„Zivile“ Atomkraft im Krieg

Nuklearwaffen Im Frühjahr 2022 überfiel Russland die Ukraine. Schnell stand der Einsatz von Atomwaffen im Raum. Und auch einige ukrainische Atomreaktoren wurden zu Kampfzonen, dieses Schreckensszenario zum ersten Mal in der Geschichte Realität
Ein Sanitäter des ukrainischen Katastrophenschutzministeriums nimmt am 17. August 2022 an einer Übung für den Fall eines möglichen nuklearen Zwischenfalls im Atomkraftwerk Saporischschja teil
Ein Sanitäter des ukrainischen Katastrophenschutzministeriums nimmt am 17. August 2022 an einer Übung für den Fall eines möglichen nuklearen Zwischenfalls im Atomkraftwerk Saporischschja teil

Foto: DIMITAR DILKOFF/AFP via Getty Images

Während so im Sommer 2022 um die Nuklearanlagen von Saporischschja die Granaten und Raketen einschlugen, zog Bayerns Ministerpräsident gerade mal 2100 Kilometer entfernt gelbe Gummischlappen über die Füße und setzt einen blauen Helm auf den Kopf. Das braucht es offenbar zum Besuch eines deutschen Atommeilers, hier des Kraftwerks Isar2 in Niederbayern. Auf einer Brücke über den im Abklingbecken ruhenden Brennelementen zelebriert Markus Söder mit seinem genauso kostümierten CDU-Pendant Friedrich Merz das letzte Aufbäumen für den Ausstieg aus dem »Atomausstieg«: »Technisch, personell und rechtlich« sei das möglich, die deutschen Atommeiler weiter zu nutzen, wissen die zwei Experten. Und tags darauf sekundiert die »Frankfurter Allgemeine«: »Es ist nie zu spät für Isar2.«

Deutschlands Atomlobby trommelt auf allen Kanälen, monatelang. Der Krieg ist ihre Chance, so sehen sie es offenkundig. Und sie wollen es tatsächlich tun, die Büchse der Pandora öffnen: Den Ausstieg aus dem seit einem Jahrzehnt beschlossenen Atomausstieg. In herzlichem Einverständnis mit Deutschlands Medien werden im Hitzesommer 2022 Ängste angeheizt – ausgerechnet von jenen, die über Jahrzehnte gar nicht genug von russischem Gas, Öl und Uran bekommen konnten und alles taten, dass die heimischen Produzent*innen erneuerbarer Energien bloß nicht zu erfolgreich werden. Einer reitet die Welle besonders enthusiastisch: Der Mann mit dem blauen Helm in Isar2, jener frühere Bayerische Staatsminister für Bundes- und Europaangelegenheiten, des weiteren Bayerische Staatsminister für Umwelt und Gesundheit, ferner Bayerische Staatsminister der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat und heutige Ministerpräsident des Freistaates.

Bei diesem Markus Thomas Theodor Söder lohnt es sich, kurz zurückzuspulen, nach 2011. Damals, nach der Havarie des Atomkraftwerks in Fernost, zog er sich auch sogleich um – statt gelber Latschen legte er seinerzeit eine grüne Krawatte an, wochenlang. »Söder gibt sich seit dem Reaktorunfall von Fukushima grün bis zum Hals. Jeder soll wissen, wo Söder neuerdings steht«, beobachtete die »Süddeutsche Zeitung«.

Dieser grüne Söder, der bis dato so gern ganze Wälder abholzen ließ und dabei von der »Bewahrung der Schöpfung« sprach, hatte eine Dekade zuvor gefordert, Deutschland müsse aus der Atomenergie aussteigen: »Japan ändert alles!«, donnerte er. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk erklärte Söder, eine Verlängerung der Atomkraftnutzung sei »weder gesellschaftlich, noch energiepolitisch wünschenswert«. So war das damals, 2011.

Wie einst 2011, als er vom Atomlobbyisten zum Atomgegner mutierte, vollführte Herr Söder auch 2022 eine entschlossene Wende: Gegen die Atommeiler und ihren Weiterbetrieb gebe es gar keine Argumente – »außer rein ideologische Basta-Argumente«. Und Vorschläge, einem prognostizierten Energiemangel mittels Verzicht zu begegnen – durch Fahrverbote oder die Absenkung von Temperaturen, sozusagen »kalt duschen«, durch das Ausschalten der Beleuchtung in Amazon-Werkshallen oder an Werbetafeln, durch das Untersagen der Alpenbeschneiung mit Schneekanonen: Nein! Ausgeschlossen! Derlei Energieeinsparung sei »für ein Wirtschaftsland wie uns nicht machbar«.

02.01.2023, 09:10

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