natürlich war die Flucht nicht einfach gewesen, ohne Lastkraftwagen, den hatte die Armee bei Kriegsbeginn beschlagnahmt. Aber immerhin besaßen sie Pferde und Karren, der Vater betrieb nicht nur eine Herberge, sondern auch ein Fuhrunternehmen. Franc war schon vor Wochen eingezogen worden, Zora das älteste der Kinder auf der Flucht. Ljubko lenkte das hintere Gespann, Zora das vordere. Boris rannte vor und zurück, doch meistens ging er allein, pfiff variationsreiche Melodien, der drahtige Neunjährige. Den kleinen Nino hatten sie auf die vollgepackte Ladefläche von Zoras Karren gesetzt, manchmal weinte er, dann wiederum lugte er wie ein quirliger Gnom mit zerzaustem Haar zwischen all den Taschen, Mänteln und Decken hervor, hüpfte auf ihnen, strauchelte und kippte lachend weg, Boris alberte mit ihm herum, bis Zora sie zurechtwies, das hier war schließlich keine Vergnügungsreise. So zogen sie im Schritttempo über die Berge, Zora und ihre drei Brüder. Die Eltern waren mit dem leichten Gespann am Tag der Bekanntmachung vorgefahren, in der Herberge von Onkel Milo in Kranjska Gora fanden die Kinder eine Notiz von ihnen, man hatte ein Zimmer für sie vorbereitet. Die restlichen Nächte kamen sie bei Bauern in Scheunen unter, wie die anderen Flüchtlinge auch. Sie trafen schmutzig, aber gesund in Ljubljana ein, zwei Wochen hatte die Flucht gedauert. Der Anfang war das Schlimmste gewesen, der Predil ein steiler Pass, in der Höhe lag noch Schnee; sie hatten sich hinaufgequält, die Pferde und Maulesel und Kühe, aber auch die Menschen, Familie hinter Familie, und ein paar Hunde, die sich nicht hatten verscheuchen lassen, noch dazu. In der Ferne das Donnern der italienischen Artillerie. Im Rückblick schien alles nicht mehr so arg, aber im Rückblick sah ohnehin das meiste besser aus, das hatte Zora mit ihren einundzwanzig Jahren bereits verstanden; das Gedächtnis ging milde mit der Vergangenheit um. Wäre es anders, könnte sie ihre Mutter nicht ertragen, diese Verräterin.

Zwei Jahre waren die Bewohner weggeblieben, ein ganzes Dorf, an einem Montagmorgen auf die Straße gefegt wie einst Marijas Schuhe. Und dann in alle Welt verstreut. Die verwaisten Häuser blieben monatelang leer, nur Spinnen und anderes Kleingetier zogen ein (vielleicht auch das ein oder andere Huhn). Dann füllten sie sich mit Fremden auf, lauter Männer, lauter Italiener. Gesunde, verwundete, kranke, schmutzige Männer, die dafür kämpften, dass Österreich dieses Tal und die Berge nicht zurückerobern würde. Bovec, ein Männerdorf. Als die Bewohner aus ihren Exilen zurückkehrten, waren aber nicht nur ihre Häuser lädiert, sondern auch sie selbst. Zora fuhr an der Kirche vorbei zur Deponie hoch. Sie war an jenem Montagmorgen nicht in der Messe gewesen, Frühmessen waren etwas für die Alten. Stattdessen hatten Pepca und sie im Speiseraum Gläser poliert und darauf gewartet, dass der einzige Gast aus der oberen Etage heruntergestiegen kam, damit sie sein Zimmer herrichten konnten, ein Händler aus Triest, das wusste sie noch.
Pepca war ihre beste Freundin, vielleicht ihre einzige, eine Waise aus dem Nachbarort, die Cesaro als Magd aufgenommen hatte, ein koboldhaftes, dunkeläugiges Mädchen, das viel lachte und ihr nichts übel nahm. Anders als die lange Ana, Ana mit den geraden Beinen, wie Zora sie seufzend nannte. Sie selbst hatte krumme Beine. Das behauptete sie zumindest, auch wenn Pepca ihr immer wieder versicherte, ihre Beine seien keineswegs krumm. Ana mit den geraden Beinen verhielt sich nach ihrer Rückkehr zugeknöpft, kühl geradezu. Vor dem Krieg waren sie engste Freundinnen gewesen, sie drei; jetzt nicht mehr. Zora konnte sich an den Moment während der Flucht erinnern, als sie die Passhöhe bereits hinter sich gelassen hatten und mit den Pferden nach Tarvis hinuntertrotteten. Zuerst hörte sie den Lastkraftwagen, der sich von hinten näherte und sie dann knatternd überholte. Dann sah sie Ana, eingemummelt auf der Ladepritsche, zwischen Tante und Mutter gequetscht, alle drei mit einem Kind auf dem Schoß, Ana hielt den kleinen Istok umschlungen, dessen blonde Locken sich mit ihren zu einer einzigen überbordenden Haarwildnis zusammenzukringeln schienen, Anas jüngster Bruder; gut dreißig Frauen und Kinder hockten dicht gedrängt auf dem Lastwagen, Gepäck hatten sie kaum dabei, sie hatten alles angezogen, was sie besaßen, Schicht über Schicht. Ana und sie winkten einander zu, erst freudig, dann zurückhaltend, beide ahnten, dass sich zwischen ihnen etwas verändert haben würde, sollten sie einander jemals wiedersehen. Anas Zukunft lag in einem Flüchtlingslager irgendwo hinter Wien, Zoras in einem Wohnhaus mit Garten in Ljubljana. Gerecht war das nicht.
Gerecht war auch nicht, was sie nach ihrer Rückkehr vorfanden. Das Haus der Ostans stank infernalisch, ansonsten war es ziemlich intakt, sogar der Putz hatte gehalten. Anas Haus stank nicht. Anas Haus bestand aus zweieinhalb rohen Wänden mit Löchern drin, kein Dach mehr, kein Boden, kein Kamin. Fast alle Häuser im Dorf waren Ruinen, Backsteinfragmente in bizarren Formen. An der Hauptstraße westlich des Platzes das lang gezogene OstanHaus, dessen Stattlichkeit vor dem Krieg wenig aufgefallen war, weil es mit seinen zwei Stockwerken nicht höher war als die anderen, sondern nur tiefer und sehr viel länger. Jetzt, so unversehrt, sah es unverschämt imposant aus. Warum es nicht zerschossen worden war – kein Mensch wusste es. Ungerecht war zudem, dass Anas Bruder tot war und Zoras Brüder nicht. Ljubko, Boris, Nino, alle putzmunter. Auch Franc hatte den Krieg als Offizier überlebt, verletzt zwar und von den Engländern in Gefangenschaft genommen, aber eben nicht tot. Ana hatte Pepca geschildert, was im Lager vorgefallen war. Pepca wiederum erzählte Zora alles weiter, sprach von den Dutzenden Holzbaracken, die in Reih und Glied dastanden, weiß getüncht und flach, in jeder Baracke zwanzig Zimmer, in jedem Zimmer acht Menschen. Von den fünftausend Slowenen, die in der Barackenstadt wohnten, und den sechstausend Bruckern, die die Slowenen zu verteufeln anfingen, als es mit den schlimmen Krankheiten losging und das Sterben begann, die sie als Schmarotzer beschimpften, als Schwarzhändler, die die Preise hochtrieben. Sie erzählte kichernd, dass Ana im Lager-Mädchenchor mit ihrer Glockenstimme den Kantor bezirzt hatte, der sie daraufhin mit Lebensmitteln aus der Stadt versorgt und ihr sogar einen blausamtenen Umlegekragen geschenkt habe, und sie erzählte mit Tränen in den Augen von der Nacht, in der der kleine Istok starb, so plastisch, als sei sie dabei gewesen: dass Istok statt zu wachsen immer mehr zu schrumpfen schien, bis er kaum mehr vorhanden war, dass der verliebte Kantor dem Jungen vom Schwarzmarkt Eier und eine dunkle Melasse mitgebracht habe, die Ana nicht kannte, wohl etwas Niederösterreichisches, das dem Kleinen aber schmeckte und das er selig mit den Fingern in den Mund stopfte, bis ihn plötzlich ein Krampfanfall überfiel, der ihn schüttelte und schüttelte, bis er starb. Im Lager gingen Gerüchte um, die Melasse sei vergiftet gewesen, weil die Einwohner von Bruck die Slowenen ausmerzen wollten. Der Kantor sei noch ein paar Tage um Ana herumgeschlichen, bevor er niedergeschlagen das Lager verlassen habe.

Je mehr Zora erfuhr, desto sehnlicher wollte sie mit Ana sprechen und sie trösten oder ihr etwas Süßes backen, so wie früher, doch Anas Kälte schien sich täglich noch zu steigern und irgendwann gab Zora einfach auf. Sie betrachtete Pepcas und Anas anhaltende Freundschaft mit Argwohn, machte hin und wieder eine knurrige Bemerkung, bis sich Pepca schließlich von der langen Ana fernhielt (immerhin war Pepca im Haus der Ostans untergekommen, sie kannte ihre Rolle und würde nichts überreizen). Vor der Kriegsgerätesammelstelle am oberen Ende des Dorfes standen zwei Lastwagen mit Anhängerkarren, die Zufahrt war schief und voller Löcher, es ruckte, Zora stellte ihr Lastauto neben die anderen. Sie schloss das Faltverdeck, raffte ihre Röcke und sprang vom Führerhaus, ging um den Camion herum, löste die hinteren Verschlüsse der Plane und rief zur Deponie hoch: «Ich bin zurück!» Sie wartete nicht auf die Männer, Schrott abladen war weiß Gott nicht ihre Aufgabe. Die Schnürsenkel ihrer Stiefeletten hatten sich gelöst, sie bückte sich, um sie zu binden. Als sie aufblickte, sah sie auf der Hofmauer zwei rothaarige Italiener sitzen, die einander zufeixten, beide trugen Uniform, beide rauchten. Was es alles gibt, dachte sie. Italiener mit roten Haaren! Und gleich zwei davon! Sie warf ihnen einen frechen Blick zu und ging nach Hause.

[...]

14:33 20.07.2020

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