Leseprobe : Über eine Gemeinwohl-Wirtschaft

Eine neue Wirtschaftslehre des kollektiven Handelns rund um das Gemeinwohl ist nötig, schreibt Mariana Mazzucato in ihrem neuen Buch. Lesen Sie hier im ersten Kapitel von ihrem Plädoyer für eine "kollektive Intelligenz".

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Ein Kapitalismus, der allen nützt

Ein Kapitalismus, der allen nützt

Mariana Mazzucato

Paperback

376 Seiten

28 €

In Kooperation mit Campus Verlag GmbH

Ein Kapitalismus, der allen nützt

Wir leben in einer Welt, in der der Klimawandel bis zum Ende des Jahrhunderts voraussichtlich eine Übersterblichkeit von 83 Millionen Menschen verursachen wird. Die vulnerabelsten Gruppen sind am stärksten betroffen. Auf diesem Globus haben 4,5 Milliarden Menschen keine primäre Gesundheitsversorgung und 2 Milliarden keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Und all dies, während Tech-Milliardäre und Führungskräfte im Finanzsektor inzwischen Vermögen in einer Größenordnung aufgehäuft haben, welche die Etats ganzer Staaten in den Schatten stellt. Dies offenbart eine von den Finanzmärkten und dem rasanten technologischen Fortschritt vorangetriebene Ungleichheit, angesichts derer Regierungen immer ohnmächtiger erscheinen.

In einer solchen Welt haben verständlicherweise viele den Glauben an unsere Fähigkeit verloren, zu kooperieren und gemeinsam Probleme zu lösen. Tatsächlich ist das multilaterale System in Gefahr geraten, mit einer Welle des Nationalismus und einer Rhetorik, nach der das jeweils eigene Land wieder großartig gemacht werden soll. Damit erhöhen sich die geopolitischen Spannungen auf ein Niveau, wie man es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat. In dieser Welt macht sich die Vorstellung breit, wonach »Empathie etwas für Weicheier« sei, anknüpfend an das althergebrachte Dogma, wonach vor allem eigennützige Handlungen die Produktivität der Gesellschaft vorantrieben.

Dabei muss es nicht so sein. Die Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind, haben damit zu tun, wie wir uns selbst sehen (sind wir eigennützige oder kooperative Wesen?) und wie wir uns gegenseitig bewerten (entsteht Wert durch ein einsames Genie oder kollektiv?) – und ebenso sehr mit unseren tagtäglichen Entscheidungen dazu, wie wir unsere Wirtschaften strukturieren (greifen wir nur ein, wenn Dinge aus dem Ruder laufen, oder setzen wir uns gemeinsame Ziele, die wir ansteuern wollen?).

Ich habe mich im Großteil meiner Arbeiten darauf konzentriert, überholte ökonomische Paradigmen infrage zu stellen, die uns zu einem bestimmten Glauben verleiteten: Wir seien rein von Eigeninteressen geleitet, Wert werde nur von wenigen Einzelnen geschöpft, und der Staat könne bestenfalls da etwas geraderichten, wo der Markt versage. Bei meiner Arbeit ging es vor allem darum, staatliche Führungen darin zu unterstützen, die eigene Kapazität auszubauen und Fähigkeiten zur Problemlösung zu entwickeln: indem sie sich ehrgeizige Ziele setzen und sie auf kooperative Weise anpacken, mit einem Augenmerk darauf, wie sich sämtliche politischen Hebel auf eine ergebnis- und missionsorientierte Weise umgestalten lassen. Meine vormals erschienenen Bücher spiegeln einen Großteil dieser Überlegungen wider.

In Das Kapital des Staates1 habe ich den Standpunkt vertreten, dass Wert nicht nur vom Privatsektor allein, sondern gemeinschaftlich mit dem Staat und anderen Akteuren geschöpft wird. Wenn wir dies nicht anerkennen, werden die sich daraus ergebenden Mythen dazu genutzt, eine ungleiche Wohlstandsverteilung zu rechtfertigen. In Wie kommt der Wert in die Welt2 versuchte ich, das Konzept der kollektiven Wertschöpfung so auszuweiten, dass ein anderes Verständnis von Wert entsteht, insbesondere mit einer strengeren Unterscheidung zwischen Wertschöpfung und Wertabschöpfung – oder zwischen Profit und Rente, wie es Vertreter der klassischen Wirtschaftstheorie bezeichneten. In Mission3 vertrat ich die Auffassung, dass eine Wirtschaft Richtung und Sinn nur dann haben kann, wenn sie über missionsorientierte Politikinstrumente verfügt. Diese müssen sie darin unterstützen, die Kooperation zwischen öffentlichen und privaten Akteuren zu steuern, um die größten Probleme unserer Zeit zu bewältigen, ob es darum geht, die Artenvielfalt zu schützen, die Nettonull bei den CO-Emissionen zu erreichen oder die digitale Kluft zu verringern. Bei richtiger Umsetzung kann dies zu einem guten Wachstum beitragen: zu öffentlichen und privaten Investitionen, die eine Innovation hin zu einer nachhaltigeren und inklusiveren Wirtschaft vorantreiben. Und in Die große Consulting-Show4 befassten meine Koautorin und ich uns mit der Kapazität und den Fähigkeiten, die unsere staatlichen Einrichtungen benötigen, um ergebnisorientiert mit anderen zusammenzuarbeiten – und damit, dass diese Kapazität in den letzten Jahrzehnten durch Privatisierung, Outsourcing und den ausufernden Einsatz von Consulting-Unternehmen in staatlichen Institutionen zunehmend abgebaut wurde.

Als ich versuchte, die Ideen aus meinen vormaligen Büchern in die Praxis umzusetzen, wurde mir eines zunehmend klar: Wenn wir die größten Gegenwartsprobleme – wie eine Gesundheitsversorgung für alle oder den Kampf gegen den Klimawandel – erfolgreicher angehen wollen, brauchen wir nicht nur den Staat als Unternehmer und missionsorientierte politische Strategien, sondern auch eine neue Wirtschaftslehre des kollektiven Handelns rund um das Gemeinwohl. Dies deshalb, weil die Bewältigung sämtlicher Probleme, vor denen wir stehen, Kooperation zwischen verschiedenen Akteuren und deren kollektive Intelligenz erfordert. Solange wir nicht wissen, wie wir so zusammenarbeiten können, dass kollektive Wertschöpfung das Zentrum bildet, bleiben »gute« Ergebnisse unerreichbar. Und entscheidend: Diese Vorstellung vom »Guten« oder vom »Wohl« kann nicht einfach nur darin bestehen, dass vom Privatsektor hinterlassene Lücken geschlossen werden. Es braucht ein Ziel, das wir gemeinsam erreichen – keine Korrektur für etwas Fehlendes. Wie das Zitat von Keynes am Anfang von Teil I in Erinnerung ruft, bedeutet dies, über die traditionelle Wirtschaftstheorie hinauszudenken, die mit der Lehre um das Markt- und Staatsversagen verknüpft ist. Solange »öffentliche Güter« (wie Straßen, Landesverteidigung und Grundlagenforschung) nur als Abhilfen dafür gelten, dass der Markt gescheitert ist und der Privatsektor die Investitionen in diese Bereiche nicht aufgebracht hat, ist dies keine Theorie des öffentlichen Wohls, sondern eine der Versäumnisse des Privatsektors. Und solange »Allmenden« (wie gemeinschaftlich bewirtschaftete Seen und Forste) nur als Ausgleichslösung für eine schwache Führung durch Unternehmen wie auch durch staatliche Akteure dienen, bleibt es schwierig, eine ehrgeizige und proaktive Zusammenarbeit zu koordinieren, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Ein theoretischer Ansatz, der vom Versagen verschiedenster Art ausgeht, ist – per Definition – negativ und reaktiv und deshalb letztlich zum Scheitern verurteilt.

Im Fortgang des gesamten Buches entwickle ich ein Konzept für eine Gemeinwohl-Wirtschaft als eine ergebnisorientierte Ökonomie, in der Partizipation, Lernen, Transparenz, Reziprozität und Aufteilung von Nutzen den Kern der Abläufe bilden, über die diese ergebnisorientierte Zusammenarbeit stattfindet. Dies heißt, die ökonomischen Beziehungen und Strukturen von Anfang an richtig auszugestalten, anstatt später zu korrigieren und Scherben aufzulesen. Diese Sichtweise verschiebt die Frage von »Was soll der Staat (oder die Wirtschaft) tun?« zu »Wie können wir – Regierungen, Unternehmen, Gemeinschaften, Einzelne – zusammenarbeiten, um die uns alle betreffenden Herausforderungen zu bewältigen?« Und welche Wertschätzung bringen wir uns in diesem Prozess wechselseitig entgegen?

Das Gemeinwohl darf keine Nebensache sein, sondern muss im Mittelpunkt sämtlicher Beziehungen stehen. Wenn es zum Beispiel während einer Pandemie das Ziel ist, weltweit alle Menschen mit Impfstoffen zu versorgen (das Ergebnis), genügt es nicht, diese in ausreichender Menge zu produzieren (der Ausstoß). Wie sie erzeugt werden, ist ebenfalls wichtig. Und wenn ein Fonds aufgelegt wird, um das Leben von Menschen im brasilianischen Amazonas-Regenwald zu verbessern, zählt dabei auch, inwieweit sie in dessen Bewirtschaftung einbezogen werden. Das Ziel ins Zentrum der Innovationskooperation und der Struktur der Finanzmechanismen zu stellen, damit Wissen und Macht geteilt werden, ist für das Gemeinwohl von entscheidender Bedeutung. Dies heißt, sich ebenso sehr um Vorverteilung wie nachträglich korrektiv um die Umverteilung zu kümmern.

Ich habe in Büchern und anderen Schriften ausführlich dargelegt, warum das Problem am Kapitalismus nicht das Wachstum an sich, sondern die Art ist, wie wir an es herangegangen sind. Wir haben die falschen Kennzahlen, derentwegen Preis und Wert miteinander verwechselt werden: So erhöhen Umweltschäden faktisch das Bruttosozialprodukt, weil daran verdient wird, diese zu beheben. Wir haben die falsche Beurteilung: Wir berücksichtigen nicht, dass uns Untätigkeit (in Bereichen wie dem Klimawandel) teurer zu stehen kommen kann als Handeln. Wir haben die falsche Gewichtung: mit der Bevorzugung kurzfristiger Gewinne gegenüber einer langfristigen gesamtökonomischen Transformation. Und am Ende haben wir die falsche Diskussion: Während die einen für eine Wachstumsrücknahme plädieren, argumentieren andere, dass wir Wachstum bräuchten, auch wenn es auf Kosten der Lösung von Problemen wie der Erderwärmung gehe. Aber wir können ein gesundes Wachstum erreichen: indem wir uns auf gesamtwirtschaftliche Ziele konzentrieren, die die Struktur öffentlich-privater Verträge bestimmen, wie Investitionen in nachhaltige Mobilität, um den Verkehrssektor zu dekarbonisieren; indem wir langfristige Auswirkungen in den Fokus nehmen, anstatt uns in engstirnigen Diskussionen um (falsche) Budgetzwänge zu verhaken; und indem wir sicherstellen, dass all diejenigen, die zur Gesundheit, zum Wohlergehen und zur Produktivität unserer Volkswirtschaften beitragen, Wertschätzung genießen und dafür belohnt werden.

In diesem Buch geht es darum, ein deutlich größeres Augenmerk darauf zu richten, dass die Beziehungen zwischen allen Akteuren entscheidend für die Fähigkeit sind, gesundes Wachstum zu erzeugen: die zwischen Wirtschaft und Staat (z.B. bei Wasser- oder Eigentumsrechten), zwischen Kapital und Arbeit (z.B. Gewinne zu teilen) und zwischen den Bürgern und dem Staat (z.B. gehört zu werden und auf lokaler Ebene echte Mitbestimmung zu genießen). Was nützt es, über eine neue, umweltverträglichere Wirtschaft zu reden, wenn die Beziehungen zwischen den Akteuren so angelegt sind, dass sie auf dem Weg dorthin die zentralen Probleme der althergebrachten Wirtschaftsweise wiederholen?

Um diese Beziehungen in den Mittelpunkt zu rücken, knüpfe ich an die philosophische Tradition des Gemeinwohls an: von den alten Griechen, die sich mit dem »guten Leben« befassten, über die modernen kommunitaristischen Denker, die Beziehungen und Gemeinschaftsbildung betonten, bis zu ganzheitlichen Ansätzen aus der nichtwestlichen Philosophie, welche die wechselseitige Abhängigkeit zwischen den Individuen und eine engere Beziehung zur Natur betonen. Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit ebenso sehr darauf, wie sämtliche Akteure zusammenwirken, wie auf das, was wir erreichen wollen. Aristoteles verband das Telos (Ziel) mit der Polis (dem Ort der politischen Partizipation). Um die heutigen existenziellen Herausforderungen zu bewältigen, müssen wir ihm darin folgen. Die wirtschaftlichen Beziehungen, die es uns ermöglichen, im Dienst des Gemeinwohls zu kooperieren, müssen mit Vorbedacht verbessert werden. Wie in einem Orchester, in dem die Art des Zusammenspiels ebenso wichtig ist wie die aufgeführte Musik, sind unsere Volkswirtschaften nicht nur nach dem zu beurteilen, was sie produzieren, sondern auch danach, wie verschiedene Beteiligte zusammenarbeiten und wie ihr Beitrag dabei bewertet wird.

Hier können wir auch von Biologen lernen: Deutlich tiefgehender als Ökonomen befassen sie sich mit Ökosystemen und der Art, wie verschiedene Organismen zusammenwirken. Das Gemeinwohl hängt von Partnerschaften und Beziehungen ab, aus denen sich ein symbiotisch und mutualistisch funktionierendes Ökosystem der Akteure ergibt, und eben nicht von den parasitären und wertabschöpfenden Dynamiken, die heute so sehr vorherrschen.

Der Aufbau des Buches

Dieses Buch untergliedert sich in drei Teile: Teil I befasst sich mit der Theorie, Teil II mit der Praxis und Teil III mit den Orten, an denen Akteure sich begegnen und Beziehungen zueinander aufbauen.

Teil I erkundet zunächst die umfassenderen Auffassungen vom Gemeinwohl, gestützt auf Erkenntnisse aus der Philosophie, der Biologie und aus indigenem Wissen. Im Kern geht es um die verschiedenen Perspektiven auf die Art, wie Akteure in einem Beziehungssystem zusammenwirken, um gemeinsam Ziele anzustreben. Anschließend setzt sich dieser Teil damit auseinander, wie der Begriff des »Wohls« in der Wirtschaftstheorie eine Verengung erfuhr, und mit der Frage, was wir von den überlieferten Anschauungen zum Gemeinwohl aus anderen Gebieten lernen können. Dies ermöglicht ein neues Nachdenken darüber, wie sich Beziehungen und Strukturen gestalten lassen, um das kollektive Handeln ins Zentrum zu stellen. Der Abschnitt schließt mit den wichtigen Elementen, denen ein Kompass des Gemeinwohls gehorchen muss: Marktgestaltung, symbiotische Ökosysteme und kollektive Wertschöpfung. Diese dienen dazu, die Führung und Koordination sämtlicher Akteure in der Wirtschaft und ihre Verhältnisse zueinander zu überdenken: im Staat, in der Geschäftswelt, im Finanzwesen und in der Arbeitswelt.

Teil II verarbeitet die theoretischen Erkenntnisse aus Teil I, um einen »Kompass des Gemeinwohls« zu erstellen, einen Leitfaden für Wirtschaftsakteure, um im Dienst des Gemeinwohls zusammenzuarbeiten, mit einem Konzept zur Rechenschaftspflicht, damit einem »Gemeinwohl-Washing« möglichst vorgebeugt wird. Der Kompass befasst sich sowohl mit der Festlegung kollektiver Ziele (das Was) als auch mit den Mitteln, um diese zu erreichen (das Wie). Seine fünf Elemente zielen vor allem darauf ab, Richtung zu geben und dafür zu sorgen, dass der gesamte Ablauf durch Mitgestaltung, Wissensaustausch, die Aufteilung des Nutzens und Transparenz gekennzeichnet ist.

Der Rest von Teil II erkundet diese fünf Elemente anhand von Beispielen aus aller Welt, wo Keime des Gemeinwohls bereits Wurzeln geschlagen haben – so mit Kooperationen bei Innovationen im Gesundheitswesen, die darauf angelegt sind, Wissen und Gewinne zu teilen, oder in Camden und Barbados mit echter Bürgerbeteiligung, bei der vor Ort Ziele festgelegt wurden. Diese Keime machen Hoffnung, erteilen wertvolle Lehren und strafen die Vorstellung Lügen, wonach es hier um Utopien gehe. Aber ohne einen ganzheitlichen theoretischen Rahmen für das Gemeinwohl erreichen derlei Bemühungen nicht die notwendige Größenordnung und bleiben in einem umfassenderen System, das nach wie vor durch reaktive Maßnahmen und extraktive Dynamiken geprägt ist, nur vereinzelte Beispiele für Fortschritt.

Der Kompass liefert ein verbindlicheres und praktisches Konzept, um das Gemeinwohl voranzubringen. Er kann dabei mithelfen, dass diese Initiativen Schule machen und eine Reichweite gewinnen, in der sie die Beziehungen systematischer strukturieren: um das Gemeinwohl von der Peripherie ins Zentrum der Art zu rücken, wie wir unsere Volkswirtschaften organisieren. Jedes Kapitel erörtert eingehend ein Element dieses Kompasses, aber das Zusammenspiel aller fünf zählt dabei am meisten. Eines zu vernachlässigen macht das Rahmenkonzept offen für eine Vereinnahmung durch Einzelinteressen, mit dem »Gemeinwohl-Washing« als Ergebnis: Akteure im öffentlichen oder im privaten Sektor behaupten, sie dienten dem Wohl aller, dem öffentlichen Interesse oder einem vage formulierten »höheren Ziel«, auch wenn sie in Wahrheit nichts davon erreichen.

In Teil III richtet sich der Blick weg von politischen Maßnahmen und Handlungen auf konkrete, lokale wie globale Räume. Sie sind der Ort, an dem Beziehungen entstehen. Ein Raum, der darauf zugeschnitten ist, echte Partizipation zu fördern, kann dazu beitragen, dass sich Menschen wertgeschätzt und als Teil einer Gemeinschaft fühlen, und sie so zum Erfolg befähigen. Solche Orte – zum Beispiel Jugendzentren, öffentliche Bibliotheken und Gemeindeorganisationen – dürfen nicht als »Extras« gelten, bei denen gespart werden muss, sondern als zentral für unser Vermögen, Beziehungen hochzuhalten und eine Gemeinschaft zu bilden.

Die in lokalen Räumen gesammelten Erfahrungen können helfen, die globalen Räume auszugestalten, in denen Ländervertreter gemeinsame Probleme diskutieren – seien es die des Weltfinanzsystems oder von »Bereitschaftsplanungen« für eine Pandemie. Wenn manche Staaten an solchen Orten – wie derzeit der Fall – ein größeres Stimmgewicht als andere haben, sind Vertrauen und Zusammenarbeit nur schwer aufzubauen. Dies führt im Ergebnis zu nationalistischen politischen Strategien, die angeblich ein »Wohl« ins Zentrum stellen, aber weder auf globaler Solidarität beruhen noch die Lehren aus Erfahrungen überall in der Welt einbeziehen. Und sie vergrößern nur Ungleichheiten, verschärfen geopolitische Spannungen und erschweren es, kollektive Lösungen für gemeinsame Probleme zu finden.

Die Botschaft dieses Buchs ist eine der Hoffnung: Unsere Beziehungen lassen sich durchaus so strukturieren, dass wir das Gemeinwohl kollektiv verfolgen können. Aber gemeinsames Handeln stellt sich nicht von selbst ein – es muss in die Struktur des Systems eingebaut werden. Die Aufgabe mag beängstigend klingen. In weiten Teilen der Welt herrscht eine Stimmung vor, die bestenfalls verhalten und schlimmstenfalls als pessimistisch zu bezeichnen ist. Ein System, das auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist und es praktiziert, mag als in weiter Ferne liegend oder sogar unerreichbar erscheinen. Gerade dies macht Anstrengungen wichtig. Gemeinsam können wir unser Wirtschaftssystem radikal so umgestalten, dass es den Prinzipien des Gemeinwohls gehorcht. Anders als oftmals behauptet, stellt dies keinen Zielkonflikt mit dem Wirtschaftswachstum dar. Da Letzteres von öffentlichen und privaten Investitionen abhängt, müssen wir diese dorthin lenken, wo sie die Probleme lösen. So erreichen wir ein »gerichtetes« Wachstum, das Ziele wie die um den Klimaschutz ansteuert, und stellen zugleich auch sicher, dass die Abläufe auf dem Weg dorthin mehr Inklusion und Gleichheit für alle bringen.

Dieses Buch richtet sich an all jene, die an den Aufbau einer nachhaltigeren Welt glauben: an staatliche Akteure, Unternehmensführer, Pädagogen, Aktivisten und Normalbürger gleichermaßen. Ohne soziale Bewegungen, die für Gerechtigkeit und Gleichheit eintraten, würden heute noch Kinder in Fabriken schuften, und hätten Frauen kein Wahlrecht. Aber Fortschritt stützt sich nicht allein auf Aktivismus. Gleichstellung muss letztlich in der Art verankert sein, wie unsere Systeme im Kern funktionieren: wie Regierungen regieren, wie Unternehmen Gewinne machen und wie Partnerschaften strukturiert sind. Als Mutter von vier Kindern im Jugendalter schreibe ich auch für junge Menschen, die das »Blabla« der vorangegangenen Zeiten satthaben: Während über missionsorientierte Politik oder Unternehmensziele viel geredet wurde, heizt sich die Erdatmosphäre immer weiter auf, und eine wachsende Ungleichheit verschärft weltweit die Spannungen. Mit Recht verlangen sie angesichts der drängendsten Herausforderungen unserer Zeit sofortiges Handeln. Um ihrer Forderung nachzukommen, müssen wir unsere Volkswirtschaften um das Gemeinwohl herum strukturieren. Wir haben keine Zeit zu verlieren.

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Die Autorin im Portrait

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Die italienisch-US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato forscht vor allem zu der Frage, wie Innovation entsteht und welche Akteure daran in welcher Form beteiligt sind.

Pressestimmen zum Buch

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Mariana Mazzucato wurde für ihre Schaffen vielfach ausgezeichnet. An dieser Stelle finden Sie eine Auswahl an positiven Pressestimmen.

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"Mariana Mazzucato, die Lieblingsökonomin von Robert Habeck, ist überzeugt: Klimaschutz ohne Wachstum wird nicht funktionieren. Sie erklärt, wie Innovation gelingt." - Mariana Mazzucato 2024 im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

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